Zimtsternzauber: Tag 4

Unterschätze niemals eine Frau!

Cedrik

»In drei Wochen ist es wieder soweit! Und um uns alle auf die Weihnachtszeit einzustimmen, spiele ich euch jetzt … «
6:15 Uhr. Fuck!
Energisch schlage ich auf den dudelnden Radiowecker und würge die ersten Klänge von Wham! – Last Christmas geräuschvoll ab. Ich hasse Weihnachten! Diese gefühlsduselige Zeit, in der jeder meint, besonders liebevoll und herzlich sein zu müssen, und in der doch alle nur dauergestresst sind. Drei Wochen voll nerviger Weihnachtsessen, Geschenkemarathons und Nikoläuse, die für gewöhnlich immer in einem desaströsen Heiligen Abend gipfeln, an dem ich zu spät komme, zu früh gehe und grundsätzlich die falschen oder gar keine Geschenke habe. Mein Vater macht jedes Jahr aufs Neue deutlich, auf wen er stolz ist, und wer in seinen Augen mehr leisten muss, während sich meine Mutter schützend vor mich wirft. Und ich bin jedes Jahr einfach nur froh, wenn diese verdammte Zeit wieder rum ist. Ätzend!
Schlecht gelaunt steige ich aus meinem Bett und verschwinde im Bad, um in Rekordzeit zu duschen, mich anzuziehen, einen Kaffee zu trinken und in meinen schwarzen BMW zu springen. Während AC/DC aus dem Autoradio dröhnt, fällt mir die Nachricht an Zoe wieder ein. Augenblicklich bessert sich meine Laune und ich greife schmunzelnd nach meinem Handy. Immer noch nichts. Mh.
Natürlich habe ich Zoe wiedererkannt. Und es überrascht mich nicht, dass auch sie sofort wusste, wer ich bin. Hey, immerhin haben wir neun Schuljahre zusammen in einer Klasse verbracht. Neun Jahre, in denen sie mich angehimmelt hat, als wäre ich der Star ihrer persönlichen Bravo-Foto-Lovestory, und ich jede Gelegenheit nutze, sie zu foppen. Aber, sie bot auch einfach so viele Möglichkeiten mit ihren alternativen Klamotten, dem knallroten Kraushaar und dem immer irgendwie merkwürdigen Verhalten. Zoe war anders als wir, gehörte nicht richtig dazu. Und da ich jemand war, nach dessen Pfeife alle tanzten, war sie ein willkommenes Opfer. Selbstverständlich wusste ich, dass sie auf mich stand. Nur deshalb hat sie mich trotz meiner Streiche die Hausaufgaben abschreiben lassen oder mir ihre Referate in letzter Minute abgetreten. Und für einen tiefen Blick hat sie sogar Zigaretten vom Kiosk gegenüber besorgt, obwohl das Verlassen des Schulgeländes strengstens verboten war. Ich habe es damals schon ausgenutzt, dass sie in mich verknallt war, und irgendetwas sagt mir, dass es heute nicht anders ist. Wer also wäre ich, wenn ich mir Zoes Gefühle nicht zu Nutzen mache?
Schadenfreude packt mich und gleichzeitig nistet sich eine Idee in meinem Kopf ein. Zoe ist nie und nimmer pünktlich im Büro, daher bleibt mir Zeit einen weiteren kleinen Streich vorzubereiten. Denn welcher normale Mensch hat denn bitte Montagsmorgens um sechs Uhr ein Meeting?
Zügig biege ich in die Tiefgarage unter unserem Bürogebäude ein, öffne das Schiebetor mithilfe einer Chipkarte und springe aus dem Wagen. Ob sie durchdreht, wenn ich ihren Bürostuhl mit Wasser tränke, damit sie einen nassen Hintern bekommt? Oder doch besser die Nummer mit den vertauschten Steckern? Aber als ich aus dem Fahrstuhl trete, blenden mich die Lichter des hell erleuchteten Flurs, und wenn mich nicht alles täuscht, riecht es sogar nach Kaffee.
»Guten Morgen«, flötet mir Zoe entgegen, als ich an ihrem Schreibtisch vorbeikomme.
What the fuck … ?
Überrascht reiße ich die Augen. Ich träume noch, eindeutig! Zoe hat ihre roten Haare zu einem strengen Knoten gesteckt und trägt ein dunkelblaues Kostüm mit Bleistiftrock und High Heels. Ein Outfit, das ihre weiblichen Kurven auf eine äußerst reizvolle Art perfekt betont.
»Guten Morgen«, bringe ich etwa verspätet heraus und hätte mir am liebsten gegen die Stirn gehauen, damit mein Blut zurück in mein Gehirn wandert. Denn was mein Schwanz augenblicklich registriert: Zoe sieht heiß aus! Scheiße, ist das dieselbe Person, die ich gestern auf dem Weihnachtsmarkt gesehen habe? Dieselbe rote Zora aus meiner Schulzeit?
Ihr Blick verändert sich, während ich sie immer noch wie der letzte Trottel anstarre. Aus ihren unglaublich grünen Augen blitzt mir jetzt ein zufriedenes Funkeln entgegen.
»Ich habe den Termin mit Herrn Baumann auf neun Uhr verlegt, da du dich verspätet hast. Außerdem habe ich mir erlaubt, deine E-Mails zu checken und zu sortieren. Die geforderte Übersicht zu den letzten Social Media Analysen der Nero Investment Group samt einer Zusammenfassung liegen auf deinem Schreibtisch, Frau Dicks kommt wegen der Zahlen gegen acht und dein neuer Computer ist bereits eingebaut. Zudem habe ich Kaffee gekocht und dir eine Tasse auf deinen Tisch gestellt. Heiß und mit einem Schuss Milch, wie du ihn am liebsten trinkst.«
Hätte mich alleine ihr Aufzug nicht stutzig gemacht, spätestens jetzt wäre ich skeptisch. Denn Zoe strahlt mich immer noch an, als warte sie nur darauf, eine weitere Anweisung erfüllen zu dürfen. Doch eines hat mich meine Erfahrung mit Frauen gelehrt: Glaube niemals, dass sie dir einfach so aus der Hand fressen. Hier stinkt etwas zum Himmel!
»Ist alles in Ordnung?« Mein Misstrauen ist geweckt.
»Aber natürlich! Warum auch nicht?« Weil du vermutlich schon über eine Stunde hier bist und mich am liebsten umbringen würdest, beantworte ich ihre rhetorische Frage. Sage jedoch etwas völlig anderes. So leicht lasse auch ich mich nicht aus dem Konzept bringen.
»Nur so. Dann sag Bescheid, wenn sich mein Vater ankündigt.«
In ihrem Gesicht zuckt etwas auf und kurz meine ich, Überraschung wahrzunehmen. Aber bevor ich mich weiter damit befasse, lasse ich sie stehen und schließe die Bürotür hinter mir. Ich habe zu tun, bevor mein Vater hier auftaucht.

***

Zwei Stunden später klopft Zoe an meine Tür und streckt ihren Kopf herein. »Herr Baumann ist hier.«
Ich reiße meinen Blick von den Analysen auf dem Bildschirm los und erhebe mich. Von all den Zahlen schwirrt mir ein wenig der Kopf, und mir ist flau im Magen, aber zumindest fühle ich mich jetzt angemessen vorbereitet.
»Danke, Zoe. Lass ihn doch bitte herein.«
Eine Sekunde später betritt mein Vater mein Büro, nickt mir zu und greift sich unaufgefordert einen Stuhl am Besprechungstisch. Kein Lächeln, kein Hallo. Er trägt einen dunklen, maßgeschneiderten Anzug, die blonden Haare ordentlich frisiert, in der Hand eine Tasche. Dennoch bemerke ich den gestressten Ausdruck in seinem Gesicht, den leicht verkniffenen Mund und den etwas zu hektischen Griff nach einem Stuhl.
»Lass uns direkt beginnen, wir haben keine Zeit zu verlieren«, eröffnet er das Gespräch, bevor ich überhaupt etwas sagen kann.
»Dir auch einen guten Morgen, Vater.« Betont gelassen nehme ich ebenfalls am Besprechungstisch Platz, bevor ich einen Blick zu Zoe werfe. »Kannst du uns bitte noch zwei Kaffee bringen?«
Sie lächelt unterwürfig. »Natürlich.«
»Ich habe gestern bereits mit dem Marketingleiter der Nero Investment Group telefoniert«, setzt mein Vater fort, sobald Zoe die Tür hinter sich geschlossen hat. »Wir müssen am Freitag bereits ein erstes Konzept vorstellen.«
Ich schweige und versuche mir nichts anmerken zu lassen. Aber ein Muskel an meiner rechten Wange zuckt verdächtig, weil ich meine ganze Selbstbeherrschung aufwenden muss, um meinem Vater nicht ins Gesicht zu brüllen. Denn zwei Sachen ärgern mich maßlos.
Erstens: Eigentlich hätte ich mit der Nero Investment Group telefonieren müssen, spätestens nachdem er mir die Verantwortung übertragen hat. Immerhin bin ich hier der Chef und werde den Auftrag ausführen. Dass er mir mit dem Telefonat vorgegriffen hat, zeigt mir wieder einmal, dass er mir immer noch nicht hundertprozentig vertraut.
Und zweitens: Freitag? Ist der wahnsinnig geworden? Das sind nur vier beschissene Tage?
»Ist das ein Problem?« Mein Vater hebt fragend eine Augenbraue.
»Nein, natürlich nicht. Du kennst mich doch, ich liebe Herausforderungen.« Sein spöttischer Blick sagt mir, dass er genau weiß, wie viel Schiss ich habe. Dennoch stachelt er damit meinen Ehrgeiz weiter an. Ich werde es ihm zeigen. Ein für alle Mal.
»Ich verlasse mich auf dich, Cedrik.«
Ich nicke nur, weil sich mein Magen in diesem Moment schmerzhaft verkrampft und eine Welle der Übelkeit meine Speiseröhre hinaufschickt. Verdammt, was ist denn jetzt los? Ich habe gestern nichts getrunken, das einen ausgewachsenen Kater rechtfertigen würde.
Die Bürotür öffnet sich und Zoe kommt mit zwei Tassen Kaffees herein.
»Möchten Sie Milch und Zucker«, fragt sie meinen Vater höflich, der sie in diesem Moment das erste Mal bewusst wahrnimmt. Zumindest mustert er sie von oben bis unten. Mich überrascht nicht, dass mein Vater sie nicht erkannt hat. Das Fußvolk hat ihn noch nie interessiert.
»Ja, danke!«
Meine Magen krampft erneut und instinktiv lege ich eine Hand auf meinen Bauch. Dann schlucke ich, und schlucke, während meine Speiseröhre zu brennen beginnt. Übelkeit kriecht in jede Ritze meines Körpers und schwarze Flecken schleichen sich in mein Sichtfeld.
»Entschuldige mich einen Moment, Vater!«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und springe auf. Ich werfe Zoe fast um, als ich an ihr vorbeistürme, direkt auf die Toilette, wo ich mich dermaßen heftig erbreche, dass ich nur noch Sternchen sehe. Als mein Magen endgültig leer ist, fühle ich mich endlich besser. Scheiße, so schlecht ging es mir nicht einmal letztes Silvester und das war richtig übel!
Ich bin kalkweiß und meine Hand zittert leicht, als ich mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritze. Die Pizza gestern Abend kann es nicht gewesen sein, aber was dann? Habe ich mir irgendetwas eingefangen? Ich muss meine Mutter anrufen, sie soll sicherheitshalber einer Hühnerbrühe kochen.
Mit weichen Knien gehe ich zurück in mein Büro, wo mein Vater hoffentlich noch auf mich wartet. Das war ja ein großartiger Eindruck, den ich hinterlassen habe.
Zoe sitzt auf ihrem Platz, schaut konzentriert auf ihren Bildschirm und tippt gleichzeitig auf ihrer Tastatur herum. Sie wirft mir einen fragenden Blick zu, aber ich schüttle schnell den Kopf. Ich brauche jetzt keine Mitleidsbekundungen von ihr, ich fühle mich auch so schon scheiße genug.
Ich habe den Türgriff zu meinem Büro schon in der Hand, als mein Blick noch einmal auf Zoe fällt. Ihr zuvorkommendes Verhalten heute Morgen nehme ich ihr nicht ab. Dafür habe ich sie am Freitag zu herablassend behandelt und auch meine Nachricht gestern war alles andere als nett. Warum also tut sie heute so, als wäre ich ihr absoluter Traumchef? Als wäre nie etwas zwischen uns vorgefallen?
Mein Blick wandert über sie hinweg, über ihren Schreibtisch und wird plötzlich von dem Mülleimer neben ihren Beinen magisch angezogen. Zwischen zerrissenen Ausdrucken und alten Briefen ragt die Spitze einer Milchtüte hervor.
Mit einem Satz bin ich bei ihr, reiße die Tüte aus dem Mülleimer und halte sie ihr ungläubig vor die Nase. »Kannst du mir mal verraten, was das ist?«
»Milch?« Sie lächelt mich unschuldig an, aber ihre Mundwinkel zucken verdächtigen. Sie weiß genau, worauf ich hinauswill. Oh diese verdammte Schlampe! Ich werde ihr die Hölle heiß machen!
»Das ist Sojamilch!«
»Ja. Die vertrage ich einfach besser, als Kuhmilch«, entgegnet sie ungerührt.
Ich muss mich sehr beherrschen, dass ich sie nicht anschreie. Aber im Büro nebenan sitzt immer noch mein Vater und wartet auf mich.
»Hast du mir die heute Morgen in meinen Kaffee getan? Obwohl du sehr genau weißt, dass ich gegen Soja allergisch bin?«
Ich hatte auf der Klassenfahrt in der 10. Klasse einen anaphylaktischen Schock, nachdem dieses dämliche Öko-Landheim veganen Pudding serviert hat. Ich wurde mit dem Krankenwagen abgeholt und lag fünf lange Tage im Krankenhaus, bis meine Mutter zu hundert Prozent sicher war, dass ich mich erholt hatte. Und zur Hölle, dieses rothaarige Biest vor mir, kann das nicht vergessen haben.
»Das würde ich doch nie tun.« Schockiert legt sich Zoe ihre Hand auf die Brust. Allerdings grinst sie mich dabei so breit an, dass sie noch nicht einmal versucht, ihre Lüge zu vertuschen.
»Das wirst du bereuen! Ich werde dich leiden lassen, jeden einzelnen Tag«, zische ich sie wütend an, aber sie lacht nur.
»Das habe ich die ganze Schulzeit hindurch, Cedrik! Jetzt bin ich dran!«

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