Zimtsternzauber: Tag 7

Wahrheiten im Aufzug

Zoe

Der schlimmste Streich, den Cedrik mit jemals spielte, war die Einladung zum Abschlussball. Nicht, dass seine hochwohlgeborene Prinzlichkeit selbst mich eingeladen hätte, nein, dafür war er sich zu schade. Tobi Sandmann fragte mich zwei Wochen vor dem Ball, ob er mich begleiten dürfte. Und naiv und verliebt, wie ich war, habe ich begeistert zugesagt. Ganz in der Annahme, dass Tobi etwas Besonderes in mir sah, dass sicher auch bald sein bester Kumpel Cedrik entdecken würde. Der Abschlussball kam und mit ihm die größte Blamage, die ich in meiner bisherigen Teenagerkarriere durchlebt hatte. Denn entgegen meinen Erwartungen war ich nichts anderes als der Einsatz einer verlorenen Wette. Nach drei Gläsern Punch, den irgendjemand mit Wodka verfeinert hatte, kotzte mir Tobi auf das Kleid, Florian verkündete lautstark, dass die Wette nun bestanden sei, und Cedrik stand am Rand, im Arm Susanne aus der Nachbarklasse, und lachte. Er lachte, bis er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und sie ihn stützen musste.
Von diesem Tag an habe ich ihn gehasst. Und mir geschworen, dass Jungs in meinem Leben nie wieder eine Rolle spielen würden. Dieses Credo habe ich sechs Jahre mehr oder weniger durchgehalten, bis ich Oliver an der Uni kennenlernte. Der Rest ist Geschichte.
Ich weiß nicht genau warum, aber die Erinnerungen an den Abschlussball durchzucken mich, als ich die letzten Meter zum Fahrstuhl hechte. Es ist kurz vor acht Uhr morgens und ich bin spät dran. Die Türen beginnen sich schon zu schließen, als ich zum Sprung ansetze und im letzten Moment meine Hand zwischen die Aufzugstüren schiebe. Gerade noch geschafft!
Erleichtert will ich ausatmen, was in einem genervten Stöhnen endet. Verdammt!
»Guten Morgen«, sage ich stattdessen gepresst und trete bewusst entspannt in den Fahrstuhl. In der Hand einen Kaffeebecher, der den Sprung dank eines Deckels unbeschadet überlebt hat.
Cedrik hebt belustigt eine Augenbraue. »Spät dran, was?
»Nicht später als du.« Ich nippe an meinem Kaffee, drücke die Taste für den siebten Stock und stelle mich ihm gegenüber an die Wand. So weit weg, wie irgendwie möglich, da meine Erinnerungen an den Abschlussball nicht unbedingt dazu beigetragen haben, ihn heute Morgen besonders zu mögen.
Mein Handy vibriert und ich ziehe es aus meiner Jackentasche. Tina, die wissen will, wo ich bleibe. Da ich gleich da bin, antworte ich ihr nicht.
Der Aufzug setzt sich in Bewegung und überrascht stelle ich fest, dass mich Cedrik immer noch mustert. Er hat die Stirn leicht gerunzelt, die Lippen zusammengepresst und wirkt, als würde er über etwas nachdenken. Als er bemerkt, dass ich ihn ebenfalls ansehe, verzieht sich sein Mund zu einem arroganten Grinsen.
»Davon hast du doch immer geträumt, oder? Mit mir einmal allein im Aufzug zu sein.«
Was!?
2. Stock, bald geschafft!
»Äh … nein!«, gebe ich so ironisch wie möglich zurück, obwohl er natürlich verdammt recht hat. Vor 15 Jahren hätte ich vermutlich gemordet, um einmal fünf Minuten mit ihm alleine zu sein. Einfach nur zusammen im selben Raum, dieselbe Luft atmen, seinen unwiderstehlichen Duft inhalieren, sein …
»Lügnerin. Ich weiß, dass du in mich verknallt warst.«
4. Stock.
Mein Körper verkrampft sich bis in den kleinen Fußzeh und gleichzeitig schießt alles Blut in meinen Kopf. Scheiße! Die Tatsache, dass wir zusammen im Aufzug fahren, wirft mich selbst jetzt noch aus der Bahn. Warum muss dieser Kerl auch so unfassbar anziehend sein?
»Hattest du heute Morgen Macho zum Frühstück, oder warum fängst du jetzt damit an?«, kontere ich dennoch ablehnend.
Eine Antwort darauf bleibt er mir schuldig, denn in diesem Moment kommt der Aufzug abrupt zum Stehen. Es quietscht, dann ruckelt es ein wenig, bevor er einen halben Meter nach unten sackt.
Panisch schreie ich auf.
Fuuuuuuuuck!!!!
Die Wucht reißt mir den Kaffee aus der Hand, zwingt mich in die Knie. Im letzten Moment kann ich mich an der Wand abstützen, sonst hätte ich Cedrik zu Füßen gelegen. Mein Herz rast, mein Atem steht kurz vorm Hyperventilieren und kalter Schweiß überzieht augenblicklich meine Haut.
»Fuck, was ist denn jetzt los?«, brüllt Cedrik schockiert.
Wir werden sterben! Ganz sicher. Tod im Fahrstuhl, mit gerade Dreißig Jahren. Mein Atem beschleunigt sich noch einmal, rasselt keuchend aus meiner Kehle. Ich wollte doch noch so viel in meinem Leben erreichen! Heiraten, Kinder, wenigstens ein einziges Mal auf dem Empire State Building stehen. Mit großen Augen starre ich zu Cedrik, der sich ebenso hilflos umsieht, wie ich mich fühle.
Scheiße, scheiße, scheiße!
Mein Blickfeld verengt sich, auf einmal dreht sich alles. »Ich … ich kann nicht mehr …« Meine Knie fühlen sich an wie Wackelpudding, können mich nicht mehr halten. Plötzlich sitze ich auf dem Boden, stütze mich mit meinen Händen ab. Übelkeit lässt mich würgen, ich bekomme keine Luft mehr. Ich werde sterben.
»Zoe!«
Warme Hände berühren meine Wangen, zwingen mich, den Kopf zu heben. Graublaue Augen, in denen ein Sturm tobt.
»Zoe!« Cedriks Stimme klingt dumpf, unendlich weit weg. »Wir sind steckengeblieben. Sie holen uns sicher gleich hier raus. Dir wird nichts passieren.«
Ich verstehe seine Worte nicht, sie dringen nicht zu mir durch. Immer noch fühle ich, wie wir fallen, warte auf den Aufschlag.
Plötzlich trifft etwas Hartes meine Wange, reißt meinen Kopf herum. Ich schreie auf. Meine Gedanken wirbeln durcheinander, lichten sich und endlich bemerke ich, dass sich der Aufzug nicht mehr bewegt.
»Au!« Meine Wange brennt wie Feuer. Blinzelnd drehe ich den Kopf wieder zu Cedrik, der immer noch vor mir kniet.
»Sorry, aber das war die einfachste Lösung. Du standest kurz davor, in Ohnmacht zu fallen.« Er zuckt entschuldigend mit den Schultern, dennoch huscht Erleichterung über seine Züge. »Geht es wieder?«
Hart stoße ich die Luft heraus. Mein Körper fühlt sich matt an, wie nach einer zu langen Joggingrunde, aber ich kann wieder klar denken. »Ja. Danke!«
Langsam atme ich ein und aus, beruhige mein erhitztes Gemüt. Und rieche männlich herbes Aftershave, mit einem Hauch Regen und Freiheit. Cedrik. Sein Kopf schwebt immer noch Millimeter über meinem, so nahe, dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berühren. Mein Hals wird eng und ein aufgeregter Schauer kribbelt über meine Haut. Oh. Mein. Gott!
Etwas Dunkles glimmt in Cedriks Sturmaugen auf. Die Luft zwischen uns lädt sich auf und mein Kopf ist mit einem Schlag wie leergefegt. Nur ein kleines Stück, dann würde ich ihn berühren. Seine Haut auf meiner. Sein Mund auf meinem.
Stopp! Atmen! Reiß dich zusammen, Zoe! Das geht in eine ganz falsche Richtung!
Ruckartig fahre ich zurück, lehne mich mit dem Rücken an die Wand des Fahrstuhls.
Cedrik schaut mich irritiert an. Dann erhebt er sich träge und drückt auf den roten Notfallknopf. Ein Knacken ertönt, aber ansonsten bleibt es still.
»Fuck! Funktioniert denn hier überhaupt nichts mehr?«
Automatisch geht mein Blick nach oben zu der kleinen Deckenlampe, die tapfer weiter brennt. Und so langsam realisiere ich, was tatsächlich passiert ist. Wir stecken mit dem Aufzug irgendwo zwischen dem vierten und fünften Stock fest.
Ein Klingeln dringt an mein Ohr. Mein Handy.
»Geht es dir gut, ist alles ok?« Tinas Stimme schrillt vor lauter Panik.
»Ja, alles ok. Wir stecken im Aufzug fest.«
Ein erleichtertes Ausatmen ist zu hören. »Gott sei Dank! Ich habe mich schon echt Sorgen gemacht!«
»Könnt ihr die Techniker informieren? Der Notfallknopf funktioniert nicht«, frage ich sie, da Cedrik genervt auf den Knopf deutet und hektisch nach oben gestikuliert.
»Haben wir schon. Sie sollten in einer halben Stunde da sein.«
»In einer halben Stunde?« Entgeistert sehe ich zu Cedrik.
Er ist mit einem Schritt bei mir und reißt mir das Handy aus der Hand. »Eine halbe Stunde? Wollt ihr mich verarschen?«, brüllt er ins Telefon. Ich zucke erschrocken zusammen. Na das kann ja was werden.

***

Zwei Stunden später sitzen wir immer noch im Aufzug fest. Cedrik hat fast durchgehend telefoniert, während die Techniker den Fahrstuhl einfach nicht in Gang bringen. Mein Kaffee drückt mittlerweile unangenehm auf meine Blase und meine Angst, wir könnten abstürzen, ist einer nervenden Resignation gewichen. Das einzige, was mich ablenkt, ist mein Handy und Tina.
Tina: Und, knutscht ihr schon?
Ich schaue zu Cedrik, der wie wild auf seinem Smartphone herumtippt. Er hat seinen Mantel ausgezogen und sitzt an der Wand mir gegenüber. Er wirkt genervt und irgendwie müde. Seine Haare stehen wirr von seinem Kopf ab und bei genauerer Betrachtung entdecke ich dunkle Schatten unter seinen Augen.
Zoe: Wie wild! Das Baby benennen wir dann nach dir 😉
»Kann ich dich mal etwas fragen?«
Überrascht sehe ich auf. Cedrik hat sein Handy neben sich gelegt und mustert mich nachdenklich.
»Klar. Ich habe gerade nichts Besseres zu tun.«
Seine Mundwinkel zucken belustigt. »Warum genau bist du noch hier?«
Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. »Weil wir in diesem bescheuerten Fahrstuhl feststecken?«
»Das meine ich nicht. Warum arbeitest du immer noch als Assistentin? Ich habe mir deinen CV angesehen, du könntest eine ganz andere Position haben.«
Ich müsste ihm nicht die Wahrheit sagen. Genau genommen ist Cedrik wirklich die letzte Person auf diesem Planeten, mit dem ich jemals darüber sprechen wollte. Aber wir stecken bereits seit Stunden in diesem Aufzug fest, ich habe Hunger und muss dringend pinkeln, daher purzeln die Worte einfach so aus meinem Mund.
»Wegen Oliver. Meinem … Ex… Freund.« Augenblicklich bildet sich ein Kloß in meinem Hals, und das beschissene Gefühl betrogen worden zu sein, schwappt über mich hinweg. »Wir wollten nächstes Jahr heiraten und die Familienplanung starten. Deshalb bin ich hiergeblieben. Weil es sich nicht mehr gelohnt hätte, woanders einen neuen Job anzufangen.« Zur Hölle, bin ich denn von allen guten Geistern verlassen, ausgerechnet Cedrik davon zu erzählen?
Aber entgegen meiner Befürchtung lacht er nicht. Er sieht mich auch nicht mitleidig an, sondern runzelt nur die Stirn, als würde er nicht verstehen, was ich gesagt habe.
»Das passt überhaupt nicht zu dir.«
Das ist alles. Kein Mitleid, keine Frage, warum Oliver mein Exfreund ist, nur eine einfache Feststellung. Die jedoch mein ganzes Leben in Frage stellt. Und mich irgendwie beleidigt.
»Ach, und warum nicht?«, frage ich daher schärfer, als beabsichtig.
Cedrik fährt sich mit der Hand durch die verstrubbelten Haare und wirkt dadurch nicht nur arrogant, sondern auch richtig selbstgerecht. »Weil du viel zu intelligent und stur bist, um dein Leben einem Mann unterzuordnen«, sagt ausgerechnet der Kerl, der mich mein ganzes Leben lang behandelt hat wie einen Fußabtreter.
»Ich war verdammt glücklich, mit dem, was ich hatte. Mit Oliver und der Hochzeit. Mit der Aussicht auf Kinder.« Dass Cedrik mir gerade ein Kompliment gemacht hat, nehme ich überhaupt nicht wahr. Dafür bin ich plötzlich viel zu wütend. Auf ihn, weil er alte Gefühle aufgewirbelt, aber vor allem auf Oliver, der alles zerstört hat, was wir hatten. Für irgendeine blonde Büroschlampe.
»Aber es hat nicht funktioniert, oder?«
Am liebsten würde ich ihm eine reinhauen, wie er mich so selbstgefällig betrachtet. Als hätte er heute die Weisheit mit dem Löffel gegessen und würde mich und mein Leben tatsächlich kennen.
»Und was tust du hier?«, kontere ich, weil mir meine Intuition sagt, dass ich damit seinen wunden Punkt treffe. »Warum arbeitest du für deinen Vater, ordnest dich ihm unter, anstatt dein eigenes Ding zu machen?«
Zorn flackert in Cedriks Augen auf und einmal mehr erinnern sie mich an ein Herbststurm.
Ein Knacken unterbricht unsere Unterhaltung, lässt uns beide innehalten. Aber es passiert nichts weiter, der Aufzug bewegt sich immer noch nicht.
»Vielleicht solltest du dein eigenes Leben in den Griff bekommen, bevor du meins verurteilst«, sage ich leise, jedoch mit einer ordentlichen Portion Frustration. Denn mir ist trotz meiner Wut durchaus bewusst, dass Cedrik recht hat. Es hat nicht funktioniert, nicht nur, weil Oliver mich betrogen hat. Ich habe mich untergeordnet, habe ihm viel zu viel durchgehen lassen und habe mein ganzes Leben nach ihm ausgerichtet. Was vielleicht nicht nächstes Jahr, aber sicher irgendwann in einem Desaster geendet hätte.
Cedrik schweigt, antwortet mir nicht. Stattdessen greift er nach einer Weile wieder nach seinem Handy und beginnt zu tippen.
Irgendwann knackt es erneut und der Aufzug setzt sich ruckelnd in Bewegung. Als er im siebten Stock ankommt, gleiten die Türen geschmeidig auseinander, als ob nie etwas geschehen wäre. Ein Techniker und Tina warten davor. Der Mann sieht aus, als ob Tina ihn die letzten zwei Stunden so richtig zur Schnecke gemacht hätte, und auf den erhitzten Wangen meiner Freundin erkenne ich immer doch die letzten Spuren einer energischen Diskussion.
Cedrik rappelt sich auf und stürmt ohne ein Wort an mir vorbei.
Ich erhebe mich ebenfalls und fliege in Tinas Arme. Mir ist zum Heulen zumute, warum genau kann ich nicht sagen. Doch ich habe das Gefühl, dass in den letzten zwei Stunden im Aufzug so viel mehr passiert ist, als dass Cedrik und ich einfach nur zusammen stecken geblieben sind.

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