Zimtsternzauber: Tag 1

Hilfe, mein Teenieschwarm ist mein neuer Chef!

Zoe

Was für ein Tag! In meiner persönlichen Skala an echt verkorksten Tagen dieses Jahr – und davon hat es weiß Gott eine Menge gegeben – kommt dieser direkt hinter dem 18. Oktober. Jenem unheilvollen Nachmittag, an dem ich Oliver im Büro mit Theaterkarten überraschen wollte, ihn jedoch zwischen den Beinen seiner hellblonden, aber – sorry – echt hohlen Sekretärin gefunden habe. Um dem Ganzen auch noch die Krone aufzusetzen, hat mich Oliver anschließend aus unserer Wohnung geworfen und ich musste zurück zu meinen Eltern. Zurück in die mütterlichen Arme und in mein Kinderzimmer. Das war der absolute Tiefpunkt in den letzten sechs Jahren!
Augenblicklich schießen mir Tränen in die Augen, die ich verzweifelt weg blinzle. Krönchen richten, weiterkämpfen. Echte Prinzessinnen weinen nicht! Außerdem sehe ich auch so schon vollkommen zerstört aus, da machen es verheulte Augen mit verlaufenem, schwarzen Mascara nicht besser. Mein Magen grummelte laut und stöhnend schließe ich kurz die Lider. Ich hätte nicht auf Tina hören und zuhause bleiben sollen. Aber sie war der Meinung, dass es dringend mal wieder Zeit für einen Mädelsabend sei und so haben wir nacheinander die vier großen „S“ im Leben einer Frau abgearbeitet: Schuhe, Shoppen, Sekt und Schokolade! Wobei der Sekt eine vorrangige Rolle gespielt hat und Schuld an meinen Kopfschmerzen und der miserablen körperlichen Verfassung ist. Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem mein neuer Chef anfängt. Verdammter Mist!
Ich nehme einen Schluck aus meinem Kaffeebecher und hoffe, dass das Koffein innerhalb von Sekunden wahre Wunder bewirkt, als sich die Aufzugstüren auch schon geräuschlos öffnen. Ein letzter Griff an meinen unordentlichen Pferdeschwanz, dann trete ich geduckt auf den Flur, den Blick stur Boden gerichtet … und laufe direkt gegen eine Wand.
Wumms!
Der Aufprall ist so hart, dass ich zurück stolpere und auf meinem Allerwertesten lande. Der Kaffeebecher fliegt spritzend aus meiner Hand und im ersten Moment sehe ich nur Sternchen. Dann hebt sich mein sowieso schon angeknackster Magen und drängt mit aller Macht nach oben. Nur mühsam kann ich ein Würgen unterdrücken, mein Kopf dröhnt, als würde der örtliche Musikzug gerade ein Maikonzert geben, und ein stechender Schmerz schießt mir das Rückgrat hinauf.
Dunkle Schuhe schieben sich in mein Blickfeld, bespritzt mit den letzten Spuren meines Latte macchiatos. Verwirrt hebe ich den Kopf. Mist! Die Wand entpuppt sich als dunkelgrauer Anzug, mit weißen Hemd, das nun ein großer hellbrauner Fleck ziert. Graublaue Augen funkeln auf mich nieder und instinktiv weiche ich ein paar Zentimeter zurück.
»Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen«, murmle ich, während ich wie gebannt in das zornig verzogene Gesicht des Typen vor mir starre. Des unglaublich attraktiven Typens, wie ich am Rande bemerke, der sich in diesem Moment noch ein bisschen weiter zu mir herab beugt.
»Haben Sie keine Augen im Kopf, Sie dämliche Kuh?« Seine dunkle Stimme klingt schneidend und verursacht mir augenblicklich eine Gänsehaut. »Gehen Sie mir aus dem Weg und verschwinden Sie!«
»Aber ich arbeite hier!«, gebe ich prompt zurück und rapple mich gleichzeitig wieder auf. Was fällt dem eigentlich ein? Mir eine Hand zu reichen und auf zu helfen zumindest schon einmal nicht. Was für ein Arschloch!
»Nicht mehr lange!« Er legt seinen Kopf schief und mustert mich von oben bis unten, als ich endlich wieder auf meinen Füßen vor ihm stehe. Unwillkürlich zupfe ich an meinem Pullover, der durch den Sturz ein wenig nach oben gerutscht ist.
Ein schiefes Grinsen schleicht sich in sein Gesicht. »Ich könnte schwören, ich kenne Sie.«
Ganz sicher nicht! Aber dennoch nutze ich die Gelegenheit, ihn ebenfalls genauer zu inspizieren und das Ergebnis versetzt mich auf der Stelle zurück in meine Jugend. Auf den Schulhof, um genau zu sein, zu den 30 Minuten eines jeden Tages, die ich damit verbracht habe Cedrik Baumann anzuschmachten. Den Jungen, der damals schon die coolsten Klamotten trug, der immer das neuste Handy hatte, der der erfolgreichste Fußballer in der Schulmannschaft war, mit dem alle Jungs befreundet sein wollten und in den alle Mädchen verliebt waren. Mich eingeschlossen. Und der mich die ganze Schulzeit über gequält hat. Der mit mir Streiche gespielt hat, für den ich das Opfer aller möglichen Machtspielchen war, und wegen dem ich mehr als einmal heulend nach Hause gerannt bin.
Fünfzehn Jahre später muss ich zu meinem Ärger gestehen, dass die Zeit keinen bierbauchigen, haarlosen Loser aus ihm gemacht hat. Ein Kopf größer als ich, braune Haare, die bereits erwähnten funkelnden graublauen Augen und ein markantes Gesicht mit einem sexy Dreitagebart. Dazu einen trainierten Oberkörper, dessen Muskeln sich deutlich durch das kaffeegetränkte Hemd abzeichnen. Der Kerl ist der pure Sex auf zwei Beinen. Scheiße, die Welt ist doch echt unfair!
»Bist du fertig?«, fragt er mich und erschrocken löse ich meinen Blick von seinen hart definierten Bauchmuskeln. Blitzartig schießt mir die Hitze ins Gesicht, aber er wirkt äußerst amüsiert. Und zufrieden.
»Zora.« Sein Grinsen erreicht Joker-Qualitäten. Mir jedoch zieht es den Boden unter den Füßen weg. Zora. Die rote Zora. So haben sie mich in der Schule immer genannt, wegen meiner leuchtend roten Haare. Oh, wie ich den Namen hasse!
»Cedrik«, erwidere ich äußerst geistreich und unterlasse es, ihn darauf hinzuweisen, dass mein Name immer noch Zoe ist. »Was machst du hier?«
»Ich arbeite ab heute hier. Als neuer Creative Director, bis Brunner aus seiner Kur zurückkommt.«
Kalte Angst kriecht meinen Rücken hinauf, kribbelt im Nacken, und augenblicklich fühle ich mich wieder wie das kleine Mädchen, das jeden Tag vergeblich auf ein Zeichen der Zuneigung von dem umschwärmten Schulstar gehofft hat. Stattdessen bekam ich Zahnpasta an die Spindtür oder Furzkissen auf meinen Klassenstuhl. Er arbeitet hier? Und ich bin ab heute seine verdammte Assistentin?!? Eine Panikattacke beginnt in meinem Bauch zu flattern, kämpft sich meinen Hals hoch und verlässt als hysterisches Kichern meinen Mund. Das kann, nein, das darf einfach nicht wahr sein!
»Bitte?«, krächzte ich, dem Rande der Verzweiflung bedenklich nahe.
Langsam zieht er eine Augenbraue hoch. »Und was machst du hier? Bist du Praktikantin?«
Er wird mir das Leben zur Hölle machen. Er wird mich leiden lassen, wie die gesamte, verdammte Schulzeit hindurch. Und jeden einzelnen beschissenen Tag werde ich mir wünschen, ich hätte das Angebot der Nero Investment Group angenommen und säße jetzt in einem Büro in New York, mit einem anderen Chef, in einem anderen Leben.

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