Zimtsternzauber: Tag 5

Kaninchen und Wölfe

Zoe

Tina: Du hattest recht, er ist ein Riesenarsch!
Über den Tisch hinweg sehe ich zu Tina und rolle mit den Augen.
Zoe: Habe ich dir ja gleich gesagt!
Unauffällig fliegen meine Finger über die Tastatur.
Tina: Und du bist sicher, dass er der Sohn vom Oberboss ist?
Diesen Schock habe ich immer noch nicht verdaut. Ja klar, ich wusste, dass Cedriks Familie Geld hat. Und dass die Agentur, in der ich seit drei Jahren arbeite, Baumann Kommunikation heißt. Aber wer kann denn ahnen, dass ausgerechnet Cedriks Familie DER Baumann-Clan ist? Es gibt über 23.000 Baumanns in ganz Deutschland, so viel Pech kann man doch gar nicht haben.
Zoe: Leider ja. Cedrik hat es mir gestern gesagt.
Tina: Mist, dann können wir noch nicht einmal gegen ihn rebellieren.
Ich schicke Tina ein wütendes Smiley als Antwort und schließe den Messenger. Nicht dass Cedrik, sollte er zufällig einen Blick auf meinen Bildschirm werfen, noch sieht, dass wir über ihn schreiben.
Es ist Dienstagmittag und wir sitzen seit sechs Stunden in einem Meetingraum gefangen. Es riecht mittlerweile intensiv nach Schweiß und überreizten Nerven. Ich musste schon dreimal Kaffee und Schokolade erneuern, eine Kollegin hat heulend den Raum verlassen und die Stimmung ist kurz vom endgültigen Kollaps. Cedrik geht wie ein ausgehungerter Tiger vor dem Tisch auf und ab, während er verzweifelt versucht, aus den vier Personen um mich herum irgendeine kreative Idee für ein Marketingkonzept für die Nero Investment Group zu quetschen. Ausgerechnet für die Firma, bei ich mich erst vor wenigen Monaten beworben habe. Noch so ein Zufall, der eigentlich keiner sein kann. Vielleicht sollte ich doch anfangen, an das Schicksal zu glauben.
»Ihr habt euch gestern den ganzen Tag mit der Nero Investment Group auseinandergesetzt und alles, was ihr mir vorschlagt, ist ein lila Maskottchen?« Cedrik fährt sich aufgebracht durch die Haare und zerstört endgültig das, was von seiner gewollt lässigen Frisur noch übrig ist. Jetzt sehen seine Haare genauso aus, wie wir uns alle fühlen – im Arsch!
»Das kann nicht euer verdammter Ernst sein! Keiner verlässt den Raum, bis wir nicht einen halbwegs brauchbaren Ansatz haben!« Es fehlt nicht viel, und er brüllt. Dennoch kann man seine Wut deutlich aus seinen Worten hören und tatsächlich kann ich ihn verstehen. Denn was Tim und Nicole bisher präsentiert haben, langt bestens Falls für die örtliche Frittenbude, aber ganz sicher nicht für einen international tätigen Finanzdienstleister.
Tina: Hast du das schon gesehen? Nette Frisur 😉
Gespannt öffne ich den Link, den sie mir eine Sekunde später schickt. Ach du Scheiße! Schockiert unterdrücke ich ein empörtes Keuchen. Der Link führt zu meinem Profil in unserer internen Datenbank, das jetzt ein neues Bild von mir ziert. Ich, mit vermutlich zwölf Jahren, zwei rote Zöpfe, Sommersprossen, Zahnspange. Ich sehe aus wie Pippi Langstrumpf! So ein Arsch! Meine Augen fliegen zu Cedric. Da steckt eindeutig er dahinter. Vermutlich hat er das Bild aus einer unserer Klassenzeitungen kopiert und heute Morgen – wie auch immer – in meinem Profil aktualisiert.
»Wie wäre es mit etwas Überirdischem? Vielleicht der Weltraum als Aufhänger, dass es mit der Group keine Grenzen mehr gibt?« Nicole, kurze braune Haare und ein paar sehr sympathische Kilo zu viel auf den Rippen, beginnt wie wild auf die Tasten ihres Laptops zu hauen. »Ein Stern als Leitmotiv, Sternschnuppen … da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Unendlich… lasst und doch damit etwas machen…«, sie bricht ab, als sie Cedriks Blick bemerkt. Seine graublauen Augen funkeln auf sie nieder, als ob gleich ein Sturm losbrechen würde. Seine Arme sind angespannt und die harten Muskeln treten deutlich unter seiner gebräunten Haut hervor. Da er im Laufe der Diskussion sein Jackett ausgezogen und seine Hemdärmel aufgekrempelten hat, erkenne ich jede einzelne Sehne. Mmh, so muskulös war Oliver nicht.
»Nein.« Seine Stimme ist so leise wie eine fallende Schneeflocke und doch so schneidend klar, dass in Windeseile eine Gänsehaut über meinen gesamten Körper rennt. Obwohl mich Cedrik mit seiner Abfuhr überhaupt nicht meint, muss ich dennoch hart schlucken.
Nicole sinkt auf ihrem Stuhl zusammen, und die ganze Euphorie, die noch vor Sekunden im Raum flackerte, verpufft im Nichts.
»Hast du es notiert, Zora?«, bellt er laut durch den Meetingraum, dass selbst Tim den Kopf einzieht. Und das will schon etwas heißen, Tim ist immerhin 1,90 Meter und nebenberuflicher Hobby-Wrestler.
Kurz zucke ich aufgrund des Namens zusammen, bevor ich Cedrik missbilligend an lächle. »Natürlich, Chef.« Das »Chef« kann ich mir nicht verkneifen, auch wenn mir sonnenklar ist, dass ich ihn damit provoziere. Schnell wende ich mich meinem Laptop zu und notiere ein paar Zeilen, als erneut mein Messenger aufpoppt.
Tina: Er ist fucking hot!
Zoe: Mmh, die Armmuskeln sind echt nicht schlecht.
Tina: Garantiert hat er ein Sixpack.
Zoe: Willst du es herausfinden?
»Ok, nochmal auf Anfang.« Cedrik bleibt stehen und rauft sich erneut die Haare. Ein ganz klein Bisschen tut er mir ja schon leid. Erst die Soja-Vergiftung, die ihn gestern mehrfach auf die Toilette gezwungen hat, dann dieser Auftrag, der so gar nicht laufen will. Aber dann erinnere ich mich wieder an meinen Spitznamen, den er konsequent verwendet, sein überhebliches Herumkommandieren und mein neues Profilfoto im Intranet.
Tina: Wenn er nicht mein Chef wäre, warum nicht? Der erteilt bestimmt auch im Bett Befehle 😉
Hitze überzieht meine Wangen und ohne, dass ich es will, sehe ich Cedrik nackt vor mir. Harte Bauchmuskeln, breite Schultern, dieser intensive Blick aus seinen Sturmaugen. Ein heißes Kribbeln breitet sich in meinem Bauch aus, das geradewegs zwischen meine Beine fährt.
»Zora!« Cedriks Stimme ertönt nah an meinem Ohr. Zu nah, um genau zu sein, denn er steht direkt hinter mir, den Kopf über meine Schulter gebeugt. Verflucht, habe ich etwas verpasst?
»In mein Büro! Sofort!« Er fährt zurück, gibt mir die Möglichkeit wieder zu atmen, nachdem meine Lunge vor lauter Überraschung kurz im Schockzustand war. »Wir machen eine halbe Stunde Pause, danach geht es weiter. Frische Luft wird uns alle etwas … abkühlen.«
Sobald ich aufgestanden bin, drückt sich eine Hand in meinen Rücken und dirigiert mich aus dem Meetingraum in Cedriks Büro. Ich lasse es geschehen, denn meine aufgebrachten Gefühle beschäftigen sich mit zu vielen Dingen gleichzeitig. Da ist diese aufgeregte Angst, was er von Tina und meiner Unterhaltung gelesen hat, die irritierende Frage, was genau er mit mir in seinem Büro will und schließlich die kolossale Verwirrung, warum zur Hölle ich ihn mir nackt vorgestellt habe. Und dann – und dieses Gefühl versuche ich konsequent zu ignorieren – kribbelt seine Berührung in meinem Rücken wie ein aufgeregter Wüstensturm in der Sahara.
Sobald wir in seinem Büro sind, knallt Cedrik die Tür hinter uns zu und baut sich vor mir auf.
»Kannst du mir mal verraten, was das soll? Ist dir nicht klar, wie ernst dieser Auftrag ist? Es geht hier um verdammt viel Geld und nicht darum, wie dominant ich im Bett bin!«
Scheiße, er hat es also gelesen!
Er beugt sich zu mir herunter und unwillkürlich weiche ich zurück, bis ich die Bürotür in meinem Rücken spüre.
»Bist du es denn?«, rutscht es mir heraus, bevor sich mein Verstand endlich wieder einschaltet. Mist! Erst denken, dann reden, Zoe!
Cedrik kommt mir noch näher und stützt sich mit den Händen rechts und links neben meinem Kopf an der Tür ab. Seine Augen spießen mich regelrecht auf und ich starre ihn wie paralysiert an. Unfähig den Blick anzuwenden, wie ein eingekeiltes Kaninchen, das dem bösen Wolf gegenüber steht. Wartend auf den ersten hungrigen Biss.
»Willst du das wirklich wissen?«, knurrt er leise. Sein Atem streift meine Haut und durch meinen Körper schießt ein verlangendes Ziehen. Ich vergesse zu atmen, vergesse, wo wir sind, und starre ihn nur noch an. In seine dunklen Augen, in denen ein Verlangen auflodert, auf das ich so lange gewartet habe. Ob seine Lippen tatsächlich so weich sind, wie ich sie mir immer vorstellt habe? Nichts wollte ich mehr, als einmal von ihm geküsst werden. Sich einmal so zu fühlen, wie Frida, Lisa oder Julia, die ständig an seinen Lippen hingen. Mein Blick rutscht zu seinem Mund und da entdecke ich das verdächtige Zucken.
Cedrik spielt mit mir.
Er weiß genau, was er hier tut und was für eine Wirkung er auf mich hat. Wie ein Eimer kaltes Wasser klatscht diese Erkenntnis über meinem Kopf zusammen und katapultiert mich zurück in sein Büro. Erniedrigung, Scham und unbändige Wut schwappen über mich hinweg und mein Verstand wird mit einem Arschtritt aus den rosa Wolken getreten.
Ich richte mich auf, hebe das Kinn. »Menschen!«
Er kneift die Augen zusammen. »Was?«
Energisch drücke ich ihn von mir – scheiße, seine Bauchmuskeln sind genauso hart, wie sie aussehen – und schaffe etwas Abstand zwischen uns.
»Es geht am Ende immer noch um Menschen. Um ihre Ideen, ihre Projekte, ihre Erfolge, die sie mit dem Geld der Nero Investment Group erzielen. Das könnte der Aufhänger für die Kampagne sein. Mach die Group und ihre Investitionen greifbar, gib ihr ein Gesicht.«
Cedrik starrt mich an, wie vom Donner gerührt, dann legt er den Kopf schief und überlegt. »Das könnte gehen… das ist gut, wir könnten …«
Ich nutze seine Unaufmerksamkeit und verlasse fluchtartig das Büro. Keine Sekunde hätte ich es länger in seiner Nähe ausgehalten, ohne ihm entweder eine zu scheuern, oder mich verzweifelt an ihn zu drängen. Und beides ist keine Option.

Published by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.