Zimtsternzauber: Tag 8

Angekratzte Egos führen zu überraschenden Vorschlägen

Cedrik

Helle Sonnenstrahlen brechen sich in den unzähligen Glasscheiben des riesigen Bürokomplexes auf der anderen Straßenseite und lassen mich blinzeln. Es ist kalt draußen, daher ziehe ich den Mantel ein wenig enger um mich, als mein Vater und ich das Büro der Nero Investment Group verlassen.
Ich fühle mich gut. Ach was, ich fühle mich phänomenal, brillant und unbesiegbar! Vor allem aber bin ich stolz. Ein Gefühl, das nach der verstörenden Szene im Fahrstuhl gestern so gar nicht in mein Leben passen will. Dennoch reckt sich mein Körper, wird automatisch ein paar Zentimeter größer und ein Siegerlächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.
»Gut gemacht, Cedrik! Ich wusste, dass mehr in der steckt!« Mein Vater klopft mir anerkennend auf die Schulter. Dass er meinen Verdienst mit diesen Worten zu seinem macht, überhöre ich. Dafür fühle ich mich im Moment einfach zu fantastisch.
»Danke, Vater!«
»Ich fahre zurück in mein Büro, wir sehen uns dann am Sonntag«, verabschiedet er sich. »Und Cedrik«, er sieht mich noch einmal eindringlich an, »ich bin stolz auf dich!«
Für einen Moment bin ich sprachlos. Dann fegt ein Sturm aus Stolz und Anerkennung über mich hinweg, der mich kurz aus der Bahn wirft. Wow! So also muss sich Johannes andauernd fühlen.
Überschwänglich drehe ich mich einmal um mich selbst, bevor ich mich besinne, dass mein Verhalten kindisch ist. Eine ältere Dame kommt mir entgegen, wirft mir einen spöttischen Blick zu. Aber nicht einmal das ärgert mich heute. Beschwingt gehe ich zu meinem Auto und mache mich auf den Weg zurück in die Agentur.
Die Präsentation vor der Nero Investment Group war ein voller Erfolg. Nicht zuletzt, weil Zoes Idee einfach unschlagbar gut ist. Es ist ihr Verdienst, dass wir diesen Auftrag haben, dass mein Vater stolz auf mich ich. Und das gibt meiner Freude einen bitteren Beigeschmack. Denn ich kann einfach nicht fassen, dass sie tatsächlich besser war als ich, dass sie diese Idee hatte.
Doch wenn ich an Zoe denke, verstehe ich mich selbst nicht mehr. Besonders nach den denkwürdigen zwei Stunden im Aufzug gestern. Zuerst war ich ihr so nahe, dass ich sie um ein Haar geküsst hätte und dann macht sie mir eine so unglaubliche Ansage, dass ich sie am liebsten direkt feuern würde. Ihre Worte haben mich verletzt. Mich zum Grübeln gebracht, weil sie so verdammt recht hat. Natürlich ordne ich mich meinem Vater unter, weil ihm diese Firma nun mal gehört. Und ja, ich will, dass er mich anerkennt. Dass er stolz auf mich ist. So wie auf Johannes. Dennoch … Ich bin 31 Jahre alt und vergleiche mich immer noch mit meinem älteren Bruder. Selbst mir ist bewusst, dass das kindisch ist, dass ich längst darüber hinweg sein müsste. Dass es mehr in meinem Leben geben sollte, als mein verdammter Erfolg. Aber ich kann einfach nicht über meinen Schatten springen. Und das hat Zoe erkannt.
Ach verdammt, es war einfach eine beschissen anstrengende Woche und ich brauche dringend Schlaf. Dann wird sich auch mein verwirrtes Ego wieder einrenken.
Während ich den BMW auf die Hauptstraße lenke, wähle ich auf meinem Handy Zoes Nummer. Wir haben nach dem Fiasko im Aufzug gestern nicht mehr miteinander gesprochen, doch um der merkwürdigen Situation zwischen uns nicht noch mehr Bedeutung beizumessen, ist es am besten, wenn ich zur Tagesordnung übergehe.
»Ja?« Sie klingt, als hätte ich sie bei irgendetwas unterbrochen. Die Stimme im Hintergrund, die mir verdammt bekannt vorkommt, bestätigt mir auch direkt, dass es so ist.
»Störe ich?«, frage ich genervt. Hallo, ich bin ihr Chef. Ich störe nie!
»Nein.« Sie klingt anders als sonst. Und ihre Aufmerksamkeit gilt eindeutig nicht mir. »Max ist nur gerade auf einen Kaffee vorbeigekommen.«
Meine Hand ballt sich zur Faust. Was will dieser Idiot bei ihr?
»Aha. Und was will er?«, flutscht es mir heraus, bevor ich nachdenken kann. Genaugenommen weiß ich genau, was er will, immerhin hat er mich quasi um Erlaubnis gefragt. Max, dieser Verräter, ist dabei sich mein Mädchen zu krallen. Äh … also meine Assistentin. Vergessen sind die Nero Investment Group und mein überflügelnder Erfolg. Alles, was ich jetzt verspüre, ist Ärger.
Zoe schweigt kurz und jetzt bin ich mir sicher, dass ich sie mir endlich zuhört. »Mein Privatleben geht dich nichts an, Cedrik.« Sie klingt bestimmend, beinahe kalt.
Fuck, was ist nur mit mir los? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich fast behaupten, ich bin eifersüchtig. Aber das ist so abwegig, dass ich nicht weiter darüber nachdenke.
»Warum ich anrufe, wir haben den Auftrag«, sage ich knapp und mit dem überheblichen Tonfall, den ich seit dem Kindergarten perfekt beherrsche.
»Wow! Das ist fantastisch!«, freut sich Zoe. »Was haben sie gesagt? Wie finden sie das Konzept?«
Sie klingt aufgeregt, wie ein kleines Mädchen, das gerade erfahren hat, für den Lesewettbewerb nominiert worden zu sein. Unwillkürlich muss ich lächeln. Ihre Begeisterung ist ansteckend.
»Sie lieben die Idee mit den Projekten, also den Start-ups«, fahre ich fort und lasse direkt danach die Bombe platzen. »Sie wollen, dass wir nächste Woche in ihren Hauptsitz nach New York fliegen und uns dort mit dem Management zusammensetzen, um passende Start-ups zu finden.«
Zoe jauchzt tatsächlich. Ich muss lachen und mein Ärger über Max und Zoes verfliegt. Ein warmes Gefühl kitzelt mich im Bauch und ihre Freude greift durch das Telefon auf mich über. Wie macht sie das nur, dass sie mich so im Griff hat?
»Ich will, dass du mich begleitest«, fahre ich fort und beende ihre Begeisterungsstürme abrupt. Fuck, habe ich das gerade wirklich gesagt?
Am andere anderen Ende der Leitung bleibt es auffällig still.
»Ich soll dich begleiten?«, fragt sie misstrauisch. »Warum? Ich gehöre nicht zum Kreativteam.«
»Es ist deine Idee, Zoe«, sage ich langsam und erkenne mich selbst kaum wieder. Mein Ego schreit fahnenwinkend nach Aufmerksamkeit und ich frage mich ernsthaft, ob ich sie noch alle habe. Aber jetzt ist es ausgesprochen, aus der Nummer komme ich nicht mehr heraus. »Es ist nur fair, dass du mitkommst. Außerdem muss ja irgendwer an deiner Karriere arbeiten, wenn du es schon nicht tust.« Dass ich sie verdammt nochmal brauche, verschweige ich ihr. Denn mir ist klar, dass ich die Idee nie alleine umsetzen kann.
»Alles klar«, antwortet sie zögerlich und geht nicht auf meinen spitzen Kommentar ein. Überraschenderweise.
»Ich bin gleich im Büro, dann können wir die Details besprechen.« Ich verabschiede mich und beende über die Freisprechanlage das Telefonat.
Scheiße, was habe ich getan? Zoe bringt mich durcheinander und das ist nichts, was ich besonders mag.
Ein Klingeln ertönt, das den Eingang einer neuen Nachricht ankündigt. Ich greife nach meinem Handy und werfe einen Blick darauf. Und was ich lese, haut mich auf einen Schlag um.
Im letzten Moment kann ich den BMW herumreißen, bevor ich in ein entgegengekommenes Fahrzeug gerast wäre. Fuck, konzentrier dich, Mann!
Aber das kann ich nicht. Ungläubig schaue ich erneut auf mein Handy, auf dem immer noch die Nachricht von Vanessa aufleuchtet, meiner Ex-Freundin.
Ich bin wieder in der Stadt.
Ich würde dich gerne sehen!
Lass uns treffen.

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