Zimtsternzauber: Tag 18

Entzaubert

Cedrik

Ich fühle mich leer. Und gleichzeitig bin ich so voller Gedanken und Wut, dass ich platzen könnte. Ich wusste, dass mein Vater in die Sache verwickelt ist. Aber das es so tief geht, dass er ein Teil dieser beschissenen Nero Investment Group ist, oder zumindest deren dubioser Geschäfte, das überfordert sogar mich. Und es trifft mich. Härter als ich je gedacht hätte.
»Stimmt das?«, brülle ich Jordan an, der nicht einmal mit der Wimper zuckt.
Er nimmt sich in Seelenruhe seine Tasse Kaffee und trinkt einen Schluck. »Komm mal wieder runter, Mann!« Über das Siezen sind wir lange hinaus, spätestens als ich vor zehn Minuten wie ein testosterongeladener Bulle durch seine Tür gestürmt bin.
»Stimmt das?«, wiederhole ich meine Frage und gehe nicht auf seine Worte ein. Er hat mir gar nichts zu sagen, dieses Arschloch.
Jordan seufzt und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. Er hat noch nicht einmal den Anstand so zu tun, als wäre er aufgebracht. »Ja, es stimmt.«
Das ist der Moment, in dem ich froh bin, dass Zoe nicht neben mir steht, sondern vor der Bürotür wartet. Denn Jordans Worte ziehen mir den Boden unter den Füßen weg.
»Wie viele?«
Jordan legt den Kopf schief, mustert mich von oben bis unten.
»Du bist deinem Vater sehr ähnlich, Cedrik. Robert hat dasselbe ungestüme Temperament, dieselbe Ungeduld. Frage ihn, wenn du mehr über unsere Geschäfte wissen willst.«
»Das werde ich, keine Sorge«, knurre ich und überlege, ob ich ihm nicht doch eine reinhauen sollte. Es würde mir zumindest zeitweilig eine gewisse Befriedigung bescheren.
»Wie viele Start-ups habt ihr ausgenommen?«, frage ich erneut, weil mir der arrogante Kotzbrocken keine Antwort gegeben hat.
Jordan erhebt sich, tritt hinter seinem Schreibtisch hervor. »Genug.«
Meine Hände verkrampfen sich und meine Muskeln spannen sich an. Wut brodelt in meinem Bauch, brennt wie Feuer durch meine Adern und lässt mich endgültig rot sehen.
Es knackt, als ich Jordan die Nase breche, aber sein Schrei klingt in meinen Ohren immer noch zu leise.
Die Tür hinter uns wird aufgerissen und Alex stürmt herein.
»Ist alles in Ordnung?« Alex‘ Blick geht hektisch von mir zu Jordan, der sich seine blutende Nase hält.
»Raus hier!«, brüllt er mich an, und mein kurzer Glücksmoment bricht in sich zusammen, als ich Zoe hinter Alex erblicke.
In ihren Augen stehen tausend Fragen und nicht eine bin ich bereit zu beantworten. Daher verschwinde ich wortlos aus dem Büro, achte nicht darauf, ob Zoe mir folgt oder nicht, sondern renne kopflos aus dem Gebäude. Erst als kalte, klare Luft in meine Lungen dringt, bleibe ich stehen.
»Was ist passiert?«, fragt Zoe atemlos, die mir natürlich gefolgt ist. Sie will wissen, was Jordan gesagt hat.
Aber ich kann es ihr nicht sagen. Ich kann einfach nicht. Damit würde ich endgültig zugeben, dass mein Vater krumme Geschäfte macht, dass er von diesem verdammten Podest, auf das ich ihn mein ganzes Leben gestellt habe, heruntergefallen ist. Mein Leben liegt in Scherben vor mir. Alles woran ich geglaubt habe, wofür ich verfickte Scheiße gearbeitet habe, ist ein Witz!
Irgendwann heute Nacht, als wir im Auto zwischen Newfane und New York waren und Zoe friedlich neben mir auf dem Beifahrersitz geschlafen hat, ist es mir gedämmert. Selbst diese bescheuerte Ausschreibung war fingiert. Die Nero Investment Group hätte uns diesen Auftrag in jedem Fall erteilt, da sich niemand außer uns darum bemüht hat. Es war nie ein echter Auftrag. Es war immer nur mein Vater, der mich benutzt hat.
Meine Gefühle gehen mit mir durch und noch nie habe ich mich so verarscht gefühlt. So gedemütigt, so alleine. Mein Vater hat mich vorgeführt und jetzt sieht Zoe mich aus ihren aufmerksamen grünen Augen an und will eine Erklärung von mir.
»Nichts ist passiert«, antworte ich ihr verspätet. Mit einem Mal fühle ich mich müde. Unendlich müde, was nicht überraschend ist, da ich die ganze Nacht hinter dem Lenkrad saß.
»Du hast ihm die Nase gebrochen.«
Oh Gott, Zoe mit ihrer besserwisserischen Art ist jetzt das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich weiß selbst, dass ich dem Trottel die Nase gebrochen habe. Aber, scheiße, er hat es verdient!
»Lass uns zum Flughafen fahren. In zwei Stunden geht unser Flug. Und diesmal verpassen wir ihn nicht.« Ich mache dicht. Verschließe meine Emotionen vor ihr, meine Gedanken.
In Zoes Gesicht flackert etwas auf und kurz zuckt das dumpfe Gefühl durch mich hindurch, dass ich sie gerade sehr verletzte.
»Rede mit mir Cedrik!«, fährt Zoe auch prompt fort, als ich ohne Rücksicht auf andere Passanten zu unserem Toyota marschiere. »Was hat dein Vater mit der Nero Investment Group zu tun, was hat Jordan gesagt?«
»Nichts. Es geht dich nichts an!«
»Also bitte … es geht mich sehr wohl etwas an. Wir sind zusammen nach Newfane gefahren, wir haben zusammen mit Jeff gesprochen. Was ist denn nur los?« Ihre Stimme hat etwas verzweifeltes und mich beschleicht die leise Gewissheit, dass ihre Verzweiflung nicht nur mit der Nero Investment Group zu tun hat. Oder mit meinem Vater. Vielmehr geht es hier um uns.
Energisch drehe ich mich herum. »Nerv mich damit jetzt nicht, Zoe! Ich werde mit dir reden, wenn du mehr wissen musst. Und bis dahin lässt du mich bitte in Ruhe.«
Sie sieht mich erschrocken an. Ihre Unterlippe bebt und ein verdächtiger Glanz steigt in ihren Augen empor. Oh Fuck, bitte nicht auch noch heulen.
»Aber … was … die letzten Tage zwischen uns, ich dachte …« Ihre Stimme bricht. Oh man, Frauen! Ich hätte mich nie auf sie einlassen dürfen, jetzt habe ich den Salat.
»Zwischen uns ist nichts, Zoe. Was war denn schon? Wir haben ein bisschen rumgemacht, mehr nicht. Dass ihr Frauen auch immer gleich mehr hinein interpretieren müsst.«
Jetzt weint sie wirklich. Stille Tränen, die ihr über die Wangen laufen. Ich ignoriere das plötzliche Brennen in meiner Brust, das sich anfühlt, als würde es niemals wieder aufhören.
»Es tut mir leid, ok?« Leider bin ich alles andere als ruhig, daher klingt meine Entschuldigung auch nicht glaubwürdig. »Jordan hat mir ein paar Dinge gesagt, die ich allein klären muss. Du kannst mir damit nicht helfen.«
Sie schluckt. Presst ihre Lippen zusammen. Und verwandelt sich vor meinen Augen wieder in die fünfzehnjährige Rote Zora, die trotzig, aber selbstbewusst in die Welt geschaut hat. »Wie du meinst.«
Ich sollte zufrieden sein. Denn tatsächlich lässt sie mich ab diesem Moment in Ruhe. Weder spricht sie mit mir, als wir den Mietwagen zurückgeben, noch in der Warteschlange zum Boarding. Selbst als ich mich im Flugzeug von ihr verabschiede, weil ich für mich in die Business Class gebucht habe und Zoe in der Economy Class sitzt, antwortet sie mir nur mit einem Nicken.
Ich sollte zufrieden sein.
Und die meiste Zeit bin ich das auch.
Aber sobald ich die Augen schließe, sehe ich wieder Zoes tränengefüllte, grüne Augen und das Brennen in meiner Brust zerreißt mich.
Fuck, für so einen Kindergarten habe ich jetzt keine Zeit!

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