Zimtsternzauber: Tag 12

Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Cedrik

New York platzt vor Kitsch. Die Stadt hat beschlossen, ihren weihnachtlichen Glanz nach außen zu kehren, sodass an jeder beschissenen Straßenleuchte ein Lichterstern baumelt, in jedem Geschäft besinnliche Musik läuft, jedes Schaufenster Geschenkideen präsentiert und selbst die Menschen gute Laune haben. Von den üblichen dauergestressten New Yorkern keine Spur. Ich könnte kotzen!
Im wortwörtlichen Sinn, denn der Alkohol von gestern Nacht rauscht immer noch durch meine Adern. Nachdem ich es der blonden Stewardess auf der Toilette so richtig besorgt hatte, sind wir nach der Landung zunächst in ihr Hotel. Anschließend ging es in einen Bar, dann zu ihren Kollegen in einen Club. Der Rest der Nacht verschwindet im Nebel. Aber die Wut und der Hass auf Vanessa, die seit Sonntagabend in meinem Körper tobt, und die vollkommen irre Gefühle wegen Zoe, lassen sich einfach nicht vertreiben. Weder mit einer fremden Frau, noch mit zwölf Tequila-Shots.
Mein Schädel dröhnt und meine Gedanken wabern im Nirwana. Nur mit Mühe kann ich mich auf das konzentrieren, was gerade passiert. Wir sind in einem Aufzug. Wieder einmal. Nur diesmal werden wir nicht steckenbleiben, ich werde Zoe nicht zu nahe kommen und sie wird nicht in meinen Gefühlen herumstochern. Nie wieder!
Ein nervtötendes Klingel ertönt und die Aufzugstüren öffnen sich. Zoe tritt an mir vorbei, bleibt stehen, dreht sich zu mir um. Mein Magen hebt sich, wenn ich jetzt einen Schritt mache, kotze ich ihr vor die Füße.
»Kommst du?« Mein Blick haftet am Fußboden, wandert langsam ihre Beine hinauf, bis zu ihren grünen Augen, die mich äußerst skeptisch mustern. Ich muss hart schlucken. Und das nicht nur wegen meines angekratzten Gesundheitszustandes. Zoe sieht scharf aus. Schwarze High heels, roter schmaler Rock, schwarze Bluse. Fuck! Wann genau ist aus der Roten Zora diese männermordende Sirene geworden? Und seit wann fällt mir das auf?
Kurz bevor sich die Aufzugstüren wieder schließen, gebe ich mir einen Ruck. Reiß dich zusammen, Cedrik! Der Termin ist scheiße wichtig! Und keine Ex-Freundin, kein zertretenes und am Boden liegendes Ego, und kein »ich vögel, feier und saufe so lange, bis ich diesen ganzen Scheiß vergesse« entschuldigen, dass ich heute auflaufe, wie ein abgewrackter Rockstar. Also raffe ich alles, was an Disziplin in meinem Körper übrig ist zusammen, ordne meinem Magen eine Ruhepause an und ignoriere meinen dröhnenden Schädel. Ich setze mein einstudiertes Gewinnerlächeln auf, hoffe, dass man mir meine durchzechte Nacht nicht zu sehr ansieht und folge Zoe durch den Flur in einen Meetingraum auf der rechten Seite.
»Ah, Cedrik«, begrüßt mich ein Herr mittleren Alters in einem dunkelblauen Anzug. Er wirkt aalglatt, lächelt mich geschmeidig an, und sein fester Händedruck strotzt vor Überlegenheit. Wäre er ein Hund, hätte er mir jetzt ans Bein gepinkelt, um sein Revier zu markieren. Alphawölfe erkennen einander.
»Jordan nehme ich an?« Ich gebe mich selbstsicher, überheblich und halte seinen starren Blick.
»Richtig. Es ist schön, auch Sie endlich persönlich kennenzulernen!«
»Sie kennen … meinen Vater persönlich?«, frage ich überrascht, denn anders kann ich seine Aussage nicht deuten. Johannes meint er wohl kaum.
»Ja, natürlich. Hat er das nicht erwähnt?«
»Doch, sicher.« Ich überspiele meine Überraschung mit einem schmalen Lächeln. Mein Vater hat mit keinem Wort erwähnt, dass er den Marketingleiter der Nero Investment Group persönlich kennt. Und es klang auch in keiner Weise danach, als er mir von dem Auftrag berichtet hat. Diese Tatsache macht mich stutzig und ich mache mit eine gedankliche Notiz, meinen Vater später danach zu fragen.
»Welche bezaubernde junge Damen haben Sie uns mitgebracht?«, holt mich Jordan aus meinen Gedanken. Er löst den Blick und kurz fühle ich mich als Sieger, weil ich das stumme Duell eindeutig gewonnen habe. Aber als mir auffällt, wie er Zoes Hand tätschelt, grollte der Zorn in mir erneut hoch.
»Ich bin Zoe Andres. Ich werde Cedrik bei der Kampagne unterstützen«, stellt Zoe sich in besten Oxford Englisch vor und mir fällt wieder einmal auf, dass sie für einen Assistentinnenjob eindeutig überqualifiziert ist.
»Wie wundervoll.« Jordan zwinkert ihr zu und Zoe errötet tatsächlich. Frauen! Ein nettes Wort, egal wie platt, und sie liegen dir zu Füßen!
Neben Jordan tritt eine junge Frau in einem eng geschnittenen blauen Hosenanzug.
»Hi, ich bin Alex.« Sie reicht Zoe ebenfalls die Hand. »Zoe Andres? Ihr Name kommt mir bekannt vor. Kann es sein, dass Sie sich erst kürzlich bei uns beworben haben?«
Zoe wird knallrot, was sie mit ihren roten Haaren wie ein lebendig gewordenes Streichholz aussehen lässt.
»Ähm … «, sie schaut unsicher zu mir. Die Situation ist ihr merklich unangenehm. »Ja, das hatte ich. Allerdings habe ich mich letztendlich doch entschieden, in Deutschland zu bleiben.«
»Äußerst schade, zumindest für uns.« Jordan haut mir kumpelhaft auf die Schulter, was mich zusammenzucken lässt. »Ich hoffe doch, Cedrik weiß Ihre Entscheidung zu würdigen?«
Zoes Blick spricht Bände und ich muss meine ganze Selbstbeherrschung aufwenden, um ihr nicht deutlich die Meinung zu sagen. Sie hat sich hier beworben? Der Job, von dem sie mir im Aufzug erzählt hat und den sie wegen ihres Ex-Freundes ausgeschlagen hat, war ausgerechnet bei der Nero Investment Group? Diese unwesentliche Kleinigkeit sagt sie mir nicht? Ich komme mir vor, wie der letzte Trottel, wie ich jetzt neben ihr stehe und sie nur stumm anstarre.
»Falls Sie es sich doch anders überlegen, die Position ist immer noch vakant«, ergänzt Alex in diesem Moment und schlagartig ist meine Übelkeit zurück. Mit ihr das Dröhnen in meinem Schädel und das beschissene Gefühl, dass ich einfach nicht mehr verstehe, was mit mir los ist.
Nach der kurzen Begrüßung bittet Jordan uns, Platz zu nehmen. Ein junges Mädchen von höchstens zwanzig Jahren bringt Kaffee herein, den ich mir ohne zu Zögern greife und beginne, in mich hineinzukippen. Zoe hat derweil meine Präsentation geöffnet und wartet darauf, dass ich beginne, die Kampagne vorzustellen. Es fällt mir unglaublich schwer, mich zu konzentrieren und ohne Zoe wäre ich vermutlich sang und klanglos untergegangen. Aber sie ergänzt meine Worte perfekt, wenn ich etwas vergesse, weißt unaufdringlich auf Details hin, und bis zum Ende der Präsentation ist mir vor allem eines bewusst: Diese Firma wird alles tun, um sie zu bekommen. Und aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht erklären kann, macht mir das unglaubliche Angst.

***

Es gibt nur eine Sache, die mir hilft, wenn mein Leben mal wieder aus dem Ruder läuft. Und deswegen mache ich nach dem Meeting mit der Nero Investment Group, genau da weiter, wo ich gestern Nacht aufgehört habe. Morgen wollen wir uns mit einem Start-up treffen, das durch die Finanzierung der Group erfolgreich geworden ist. Aber bis dahin ist noch viel Zeit, um meinem Leben wieder einen Sinn zu geben.
»Wollen Sie noch einen?« Andrew, mein neuer bester Freund, deutet fragend auf das leere Glas vor mir.
»Klar, Mann. Am besten gleich einen doppelten.«
Andrew schenkt mir ein. »Harter Tag?«
»Harte Woche.« Meine Stimme schwankt ein wenig, aber das ist mir egal. Wie mir alles immer gleichgültiger wird, je mehr Whiskey ich in mich hineinlaufen lasse. Mein Vater, der Auftrag, Zoe, Vanessa und ihre beschissene Ansage, dass ich mich öffnen soll. Ich habe diese Schlampe geliebt, verdammt, nicht umsonst hat mich ihr Abgang so gnadenlos fertig gemacht. Und was macht diese blöde Kuh? Gibt mir die Schuld daran. Fuck! Aber wenn ich das alles einfach abtun könnte, ginge es mir jetzt nicht so beschissen.
»Eine Frau oder der Job?« Andrew greift sich ein Glas und beginnt es abzutrocknen.
»Beides.« Mit einem Zug leere ich meinen Whiskey.
»Mann, das kenne ich.« Das trockene Glas wandert zu den anderen ins Regal und Andrew greift sich ein neues.
»Keine Ahnung. Vor fünfzehn Jahren sah sie noch so scheiße aus, sie war lächerlich mit ihren selbst genähten Klamotten und dieser Streberbrille. Und jetzt ist sie meine beschissene Assistentin und … oh man, wenn ich sie nicht bald flachlege, werde ich noch wahnsinnig.«
Wow!
Stopp!
Ich wollte über Vanessa sprechen, nicht über Zoe. Aber mein whiskeyverseuchtes Hirn hat die Worte einfach aus meinem Mund gespuckt, ohne das ich es verhindern konnte.
»Oh wow, Mann. Der hier geht aufs Haus.« Andrew schenkt mir unaufgefordert nach und ich leere das Glas in einem Zug. Vergessen! Vergessen, was für einen gequellten Unsinn ich gesagt habe!
Der Alkohol brennt meine Kehle hinab. Meine Arme beginnen zu kribbeln, meine Beine werden auf einmal schwer und ich bemerke amüsiert, wie sich meine Sicht ein wenig verschleiert. Ich schließe die Augen, gebe mich ganz dem einlullenden Gefühl des Alkohols hin und genieße den Nebel, der unaufhörlich an meinem Verstand zerrt. Bis eine nervende Stimme in mein Unterbewusstsein vordringt und mich zwingt, die Augen wieder zu öffnen.
»Cedrik! Kannst du mir einmal sagen, was du hier tust?« Ein roter Punkt hat sich vor mir aufgebaut, den ich bei näherer Betrachtung als eine ziemlich wütend wirkende Zoe identifiziere.
Ich beuge mich ein Stück in ihre Richtung, um sie besser sehen zu können und auch, weil ich sehen will, ob sie wieder rot wird.
»Trinken«, flüstere ich dicht an ihrem Ohr. Sie riecht nach Zimt, und erinnert mich an Zimtsterne und Weihachten. Der Geruch betört mich, lässt mich tiefer einatmen und gibt mir das Gefühl von Geborgenheit. Meine Mutter hat zu Weihnachten immer Zimtsterne gebacken und ich habe sie geliebt. Und jetzt riecht Zoe danach. Fuck!
»Das sehe ich selbst. Ich dachte, wir wollten den Besuch bei dem Start-up morgen vorbereiten und schonmal grob eine Storyline skizzieren. Aber wir arbeiten heute wohl nicht mehr. Dann kann ich auch gehen.« Eine leichte Röte überzieht ihr Gesicht und in mir drinnen regt sich etwas. Zufriedenheit, weil ich so eine Wirkung auf sie habe, aber noch etwas anderes. Etwas, dass mich dazu bringt, sie berühren zu wollen, wissen zu wollen, ob diese verrückten, wirren Haare tatsächlich so weich sind, wie sie aussehen.
»Wo willst du hin?«, bringe ich mühsam hervor und blinzle. Mein Verstand arbeitet nicht mehr richtig und langsam werde ich müde.
»Auf das Empire State Building. Ich war noch nie in New York und wollte es mir ansehen.«
»Kann ich mitkommen?« Frische Luft wäre mit Sicherheit hilfreich.
»Nein.«
»Warum nicht?«
Ihre Augenbrauen erreichen fast ihren Haaransatz und ihr kritischer Blick geht mir durch und durch. Ok, ich bin betrunken. Genau genommen bin ich rabenvoll. Und der Drang nach ihr zu greifen, sie an mich zu ziehen und zu küssen, wird übermächtig.
Fuck, das hier vor mir ist Zora!
Die Rote Zora, die nie etwas anderes war, als eine Witzfigur.
»Du bist zu betrunken, Cedrik«, stellt Zoe auch prompt das Offensichtliche fest.
»Fuck, ja.« Ich lasse den Kopf hängen, sehe sie nicht länger an. Sie soll verschwinden, ich will mich noch etwas im Selbstmitleid suhlen, bevor ich mich auf mein Zimmer verziehe. Neben mir raschelt es und überrascht stelle ich fest, dass Zoe auf einem der Barhocker Platz genommen hat.
»Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?«
Ein alkoholgetränktes Schnauben fährt aus meinem Mund und ich hebe meinen schweren Kopf. Zoe sitzt vor mir, schaut mich aus klaren grünen Augen forschend an. Sie hat etwas schulmeisterhaftes und ich erwarte beinahe, dass sie gleich das Klassenbuch zückt und mir einen Verweis erteilt.
»Nichts«, grummel ich und greife nach meinem leeren Glas. Ich gebe Andrew ein Zeichen.
»Ok, dann kann ich ja jetzt gehen.«
»Nein.« Zoe darf mich nicht verlassen. Weder für Max, noch für die verfickte Nero Investment Group. »Ich …«
Ich kann ihr das nicht sagen. Unmöglich.
»Ich …«
Öffne dich! Vanessas Worte dröhnen durch meinen Kopf. Aber ich kann Zoe nicht sagen, dass sie mich verwirrt. Dass ich selbst nicht mehr weiß, was mit mir los ist, seit Max sie um ein Date gefragt hat. Und er sie um den Verstand vögelt. Verfluchtes Kopfkino! Also sage ich das Einzige, was plausibel genug klingt, um sie zufrieden zu stellen.
»Ich habe meine Ex-Freundin am Sonntag getroffen.«
Wenn sie überrascht ist, lässt sie sich nichts anmerken. Stattdessen nickt sie knapp und schaut mich auffordernd an.
»Sie heiratet in zwei Wochen«, ergänze ich lahm, auch wenn diese Tatsache nichts mit dem Chaos in meinem Kopf zu tun hat.
»Und das hat dich ganz offensichtlich umgehauen. Willst du noch etwas von ihr?«
»Nein!« Die Antwort kommt schnell, zeigt, wie ernst sie mir ist.
»Was ist dann das Problem?«
Kann sie nicht nur neben mir sitzen? Ohne all diese nervtötenden Fragen?
Öffne dich, Cedrik!
Ich fahre mir mit den Händen über das Gesicht, wische die Müdigkeit weg.
»Sie … sie hat mir vorgeworfen, dass ich sie nie geliebt habe. Dass ich sie als Schmuckstück gesehen habe, aber nie als Partnerin.«
»Stimmt das?«
»Vielleicht. Aber es war einfacher, ihr die Schuld am Scheitern unserer Beziehung zu geben. Sie hat mich betrogen, sie hat mich verlassen. Und verdammt, mich verlässt man nicht.« Ok, jetzt ist es raus. Ich habe definitiv ein Ego-Problem.
Zoe schmunzelt, sagt aber nichts. Mir ist nicht nach schmunzeln, mir ist noch nicht einmal nach einem schwachen Lächeln.
»Ich bin verdammt einsam, Zoe. Ja, ich habe Max und die Arbeit. Und meine Familie, also zumindest meine Mutter, die mich mag. Aber um die Gunst meines Vaters habe ich mein Leben lang gekämpft und bis zum heutigen Tag immer gegen meinen Bruder verloren. Ich war immer unglaublich beliebt, ich weiß, dass alle zu mir hochgesehen haben. Hast du eine Vorstellung davon, wie anstrengend das sein kann? Und dabei war ich nichts anderes, als irgendein armer Trottel, dem es unglaublich wichtig war, wie er dasteht. Das hat Vanessa erkannt, deshalb hat sie mich verlassen.« Ich fühle mich leer. Meine Seele brennt, weil es vermutlich das erste Mal ist, dass ich so klar ausspreche, was mich bewegt.
Zoe steht auf, zieht sich ihre Jacke aus. »Ich nehme auch einen«, sagt sie in Andrews Richtung. Dann sieht sie zu mir. Ihre grünen Augen finden meinen Blick, lassen mich den Schmerz in meinem Inneren für einen kurzen Moment vergessen.
»Es ist immer ein erster Schritt zu erkennen, was für ein Arschloch man ist. Und da ich nie gedacht hätte, dass Cedrik Baumann sich ausgerechnet mir einmal offenbart, werde ich das heute Abend gebührend feiern. Machst du mit?«
Sie hält mir ein volles Whiskeyglas hin.
Ich starre sie verblüfft an. Dann greife ich nach meinem Glas, das wie durch Zauberhand gefüllt wurde, und stoße mit ihr an.
»Oh ja, Baby, ich bin dabei!«

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2 thoughts on “Zimtsternzauber: Tag 12

  1. Träume ich, oder war der Blog heute länger!? Es war wie immer ein Genuss ihn zu lesen!! Super Izzi!!

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