Zimtsternzauber: Tag 13

Verlorene Träume

Zoe

Ein leises Schnarchen dringt in mein Ohr. Ein warmer Luftzug streichelt meine Wange, kitzelt mich, lässt mich lächeln. Ich drehe meinen Kopf zur Seite, blinzle, und reiße erschrocken die Augen auf. Neben mir liegt Cedrik. Schlafend. In seinem Bett.
Schlagartig bin ich hellwach. Erinnerungen stürzen auf mich ein, Bilder von letzter Nacht. Wir beide in der Bar, Cedrik, der auf einmal über seine Probleme und Gefühle spricht, Andrew, der uns immer weiter mit neuen Getränken versorgt. Wir beide später im dunklen Hotelflur, mein vernebelter Verstand, der nur noch registriert wie unfassbar sexy dieser Kerl ist, mein Körper, der darum bettelt, ihm näher zu kommen.
Bis zu dem Moment, als mir Cedrik vor die Füße kotzt.
Und leider bis in die frühen Morgenstunden nicht mehr aufhört, warum ich ihn auch nicht alleine auf seinem Zimmer gelassen habe.
Uff, Zeit zu verschwinden, bevor das hier peinlich wird.
Ich bin gerade dabei mich aus dem Bett zu winden, als Cedrik sich zur Seite dreht. Erschrocken halte ich die Luft an, aber nichts passiert, er schläft weiter. Die Decke ist von seiner Schulter gerutscht und mein Blick wandert wie magisch angezogen über seinen muskulösen Oberkörper. Über seine definierten Muskeln, die nackte Brust, die sich mit jedem Atemzug leicht hebt, zu seinem Bauchnabel und schließlich zur Bettdecke, die den unteren Teil seines Körpers verdeckt. Hitze breitet sich in mir aus und meine Kehle fühlt sich an wie zugeschnürt. Meine Hand zuckt, wandert langsam über das weiße Laken, doch im letzten Moment kann ich mich zurückhalten. Scheiße, was tue ich hier? Allerhöchste Zeit zu verschwinden!
Fünf Minuten später habe ich das Zimmer verlassen und stehe in meinem eigenen Hotelzimmer unter der Dusche. Kalt. Um endlich wieder zur Besinnung zu kommen, vor allem aber, um meinen erhitzten Körper herunterzufahren. Das kann so nicht weitergehen. Cedrik ist mein Chef. Und ja, ich war in ihn verknallt, vor langer Zeit. Aber ich bin es nicht mehr, das ändert auch ein Abend voller Offenbarungen und ehrlicher Geständnisse nicht. Ganz sicher.

***

Es riecht nach Zimt. Nach Koriander, Anis, Fenchel, Kümmel, nach allen möglichen Gewürzen, deren Namen ich nicht einmal kenne. Und nach Cedrik, weil er viel zu dicht neben mir steht und gerade an einer Kelle mit Safran schnüffelt.
»Wann haben Sie Ihr Start-up gegründet?«, fragt er eine junge Frau mit kurzen roten Locken, die dabei ist, verschiedene Gewürze in eine Schüssel zu füllen.
»Die Idee hatten wir schon vor vier Jahren. Richtig erfolgreich wurden wir allerdings erst, als die Nero Investment Group uns finanziell unterstützt hat. Wir konnten in diese Räumlichkeiten umziehen, noch einen Mitarbeiter einstellen und unseren Versandhandel ausweiten. Mittlerweile haben wir sogar Kunden aus Kalifornien.«
Die junge Frau, Julia, lächelt zögerlich. Ihr Blick geht an mir vorbei zu Jordan, der auf meiner anderen Seite steht und nickt. Als würde er bestätigen, was sie sagt.
Wir sind in der Schatzkammer. Einem Unternehmen, das sich auf Gewürzmischungen spezialisiert hat und das mithilfe der Nero Investment Group erfolgreich wurde. In unserem Meeting gestern haben uns Alex und Jordan verschiedene Start-ups vorgestellt, die sich ihrer Meinung nach perfekt für die Kampagne eignen. Mit diesen werden wir Videos für eine Social Media Kampagne drehen, Fotos machen und Interviews führen. Heute geht es zunächst um einen ersten Eindruck, die eigentliche Arbeit fängt nach Weihnachten an.
»Woher beziehen Sie die Gewürze?«, frage ich und mache ein paar Schritte zur Seite. Weg von Cedrik und Jordan, deren testosterongesteuertes Gehabe mich heute Morgen in den Wahnsinn treibt.
Wieder sieht Julia zu Jordan und ich werde den Eindruck nicht los, dass er sie maßlos verunsichert. »Das ist unterschiedlich. Zum Teil aus Mittelamerika, aber auch aus Chile, Brasilien und aus anderen Bundesstaaten der USA.«
»Und die Gewürzmischungen vertreiben Sie überwiegend online?«, erkundigt sich Cedrik und begutachtet die bunten Metalldosen, in denen sich die verschiedenen Mischungen der Schatzkammer befinden.
»Ja.«
Ich lasse die drei alleine und gehe neugierig in einen angrenzenden Raum. Hier stapeln sich Kisten in Regalen, Stoffsäcke liegen auf dem Boden und leere Metalldosen für die Abfüllung sind fein säuberlich in einer Ecke gestapelt. Es ist beeindruckend, was Julia mit ihrem Ehemann hier aufgebaut hat. Und ich verstehe auch, warum uns Jordan heute Morgen hierher gebracht hat. Ein erfolgreiches, sympathisches Start-up – perfekt für die Kampagne. Dennoch macht mich irgendetwas stutzig. Vielleicht ist es der unsichere Blick, den die junge Unternehmerin immer wieder zu Jordan wirft, vielleicht auch, dass die Räumlichkeiten viel zu klein sind und ich außer Julia und ihrem Mann keinen weiteren Mitarbeiter gesehen habe.
»Zoe?«
Überrascht drehe ich mich herum. Hinter mir steht Julia.
»Ich schaue mir nur Ihr Lager an«, rechtfertige ich meine Neugier. »Es ist wirklich toll, was Sie sich aufgebaut haben.« Schiebe ich noch hinterher, weil ich höflich sein möchte. Und weil es auch stimmt.
»Ja.« Sie wirkt noch verunsicherter als vor wenigen Minuten. »Kann ich kurz mit Ihnen sprechen?«
»Sicher!« Das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt, wird immer dringlicher. Die junge Frau geht weiter in den Raum hinein, sodass sie außer Sichtweite von Cedrik und Jordan ist, die sich im Vorraum leise unterhalten.
»Jordan hat uns informiert, dass Sie eine große Marketingkampagne für die Nero Investment Group machen werden.«
»Richtig«, stimme ich ihr zu. »Wir wollen auch andere Start-ups auf die Group aufmerksam machen, damit noch mehr Personen die Chance bekommen, ihre Ideen zu verwirklichen.«
Ein merkwürdiger Ausdruck huscht über ihr Gesicht. Statt mir zu antworten, beißt sie sich auf die Unterlippe und ich erkenne deutlich, dass sie mit sich kämpft. »Welche anderen Start-ups schauen Sie sich denn noch an?«, fragt sie schließlich.
»Wir wollen heute noch zu Easy Ice. Morgen Vormittag besuchen wir ein weiteres Start-up, bevor wir dann im neuen Jahr dann richtig durchstarten«, erkläre ich ihr lächelnd. Vermutlich hat sie einfach Angst, dass ihr Unternehmen neben den anderen Start-ups untergeht.
Julia nickt. Wieder wirkt sie in sich gekehrt, dann greift sie mit der Hand in ihre hintere Hosentasche.
Überrascht nehme ich den Zettel entgegen, den sie mir schließlich hinhält. »Hier, nehmen Sie das. Das sind Adressen von Start-ups, die die Nero Investment Group ebenfalls unterstützt hat.«
Zögerlich falte ich den Zettel auseinander und sehe fünf Anschriften darauf. »Ähm … das ist nett, danke. Aber Jordan hat uns bereits Start-ups genannt und ich denke nicht, dass wir …«
»Sie dürfen keine Kampagne für diese Firma machen.« Sie hat ihre Stimme merklich gesenkt und immer wieder huscht ein unsicherer Blick in Richtung Tür. Aber von Cedrik und Jordan ist nichts mehr zu hören oder zu sehen. »Sie hat uns nichts als Ärger gebracht. Sie zwingt uns, diese Kampagne mitzumachen, andernfalls sind wir ruiniert. Sind wir sowieso schon«, ergänzt sie resigniert.
»Was?« Ich muss mich verhört haben.
»Fahren Sie zu den Adressen. Schauen Sie es sich selbst an, wenn sie mir nicht glauben!« Ihr ängstlicher Blick wird eindringlich. Gehetzt.
»Zoe?« Cedrik.
Julia versteift sich, schaut mich ein letztes Mal auffordernd an, bevor sie ein unverbindliches Lächeln auf ihr Gesicht zaubert.
»Wir sind hier«, antwortet sie statt meiner.
Meine Hand schließt sich um den Zettel und unauffällig lasse ich ihn in meiner Manteltasche verschwinden.
»Wir sind fertig. Ich würde gerne weiter.« Cedrik erscheint am Türrahmen, hinter ihm Jordan, der Julia misstrauisch mustert. Er war mir gestern schon nicht sympathisch, wirkte aufgesetzt und übertrieben freundlich. Aber hat er Julia tatsächlich gezwungen, bei der Kampagne mitzumachen? Aus welchem Grund? Und was sind das für andere Start-ups, die auf ihrem Zettel stehen?

***

Am Abend kreisen meine Gedanken immer noch um den Zettel mit den Adressen. Ich habe zwischenzeitlich die Anschriften gegoogelt, auch die Namen überprüft, jedoch ohne viel zu finden. Nur zu einer Adresse, die ebenfalls in New York ist, konnte ich eine alte Website ausfindig machen. Ein kleines Unternehmen, das sich auf vegane Snacks spezialisiert hat. Allerdings ging aus der Website nicht hervor, ob es noch geöffnet ist.
»Was möchtest du?« Cedriks Frage reißt mich aus meinen Grübeleien und ich sehe erschrocken von der Speisekarte auf. Nach dem zweiten Besuch bei Easy Ice, einem Start-up, das Eiscreme aus Pulver für zuhause erfunden hat, haben wir uns von Jordan verabschiedet und sind in ein Burger-Restaurant gegangen. Ich habe den ganzen Tag kaum etwas gegessen und nach der letzten Nacht, braucht mein Magen dringend etwas Substanzielles.
»Ich nehme einen Cheeseburger und eine Sprite«, lasse ich Cedrik verspätet wissen, der sich bereits erhoben hat und nun zur Bar durchdrängelt, um unsere Bestellung aufzugeben.
Ich folge ihm mit meinem Blick und kurz lenkt mich seine Gestalt von den Grübeleien um die Nero Investment Group ab. Ich habe Cedrik bisher nichts von dem Zettel erzählt. Er würde mich auslachen, wenn ich ihm davon berichte. Ihm ist dieser Auftrag wichtig, das hat er mehr als einmal deutlich betont. Und nach gestern Abend weiß ich auch, was dahinter steckt. Er steht unter gewaltigem Druck, seinem Vater zu beweisen, dass er die Firma führen kann. Dass er ebenso erfolgreich ist, wie dieser. Cedrik war gestern so offen und ehrlich wie noch nie mir gegenüber. Nicht, dass wir uns regelmäßig unsere innersten Ängste ausschütten, genaugenommen haben wir uns vor gut einer Woche das erste Mal seit 12 Jahren gesehen. Dennoch hat er mich überrascht. Und ich bin mir noch nicht sicher, wie ich das finden soll.
Fünf Minuten später ist Cedrik mit zwei Cheeseburgern zurück. Einen gibt er mir, bevor er in atemraubenden Tempo beginnt, seinen eigenen zu verschlingen. Unwillkürlich muss ich lächeln, als ich beobachte, wie er sich über sein Essen hermacht. Er wirkt sehr viel jünger dabei, fast wie der Junge, in den ich verliebt war. Oh nein, ganz falsche Richtung!
Cedrik hält inne, lässt seinen Burger sinken und legt den Kopf schief. »Du himmelst mich gerade an, oder?«
Oh, Mann!
»Nein.« Meine Antwort verschwindet zwischen einer halben Kuh mit Käse und trockenem Brötchen.
Seine Mundwinkel zucken und in seinen Augen blitzt es schelmisch auf. Er weiß genau, was Sache ist. »Zoe, kann ich dich etwas fragen?«
»Klar«, antworte ich souverän zwischen zwei Bissen. Cedrik war ruhiger heute, nachdenklich. Und es lief beinahe harmonisch zwischen uns. Allerdings haben wir bisher auch mit keinem Wort über letzte Nacht gesprochen.
»Gestern Nacht, nachdem du mich auf mein Zimmer gebracht hast, lief da noch was?«
Ein Stück Brötchen kratzt in meiner Kehle, lässt mich husten und nach Luft hecheln. Tränen schießen mir in die Augen und verzweifelt versuche ich, wieder zu atmen. Mit letzter Kraft greife ich nach meinem Wasserglas und nehme einen rettenden Schluck. Ich nutze den einen Moment, um die Tränen aus meinen Augen zu blinzeln, die nicht nur aufgrund des Brötchens plötzlich hervorgeschossen sind. Denn ich weiß nicht, was mich in diesem Moment mehr verletzt. Die Tatsache, dass er sich, wäre etwas zwischen uns passiert, nicht einmal erinnert, oder der panische Unterton in seiner Stimme. Meine Gefühle überfordern mich, pressen meinen Brustkorb zusammen, lassen mich erzittern. Denn mit einem Schlag ist mir klar, dass ich mir etwas vormache. Ich bin immer noch das kleine Mädchen vom Schulhof, das auf ein leises Zeichen der Zuneigung hofft. Und immer wieder aufs Neue enttäuscht wird.

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