Zimtsternzauber: Tag 15

Schneetreiben

Zoe

Newfane liegt etwas 630 Kilometer nordwestlich von New York. Ein kleiner Ort in Vermont, in dem es im Dezember höchstens -5°C warm ist. Mit dem Flugzeug wäre es ein Klacks gewesen, dorthin zu kommen, doch da der Flughafen in New York aufgrund des schlechten Wetters den Betrieb eingestellt hat, haben wir uns kurzerhand ein Auto gemietet. In dem sitzen wir nun seit gestern Abend, mit einer Unterbrechung über Nacht in einem kleinen Motel. Laut unserem Navigationsgerät sind es immer noch 243 km bis Newfane und jeder, der in den USA schon einmal mit dem Auto unterwegs war, weiß, dass sich die Strecken dort ziehen. Hinzu kommt, dass es seit gestern Mittag schneit. Weiße dicke Flocken, die gegen die Scheibe unseres kleinen Toyotas fliegen, schmelzen und schmutzige Schlieren zurücklassen.
Cedrik fährt, schweigend, nachdem er die letzten Stunden damit verbracht hat, mir zu erklären, wie unsinnig er die gesamte Aktion findet. Dennoch ist er mit mir unterwegs, so ganz geheuer kann ihm die Nero Investment Group also nicht sein.
Tina: Das wäre ja echt der Knaller!
Zoe: Allerdings! Auch wenn ich mir immer noch nicht vorstellen kann, was genau die Group getan haben soll.
Tina: Geld versprochen und keines geliefert?
Zoe: Sowas in die Richtung. Dann müssten wir sie anzeigen, oder?
Tina: Schon, denke ich.
Tina: Habt ihr eigentlich in einem Zimmer geschlafen?
Erschrocken zucke ich zusammen und starre ungläubig auf mein Handy. Dann rolle ich mit den Augen, weil meine Freundin es natürlich nicht lassen kann, nach Cedrik zu fragen.
Zoe: Nein. Jeder hatte sein Eigenes.
Gott sei Dank! Es langt, dass wir in diesem kleinen Auto auf so engem Raum zusammen sitzen. Und sich Cedrik seit seiner kolossalen Fragen nach Mittwochnacht merkwürdig benimmt. Zwischenzeitlich hatte ich fast den Eindruck, als flirte er mit mir. Und das ist etwas, was meine sowieso schon chaotischen Gefühle noch mehr in Aufruhr bringt.
»Oh man, spielen die auch nochmal etwas anderes?« Cedrik flucht laut, greift zum Radio und verstellt den Sender. Statt Jingle Bells Rock dröhnt jetzt irgendein Popgedudel durch unser Auto.
»Hast du etwas gegen Weihnachten?«, frage ich überrascht angesichts seines Ausbruchs.
»Ich hasse Weihnachten!« Er sieht zu mir herüber, die Nase gerümpft, den Mund angewidert verzogen.
»Warum? Es ist doch eine schöne Zeit. All die Lichter, die besinnliche Musik, die Geschenke …« Ich kuschle mich tiefer in meinen Sitz und ein verträumtes Lächeln schleicht sich in mein Gesicht. Dann fällt mir ein, dass ich dieses Jahr ohne Oliver feiern werde, alleine mit meinen Eltern und die gute Laune verfliegt schlagartig. Stattdessen krampft sich mein Magen zusammen und Tränen schießen mir in die Augen. Ich sollte nicht an Oliver denken. Nie wieder!
»All der Kitsch, all die Personen, die in der Zeit vor Liebe überquellen …«, entgegnet Cedrik ironisch, bricht aber plötzlich ab. »Ist alles in Ordnung?«
Ich beobachte die Schneeflocken. Wie sie an meiner Scheibe vorbeifliegen, ihren Weg finden zu der dicken, weißen Decke, die mittlerweile den Seitenstreifen bedeckt. »Ich musste nur gerade an meinen Ex-Freund denken«, gebe ich ehrlich zu und verteufle meine zittrige Stimme.
»Er ist ein Arsch!«
Einfach, platt, aber wahr. Ich beuge mich nach vorne, wühle in meiner Tasche nach einem Tempo. Mein Schneuzen dröhnt laut durch das Auto und unterbricht Tina Turner, die gerade Simply The Best aus dem Radio schmettert.
»Es waren trotzdem sechs Jahre. Und wir hatten eine gemeinsame Zukunft geplant.« Warum genau rede ich schon wieder mit Cedrik über meine Beziehung?
»Du willst ihm doch nicht etwas vergeben?«
»Wie kommst du darauf?«
»Du klingst danach.«
Seine Hände krampfen um das Lenkrad und er flucht vernehmlich. Was weniger an unserem Gespräch, als an dem immer dichteren Schneetreiben liegt. Mittlerweile kann ich kaum mehr als 100 Meter weit sehen.
»Ich habe dir schon einmal gesagt, dass die Planung, die du im Kopf hast, überhaupt nicht zu dir passt. Du kannst viel mehr, als nur Hausfrau und Mutter zu sein. Oder meine Assistentin.«
Seine Worte machen mich sauer, wie schon damals im Aufzug. Denn sie werten meine Träume ab, geben ihnen einen fahlen Beigeschmack.
»Es ist nichts Schlechtes daran, Hausfrau und Mutter zu sein. Ganz im Gegenteil.«
Cedrik wirft mir einen kurzen Blick zu. Er strotzt vor Überheblichkeit, als würde er genau wissen, was gut für mich ist.
»Ist es auch nicht. Es passt nur einfach nicht zu dir.«
Da Gespräch beginnt mich zu nerven. Er tut es.
»Du bist clever, Zoe. Du kannst dich durchsetzen und anderen genau sagen, wo es lang geht. Du suchst für dein Leben doch einen ganz anderen Mann.«
»Jemanden wie dich, meinst du?« Ich bin wütend. Und sein besserwisserisches Getue geht mir mittlerweile richtig auf den Senkel. Als wäre er der einzige Mann, der wirklich wüsste, was gut für mich ist.
»Sicher nicht.« Cedrik lacht auf. Ein Lachen, das durch meinen Körper fährt und schmerzende Spuren hinterlässt. Oh verdammt, Zoe, er ist dir mittlerweile viel wichtiger, als du zugeben willst.
»Fuck!«
Der Gurt schneidet in meine Jacke, ich werde nach vorne gerissen und greife mit den Händen erschrocken nach der Seitentür.
»Scheiße! So ein Mist, das darf doch einfach nicht wahr sein!«, schimpft Cedrik und haut wütend auf das Lenkrad.
Ich hebe meinen Blick und keuche erschrocken auf. Vor uns steht ein LKW quer auf der schneebedeckten Fahrbahn. Schneeflocken fallen unaufhörlich vom Himmel und haben bereits eine zentimeterdicke Decke auf dem Dach des Lasters gebildet.
»Was machen wir jetzt?« Meine Stimme fiepst ein wenig. Wir stehen Mitten in den USA. Im Schneetreiben. In einem winzigen Auto. Alleine.
Cedrik schließt frustriert die Augen. »Warten. Und hoffen, dass es heute noch weitergeht.«
»Im Auto?« Blöde Frage, wo denn sonst? Aber draußen ist es um die Null Grad kalt und der Schnee wird immer dichter. Vor meinem geistigen Auge steigen Horrorvisionen von uns beiden auf, erfroren irgendwo im Nirgendwo.
»So eine beschissene Idee«, wettert Cedrik los und seine Stimme überschlägt sich beinahe vor Wut. »Wie konnte ich mich auf so ein Hirngespinst einlassen? Ohne jeden Anhaltspunkt irgendeiner Adresse hinterherzufahren? Wir hätten nochmal mit Julia reden sollen, oder direkt mit Jordan.« Dafür ist es jetzt zu spät, aber ich unterlasse es, ihn darauf hinzuweisen.
»So eine Scheiße!« Er haut erneut auf das Lenkrad und fährt dann zu mir herum. »Mein ganzes Leben geht den Bach runter, seit du wieder aufgetaucht bist! Nichts läuft mehr richtig, ich habe Zoff mit Max wegen dir, ich trinke zu viel und weiß nicht mehr, was ich will. Und jetzt sitze ich in diesem bescheuerten kleinen Auto, mitten in diesem Schneesturm, obwohl ich eigentlich längst mit meinem Vater über die nächsten Schritte gesprochen haben sollte.«
Bitte?! Ich starre ihn an und kann einfach nicht glaube, was er eben gesagt hat. Die Situation zerrt an meinen Nerven, und dass Cedrik mir auch noch die Schuld an diesem Dilemma gibt, bringt das Fass zum Überlaufen.
»Sonst geht es dir aber noch gut, oder?«, brülle ich zurück und balle meine Hände zusammen, so wütend bin ich. »Was kann ich denn dafür, dass du Zoff mit Max hast? Oder dass die Nero Investment Group Dreck am Stecken hat? Oder dass du dich mit deinen 31 Jahren immer noch nicht von deinem Vater emanzipiert hast?« Ich atme tief durch, hole Luft. Cedrik schaut mich verblüfft an, aber die Wut flackert weiter in seinen Augen. Ich lasse mich davon nicht beeindrucken. Keine Minute länger bin ich der Fußabtreter für diesen egozentrischen Dreckskerl.
»Wir sitzen zusammen in diesem verdammten Schneesturm fest, Cedrik! Zusammen, denn ich sitze ebenfalls in diesem Auto, wie dir vermutlich aufgefallen ist. Stell dir vor, auch ich hatte etwas anderes geplant! Auch ich wäre jetzt lieber in Deutschland, als hier ausgerechnet mit dir festzusitzen. Aber du hast dein ganzes Leben immer nur an dich gedacht! Du lässt dich bedienen, du schreibst meine Hausaufgaben ab, du bist das Opfer in deiner Familie, das es dem Vater beweisen muss. Immer geht es nur um dich! Aber jetzt tut es das ausnahmsweise einmal nicht. Und ich bin es so leid, mich von dir ausnutzen zu lassen. Ich habe nicht die Schuld an deinen Problemen! Dafür bist du ganz alleine verantwortlich.«
Wow! 15 Jahre angestauter Wut und Frustration sind aus mir herausgebrochen. Aber es fühlt sich nicht besser an, als vorher. Ganz im Gegenteil. Plötzlich könnte ich heulen, weil mir alles zu viel ist.
Cedrik starrt mich an. Vermutlich bin ich die erste Person in seinem Leben, die ihm einmal gehörig die Meinung gesagt hat. Dann verändert sich sein Blick. Die Wut verschwindet, was bleibt, ist Überraschung. Und ein Hauch Verletzbarkeit. Meine Worte haben ihn getroffen, das sehe ich ihm deutlich an. Dennoch antwortet er mir nicht, sondern wendet sich ab. Lässt mich alleine mit meiner Verzweiflung, meiner Wut und dem Schmerz in meiner Brust, der mir klar und deutlich sagt, dass da so viel mehr ist, was ich Cedrik eigentlich sagen sollte.

***

Zwei Stunden später wird es langsam dunkel. Und es ist arschkalt. Meine Hände habe ich in meinem Schal verkrampft und meine Beine eng an mich gepresst, um den letzten Rest Wärme, der sich noch tapfer in meinem Körper hält, nicht zu verlieren. Der Laster steht immer noch vor uns. Und die Notdienstzentrale, die Cedrik zwischendurch informiert hat, hat uns mitgeteilt, dass sich vor Morgen früh niemand durch den Sturm kämpfen wird.
»Ok. Wir fahren zurück und übernachten irgendwo«, gibt sich Cedrik endlich meinem Drängen geschlagen. Ich wäre ja schon vor einer Stunde aufgebrochen, aber Mr. Oberklug wusste natürlich wieder einmal alles besser. Er dreht den Schlüssel herum, der Motor springt an. Aber als er Gas geben will, drehen die Räder durch. Immerhin stehen wir hier seit zwei Stunden, eingehüllt in eine wattige Schneedecke.
Cedrik atmet einmal tief durch. Das alles zerrt deutlich mehr an seinen Nerven, als er zugeben will. Aber mir ist viel zu kalt und ich würde den Teufel tun, ausgerechnet ihm auch noch Mitleidbekundungen auszusprechen.
»Ich gehe raus schieben. Du fährst.«
Widerwillig öffne ich die Tür, stolpere durch den Schnee an ihm vorbei, zurück ins Auto. Cedrik bleibt vor der Motorhaube stehen, stemmt sich dagegen und flucht so laut, dass ich ihn bis herein höre. Ich gebe Gas. Im zweiten Anlauf klappt es und ich fahre ein paar Meter, wende, bevor ich stehen bleibe und einen eingeschneiten Cedrik hereinlasse. Er trägt keine Mütze und auf seinen dunklen Haaren heben sich die Schneeflocken deutlich ab.
»Fahr!«, sagt er kurzangebunden und schlingt die Arme um sich.
Unsicher sehe ich ihn an. Ihm muss mindestens so kalt sein wie mir. Ich stelle die Heizung auf die höchste Stufe und gebe Gas.
Eine halbe Stunde später verlassen wir den Highway und finden kurz darauf ein kleines Motel am Straßenrand. In meinem ganzen Leben habe ich nie ein einladenderes Motel-Schild gesehen, das in warmem Gelb in die dunkle Nacht hinaus leuchtet.
Eine ältere Dame sieht uns mitleidig entgegen, nachdem wir uns aus dem Auto in ihre kleine Rezeption gekämpft haben.
»Haben Sie noch zwei Zimmer für die Nacht?«, frage ich freundlich und sehe mich kurz um. Das Motel wirkt überraschend familiär, getäfelte dunkle Holzwände, rote Vorhänge und ein Kamin in einer Ecke.
»Ein Zimmer habe ich noch, Liebes.«
Ein Zimmer. In einem Zimmer mit Cedrik. Das geht gar nicht. Doch dann sehe ich zu ihm, wie er nass und frierend vor dem Kamin steht. Und mich überschwemmt eine warme Welle an Mitgefühl. Mist! Der Kerl ist so ein Arschloch und dennoch kann ich nicht anders, als dass er mir leid tut. Einmal mehr verteufel ich mein Herz, das leider so gar nicht das macht, was mein Verstand sagt.
»Wir nehmen es.«
Die Dame händigt mir den Schlüssel aus und erklärt mir den Weg. Anschließend gehe ich zu Cedrik, fordere ihn auf, mir zu folgen. Als ich ihm erkläre, dass wir ein gemeinsames Zimmer haben, nickt er nur.
Das Zimmer ist klein und ebenso gemütlich eingerichtet, wie der Empfangsbereich. In einer Ecke steht ein runder Tisch, mit zwei Stühlen, eine Tür führt zu einem Bad und in der Mitte thront ein großes Doppelbett. Allein sein Anblick lässt mich hart schlucken und ein aufgeregtes Kribbeln flackert durch meinen Körper. Die Gewissheit, dass ich heute Nacht neben Cedrik liegen werde, macht mich nervös. Mehr, als es sollte.
»Ich gehe duschen.« Cedriks Worte holen mich aus meinen Gedanken. Er hat bereits seine Jacke über einen der Stühle gehängt und zieht in diesem Moment seinen Pullover aus.
»Ok.« Meine Stimme quietsch ein wenig, weil sich mein Hals augenblicklich anfühlt wie zugeschnürt. In Windeseile rennt ein heißer Schauer über meine Haut, mein Mund wird trocken, doch ich kann den Blick nicht abwenden. Cedrik ist schlank, muskulös, und seine nackten Arme spannen sich an, als er nach seiner Hose greift und auch diese auszieht. Sein Griff geht an seine Unterhose, als er plötzlich innehält und zu mir schaut.
Mein Herzschlag donnert in meiner Brust und hitziger Schweiß überzieht meinen Körper. Mein flacher Atem ist hektisch und dabei stehe ich immer noch erstarrt in meiner Winterjacke an Ort und Stelle.
Cedrik legt den Kopf schief und seine Mundwinkel zucken amüsiert. »Den Rest meines Körpers heben wir uns für ein anderes Mal auf.« Er zwinkert und verschwindet im Bad. Und ich stehe immer noch wie eingefroren mitten im Zimmer und versuche verzweifelt wieder zur Besinnung zu kommen.
Reiß dich zusammen, Zoe!
Mit zittrigen Händen öffne ich meine Jacke, ziehe mich bis auf mein Pullover und die Unterwäsche aus und lege mich ins Bett. Die Decke bis an die Nasenspitze gezogen. Ich werde heute Nacht kein Auge zubekommen.
Mein Herz trommelt immer noch wie wild, als Cedrik zurückkommt. Ich schaue nicht hin, will ihn nicht schon wieder halbnackt sehen, weil ich meinen sambatanzenden Hormonen nicht über den Weg traue. Die Decke wird angehoben und der Geruch nach herbem Shampoo dringt in meine Nase.
»Geht’s dir gut?«
Eine einfache Frage. Die ehrliche Antwort würde Seite füllen.
»Ja.« Meine Stimme klingt gepresst.
»Zoe, ich weiß, dass das alles etwas merkwürdig ist.«
Ha! Die Untertreibung des Jahrtausends! Das hier ist nicht merkwürdig, das hier ist der schiere Wahnsinn. Oder zumindest einer meiner unerfüllten Jugendträume, für die ich mit 15 Jahren vermutlich gemordet hätte. Heute fühle ich mich fast ein wenig überfordert.
Die Matratze bewegt sich. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und sehe zu ihm hinüber. Cedrik liegt auf der Seite, sein Kopf in die Hand gestützt und sieht mich an. Seine Haare sind noch feucht und in seinen blaugrauen Augen spiegelt sich der Schein meiner Nachttischlampe. UND er trägt seine Pullover. Gott sei Dank!
»Ich hätte in meinem ganzen Leben nie gedacht, dass ich mit der Roten Zora einmal im Bett lande!« Seine Lachen hat etwas befreiendes und nimmt der Situation die Spannung.
»Du sollst mich nicht so nennen.« Mit der Hand boxe ich ihn in die Schulter.
Er fängt sie auf und hält sie fest. Seine Finger fahren über meinen Handrücken, hinterlassen eine brennende Spur auf meiner Haut. Ich will sie wegziehen, sollte es dringend tun, aber ich kann nicht.
»Aber du warst damals auch echt komisch.« Ein amüsiertes Lächeln umspielt seine Mundwinkel.
»Ich war halt anders. Und dabei wollte ich immer so sein wie Lisa oder Susanne.«
»Wer?«, fragt er überrascht. Aber das belustigte Glitzern in seinen Augen verrät, dass er genau weiß, wer Lisa und Susanne sind. »Warum warst du dann nicht so?«
Cedrik spielt immer noch mit meinen Fingern, nebenbei, als wäre es vollkommen normal, mich zu berühren. Ist es aber nicht. Und mein verwirrtes Gefühlsleben steigt gerade in die nächste Runde Achterbahnfahrt ein.
Als Antwort rümpfe ich die Nase. »Fragst du das ernsthaft? Susanne war hohl wie Brot und hat sich primär für Klamotten und Schminke interessiert.«
»Und für mich«, ergänzt Cedrik. »Wie auch du.«
Er sieht mir direkt in die Augen. Sturmgrau, peitschende Meereswogen, ein blauer Abgrund, über den ich nur zu gerne springen würde. Alles, was ich noch wahrnehme, ist Cedriks Atem, der mir ins Gesicht schlägt, seine Finger, die sich unter den Ärmel meines Pullovers schieben, meine nackte Haut kitzeln, und seine verdammte Nähe, die mir eine ganz klare Botschaft sendet. Mein Verstand verabschiedet sich ins Nirwana und lässt mich hilflos zurück.
Plötzlich bricht Cedrik den Blickkontakt ab und dreht sich auf den Rücken. Er greift um meinen Arm und zieht mich einfach mit sich, sodass ich neben ihm liege, mein Kopf auf seiner Brust.
»Es tut mir leid wegen vorhin, Zoe!« Sein Herzschlag trommelt mindestens so schnell wie mein eigener an meinem Ohr. »Ich war unfair, denn natürlich weiß ich, dass du keine Schuld an dem Schneesturm hast. Oder an meinen Problemen mit meinem Vater. Aber es ist leichter, jemand anderem die Schuld zu geben, als sie bei sich selbst zu suchen.«
Ich bewege mich keinen Millimeter, kann es ehrlich gesagt auch gar nicht mehr. Dafür bin ich mir Cedriks Körper an meinem viel zu sehr bewusst.
»Es tut mir leid«, wiederholt er leise, während er mir mit seiner Hand über den Rücken streichelt.
Es ist die erste Entschuldigung, die ich von ihm bekomme. Die Allererste, seit ich ihn kenne. Und die vier kleinen Worte schießen durch meinen Verstand, heilen meine Wut und meinen Zorn über ihn. Verzweifelt schließe ich die Augen. Meine Hand fährt nach oben, über sein Bein, seinen Bauch, bis Cedrik danach greift und sie festhält.
»Schlaf, Zoe!«
Er drückt mich fester an sich, hält mich in seinen Armen, und stiehlt endgültig mein Herz.

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