Zimtsternzauber: Tag 14

Wer ist hier der Chef?

Cedrik

»Nein, wir bleiben nicht über das Wochenende, ich bin morgen früh wieder zurück.«
Die Person am anderen Ende der Leitung sagt etwas. Zoe sieht zu mir und eine leichte Röte kriecht auf ihre Wangen.
»Ja. Dem geht es gut.«
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, woraufhin Zoe mit den Augen rollt. Wir sitzen in einem Taxi in Richtung Hotel, nachdem wir uns heute Morgen gemeinsam mit Jordan ein drittes erfolgreiches Start-up angesehen haben. Zoe telefoniert seit zehn Minuten mit Tina. Zumindest vermute ich das, denn sie schrille Stimme, die durch das Telefon bis zu mir dringt, klingt verdächtig nach meiner Mitarbeiterin.
»Nein, wir haben nicht …« Sie bricht ab, beißt sich auf ihre Lippen und wird knallrot.
Mmh. Was haben wir nicht?
Die Antwort durch das Telefon ist eindeutig. Und bringt mich zum Lachen.
»Oh doch, wir haben miteinander geschlafen«, sage ich so laut, dass Tina es ganz sicher hört. »Zumindest haben wir geschlafen.«
Eine Faust boxt mich in die Seite.
Zoe verabschiedet sich mit kurzen Worten von ihrer Freundin und funkelt mich anschließend wütend an. »Was fällt dir ein?«
Gute Frage. Wenn ich eine Antwort darauf wüsste, wäre ich schon einen Schritt weiter. Aber seit Mittwochnacht weiß ich gar nichts mehr. Ich fühle mich seltsam befreit. Leicht, beinahe beschwingt. So, als wäre eine schwere Last von meinen Schultern genommen und das alles nur, weil ich Zoe im betrunkenen Zustand mein Herz ausgeschüttet habe.
»Hey, ich habe nur die Wahrheit gesagt.«
»Wir haben geschlafen, Cedrik! Zu mehr wärst du nach deinem Alkoholkonsum auch nicht in der Lage gewesen.«
»Unterschätze mich nicht«, raune ich in ihre Richtung und stelle amüsiert fest, wie eine leichte Röte auf ihre Wangen kriecht.
»Arschloch!«, patzt Zoe zurück und wendet sich ab. Sie ist sauer. Und nach meiner wenig feinfühligen Frage gestern, ob etwas zwischen uns gelaufen sei, wovon ich nichts mehr weiß, wundert mich das auch nicht. Aber, sorry, das ganze Bett hat nach ihr gerochen, als ich aufgewacht bin, da darf man doch bitte nachfragen.
Mir entweicht dennoch ein ergebener Seufzer. Ich habe den Bogen überspannt, aber es macht einfach zu viel Spaß, Zoe zu ärger.
»Wie fandest du das Start-up heute Morgen?«, frage ich und werfe einen kurzen Blick aus dem Fenster. Matschige Schneeflocken kleben an der Scheibe, dahinter graue Hochhäuser, die kaum einen Blick auf den Himmel freilassen. Vorbeieilende Menschen mit Plastiktüten und Taschen hetzen über die Bürgersteige, mindestens die Hälfte von ihnen hat den Blick auf ein Smartphone in der Hand gerichtet. Das übliche Treiben einer Großstadt, dass den Einzelnen in der Masse verschwinden lässt.
»Interessant.«
Ich warte, dass sie ihre Aussage noch etwas ausführt, aber es kommt nicht mehr. Stirnrunzelnd drehe ich mich zu ihr. Auf ihrer Stirn entdecke ich mehrere kleine Falten und ihre Augen starren auf ihre verkrampften Hände.
»Hattest du nicht auch den Eindruck, dass sich das alles zu gut zusammenfügt?«, bricht es plötzlich aus ihr heraus und der forsche Blick aus ihren grünen Augen wirft mich beinahe um. Eine Sekunde bleibe ich daran hängen, vergesse, was sie gesagt hat, bis ein warmes Gefühl durch meinen Körper kribbelt. Fuck, was ist das denn?
»Wie meinst du das?« Abrupt reiße ich mich los, sehe auf die grauen Bezüge der Autositze.
»Ich hatte einfach das Gefühl, als würde die drei Start-ups die Nero Investment Group zu sehr loben. Als wäre alles, was sie uns sagen, ein wenig gekünstelt. Außerdem finde ich Jordan unsympathisch.«
»Dir ist schon klar, dass er dein neuer Chef ist, wenn du den Job annimmst?« Darüber haben wir bisher nicht gesprochen.
»Darum geht es jetzt nicht. Hörst du mir überhaupt zu?« Vor lauter Wut bekommt sie rote Flecken auf ihren Wangen und das Grün ihrer Augen wird dunkler. Ob sie auch so aussehen, wenn sie Sex hat?
»Cedrik!«
»Ja!«, brülle ich so laut, dass mir der Taxifahrer einen misstrauischen Blick über den Rückspiegel zuwirft. Konzentrier dich, Mann! Es geht hier um das Geschäft! Aber Zoe hat irgendetwas mit mir am Mittwochabend gemacht. Irgendetwas, dass mich wahnsinnig macht, dass mich nicht mehr klar denken lässt. Dass plötzlich ein warmes Kribbeln in meinem Körper hervorruft, wenn sie in meiner Nähe ist. Fuck! Ich muss diese Frau so schnell es geht vögeln, dann hören auch diese schwachsinnigen Gefühle auf.
»Ja, ich fand es auch zu stimmig«, gebe ich verzögert zu.
Zoe mustert mich skeptisch. So als würde sie sich fragen, ob ich noch zurechnungsfähig wäre. Was ich seit einer Woche nicht mehr bin. Zumindest fühle ich mich nicht so.
»Jordan ist ein Arschloch«, beginne ich und schiebe gedanklich alles andere als diesen Auftrag aus meinem Kopf. »Die Start-ups, die wir uns angeschaut haben, waren großartig. Gute Ideen, nette Leute. Aber die Zahlen haben vorne und hinten nicht gestimmt. Max hat für mich ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass der Absatz, den die Start-ups generieren, niemals langt, um Gewinn zu machen.« Wie zur Hölle Max das herausgefunden hat, will ich gar nicht wissen. Aber ich vertraue meinem Kumpel. Vor allem nachdem ich weiß, dass er nicht mit Zoe geschlafen hat. Beste Freunde erzählen sich so etwas untereinander.
Zoes Augen werden kugelrund. »Und das sagst du mir nicht?«
»Das wollte ich noch«, verteidige ich mich abwehrend.
Das Taxi hält an, wir sind vor unserem Hotel angekommen. Schweigend steigen wir beide aus, nachdem ich bezahlt habe. Ich bin schon fast im Foyer, als mich Zoe am Arm festhält.
»Julia«, beginnt sie zögerlich. »Die Inhaberin aus der Schatzkammer meinte zu mir, dass wir die Kampagne auf gar keinen Fall machen dürften. Die Nero Investment Group hätte sie gezwungen bei der Kampagne dabei zu sein, sonst wären sie ruiniert. Sie hat mir eine Liste gegeben.« Sie kramt in ihrer riesigen Handtasche herum und zieht einen kleinen weißen Zettel hervor. »Das hier sind Adressen von anderen Start-ups, die die Nero Investment Group ebenfalls finanziert hat.«
»Und?« Nervosität packt mich. Ich werde unruhig. Ja, ich hatte ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Sache. Wenn ich ehrlich bin, von Anfang an. Aber dieser Zettel mit anderen Unternehmen ist haarsträubend.
»Ich will, dass wir dahinfahren.«
»Um was zu beweisen?«, frage ich kopfschüttelnd. In drei Stunden geht unser Flug. Ich habe noch einen Arsch voll Arbeit, mal ganz abgesehen davon, dass mein Vater zuhause auf mich wartet. Und dem kann ich keine Story von ominösen Zetteln erzählen.
»Dass hier irgendetwas nicht stimmt. Das erste Unternehmen auf der Liste sitzt auch hier in New York. Wir können hinfahren, es uns ansehen, und wenn alles gut ist, heute noch fliegen.«
»Nein.« Es ist Irrsinn. Auch wenn mir ein dumpfes Gefühl sagt, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr herauskomme.
»Warum nicht? Was hast du zu verlieren?«
Sie kann es nicht wissen. Ich habe es ihr nicht gesagt. Aber eine Sache stört mich an diesem ganzen Projekt am allermeisten und das ist mein Vater. Warum kam dieser Auftrag direkt über ihn herein, anstatt durch eine normale Ausschreibung? Warum konnte ich in Brunners Unterlagen nichts über die Nero Investment Group finden? Und warum zur Hölle kennt Jordan ihn persönlich und mein Vater sagt es mir nicht?
Endlich ist mein Vater stolz auf mich, zufrieden mit dem, was ich tue. Ich kann diesen Auftrag nicht vermasseln, egal, wie merkwürdig mir das Ganze erscheint. Wir können Zoes Vermutung nicht nachgehen, ich will es nicht, weil ich Angst habe vor dem, was ich finden könnte.
»Ich fahre.« Ihre Augen blitzen mich entschlossen an. »Entweder kommst du mit, oder du lässt es. Aber ich will wissen, was dahintersteckt.«

***

Mein Brustkorb wird zusammengequetscht und ich habe Mühe, den nächsten Atemzug zu tun. Das kann einfach nicht wahr sein!
»Bist du sicher, dass die Adresse stimmt?«, frage ich bestimmt zum dritten Mal.
Zoe rollt mit den Augen und streicht sich eine Schneeflocke aus dem Gesicht. »Ja.«
Wir stehen vor einem heruntergekommenen Laden mit einem großen Schaufenster, in dem in den letzten Wochen sicher keine Snacks produziert worden sind. Über einer Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift Veggie & Vegan Imbiss. Doch ein Blick durch das Schaufenster zeigt einen verlassenen Laderaum, der außer ein paar leere Stühlen und Tischen niemanden mehr beherbergt.
»Hier ist nichts mehr.« Stelle ich das Offensichtliche fest.
»Es ist aber die erste Adresse auf Julias Liste.« Zoe hält mir den Zettel vor die Nase, als würde das verdammte Stück Papier etwas an der Situation ändern.
Es war ein Fehler, mit ihr herzukommen. Es war ein Fehler, sich auf diese vage Vermutung einzulassen. Aber jetzt stehen wir vor einem verlassenen Laden, in dem nichts und niemand mehr ist.
»Vielleicht ist das überhaupt kein Start-up, das die Investment Group finanziert hat. Sondern einfach nur eine gescheiterte Imbissbude?« So leicht lasse ich mich nicht blenden.
Zoe schweigt. Sie zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne und kaut darauf herum. Kurz bin ich abgelenkt, mein Blick ist gefangen von ihren roten Lippen, die ich plötzlich mit völlig anderen Dingen assoziiere, aber dann holt mich die Realität wieder ein.
»Möglich«, gibt Zoe zu. »Aber warum sollte Julia uns dann warnen? Was hätte sie davon, wenn wir die Kampagne nicht machen? Ganz im Gegenteil, ihr käme das sogar zugute.«
»Vielleicht hatte sie einfach einen schlechten Tag. Oder sie hat persönlich etwas gegen Jordan, was ich ihr nicht verdenken kann.«
»Oder es stimmt doch etwas nicht.« Entschlossenheit steht in Zoes Augen, als sie mich jetzt eindringlich mustern. Und ich weiß in diesem Moment, dass, egal was ich sage, sie ihren Kopf durchsetzen wird. Wann genau haben wir eigentlich die Rollen getauscht? Bin nicht ich hier der Chef, der sagt, wo es lang geht?
»Zoe, unser Flug geht in weniger als zwei Stunden. Wir müssen zum Flughafen, wenn wir morgen wieder in Deutschland sein wollen.« Das Schneetreiben um uns herum ist stärker geworden und die Kälte lässt mich langsam frösteln. Wir sollten sowas von dringend zum Flughafen zurück!
»Oder wir fahren zu noch einer Adresse. Und schauen, ob wir da mehr herausbekommen.«
»Nein.«
Sie steht so dicht vor mir, dass mir ihr Geruch nach Zimt wieder in die Nase steigt. Aber davon lasse ich mich diesmal nicht beeindrucken. Ich ziehe meine Augenbrauen zusammen, funkle auf sie nieder und strotze nur so vor Autorität. Wir müssen nach Hause.
»Willst du denn gar nicht wissen, was dahinter steckt? Willst du wirklich eine Kampagne für ein Unternehmen machen, das am Ende korrupt ist? Julia sagt, sie haben sie ruiniert. Und hier stehen wir vor einem geschlossenen Laden. Irgendetwas stimmt hier nicht, Cedrik!«
»Nein.« Meine Stimme klingt hart. Entschlossen.
Das Grün in Zoes Augen wird dunkler, funkelt mich zornig an. Wie eine dunkle Tanne, deren Zweige im Wind toben.
»Ist es wegen deines Vaters?«
Ich zucke zusammen. Nein! Nein. Nein. Nein.
»Ich weiß, dass dieser Auftrag wichtig für dich ist, Cedrik. Ich weiß, dass du ihm damit zeigen willst, dass du erfolgreich bist. Aber gerade deshalb sollten wir der Sache nachgehen.«
Ihre Stimme ist leise, hat etwas schmeichelhaftes und trifft mich tief in meinem Inneren. Zoe weiß genau, wie es in mir aussieht. Sie kennt meine Ängste, meinen Ehrgeiz, meinen Stolz. Warum habe ich ihr nur so viel erzählt?
»Also gut«, sage ich ergeben, weil ich kaum noch klar denken kann. In mir ist Angst, Widerwillen, Trotz, aber vor allem auch die Gewissheit, dass ich einen großen Fehler mache. Ganz egal, wie diese Geschichte ausgeht. »Wo müssen wir hin? Wenn es schnell geht, können wir den nächsten Flieger nehmen und kommen morgen halt etwas später zu Hause an.«
Zoe presst kurz die Lippen zusammen. »Das nächste Start-up ist nicht in New York. Es ist in Newfane.«
Meine Augenbrauen heben sich überrascht. »Wo zur Hölle liegt Newfane?«

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