Zimtsternzauber: Tag 2

Von Vätern und Söhnen

Cedrik

Ein schrilles Klingeln reißt mich aus dem Schlaf. Verwirrt schrecke ich hoch. Das ist eindeutig nicht mein Bett. Fuck, das ist noch nicht einmal meine Wohnung!
Eine warme Hand tastet suchend über die Bettdecke, fährt über meine nackte Brust. Mein Blick wandert nach links. Ein verwuschelter brauner Haarschopf lugt unter der Decke hervor, jedoch habe ich keine Ahnung, zu wem er gehört. Ok, das ist gelogen. Ich erinnere mich, dass ich die Tussi gestern Abend mit Max zusammen in einer Bar kennengelernt habe, kurz bevor dieser entschieden hat, mit der drallen Kellnerin abzuhauen. Aber verdammt – ich habe absolut keine Ahnung, wie sie heißt. Geschweige denn, wo genau ich bin. Eindeutig Zeit den Abflug zu machen!
Mein Handy klingelt erneut. Hektisch greife ich danach, bevor die unbekannt Braunhaarige wach wird.
»Ja?«, flüstere ich, während ich mich vorsichtig unter der Decke herauswinde.
»Cedric!«
Meine Mutter. Scheiße!
»Du hattest versprochen zum Essen vorbeizukommen und jetzt haben wir bereits Viertel nach eins.« Sie klingt vorwurfsvoll.
Das Essen ist heute?
»Mir ist etwas dazwischengekommen. Ich…«, ich werfe einen letzten Blick auf die Frau im Bett, während ich meine Hose schließe und beim Rausgehen mein Hemd vom Boden klaube. »Ich bin unterwegs.«
»Beeil dich! Dein Vater und Johannes sind auch da.«
Ich weiß, was sie mir damit sagen will. Und alleine ihre Worte lassen mich verkrampfen und an meiner Zusage zum Mittagessen zweifeln. Mein Vater und Johannes. Die beiden brauche ich heute so dringend, wie eine weitere Staffel Deutschland sucht den Superstar.
Johannes ist mein überkandidelter, jedoch beschissen erfolgreicher Bruder, der es mit 35 zum Chefarzt der Chirurgie gebracht hat, verheiratet ist und zwei zugegebener Maßen niedliche Kinder hat. Doch in Kombination mit meinem Vater, der mich nie akzeptiert hat, wie ich bin, und dem ich mich immer beweisen musste, ist er mein persönlicher Albtraum.
Fuck, zu viele Gedanken für einen Morgen, ich korrigiere, Mittag, an dem ich noch nicht einmal einen Kaffee hatte.
»Ok, Mama, ich bin gleich da«, antworte ich ihr verspätet und knalle die Haustür hinter mir zu, als könnte sie etwas für den beschissenen Start in diesen Tag.

***

Eine halbe Stunde später stehe ich bei meinen Eltern. Sie wohnen immer noch in dem großen Haus am Stadtrand, in dem ich aufgewachsen bin. Die Inneneinrichtung ist ähnlich klar und zweckmäßig, wie der ganze Stil des Hauses. Es finden sich keine Bilder an den Wänden, keine blumigen Vorhänge oder überflüssige Dekoration. Johannes Frau hat es einmal als kalt und unpersönlich bezeichnet, aber ich mag es. Es ist reduziert auf das Wesentliche, kein Schnickschnack, der ablenkt.
Ich habe es mir gespart zu duschen, Kaugummi und Deo müssen langen. Ein Blick in den Spiegel bestätigt mir aber, dass ich passabel aussehe. Mit einem entwaffnenden Zahnpastalächeln betrete ich das Esszimmer.
»Sorry für die Verspätung, ein Notfall im Büro.« Die Arbeit ist das Einzige, was mein Vater als Ausrede für die Missachtung eines Familienessens akzeptiert. Und da ich das weiß, spiele ich genau diese Karte aus.
»Du hast doch gestern erst dort angefangen? Da gibt es jetzt schon einen Notfall?« Misstrauisch runzelt er die Stirn und sein eindringlicher Blick scannt mich von oben bis unten. Nicht, weil ich samstags arbeite, das ist in unserer Familie normal, sondern, weil ihm die Firma gehört. Er hat die Firma »Baumann Kommunikation« gegründet, die mittlerweile zu den größten PR-Agenturen in Deutschland zählt. Mein Vater ist immer noch Geschäftsführer, und seit gestern hat er mich dort als Creative Director eingesetzt. Doch anscheinend hat er jetzt schon Angst, dass ich den Karren so richtig in den Dreck fahre. Nur deshalb ist er sofort in Alarmbereitschaft.
»Max hat mich gebeten, nochmal über die Quartalszahlen zu schauen, bevor er sie dir präsentiert. Nichts Wildes«, wiegle ich so belanglos ab, wie irgend möglich. Max arbeitet in unserer Finanzabteilung, vor allem aber ist er mein bester Kumpel. Dass Max mir die Zahlen bereits gestern Abend vorgelegt hat und wir diese vor unserem kleinen Exkurs in die Bar längst besprochen hatten, muss mein Vater nicht wissen.
Mein Vater nickt scheinbar zufrieden, dennoch sehe ich an seinem skeptischen Blick, dass er mir kein Wort glaubt. Ein enttäuschter Stich schießt durch meinen Bauch, aber ich setzte mich neben meine Mutter, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Tja, ich bin halt nicht Johannes. Dessen Aussage, hätte er nie infrage gestellt.
Meine Mutter, eine zierliche Frau mit blondem Haar, gibt mir etwas von dem Hirschbraten auf den Teller und ich beginne zu essen. Die anderen sind bereits fertig und nur am Rande bekomme ich mit, wie Johannes etwas über seine letzte Herzoperation erzählt. Er ist kleiner und auch schmaler als ich und hat die blonden Haare unserer Mutter geerbt. Hätten wir nicht dieselben graublauen Augen, würde uns niemand für Brüder halten. Selbst ich kann das ab und zu kaum glauben. Neben ihm sitzt Katja, seine Angetraute und ebenfalls Ärztin wie er. Finn und Ronja höre ich im Nachbarzimmer krakeelen. Die perfekte Familie, ich könnte echt kotzen!
»Cedric«, wendet sich mein Vater in diesem Moment an mich und reißt mich aus meinen Gedanken. »Ich werde am Montagvormittag in deinem Büro vorbeikommen. Wir haben kurzfristig einen neuen Auftrag erhalten, den ich gerne mit dir besprechen würde.«
»Natürlich. Worum geht es?«
»Die Nero Investment Group sucht eine neue Agentur für eine internationale Werbekampagne. Ich habe gestern mit deren Marketingleiter telefoniert. Er will mir die Details am Montag schicken.«
Der Name der Firma sagt mir rein gar nichts, dennoch bin ich mir sicher, dass es sich um einen großen Auftrag handelt – sonst hätte mein Vater ihn nicht beim Familienessen erwähnt.
»Ich möchte, dass du das übernimmst«, ergänzt er nach kurzem Zögern.
Meine Brust schwillt an und ich freue mich ehrlich, dass er mir die Verantwortung für diesen Auftrag übergibt. Auch wenn ich es merkwürdig finde, dass der Auftrag über meinen Vater hereingekommen ist und nicht wie sonst üblich über eine Ausschreibung. Aber ich will nicht ausschließen, dass ich in Brunners Unterlagen etwas übersehen habe, daher erwähne ich meine Bedenken nicht.
»Aber sicher! Ich werde dich nicht enttäuschen«, antworte ich stattdessen nachdrücklich.
Sogar meine Mutter sieht entzückt aus und in ihren Augen funkelt der Stolz. Johannes hingegen wirkt skeptisch. Es ist der erste große Auftrag, den mir mein Vater übergibt, seit… ja, seit ich die Umsetzung des Werbekonzeptes für das Bildungsministerium vor vier Jahren gründlich in den Sand gesetzt habe. Aber damals hatte ich einfach eine ganz beschissene Zeit! Vanessa hatte mich gerade verlassen – und, fuck, mich verlässt man nicht! Max war der Meinung, dass man der Frauenwelt nur so die gerechte Strafe zukommen lassen könnte, indem man einfach wahllos herumvögelt und sich regelmäßig das Hirn wegschießt. Ich schwebte in einer Wolke aus Koks, Alkohol und Tussis dahin und ja, ich habe es so richtig vergeigt. Seitdem hat mich mein Vater an der kurzen Leine gehalten und mir nur noch Aufträge zugeteilt, bei denen es finanziell kein Fiasko gewesen wäre, wenn ich sie nicht zur vollsten Zufriedenheit erfüllt hätte.
»Ich verlasse mich auf dich!«, unterstreicht mein Vater meine Gedanken, die mich hart schlucken lassen.
Ich will es ihm beweisen.
Und damit gibt er mir die Chance.

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