Zimtsternzauber: Tag 11

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Zoe

»Pasta or Chicken?« Das aufgesetzte Lächeln der blonden Stewardess erreicht ihre Augen nicht.
»Pasta«, beeile ich mich, zu antworten, und nehme das voll beladene Tablett entgegen. Der Duft von Tomate steigt mir in die Nase und augenblicklich meldet sich mein Magen. Nach dem kargen Frühstück am Flughafen kommt mir das Mittagessen gerade recht.
Die korpulente Dame rechts neben mir wählt Hühnchen, während das junge Mädchen zu meiner linken mit kritischem Blick die Alubox ihrer Pasta öffnet.
Wir sitzen seit drei Stunden im Flugzeug. Drei Stunden auf einem kleinen Sitz, eingekeilt zwischen einer durchgehend schnatternden Dame auf der einen und einer musikhörenden Göre auf der anderen Seite. Und noch sechs lange Stunden, die vor mir liegen.
»Wie ist ihre Pasta, Liebes?« Meine Sitznachbarin beugt sich über mein Tablett, nur um enttäuscht festzustellen, dass meine Alubox noch geschlossen ist. »Flugzeugessen hat ja einen wahnsinnig schlechten Ruf«, fährt sie quasselnd fort«, aber ich freue mich jedes Mal darauf. Es ist immer eine Überraschung, was es diesmal gibt.«
Als ob die Auswahl zwischen »Huhn oder Pasta« große Überraschungen bereithalten würde, denke ich lakonisch, erwidere aber nichts.
»Mein Alfred mag auch lieber Nudeln, aber ich bevorzuge das Gemüse beim Huhn. Zu viele Kohlenhydrate ruinieren die Figur, Herzchen, da muss man in meinem Alter schon aufpassen.«
Mir entfährt ein resignierendes Seufzen. Die Dame neben mir ist etwa sechzig Jahre alt und wiegt mindestens hundert Kilo. Dass sie sich besonders viele Gedanken über ihre Ernährung macht, wage ich zu bezweifeln. Aber wem will ausgerechnet ich etwas sagen.
Meine Sitznachbarin plappert weiter, während ich den Deckel der Alubox entferne, mein Besteck aus der Plastikhülle zerre und in die Pasta steche. Der erste Bissen ist auf dem Weg zu meinem Mund, mein Magen knurrt erwartungsvoll, als die blonde Stewardess erneut an unserer Sitzreihe stehenbleibt.
»Frau Andres?«
»Ja?« Überrascht, dass die Stewardess meinen Namen kennt, lasse ich die Gabel wieder sinken.
»Herr Baumann bittet Sie, zu ihm zu kommen. Er sitzt in der Business Class.«
Meine Schultern fallen herab, mein Kopf sackt nach unten und kurz schließe ich die Augen. Einen Fluch unterdrückend öffne ich sie wieder, greife nach meinem unangetasteten Mittagessen und reiche das Tablett der Stewardess. »Natürlich. Könnten Sie das bitte nehmen?«
Ich quetsche mich an der Göre vorbei, die nicht aufsteht, sondern ihre Beine und ihr Tablett auf den sowieso schon zu kleinen Sitz klemmt, und folge der Stewardess den schmalen Gang entlang. Als wir schließlich in der Business Class ankommen, komme ich mir vor wie ein unerwünschter Eindringling. Gemütliche Sitze, entspannte Gesichter und vor allem Stille empfangen mich in diesem Bereich des Flugzeugs. Wut zuckt durch mich hindurch, und der Ursprung allen Übels lümmelt gelassen auf einem grauen breiten Ledersitz am Fenster. Cedrik trägt eine dunkle Hose, einen blauen Pullover, der seine Augen auf eine ganz irritierende Art betont, und wirkt völlig gelassen. Aber der Schein trügt, wie er mich heute Morgen schon hat spüren lassen. Er hatte so schlechte Laune, dass ich beinahe froh war, in der Economy Class nach New York fliegen zu müssen, während seine Hoheit selbstredend die Luxusklasse gebucht hat.
»Was gibt es?«, frage ich übertrieben freundlich, sodass ihm sofort klar sein muss, dass ich genervt bin. Der Sitz neben ihm ist frei, dennoch bleibe ich stehen. Zum einen ist das nicht mein Platz, und zum anderen will ich möglichst schnell wieder weg. Denn ich will mich nicht damit auseinandersetzen, warum allein sein Erscheinen ausreicht, um mich in einen völligen Ausnahmezustand zu versetzen. Und das, obwohl er mich den ganzen Morgen behandelt hat, als wäre ich sein persönlicher Prügelknabe. Wir sind nicht mehr auf dem Schulhof. Die Zeit, in der ich ihn bedingungslos angebetet habe, ist vorbei – endgültig. Auch wenn mein hinterhältiger Körper etwas völlig anderes sagt.
»Setz dich, Zora.«
Wir sind zurück in alten Mustern gefallen, als hätte es diese zwei Stunden im Aufzug zwischen uns nie gegeben. Als hätten wir uns nie die Meinung gesagt und er mir nicht von sich aus angeboten, mit nach New York zu kommen.
»Nein danke, ich stehe lieber.«
»Setz dich!« Keine Bitte, sondern ein gezischter Befehl. In seine Augen glimmt unterdrückte Wut auf und an seiner Wange zuckt ein Muskel. Wow, seine Laune scheint noch schlechter geworden zu sein.
»Ich habe ein paar Änderungen an der Präsentation vorgenommen und will sie kurz mit dir durchgehen.«
»Können wir das nicht heute Nachmittag im Hotel machen?«, frage ich verzweifelt, weil mein Blutzuckerspiegel den Nullpunkt fast überschritten hat und ich mich jetzt nicht auf irgendwelche kreativen Ergüsse konzentrieren kann.
»Nein. Da habe ich einen Termin.«
»Ah?« Fragend hebe ich eine Augenbraue. Davon hatte er bisher nichts erzählt.
»Mein Privatleben geht dich nichts an, Zora«, antwortet er mir mit exakt den Worten, die ich am Freitag zu ihm gesagt habe.
Ärger macht sich in mir breit, lässt mich die Lippen zusammenpressen. Ich werde die nächsten vier Tage mit ihm verbringen. Wir sollten zumindest versuchen, uns bis zum Rückflug nicht zerfleischt zu haben. Daher reiße ich mich zusammen und nehme neben Cedrik Platz. Er hat derweil seinen Laptop hervorgeholt und die Präsentation geöffnet.
»Ich habe die Power Point ein wenig überarbeitet, wir sollten …« Er erklärt mir das Konzept, spricht über einzelne Start-ups, eine groß angelegte Social Media Kampagne, verschiedene Microsites und vieles mehr. Seine Ideen sind gut, kreativ und vor allem neu. Eine Kampagne, die die Nero Investment Group in dieser Breite mit Sicherheit noch nie umgesetzt hat. Unwillkürlich muss ich ihm meinen Respekt zollen. Auch wenn Cedrik die Position nur dank seines Vaters innehat, hat er sie dennoch zurecht. Er ist gut, indem was er tut, doch leider weiß er das auch.

***

Nach zwei Stunden schwirrt mir der Kopf und mein Magen hängt mir in den Kniekehlen. Ich kann einfach nicht mehr, aber mein Chef ist noch lange nicht fertig.
»Hier dachte ich, dass wir eine Homestory machen könnten«, sagt er in diesem Moment, bricht jedoch plötzlich ab. Er legt seinen Kopf schief und sieht mich stirnrunzelnd an. »Hörst du mir überhaupt zu?«
»Natürlich«, antworte ich rasch, »ich finde die Idee gut.«
»Was habe ich eben gesagt?«
Mist! Ich habe keine Ahnung.
»Oh man, Zora, das ist wichtig!«, flucht er ungehalten. »Ich habe dich mitgenommen, damit du mir hilfst und nicht vor dich hin träumst.« Hitze kriecht in mein Gesicht. Vor Scham, aber auch vor Wut.
»Ich kann nicht mehr, Cedrik!«, bricht es aus mir heraus und das Hämmern in meinem Kopf klingt wie ein tosender Applaus, der meine Worte unterstreicht. »Ich habe Hunger, ich habe schlecht geschlafen und habe den Vormittag nicht in einem gemütlichen Sitz verbracht und Videos geschaut, sondern saß eingequetscht in der Holzklasse und hatte noch nicht einmal die Ruhe, etwas zu lesen.«
»Wegen Max?« Etwas blitzt in seinen dunklen Augen auf, das ich nicht einordnen kann.
»Was?«
»Hast du wegen Max schlecht geschlafen?« Es ist die erste Frage nach meinem Date am Samstagabend. Nach dem, was am Wochenende passiert ist.
Ich könnte ihm die Wahrheit sagen. Nämlich dass ich einen netten Abend hatte, mehr jedoch nicht. Aber in diesem Moment zuckt ein Ausdruck über sein Gesicht, den ich überrascht als Eifersucht erkenne. Und weil er mich den ganzen Vormittag genervt hat, und mir einfach alles zu viel ist, antworte ich ihm mit genau den Worten, die er hören will.
»Ja, es ist wegen Max. Wir haben die ganze Nacht gevögelt, daher brauche ich jetzt dringend Schlaf.«
Seine Augen funkeln, werden eine Spur dunkler. Er presst die Lippen aufeinander und dann von einer Sekunde auf die andere, verschließt sich sein Gesicht. Was immer ich geglaubt habe zu sehen, ist verschwunden.
»Alles klar, wir machen morgen weiter.« Seine Stimme klingt kalt, ohne jegliche Emotion darin. Er schließt seinen Laptop, schaut mich nicht mehr an.
»Ok.« Überrascht erhebe ich mich, weiß nicht, was ich noch sagen soll. Dennoch beschleicht mich das dumpfe Gefühl, gerade einen Fehler gemacht zu haben. »Bis später dann«, schiebe ich noch hinterher, bevor ich mich erhebe.
Die blonde Stewardess von vorhin kommt mir entgegen und wirft mir einen abschätzigen Blick zu. Ich stehe immer noch an Cedriks Platz, als sie sich zu ihm beugt und ihm etwas zuflüstert. Mein Magen zieht sich krampfhaft zusammen und ich schaffe es nicht, nicht zu ihm zu blicken. Ein zufriedener Ausdruck liegt auf seinem Gesicht, bis er zu mir sieht und sich sein Mund zu einem dreckigen Grinsen verzieht.
»Klar, warum nicht? Ich wollte schon immer Mitglied im Mile High Club sein.«

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