Zimtsternzauber: Tag 19

Herzflimmern

Zoe

Mein Herz schlägt. Langsam und gleichmäßig. Als wolle es mir sagen, dass es immer noch da ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Es wurde herausgerissen, zertreten, filetiert und in kleinen Stücken genüsslich verspeist. Ok, eine ziemlich eklige Vorstellung, aber genauso fühlt es nicht an. Und das Schlimmste an dem Ganzen? Ich bin selbst daran schuld.
Müde fahre ich mir über die Augen, die vor lauter Erschöpfung jucken. Nicht vor Tränen, denn Cedrik ist keine einzige wert. Aber ich habe den ganzen Flug lang kein Auge zugetan, eingequetscht auf einem schmalen Sitz zwischen einer erkälteten Frau und einem Musik hörenden älteren Mann. Die Arien von Verdi kann ich nach dieser Nacht auswendig.
Es ist noch dunkel draußen und wir fahren im Taxi durch die Stadt. Häuser ziehen an uns vorbei, Lichterketten hängen in den Fenstern, Weihnachtssterne, die mich aufzumuntern versuchen. Einzelne Schneeflocken fallen vom Himmel, aber im Vergleich zu dem Schneesturm vor Newfane ist das nicht mehr als ein leises Aufbäumen des Winters.
Es kommt mir so unwirklich vor, wenn ich an die letzten Tage denke. An Julia und ihren Zettel, an unsere Fahrt nach Newfane, an die Nähe zwischen Cedrik und mir. Cedrik, der jetzt keinen Meter entfernt neben mir im Taxi sitzt und doch so weit weg ist, wie niemals zuvor.
»Zoe?«
Ich will mich nicht umdrehen. Ich will ihn nicht ansehen, sondern lieber die Schneeflocken vor dem Fenster beobachten. Ich will ihm nicht zeigen, wie sehr er mich verletzt hat, dennoch habe ich keine Wahl.
»Ja?«
Cedrik sieht müde aus. Abgeschafft. Als hätte auch er die ganze Nacht nicht geschlafen, obwohl es sich in der Business Class deutlich komfortabler fliegt.
»Du kannst heute zuhause bleiben, du musst nicht mehr ins Büro fahren. Ich komme ohne dich klar.«
Seine Worte sickern langsam durch meinen Verstand. Dann zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen und verzweifelt schlucke ich die Tränen hinunter, die augenblicklich in meine Augen schießen.
Ich komme ohne dich klar.
Scheiße!
»Danke!«, antworte ich schlicht. Ich will ihm nicht zeigen, wie mies es mir geht.
Doch Cedrik sieht mich an. Graublaue Augen, Sturmaugen, die tief auf den Grund meiner Seele blicken und das sehen, was ich so verzweifelt vor ihm zu verbergen suche.
»So habe ich das nicht gemeint. Ich gebe dir frei, weil die letzten Tage echt anstrengend waren.«
Ich glaube ihm kein Wort. Kann es einfach nicht. Bleib stark, Zoe, ermahne ich mich erneut. Er ist es nicht wert.
»Wenn es darum geht, ob ich etwas über die Nero Investment Group oder deinen Vater sagen werde, kann ich dich beruhigen. Ich habe dir versprochen es nicht zu tun. Und daran halte ich mich.« Zumindest diesen Punkt muss ich klarstellen.
»Ok, danke Zoe!«
»Wirst du mit ihm sprechen? Mit deinem Vater meine ich?«
Cedrik nickt. »Natürlich. Das muss ich. Es ist nicht in Ordnung, was die Nero Investment Group getan hat und auch mein Vater muss dafür gerade stehen.« Er hat mir immer noch nicht gesagt, wie genau sein Vater darin verwickelt ist. Aber ich bin nicht blöd.
»Die Nero Investment Group muss zur Rechenschaft gezogen werden«, sage ich eindringlich. »Denk an Julia und all die anderen Start-ups, die ihre Existenz verloren haben. Auch wenn es dein Vater ist, Cedrik.«
»Glaub mir, das weiß ich.« Ich höre den leisen Schmerz in seiner Stimme, aber ich ignoriere ihn. In meinem Herzen ist im Moment kein Platz für Mitgefühl.
Cedrik zögert kurz und ich sehe ihm deutlich an, dass er mit sich kämpft. Aber dann gibt er sich einen Ruck und spricht weiter. »Hör mal, es tut mir leid, das mit uns. Das war so nicht geplant. Aber ich bekomme das im Moment einfach nicht hin.«
»Es ist ok«, fahre ich dazwischen und würge seine Ausflüchte ab. Ich will sie nicht hören. »Du hast mir mehr als einmal gesagt, dass ich mein Leben nicht an einen Mann hängen soll. Es wäre also äußerst töricht von mir, es jetzt zu tun.« Jedes Wort ist eine Lüge und mein Herz bäumt sich auf, weil es eigentlich etwas ganz anderes sagen will.
Cedrik hebt seine Hand, fährt sich durch die Haare. Seine Geste lässt nur erahnen, dass ihm das zwischen uns doch näher geht, als er zugeben will und als er mich wieder ansieht, erkenne ich den Schmerz in seinen Augen, der sich in meinem Herzen widerspiegelt. Einen Wimpernschlag später ist er verschwunden, sein Gesicht ist verschlossen. Er wird seine Meinung nicht ändern.
Der letzte Rest Hoffnung in mir, der sich tapfer gehalten hat, zerbricht. Ich war nicht mehr als eine kurze Affäre. Eine seiner Bettgeschichten, ohne große Bedeutung. Benutzt, fallengelassen, entsorgt. Und jetzt muss ich auch noch darauf hoffen, dass er mir meinen Job lässt, wenn er mich heute schon nicht mehr sehen will. Was habe ich mir nur gedacht?
Verstört und verzweifelt wende ich mich ab. Schaue aus dem Fenster und stelle fest, dass wir in der Straße, in dem das Haus meiner Eltern steht, angekommen sind.
»Das Haus da vorne ist es«, erkläre ich dem Taxifahrer und verteufle meine schwache Stimme.
Bumm. Mein Herz schlägt.
Bumm. Es ist gebrochen, aber es schlägt.
Bumm. Ich muss aus diesem Auto raus.
Kaum hält das Taxi an, reiße ich die Tür auf.
»Bis morgen dann!«
Ich sehe Cedrik nicht an, als ich die Tür wieder zu knalle. Mit einem Satz bin ich am Kofferraum und schneller als der Taxifahrer überhaupt ausgestiegen ist, hieve ich meinen Trolley heraus.
Ich werfe keinen Blick zurück, als das Taxi wegfährt. Bis morgen habe ich mich wieder so weit im Griff, dass ich Cedrik erhobenen Hauptes gegenüber treten kann. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Er hat mich neun Schuljahre nicht kleingekriegt, was sind da schon neun Tage?
Ein Leben, flüstert mir mein Herz zu, aber ein kalter Windstoß bringt es zum Schweigen.
Und eine Person, die auf der Eingangstreppe vor dem Haus meiner Eltern sitzt und offensichtlich auf mich wartet.
Oliver.

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