Zimtsternzauber: Tag 9

Ein Telefonat, ein Date und eine unliebsame Erkenntnis

Zoe

Ich bin nervös. Aber wer kann es mir verdenken, immerhin ist es das erste Date seit über sechs Jahren. Ich habe absolut keine Ahnung mehr, wie das geht. Über was sollen wir sprechen? Welches Verhalten ist zu viel, welches zu wenig? Und die wichtigste Frage überhaupt: Was ziehe ich an?
Verzweifelt betrachte ich mich im Spiegel. Meine roten Locken habe ich gewaschen und mit etwas Wachs in Form geknetet, ich trage einen blauen Pullover mit einem glitzernden Sternen und dazu eine Jeans. Ich sehe aus, als wollte ich mit Tina ins Kino gehen, aber ganz sicher nicht auf ein Date mit Max. Mist! Ich brauche dringend Hilfe!
Nach dem zweiten Klingeln nimmt Tina ab. »Was gibt’s?«
»Was soll ich anziehen?« Ich brauche nicht zu erklären, worum es geht, Tina ist im Bilde.
»Die schwarze enge Hose, die graue etwas weitere Bluse mit den Glitzerapplikationen und die lange dunkelgraue Strickjacke aus dem groben Wollstoff«, kommt es wie aus der Pistole geschossen. »Und die hohen schwarzen Stiefeletten, die wir vor drei Wochen zusammen gekauft haben.«
Mir klappt vor Verblüffung die Kinnlade herunter. »Schaust du durch‘s Fenster oder woher kennst du meinen Kleiderschrank so genau?«
Tina lacht herzhaft auf. »Nein, Süße! Ich bin auf dem Weg ins Kino. Deinen Kleiderschrank kenne ich auswendig, immerhin sehen wir uns fast täglich.«
Mir ist es dennoch unheimlich, dass sie so genau weiß, was ich besitze.
»Und Zoe?«
»Ja?« Immer noch etwas verdattert, zerre ich die verordneten Kleidungsstücke aus meinem Schrank.
»Sei mutig! Max ist ganz ok. Und heute Abend wird er dir guttun.«
»Du kennst ihn?« Ich könnte schwören, dass sie ihn mehr als einfach nur »kennt«.
»Wir hatten mal was miteinander, das ist allerdings Jahre her. Lange bevor du in die Agentur gekommen bist.« Treffer, versenkt!
»Und warum wird ausgerechnet er mir heute Abend guttun?«
Auch wenn es nicht möglich ist, höre ich Tinas Grinsen förmlich durch das Telefon. »Weil er dich ein wenig ablenkt. Von einem gewissen, braunhaarigen, blauäugigen, verdammt heißem …«
»Wage es nicht!«, unterbreche ich sie hart und registriere gleichzeitig, dass sich mein Herzschlag verdoppelt. »Außerdem hat Oliver blonde Haare.«
Wir wissen beide, dass sie nicht von meinem Ex-Freund gesprochen hat.
»Ich habe nichts gesagt«, flötet Tina unschuldig, obwohl sie eindeutig zu viel gesagt hat. Denn auch wenn ich es nicht wollte, habe ich natürlich an Cedrik gedacht.
Eben.
Und vorhin.
Beim Fernsehschauen, sogar beim Einkaufen heute Morgen.
Denn er macht etwas mit mir. Etwas, was mich verwirrt und was mich nicht mehr jeden Tag an Oliver denken lässt. Cedrik ist vollkommen anders als mein Ex-Freund. Arrogant, überheblich, bestimmend. Und er weiß genau, was er will. Seine Worte im Aufzug waren ein Schlag ins Gesicht und doch lässt mich das Gefühl nicht los, dass er mich tatsächlich durchschaut hat. Er hat innerhalb einer Woche erkannt, was ich will, – wofür ich selbst mehr als sechs Jahre gebraucht habe. Und als wäre das nicht genug, dreht mein verräterischer Körper durch, sobald er in der Nähe ist. Mein Blut fängt an zu brodeln, Verlangen flackert auf und meine Libido erinnert mich mit Nachdruck daran, dass mein letzter Sex schon viel zu lange her ist.
Dennoch … Cedrik ist immer noch Cedrik. Er ist der Junge aus meiner Schulzeit, in den ich zugegebener Maßen bis über beide Ohren verschossen war. Aber ich will nicht den Fehler machen, meine Gefühle von damals, auf heute zu projizieren. Ich bin nicht mehr das kleine rothaarige Mädchen und Cedrik ist nicht mehr der umschwärmte Schulstar. Ich bin erwachsen geworden und er ist es auch.
Frustriert schnaube ich verspätet ins Telefon und gebe Tina auch so eine Antwort.
»Viel Spaß im Kino! Ich melde mich morgen nochmal«, verabschiede mich, weil die Zeit drängt. In einer halben Stunde will mich Max abholen.

***

Max entführt mich in ein gehobenes Restaurant im 23. Stock eines Wolkenkratzers. Die bodentiefen Fensterfronten bietet einen atemberaubenden Ausblick über die Stadt, die heute Nacht mit all ihren funkelnden Weihnachtslichtern beinahe magisch wirkt. Das Restaurant ist hochmodern, aber gemütlich mit dunklen Holzmöbeln eingerichtet und wir sitzen an einem kleinen Tisch direkt am Fenster.
Spätestens nach der Vorspeise muss ich Tina recht geben: Max ist ok. Mehr noch, er ist der formvollendete Gentlemen. Er ist aufmerksam, höflich, hört mir zu, wenn ich etwas erzähle, und lacht sogar über meine zynischen Anmerkungen. Ich bemühe mich wirklich, den Abend zu genießen, aber irgendwie will es mir nicht gelingen.
»Seit wann arbeitest du schon in der Agentur?«, will Max gerade von mir wissen, als ich ein Stück von dem Lachsfilet in die Currysoße tauche.
»Seit drei Jahren. Du bist schon länger dabei?«, vermute ich, weil mir mein Telefonat mit Tina wieder einfällt.
»Ja, ich habe direkt nach dem Studium dort angefangen. Cedrik hat mir über seinen Vater ein Praktikum verschafft und das endete in dem Job.«
Ich zucke kurz zusammen, als Cedriks Name fällt, was Max leider nicht entgeht.
»Cedrik hat mir gesagt, dass ihr euch aus der Schule kennt?«
»Ja, leider. Er … Ich war sein Lieblingsopfer.« Energisch pikse ich ein Stück Broccoli auf und schiebe es mir in den Mund. Wir sollten nicht über Cedrik sprechen.
Max lacht amüsiert auf. »Das klingt, als hätte er bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber auf mich wirkst du überhaupt nicht, wie ein Opfer. Du machst mir eher den Eindruck, als wüsstest du dich zu wehren.«
Sein Kompliment bringt mich zum Lächeln. Es tut gut, dass Max nicht das schwache, rothaarige Mädchen in mir sieht, dass ich selbst viele Jahre gesehen habe. »Heute bin ich es vielleicht nicht mehr, aber früher war ich ein wenig eigen. Ich habe mehr gelesen als meine Mitschüler, hatte kein Interesse an Mode, dafür bin ich gerne ins Museum gegangen.« Und habe Stunden damit verbracht, Cedrik anzuschmachten und mir eine gemeinsame Zukunft mit ihm auszumalen. Aber das erwähne ich lieber nicht.
»Eine echte Streberin, also?«, zwinkert mir Max zu. Er hat hellblaue Augen, wie ein wolkenloser Himmel im Sommer. So ganz anders als Cedriks dunkle Sturmaugen.
»Eine echte Streberin«, gebe ich verspätet zu und entspanne mich.
Wir bleiben noch über eine Stunde in dem Restaurant, bevor mich Max nachhause bringt. Es ist ein schöner Abend, ich lache viel und Max macht es mir leicht, mich bei ihm wohlzufühlen. Zum Abschied küsse ich ihn auf die Wange, alles andere ginge mir dann doch zu schnell. Aber er scheint nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Er verabschiedet sich lächelnd und verspricht mir, sich zu melden.
Als ich später im Dunklen in meinem Bett liege, alleine mit meinen Gedanken und Gefühlen, rollt jedoch eine entscheidende Erkenntnis über mich hinweg. Es war ein netter Abend. Mit leckerem Essen, guten Gesprächen und einer entspannten Atmosphäre. Allerdings ohne Bauchkribbeln, ohne Hitzewallungen und ohne das verlangende Ziehen, das nur ein anderer in der letzten Woche bei mir ausgelöst hat. Cedrik.

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