Zimtsternzauber: Tag 6

Jäger unter sich

Cedrik

Rote Alufolie, ein weißer Bart, schwarze Stiefel. Der Nikolaus erinnert mich an meine Kindheit, an unbeschwerte Abende mit der Familie, an denen es noch nicht darum ging, wer der erfolgreichere Sohn war. Na gut, genau genommen war Johannes schon immer besser in der Schule gewesen als ich, aber das war mir zu diesem Zeitpunkt egal. Damals zählten nur Fußball, Tobi und die Jungs, und die Streiche, die wir den Mädchen spielten. Ausschreibungen, Finanzabschlüsse oder irgendeine beschissene Marketingkampagne lagen noch in weiter Ferne. Was war das Leben doch einfach!

Ohne zu Klopfen wird meine Bürotür aufgerissen. »Hey Mann, bist du soweit?« Max, über der Schulter eine Sporttasche.
»Gleich.« Ein letzter Blick zu dem Schokoladennikolaus, dann fahre ich meinen Computer herunter. Draußen ist es stockdunkel, dringend Zeit nachhause zu gehen. Oder vielmehr zum Sport, deshalb ist Max hier.
»Von wem ist der denn?« Max lehnt sich an meinen Schreibtisch und greift sich den Nikolaus.
»Keine Ahnung«, gebe ich ehrlich zu. »Ich dachte von dir?«
Anlässlich des Nikolaustages wurden in der Agentur heute anonym Nikoläuse gewichtelt. Und heute Morgen stand einer auf meinem Tisch. Ohne eine Karte oder irgendein Zeichen, wer mir die Schokolade geschenkt hat.
Max lacht herzhaft. »Ich liebe dich, Mann, aber so weit sind wir in unserer Beziehung noch nicht.« Er zwinkert mir anzüglich zu. »Außer du gibst endlich zu, dass du auf mich stehst.«
Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Max sieht mit seinen hellblonden Haaren, den blauen Augen und dem sportlichen Körperbau ohne Frage gut aus. Allerdings stehe ich ausschließlich auf Frauen. »Dafür fehlen dir ein paar entscheidende Argumente.«
Papier raschelt, als Max den Nikolaus auspackt und ohne zu zögern in die Mütze beißt. Gleich darauf hustet er jedoch, würgt, und spuckt die Schokolade in seine Hand.
»Scheiße, was ist das denn? Das brennt ja, wie die Hölle.«
Ah! Jetzt ist mir auch klar, wem ich dieses Präsent zu verdanken habe. Vermutlich dem kleinen Biest vor meiner Bürotür.
»Selbst Schuld, wenn du dich an meinen Sachen vergreifst«, spotte ich, schnappe meine Sporttasche und haue ihm fest auf die Schulter.
Max bedenkt mich mit einem verärgerten Blick, folgt mir jedoch ohne einen Kommentar aus dem Büro.
Zoe sitzt immer noch am Schreibtisch und schaut kurz in unsere Richtung, als wir an ihr vorbeigehen.
»Ich bin weg. Bis Morgen, Zora.« Der Name kommt mir ohne nachzudenken über die Lippen.
»Alles klar, Arschloch!«, ertönt die prompte Antwort.
Ich öffne den Mund, um etwas Passendes zu erwidern, allerdings kommt mir mein Kumpel zuvor.
»Guten Abend.« Max macht einen Schritt auf Zoe zu, streckt ihr die Hand hin. »Ich glaube, wir wurden uns noch nie persönlich vorgestellt. Ich bin Max, der beste Kumpel des Arschlochs.«
Sie reicht ihm die Hand, lächelt ihn an. »Ich bin Zoe.«
»Muss hart sein, für ihn zu arbeiten, oder?«, fragt Max und deutet mit dem Daumen auf mich. Hallo, ich stehe neben euch?
»Oh, ja! Aber wenn man ihn täglich mit einer ordentlichen Dosis Lobhudelei pimpert, ist er eigentlich ganz handzahm.« Mit der Hand streicht sie sich eine rote Locke aus dem Gesicht.
»Können wir dann?«, unterbreche ich die beiden, weil mich die Unterhaltung zu nerven beginnt.
Max schaut grinsend zu mir, schnappt sich dann einen Stift von Zoes Schreibtisch und schreibt etwas auf ein Post-it.
»Hier. Sollte er dir mal wieder auf die Nerven gehen, ruf mich an!«
Zum ersten Mal sieht Zoe zu mir. Kurz blitzt Unsicherheit in ihren Augen auf, die sich im Bruchteil einer Sekunde in einen anzüglichen Augenaufschlag in Richtung Max verwandelt.
»Mache ich, dank dir!«
Wut kocht in mir hoch, auf Max, auf Zoe, auf die ganze Situation, die mich einfach nur ankotzt.
»Raus! Sofort!« Ungehalten stürme ich an Max vorbei in Richtung Fahrstuhl. Was war denn das gerade? Was will Max denn ausgerechnet von Zoe? Sie ist weder sonderlich attraktiv, noch besonders anziehend angezogen, noch passt sie auch nur annähernd in Max‘ Beuteschema. Warum also gräbt er sie schamlos an?
Meine Gefühle fliegen durcheinander, verursachen ein Chaos, das ich nicht verstehe. Hey, es geht hier doch nur um Zoe. Kein wichtiger Auftrag, kein Vater, noch nicht einmal Johannes.
Als mir der erste Ball in der Squashhalle entgegenfliegt, schlage ich ihn so hart, dass er mit voller Wucht zurück an die Wand donnert. Nach nur wenigen Schlägen bin ich klatschnass geschwitzt, meine Muskeln brennen, aber das Chaos jagt immer noch ungefiltert durch meine Adern. Jeder Ball bekommt meine Wut zu spüren, und ich verstehe immer weniger, was mit mir los ist.
»Ist alles ok?« Auch Max hat einen hochroten Kopf und seine blonden Haare kleben feucht an seiner Stirn.
»Klar, warum auch nicht?«
Max hat Zoe seine Nummer gegeben. Mehr nicht. Nur Zoe. Niemand, wegen dem so ein Aufstand gerechtfertigt wäre. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich seit gestern das dumpfe Gefühl habe, in ihrer Schuld zu stehen. Sie hat mit ihrer Idee die Kampagne gerettet, sodass ich am Freitag ein ordentliches Konzept präsentieren kann. Und das nagt ein wenig an meinem Ego.
»Weil du wie bekloppt auf die Bälle einschlägst, als ob sie dir irgendetwas getan hätten.«
»Alles ok!«, gebe ich einsilbig zurück. Vielleicht sollte ich auf Max einprügeln, das würde sicher helfen.
»Kennst du Zoe näher?«, fragt Max, während er einen neuen Ball spielt.
»Wir waren zusammen in der Schule.« Max habe ich erst im Studium kennengelernt.
»Geht da was zwischen euch?«
»Nein.« Beinahe muss ich lachen. Das ist absurd. Wieder ein Ball, wieder ein Schlag. Die Idee Max eine überzuziehen wird immer attraktiver.
»Hättest du was dagegen, wenn ich…«
Augenblicklich lasse ich meinen Schläger sinken, der gelbe Ball dotzt ungebremst auf den Boden und kommt zum Stillstand. »Warum sollte ich etwas dagegen haben, wenn du etwas mit Zoe anfängst?«
Auch Max lässt seinen Schläger sinken und mustert mich abschätzend. »Ich wollte nur sichergehen. Du führst dich nämlich seit einer Stunde auf, als hätte ich in deinem Revier gewildert.«
Meine Wut ist augenblicklich wieder da. Aber weniger auf Max, als auf mich. Und ich verstehe sie immer noch nicht, denn, verdammt nochmal, wir sprechen über Zoe. Über die Rote Zora, die mir zugegebener Maßen mit ihrer brillanten Idee gestern den Arsch gerettet hat. Mit der ich aber ansonsten überhaupt nichts zu tun habe und von der ich ganz sicher nichts will. Mir kann es jedoch vollkommen egal sein, mit wem sie ausgeht. Ich sollte nicht wütend sein, oder verwirrt. Ich sollte gar nichts sein, denn sie ist mir egal.
»Nein, Mann, versuch‘ dein Glück ruhig«, gebe ich schließlich so ruhig wie möglich zurück und mache gedanklich einen Haken hinter das Thema.
»Alles klar.« Max nickt, aber ganz überzeugt wirkt er nicht. Dennoch kommentiert er es nicht weiter, sondern schlägt einen neuen Ball.
Wir spielen noch eine halbe Stunde, bevor wir unser Match beenden. Kurze Zeit später sitzen wir mit Steak und Bier in einer Bar. Max ärgert sich gerade maßlos über irgendeinen Spieler des BVB, während ich ihm nur mit halbem Ohr zuhöre. Stattdessen checke ich mit interessiertem Blick das aktuelle Angebot ab. Mmh, die Schwarzhaarige mit dem kurzen Kleid da vorne ist nicht schlecht. Der sportliche Körperbau verspricht zumindest ein langes Durchhaltevermögen. Kurz blitzt der Gedanke an Zoe wieder auf, meine Wut und meine Verwirrung, und fast muss ich über mich selbst lachen. Mein Verhalten war absolut lächerlich. Ich habe kein Problem damit, wenn Max mit Zoe ausgeht. Es geht mich nichts an. Wir sind unabhängige Menschen, die sich nur zufällig von früher kennen und jetzt miteinander arbeiten. Mehr nicht.

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