Zimtsternzauber: Tag 3

Du willst kämpfen? Ich bin bereit!

Zoe

Die Kälte prickelt auf meinen Wangen. Der süße Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln liegt in der Luft und augenblicklich überkommt mich ein wohlig, warmes Gefühl. Ich liebe die Adventszeit! Die Lichter, die leckeren Plätzchen, die Weihnachtsfeiern, die Geschenke. Und ja, auch das Gefühl, dass die Welt doch nicht so schlecht ist, wie man manchmal den Anschein bekommen könnte.
»Willst du noch einen?«, brüllt Tina über die wartenden Menschen zu mir herüber und fuchtelt wild in Richtung Glühweinstand.
»Ja, klar, warum nicht!«
Es ist Sonntagnachmittag und Tina und ich gönnen uns unseren ersten – na gut, dritten – Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Aber nach diesem desaströsen Freitag, der mir den ganzen Samstag eine emotionale Achterbahnfahrt beschert hat, hilft heute nur noch eins: Tina und ihre pragmatische Einstellung zu Männern (»Männer sind simpel. Spiele mit ihnen, aber lass sie um Himmels willen nicht zu nahe an dich heran. Und verliebe dich auf gar keinen Fall, das gibt nur Ärger!«). Außerdem ist bald Weihnachten und es gäbe noch kein Problem auf der Welt, das drei Tassen Glühwein nicht gelöst hätten. Außer vielleicht Cedrik Baumann, wie mir meine nervige innere Stimme in diesem Moment zuflüstert.
Fünf Minuten später ist Tina mit zwei dampfenden Tassen zurück an unserem Stehtisch und drückt mir eine davon in die Hand. Die Wärme des Getränks beißt in meine nackten Hände, daher stelle ich es zum Abkühlen auf den Tisch.
»Also, zurück zum Thema«, kommt Tina auf mein eigentliches Anliegen zu sprechen und pustet sich eine Strähne ihres kurzen schwarzen Haares aus dem Gesicht. Ich kenne Tina, seit ich bei Baumann Kommunikation angefangen habe, und innerhalb kürzester Zeit wurden wir unzertrennlich.
»Du willst mir also erzählen, dass der Kerl, in den du die ganze Schulzeit verschossen warst, unser neuer Chef ist?« Tina war am Freitag nicht im Büro, da es ihr nach Donnerstagabend noch schlechter ging als mir. Und sie hat somit Cedriks fulminanten Auftritt verpasst.
»Ja«, gebe ich konsterniert zurück. Ich habe die ganze Nacht von Freitag auf Samstag gehofft, dass es nur ein böser Traum war und ich glücklich und Cedrik-los am nächsten Morgen aufwache – was leider nicht so war.
»Und du sagst, er ist ein Riesenarschloch?« Sie bläst über ihren Glühwein und nippt vorsichtig daran.
Ich nicke heftig und sofort muss ich an Freitag zurückdenken. Nachdem ich ihm meinen Kaffeebecher übergekippt hatte, bin ich zu meinem Arbeitsplatz. Nur um fünf Minuten später einem äußerst amüsierten Cedrik gegenüber zu stehen, der mit schierer Begeisterung festgestellt hat, dass ausgerechnet ich seine neue Assistentin bin. Den Rest des Tages habe ich ihm ein neues Hemd besorgt, seine Termine koordiniert, drei Mal Kaffee gekocht, weil er entweder nicht stark genug, zu kalt oder mit zu viel Milch war, ein Mittagessen vom Steakhouse organisiert und anschließend ernsthaft recherchiert, welche Squashschläger die beste Dynamik haben. Dass ich einen Abschluss in Medienkommunikation habe und nicht, ich betone – NICHT – dafür eingestellt wurde, heraus zu finden, welche Schläger gerade am Markt sind, hat er anscheinend nicht begriffen. Gegen fünf war ich soweit, ihm seinen verdammten Kaffee erneut überzukippen, aber da hat der werte Herr entschieden, dass es Zeit für den Feierabend sei. Zumindest hat er das Büro verlassen, wohin war mir herzlich egal. Hauptsache weg!
»Ja. Er ist besserwisserisch, überheblich, selbstgefällig, hat null Achtung vor dem, was ich arbeite und zur Hölle… er hat mich den ganzen Freitag ‚Zora‘ genannt!« Mein Herzschlag hat sich merklich beschleunigt und vor lauter Aufregung zittert meine Unterlippe.
»Ist er single?« Tina trinkt einen Schluck und wirft mir einen neugierigen Blick zu.
»Was? Keine Ahnung! Aber darum geht es auch überhaupt nicht.«
»Klingt, als wäre er echt heiß!« Ihre grünen Augen bekommen einen verdächtigen Glanz, der mich an ein Raubtier erinnert, das eine Spur gewittert hat. Oh bitte nicht!
»Mmh, ja. Also er ist zumindest nicht hässlich.« Ok, wem will ich hier etwas vormachen? Cedrik ist unverschämt heiß. Vor allem, wenn sich in seine graublauen Augen dieses schelmische Funkeln schleicht und sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln verziehen. Dann bekommt er süße Grübchen und … Scheiße, verdammt!
Ein herzliches Lachen unterbricht meine wirren Gedanken, die ich eindeutig dem Glühwein zuschiebe. Tina stellt ihre Tasse ab und legt den Arm um mich. »Oh, Süße! Du kannst jederzeit gerne zu mir kommen, wenn dir wieder der Kragen platzt. Oder du reden willst. Aus welchem Grund auch immer.« Sie zwinkert mir zu. Wie meint sie das denn jetzt?
Ich antworte mit einem entrüsteten Schnauben. Es wird eindeutig Zeit, dass wir das Cedrik-Gespräch beenden.
»Gibt es etwas Neues von deiner Nachbarwohnung? Ich muss dringend bei meinen Eltern raus!«, frage ich daher und lenke unsere Unterhaltung in eine andere Richtung.
Tina nimmt ihren Arm von mir und trinkt stattdessen noch einen Schluck aus ihrer Tasse. »Nein, leider nicht. Wir haben aber morgen Abend Eigentümerversammlung, da frage ich noch einmal nach.«
»Das wäre lieb, danke!«
Es sind jetzt sechs Wochen und vier Tage, dass mich Oliver aus unserer gemeinsamen Wohnung geworfen hat. Sechs lange Wochen, in denen ich keinen einzigen Tag nicht an ihn gedacht habe. Meine anfängliche Wut ist einer verzweifelten Trauer gewichen und in ganz schwachen Momenten denke ich sogar darüber nach, noch einmal mit ihm zu sprechen. Ja, er hat mich betrogen. Und aus der Wohnung geworfen. Aber immerhin waren wir sechs Jahre zusammen. Das wirft man doch nicht einfach weg, oder?
Stopp! Halt! Rückfall! Ich muss mein Leben in den Griff bekommen, ohne Männer! Und da ist eine eigene Wohnung sicherlich ein guter Anfang.
Beherzt greife ich nach meiner Tasse und nehme einen Schluck des süßen Getränks. Der Glühwein kitzelt in meiner Kehle, während sich die Wärme angenehm in meinem Bauch verteilt. Entspannt lasse ich den Blick über die vorbeiströmenden Menschen schweifen und überrascht zucke ich zusammen. Denn wen entdecke ich zwischen all den in Mützen und Schals verpackten Leuten? Cedrik! Neben ihm eine blonde junge Frau, die sich auffällig eng an seine Seite schmiegt. Gerade öffne ich meinen Mund und will Tina auf ihn hinweisen, als er mich entdeckt. Er kneift die Augen zusammen, grinst und zwinkert mir zu. Ich bin immer noch in Schockstarre, doch sofort packt mich eine unbestimmte Unruhe und ein Kribbeln breitet sich in Windeseile in meinem ganzen Körper aus. Ohne nachzudenken hebe ich meine Tasse und grüße zurück. Er lacht, sagt etwas zu seiner blonden Begleitung und beachtet mich nicht weiter.
»Ist da irgendwer, den du kennst?«, fragt Tina und reckt suchend ihren Kopf.
»Nur ein Nachbar meiner Eltern«, antworte ich etwas verspätet. Cedrik ist weg und ich will nicht mehr über ihn sprechen. Und nicht darüber nachdenken, warum alleine ein Blick von ihm ausreicht, um ein aufgeregtes Kribbeln in mir auszulösen. Das kommt nur vom Glühwein. Ganz sicher!
»Lass uns aufbrechen, langsam wird mir kalt.« Ich stelle meine halbleere Tasse auf den Tisch und schiebe meine Hände stattdessen in die warmen Manteltaschen. »Ich will nochmal bei den anderen Ständen vorbeischauen.«
Tina stimmt mir zu und gemeinsam gehen wir weiter. Lassen den Glühwein hinter uns, der mich heute mehr verwirrt hat, als Klarheit zu schaffen. Kurze Zeit später verabschiede ich Tina und sitze in der Bahn auf dem Weg zu meinen Eltern. Gelangweilt schreibe eine Nachricht an meine Mutter, dass ich zum Abendessen da bin, checke Facebook, als plötzlich eine neue Nachricht eintrifft. Unbekannte Nummer.
Meeting morgen früh um 6 Uhr. Trink nicht zu viel! Nicht, dass du wieder so scheiße aussiehst wie am Freitag. Cedrik
Was?
Ich lese sie noch einmal. Und noch einmal. Dann lasse das Handy in meinen Schoß sinken, nur um es nach zwei Sekunden wieder hochzureißen und die Nachricht noch einmal zu lesen. Und dann breitet sich ein völlig anderes Gefühl in mir aus, das nicht mehr das geringste mit einem aufgeregten Kribbeln zu tun hat.
Ich bin wütend!
Stinkwütend!
Was fällt dem Arsch eigentlich ein? Und woher zur Hölle hat er meine Nummer?
Zornig balle ich meine Hände zu Fäusten und beiße so fest die Zähne zusammen, dass es knirscht. Ok, wenn er sich auf dieses Niveau herablassen will, meinetwegen. Er will kämpfen? Dann wird er mich kennenlernen!

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