Zimtsternzauber: Tag 16

Von irritierenden Elchgeweihen

Cedrik

Es ist merkwürdig neben Zoe aufzuwachen. Und gleichzeitig ist es das nicht. Genaugenommen ist es sogar das erste Mal, dass ich neben ihr aufwache. Vorgestern Morgen hatte sie das Bett schon verlassen, heute liegt sie, mit verwuscheltem roten Haarschopf und geschlossenen Augen, auf dem Kissen neben mir.
Einen Moment lang beobachte ich sie. Ein warmes Gefühl durchfährt meinen Körper, aber es wühlt mich nicht auf, sondern beruhigt mich. Sie hat mir gestern die Meinung gesagt. In aller Deutlichkeit. Und wieder einmal hatte sie mit allem recht, wie schon letzte Woche im Aufzug. Aber statt wütend auf sie zu sein und mich abzuschotten, was normalerweise meine typische Reaktion wäre, haben mich ihre Worte nachdenklich gemacht. Zoe ist mir ebenbürtig und mit ihrem Ausbruch gestern hat sie sich meinen Respekt erkämpft. Sie kennt mich, mit all meinen großen und kleinen Fehlern und anstatt mich in den Himmel zu heben, wie es so viele Frauen vor ihr getan haben, holt sie mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich brauche sie, so viel habe ich mittlerweile begriffen. Ihre Stärke, ihre Hartnäckigkeit, ihren Trotz. Aber auch ihre Liebe und Offenheit anderen Menschen gegenüber. Nur wie ich damit umgehe, weiß ich noch nicht. Aber sie macht mir Angst.
Zoe blinzelt und öffnet ihre Augen einen Spalt breit. Funkelndes Grün, wie eine Wiese im Sommer.
»Guten Morgen«, sage ich lächelnd und kann nicht verhindern, dass erneut eine warme Woge durch mich hindurch rauscht. Fuck, was macht sie nur mit mir?
»Guten Morgen«, murmelt sie verschlafen. »Wie spät ist es?«
Ich werfe einen Blick auf mein Smartphone, auf dem neben der Uhrzeit Unmengen ungelesener Nachrichten aufleuchten.
»Scheiße, schon kurz nach zehn!«
Zoe fährt erschrocken hoch. Ich muss ein Lachen unterdrücken, weil ihre roten Haare wie wild vom Kopf abstehen und sie vollkommen verdattert dreinschaut. Und im nächsten Moment würde ich sie am liebsten an mich reißen und sie um den Verstand küssen, weil eine Welle ihres verdammten Zimtduftes zu mir herüberschwappt und meine Vernunft endgültig außer Kraft setzt.
»Wir sollten los!« Ich wende mich abrupt ab, fliehe fast aus dem Bett. Ich brauche Abstand zu ihr, dringend! Sonst mache ich noch einen unüberlegten Fehler.
Eine Stunde später sind wir wieder auf dem Highway. Der Winterräumdienst hat über Nacht ganze Arbeit geleistet, sodass uns kein liegengebliebener LKW und keine Schneeverwehung mehr aufhalten. Es hat aufgehört zu schneien und die Sonne strahlt fröhlich vom Himmel. Ein wunderschöner Wintertag, der fast den Anschein erweckt, als wäre alles in Ordnung. Was ganz und gar nicht so ist.
»Wenn alles klappt, können wir heute Nachmittag den Rückweg nach New York antreten. Dann sind wir morgen im Flieger und am Montag früh wieder in Deutschland. Und ich hätte zumindest nur das Wochenende verloren«, fasse ich die Situation zusammen, die mir immer mehr auf die Nerven geht. Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen, nach Newfane zu fahren. Vermutlich werden wir auch hier nichts finden und ich komme meinem Vater gegenüber immer mehr in Erklärungsnot.
»Ja«, stimmt Zoe mir zu, während sie konzentriert auf ihrem Handy herumtippt. »Die Adresse führt uns zu einer kleinen Firma, die sich auf beheizbare Kleidung spezialisiert hat. Die bieten Mützen an, in die elektronische Heizkissen eingenäht sind.«
»Wenn ich mir die aktuellen Temperaturen anschauen, ist das mit Sicherheit eine ertragreiche Idee.« Es ist immer noch eiskalt draußen, wenn man dem Temperaturmessgerät unseres Toyotas glauben darf -8 Grad.
»Wie weit ist es noch?«, fragt Zoe, ihr Handy immer noch in der Hand. Gerade schnaubt sie empört und beginnt hektisch zu tippen.
»Wir sind in zehn Minuten da. Wem schreibst du?« Nicht, dass es mich etwas anginge. Aber es interessiert mich.
»Max.«
»Was?«
Sie sieht zu mir, aber ihr Blick ist nicht amüsiert oder ertappt. Sie mustert mich abschätzend.
»Was will er?« Max hat mir geschworen, dass nichts zwischen ihnen lief. Was also will er jetzt noch von Zoe?
»Er will wissen, wie du dich schlägst.« Mmh. In Bezug auf was? Den Auftrag? Zoe? Oder die gesamte Situation?
»Und, wie schlage ich mich?« Ich lasse bewusst offen, worauf sich die Frage bezieht, allerdings verrät es mir Zoes Reaktion sofort. Wieder schleicht sich eine leichte Röte auf ihre Wangen und in ihrem Blick erkenne ich deutlich die Unsicherheit, die ich auch gestern Nacht an ihr erkannt habe.
»Beschissen«, antwortet sie schließlich und wendet den Blick ab.
Ich muss lächeln. Oh ja, sie ist bis über beide Ohren in mich verliebt. Vielleicht weiß sie es noch nicht, aber ich bin mir sicher. Auf meinen Sensor, was verliebte Frauen angeht, konnte ich mich schon immer verlassen. Wieder breitet sich das warme Gefühl von heute Morgen in mir aus und kurz gelingt es mir, die Umstände der Autofahrt zu verdrängen.
Bis wir das Ortschild von Newfane passieren und direkt auf der Hauptstraße in eine Absperrung fahren. Ein Polizist winkt uns an die Seite.
»Was ist denn hier los?«, frage ich ihn durch das offene Fenster.
»Sie können da nicht entlang fahren, wir haben schon abgesperrt. Heute findet sie alljährliche Holiday Light Up & Parade statt«, antwortet er mir und die Begeisterung schwingt deutlich in seiner Stimme mit.
»Fuck, was?!« Vor lauter Wut schlage ich auf das Lenkrad des noch laufenden Wagens. Denn mein Gefühl sagt mir vor allem eines: Hier wird heute gar nichts klappen und ich sitze morgen sicher in keinem Flieger zurück nach Deutschland.

***

Warum zur Hölle habe ich eigentlich immer recht?
Als wir vor dem kleinen Laden mit den beheizbaren Mützen ankommen, ist dieser geschlossen. Ein Klingelschild neben der Eingangstür weist den Ladenbesitzer als Jeff Miller aus, aber selbst nach energischem Sturmklingeln öffnet uns niemand. Na Bravo!
Eine junge Frau mit einem etwa achtjährigen Jungen an der Hand tritt aus der Haustür des Nachbarhauses und mustert uns argwöhnisch.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie übertrieben freundlich und kommt ein paar Schritte auf uns zu.
»Wir möchten zu Jeff Miller.« Zoe kommt mir zuvor. Besser so, in meiner aktuellen Verfassung hätte ich die Dame vermutlich angeschnauzt.
»Oh, da haben Sie leider Pech. Heute findet die Holiday Light Up & Parade in Newfane statt und Jeff hat eine … wichtige Aufgabe.« Sie wirft ihrem Sohn einen bedeutsamen Blick zu, der mittlerweile unruhig an ihrer Hand zerrt.
Ich verstehe nur Bahnhof.
»Kommen Sie morgen wieder«, ergänzt die junge Frau. »Der Laden hat zwar geschlossen, aber Jeff ist sicherlich trotzdem da. Sorry, ich muss los, die Parade fängt gleich an.« Sie lächelt entschuldigend und verschwindet mit schnellen Schritten die Straße entlang.
»So ein Mist!«, fluche ich ungehalten.
»Was machen wir jetzt?« Zoe sieht mich unsicher an. Sie wartet auf einen weiteren Ausbruch von mir und die Tatsache, dass sie ursprünglich auf diese Schnapsidee kam, lässt mich erneut rot sehen.
»Was denkst du denn? Wir werden hier übernachten müssen, vorausgesetzt, in diesem beschissenen Kaff gibt es irgendwo noch ein freies Hotelzimmer«, fahre ich sie an. Meine Wut findet in diesem Moment kein anderes Ventil als Zoe, auch wenn ich mich schon wieder benehme wie ein Vollarsch.
»Brüll‘ mich nicht an.« Sie spricht bewusst langsam und leise.
Ich atme einmal tief durch, zwinge meine aufgeregten Gefühle zur Ruhe. Zoe kann nichts dafür, dass Jeff nicht da ist. Oder für den Schneesturm oder den LKW, der uns aufgehalten hat. Und sie kann auch nichts dafür, dass die Nero Investment Group in linke Geschäfte verstrickt ist. Oder das ich mein Gefühlsleben nicht in den Griff bekomme. Fuck!
»Lass uns ein Hotel suchen und dann diese bescheuerte Parade ansehen, wenn wir schon einmal hier sind.« Das ist ein mehr als großzügiges Zugeständnis meinerseits, das sollte ihr bewusst sein.
Sie strahlt mich aus glänzenden Augen an, als hätte ich ihr gerade das tollste Geschenk der Welt gemacht. Und in meinem Bauch explodiert etwas. Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was es ist. Glück.
Scheiße!
Ich bin am Arsch.

***

Eine halbe Stunde später bin ich in meinem ganz persönlichen Weihnachtshorror angekommen. Kreischende Elfen tanzen an uns vorbei, gefolgt von bunten Weihnachtswichteln und dem eigentlichen Highlight der Parade: Einem festlich geschmückten Wagen, auf dessen Mitte ein als Santa Claus verkleideter Mann sitzt. Jeff Miller, wie uns eine Zuschauerin verraten hat, der Inhaber des Ladens, den wir so dringend sprechen müssen. Jetzt ist mir auch klar, was für eine wichtige Aufgabe er heute hat.
Wir stehen inmitten von begeisterten Zuschauern am Straßenrand. Kinder laufen aufgeregt umher, verfolgen mit leuchtenden Augen das Geschehen, während die Erwachsenen mit Tassen in der Hand die festliche Stimmung begießen. Und ich? Ich will einfach nur noch weg.
»Ist das nicht toll?«, quietscht Zoe neben mir. Sie hopst wie ein kleines Mädchen aufgeregt herum, ihre Wangen sind vor Aufregung gerötet und aus ihren roten Locken ragt ein blinkendes Elchgeweih.
»Große klasse!« Meine Stimme trieft vor Sarkasmus.
»Hey, hab dich nicht so!« Sie knufft mich in die Seite, was meine Laune keinen Millimeter hebt. »Wir können heute sowieso nichts mehr erreichen, also lass uns den Tag genießen. Ich wollte schon immer einmal eine Weihnachtsparade sehen.«
Mir entfährt ein tiefes Seufzen. »Womit habe ich das verdient?« Meine Stimme klingt resignierend. Es ist Zeit, mit dem Trinken anzufangen, dann wird das alles hier vielleicht halbwegs erträglich.
»Cedrik?« Zoe hüpft nicht mehr. Stattdessen steht sie vor mir und sieht zu mir hoch. »Danke!«
»Wofür?«
Das Blinken ihres Elchgeweihs irritiert mich, daher bemerke ich ihre Bewegung erst, als sie die Arme um mich schlingt.
»Dafür, dass wir hier sind, dass du mir geglaubt hast. Egal, was morgen herauskommen wird.«
Wow, wo kommt das denn auf einmal her? Mir liegt ein flapsiger Spruch an den Lippen, aber als ich den Blick senke und in ihre Augen sehe, verschlägt es mir die Sprache.
Wir stehen immer noch inmitten von jubelnden Menschen, ein gängiges Weihnachtslied dröhnt über uns hinweg, aber plötzlich sind wir nur noch wir beide. Ich sehe sie an, in ihre funkelgrünen Augen und bin mir ihrer Nähe mehr als deutlich bewusst. Und dann entscheide ich mich, einfach alles zu vergessen. Diese bescheuerte Parade, den verkackten Auftrag, die unsinnige Suche nach Unstimmigkeiten bei der Nero Investment Group, meinen Vater. Ich ziehe Zoe enger an mich und presse meine Lippen auf ihre.

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