Zimtsternzauber: Tag 17

Santa Claus

Zoe

»Bereit?«, frage ich Cedrik, als ich meine Hand auf das Klingelschild zu Jeff Millers Laden lege.
»Warte!« Er greift nach meiner Hand und zieht mich zu sich.
Allein seine Berührung schickt Stromstöße durch meinen Körper und augenblicklich stürmen meine aufgeregten Gefühle durcheinander. Es ist nicht normal, dass Cedrik mich einfach so berührt. Und wie er sich mir gegenüber seit gestern Nachmittag benimmt, ist erst recht außergewöhnlich. Seit unserem Kuss kann ich nicht mehr klar denken.
Cedrik und ich.
Ich und Cedrik.
Ich verstehe nicht, warum er mich plötzlich küsst. Warum er mir plötzlich nahe sein will, mich an sich zieht, mit mir in seinen Armen einschläft. Und wieder aufwacht. Meine Gefühle sind vollkommen außer Kontrolle und mein Herz, das sich Hals über Kopf in ihn verliebt hat, weiß jetzt bereits, dass ich ihn verlieren werde. Denn Cedrik und ich, das ist so abwegig wie ein Schneesturm im Sommer.
Dennoch folge ich seiner Umarmung, lasse zu, dass er mich an sich zieht und hebe meinen Kopf in seine Richtung. Mein Verstand sagt mir, dass ich vorsichtig sein sollte, dass ich seinen unverhofften Liebesbekundungen nicht trauen darf – aber ich ignoriere ihn gekonnt. Jeden einzelnen Moment, indem Cedrik mir nahe ist, will ich voll und ganz genießen.
»Ja?«
Verdammt! Ich klinge wie ein williges Frauchen, das nur darauf wartet, erneut geküsst zu werden.
»Zoe, ich …« Cedrik runzelt die Stirn und über sein Gesicht huscht ein Ausdruck, der mich irritiert. Traurigkeit und ein Hauch Verzweiflung. »Egal, was Jeff uns erzähl, versprich mir, dass du mit niemandem darüber sprichst.«
Ich liege immer noch in seinen Armen und Cedrik macht auch keine Anstalten, mich loszulassen. Aber seine Worte passen überhaupt nicht zu der Situation, sodass ich ein wenig von ihm abrücke.
»Wir wissen doch noch gar nicht, was Jeff uns erzählt. Vielleicht haben wir uns ja auch geirrt und an Julias Behauptungen, die Nero Investment Group würde sie ruinieren, ist nichts dran. Immerhin scheint Jeff seinen Laden ja noch zu haben.«
Cedrik schenkt mir ein schmales Lächeln. Ich merke deutlich, dass mehr in ihm vorgeht, als er mir sagen will. Und ich kann nur ahnen, worum es geht.
»Wenn wir Julia nicht geglaubt hätten, wären wir beiden nicht hier«, sagt er schließlich.
Wenn ich nicht so hartnäckig gewesen wäre, korrigiere ich ihn gedanklich. Dennoch, er hat mir geglaubt und vertraut, daher beschließe ich, ihm dieses Vertrauen zurückzugeben.
»Ok, Cedrik. Ich werde nichts sagen, versprochen.«
Diesmal ist sein Lächeln echt.
»Danke!«
Er zieht mich noch einmal an sich und als ich meinen Kopf diesmal hebe, küsst er mich. Warme Lippen legen sich auf meine, fahren knabbernd über meine Haut und necken mich, bis mir ein leises Stöhnen entfährt. Cedrik nutzt den Moment, um den Kuss zu vertiefen. In meinem Bauch explodiert ein Feuerwerk und binnen eines Wimpernschlages brennt ein heißes Verlangen durch mich hindurch. Oh verdammt, ich will mehr. So viel mehr!
Doch Cedrik löst sich langsam von mir und gibt mir die Chance wieder zu Atem zu kommen. Seine graublauen Augen funkeln wie dunkle Sterne und vor mir eröffnet sich ein Abgrund aus Leidenschaft, Angst und Einsamkeit.
»Wir sollten reingehen.« Seine Stimme ist rau und sein heißer Atem schlägt mir ins Gesicht. Einen Augenblick vergesse ich, was ich sagen wollte und überlege, ob wir nicht doch weiterknutschen sollten. Es wäre so viel einfacher.
»Wovor hast du Angst?«, wispere ich, weil in seinen Augen immer noch die unterdrückte Panik flackert.
Eine Sekunde später ist sie verschwunden. Stattdessen legt sich seine arrogante Maske auf seine Züge und er verschließt sich vor mir.
»Red‘ keinen Quatsch, Zora!«
Oh Mann! Ich kann nicht glauben, dass wir eben noch geknutscht haben. Mein Herz stolpert kurz, als wolle es mir sagen, dass es mich gewarnt habe. Aber ich beachte es nicht, ebenso wenig die leise Enttäuschung, die über mich hinweg flutet.
»Lass uns reingehen.« Ich trete einen Schritt zurück und ein kalter Windhauch fegt zwischen uns hindurch. Ich hätte mich niemals auf ihn einlassen dürfen!
»Zoe!« Cedrik hält mich zurück. »Es tut mir leid. Ich bin nur ein wenig nervös. Du weißt, wie wichtig der Auftrag für mich ist.«
Ich murmel eine unbestimmte Antwort, schenke ihm aber dann doch ein aufmunterndes Lächeln. Ja, ich weiß, wie wichtig das alles für ihn ist.

***

Jeff Miller ist großgewachsener Mann mit blonden Haaren und blauen Augen. Und einem festen Händedruck. Ich schätze ihn auf Ende Dreißig und nach nur wenigen Worten ist klar, dass er sehr genau weiß, was er vom Leben will. Jeff hat ein klares Ziel und nichts und niemand – nicht einmal die Nero Investment Group – wird ihn aufhalten. Er ist mir auf Anhieb sympathisch.
»Sie wollen also eine Marketingkampagne für die Nero Investment Group machen und fragen mich, welche Erfahrungen ich mit der Group gemacht habe?«, fasst Jeff unsere Ausführen zusammen. Der abschätzige Blick, den er uns dabei zuwirft, spricht Bände.
»Ja. Aus Recherchezwecken schauen wir uns Start-ups, die von der Nero Investment Group finanziert wurden, vor dem Beginn der Kampagne genauer an.« Den Teil mit Julias Warnung und unserer Vermutung, dass etwas an den Geschäften der Group nicht stimmt, habe ich bewusst nicht erwähnt. Sollte sich doch alles als Falschmeldung entpuppen, könnte das unangenehm werden.
»Und da fahren Sie bis nach Newfane? Gibt es in New York nicht genug Start-ups?«
»Wir wollen uns ein umfassendes Bild machen«, erklärt Cedrik, während er Wollmützen in einem Regal betrachtet. »Wie funktionieren das mit der Wärme? Ist da eine Batterie eingearbeitet?«
Jeffs Laden ist nicht sonderlich groß, aber in Anbetracht dessen, dass er seine Produkte vorwiegend online verkauft, ist das nicht überraschend. In den Regalen stapeln sich Mützen, Schales, Ponchos oder Anoraks und in einer Ecke liegen sogar beheizte Socken.
»Ja, tatsächlich sind kleine Batterien in den Mützen. Aber deswegen sind Sie nicht hier, oder?«
Er sieht nicht zu mir, sondern zu Cedrik. Seine aufmerksamen blauen Augen mustern meinen … Chef – über eine genaue Definition, was Cedrik eigentlich gerade für mich ist, mache ich mir JETZT keine Gedanken – eindringlich, dann legt sich Bitterkeit auf seine Züge.
»Die Zusammenarbeit mit der Nero Investment Group war der größte Fehler, den ich gemacht habe. Und er hätte mich fast mein Geschäft gekostet.«
»Warum?«, frage ich in die drückende Stille hinein, die seinen Worten folgt.
Cedrik legt die Mütze zurück ins Regal. Er wirkt angespannt und wieder habe ich den Eindruck, dass ihn etwas beschäftigt. Etwas, dass weit über den Auftrag hinausgeht, etwas, dass unausgesprochen zwischen den beiden Männern in der Luft liegt. Aber die beiden kennen sich nicht. Oder doch?
Jeff reißt seinen Blick von Cedrik los und wendet sich mir zu. »Die Group hat mir ein fantastisches Finanzierungsangebot gemacht, mit großartigen Konditionen, sodass ich zuschlagen musste. Allerdings musste ich dafür einen Großteil meines Geschäftes an sie übertragen. Kaum hatte ich den Vertrag unterschrieben, haben sie meine Unternehmenskonten geräumt. Und den Laden dicht gemacht.«
Wow! Die Information haut mich um. Dass etwas nicht stimmt, damit hatte ich gerechnet. Dass es allerdings so schlimm ist, nicht.
Cedrik stößt zischend die Luft aus und ballt die Hände. »Haben Sie dafür Beweise?«
Jeff runzelt die Stirn. Ihm passt es nicht, dass wir ihm nicht glauben. »Klar! Den Vertrag, meine Kontobücher.«
»Warum sind Sie nicht zur Polizei?« Es kann doch nicht sein, dass er so übers Ohr gehauen wird, ohne, dass irgendwer zur Rechenschaft gezogen wird.
»Glauben Sie mir, da war ich. Aber der Vertrag mit der Nero Investment Group war in Ordnung. Ich konnte nicht gegen sie vorgehen.«
»Das ist ja echt bodenlos!« In meinem Inneren beginnt es zu kochen, weil mir die arrogante Fratze von Jordan durch den Kopf schießt. Ja, ihm würde ich so eine Aktion zutrauen. Und es passt zu dem, was Julia mir gesagt hat. »Warum haben Sie Ihren Laden dann noch?«
»Warum ich nicht bankrott bin? Weil mir mein Bruder anschließend geholfen hat. Ein neuer Laden, ein neuer Name, ein neues Konzept. So leicht lasse ich mich nicht unterkriegen!«, antwortet er mir und Stolz schwingt in seiner Stimme nicht. Ich gebe ihm recht, Jeff ist niemand, der so leicht aufgibt. Er kämpft. Andere haben es nicht, wie der Laden für vegane Snacks in New York.
»Aber …«, Jeff zögert, fährt sich durch seine blonde Mähne. Dann sieht er zu Cedrik. »Es ist mehr als das.«
Ein Muskel an Cedriks Wange zuckt und mit einem Schlag ist die Anspannung im Raum zurück.
»Als die Nero Investment Bank zur Vertragsunterzeichnung hier war, war ein Mann dabei. Mitte Sechzig, blaue Augen. Ein Deutscher, wie Sie.«
Die Worte legen sich schwer über uns, doch ich verstehe nicht, warum. Bis ich zu Cedrik sehe, dessen Gesicht mittlerweile kalkweiß ist. Die Lippen hat er zusammengepresst, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, er haut Jeff gleich eine rein.
»Danke!«, presst er stattdessen hervor. Mehr nicht. Keine weitere Frage, keine Erklärung.
Er flieht förmlich aus dem Laden, lässt Jeff und mich alleine zurück. Sein Verhalten ist merkwürdig, unverschämt, immerhin hat Jeff sich extra für uns Zeit genommen. Daher verabschiede ich mich angemessen, bedanke mich für die Informationen und folge meinem Chef hinaus auf die Straße.
»Kannst du mir mal sagen, was mit dir los ist?«, fahre ich Cedrik an, der wie versteinert auf dem Bürgersteig steht. Erst seine überraschende Nähe, dann die Angst und jetzt das unmögliche Verhalten im Laden. Irgendwann langt es sogar mir mit seinen Gefühlsausbrüchen.
Er starrt auf einen unbestimmten Punkt die Straße entlang, sieht nicht zu mir, aber der Zorn, der in seinen Augen flackert, lässt mich hart schlucken.
»Der Mann, von dem Jeff eben gesprochen hat, Zoe, der Deutsche, der bei der Vertragsunterzeichung dabei war – das ist mein Vater.«

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