Zimtsternzauber: Tag 20

Schlussstrich

Cedrik

Enttäuschung schmeckt schal. Bitter. Stumpf. Als wären deine Geschmacksnerven verödet, als nähme man die Säure oder Süße des Essens nicht mehr wirklich wahr. Obwohl man genau weiß, dass sie da ist.
Eine der frühsten Erinnerungen, die ich an meinen Vater habe, spielen hier in diesem Büro. Johannes und ich, die unter dem dunklen, schweren Mahagonitisch mit Autos spielen, darauf wartend, dass mein Vater endlich Zeit für uns hat. Immer haben wir gewartet, darauf, dass er nachhause kommt, von einer Dienstreise zurückkehrt oder wenigstens einmal beim Fußballspiel am Rand steht und uns anfeuert. Getan hat er es nie, stattdessen hat mein Vater gearbeitet.
Mein ganzes verficktes Leben stand immer die Agentur im Vordergrund. Daher verbinde ich auch meine Kindheit mit diesem beschissenen Mahagonitisch, auf den ich seit etwas zwanzig Minuten starre.
Die Tür in meinem Rücken wird aufgestoßen und vor lauter Anspannung zucke ich zusammen. Mein Körper ist verkrampft, weiß nicht, wo er mit seiner ganzen Wut und seinem Zorn hin soll. Aber ich lasse mir nichts anmerken, erhebe mich geschmeidig und schenke meinem Vater, der mich überrascht ansieht, ein aufgesetztes Lächeln.
»Cedrik, was tust du hier?«
»Ich wollte mit dir sprechen.«
Mein Vater stellt seinen Trolley neben der Tür ab und hängt seinen Mantel an einen Kleiderständer daneben.
»Hat das nicht Zeit bis morgen? Ich bin eben erst aus Hamburg zurückgekommen.« Er wirkt genervt. Pech für ihn, ich werde nicht verschwinden.
»Nein.«
Seufzend geht er zur Tür und bittet seine Assistentin um einen Kaffee. Ob ich etwas möchte, fragt er nicht.
»Wie war es in New York?« Als ob Jordan ihn nicht längst informiert hätte.
Ich setzte mich wieder, lasse ihn jedoch nicht aus den Augen, wie er um mich herumgeht und sich hinter seinen Schreibtisch setzt. Als ob der verdammte Mahagonitisch zwischen uns eine Barriere wäre, die ihn davor schützt, was ich zu sagen habe.
»Hältst du mich für dumm?«, frage ich ihn mit einer bemerkenswerten Ruhe.
Graublaue Augen, die meinen so entsetzlich ähnlich sind, mustern mich abschätzend.
»Du weißt es also.« Er ist klug genug, meine Frage nicht zu beantworten.
»Ich weiß, dass du Teilhaber der Nero Investment Group bist. Dass du mit Jordan gemeinsame Sache gemacht hast, um Geld auf … sagen wir mal unsaubere Art und Weise zu erwirtschaften. Ich weiß, dass es nie eine Ausschreibung gegeben hat und dass du mich diese Kampagne nur erarbeiten lässt, um damit mehr Profit zu machen.« Wut kocht heiß in meinen Adern, aber ich zwinge mich ruhig zu bleiben. Wenn ich jetzt ausraste, fühlt sich mein Vater bestätigt. »Hältst du mich echt für so bescheuert, dass ich nicht herausbekomme, was dahinter steckt? Hast du echt gedacht, dass du mich einfach so benutzen kannst?«
Stille. Er schweigt. Auch eine Antwort.
»Warum?«, frage ich irgendwann, als er sich nicht zu meinen Vorwürfen äußert.
Mein Vater schaut mich noch einen Moment an, bevor er seinen Blick abwendet. Einen Moment, in der er zu überlegen scheint, was er mir sagen kann und was nicht. Ob ich der Sohn bin, der ihn unterstützt und seine Machenschaften befürwortet, oder ob ich zur Polizei gehe und ihn verrate. Bei Johannes wäre das keine Frage: Er folgt ihm blind. Und ich bin es auch. Bisher zumindest.
»Ich halte dich nicht für dumm, Cedrik. Und ich wusste, dass du eine brillante Kampagne erarbeiten wirst, nur deshalb habe ich dir diesen Job gegeben.«
Sein Lob kann er sich sonst wohin schmieren. Dafür ist es zu spät.
»Warum? Warum also lässt du dich auf solche Geschäfte ein?«
Mein Vater fährt sich durch seine blonden Haare, die trotzdem noch perfekt in Form liegen. Einen ganz kurzen Augenblick wirkt er müde, fast verletzlich, aber einen Wimpernschlag später halte ich den Ausdruck für Einbildung. Mein Vater ist viel, aber verletzlich ist er ganz sicher nicht.
»Weil es der Agentur nicht gut geht«, sagt er schließlich. »Wir müssen nächstes Jahr unsere Kosten stark reduzieren, um überhaupt noch konkurrenzfähig zu bleiben.«
Seine Worte überraschen mich nicht. PR-Agenturen schießen wie Pilze aus dem Boden und der Druck untereinander wächst. Firmen wollen immer ausgefeiltere, kreativere Konzepte und dafür möglichst wenig zahlen. Aber dennoch, das mag eine Erklärung sein, eine Entschuldigung ist es noch lange nicht.
»Wieso hast du mir nie etwas davon gesagt?«
Sein Mund verzieht sich zu einem schmalen Lächeln. »Ich dachte, dass dir klar ist, wie schlecht es um die Firma steht. Seit dem Auftrag für das Bildungsministerium, für den du verantwortlich warst, geht es bergab.«
Mit einem Schlag ist meine Anspannung wieder da. Was?
»Wir haben den Auftrag damals vergeigt, das weiß du besser als ich«, fährt mein Vater fort und seine Worte treffen mich mit voller Härte. »Das hat unseren guten Ruf in der Branche nachhaltig beeinträchtigt, sodass wir kaum noch gute Aufträge hereinbekommen haben.«
Ein dröhnendes Rauschen erfüllt meinen Körper. Der Auftrag für das Bildungsministerium vor vier Jahren. Für den ich verantwortlich war. Es ist meine Schuld, dass es der Firma so schlecht geht. Dass wir keine Aufträge bekommen, dass wir Mitarbeiter entlassen müssen. Mitarbeiter wie Zoe. Mir wird schlagartig kalt und meine Muskeln spannen sich wieder an. Meine Wut kehrt zurück.
»Ich habe getan, was ich musste, um die Firma zu retten.«
Das Muster auf den grauen Bodenfließen verläuft vor meinen Augen. Meine Gedanken rasen durcheinander. Ich bin Schuld. Ich allein. Fuck!
»Gib mir nicht die Schuld für deine krummen Geschäfte!« Meine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. Langsam hebe ich den Blick, schaue meinen Vater an. Ich bin nicht mehr sein kleiner Junge, der ihm überall hin folgt. Und er ist nicht mehr der Vater, den ich vergöttere, dem ich etwas beweisen muss.
»Es gibt andere Wege Firmen zu retten, dafür muss man nicht hunderte kleinere Existenzen ruinieren.« Denn das hat er getan. Indem er den Start-up Gründern das Geld aus der Tasche gezogen haben, hat er die meisten ruiniert. Um sich selbst an ihnen zu bereichern.
»Du hast keine Ahnung, wo von du sprichst, Cedrik.« Er nimmt mich nicht für voll. Und er wird es auch nicht, egal, was ich tue. Die Erkenntnis schlägt mit der Kraft einer Abrisskugel durch meinen Schädel und verdrängt alle anderen Gedanken. Er hat mich ausgenutzt, hat mich verarscht und hat jetzt noch nicht einmal den Anstand, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Und mit einem Mal wird mir klar, dass er es selbst jetzt noch tut.
»Es hat nichts mit dem Auftrag für das Bildungsministerium zu tun, oder? Du hast die Agentur heruntergewirtschaftet, du ganz alleine. Deshalb hast du mir nie eine ordentliche Position gegeben, deshalb hast du mir nie wirklichen Einblick in die Finanzen überlassen.«
Ich weiß, dass ich recht habe. Auch wenn mein Vater nicht einmal blinzelt.
Die Stille zwischen uns nimmt zu, wird schneidend dick und bildet eine Mauer, die keiner von uns bereit ist einzubrechen. Er sieht mich an, aus harten graublauen Augen.
»Was willst du?«
Was will ich? Eine einfache Frage. Die Antwort darauf ist es nicht.
Ich will, dass er für seine Geschäfte zur Rechenschaft gezogen wird.
Ich will, dass die Agentur wieder läuft und wir niemand entlassen müssen.
Ich will, dass er diese verdammte Agentur endlich an mich abgibt.
Ich will, dass er mich ernst nimmt und mich endlich anerkennt, wie ich bin.
Ich will den Vater zurück, den ich vor wenigen Tagen noch hatte.
»Nichts.«
»Nichts?« Er klingt so überrascht, wie ich mich fühle. Aber dennoch ist es die Wahrheit.
»Nein, nichts.«
Ich erhebe mich, genieße seinen verblüfften Gesichtsausdruck, den ich zum ersten Mal an ihm entdecke. Allein dafür ist es all das wert.
»Nein, Vater, ich will nichts von dir. Ich werde jedoch mit Jordan sprechen und ihn zwingen, die Nero Investment Group zu schließen. Andernfalls gehe ich zur Polizei. Und zur Presse. Das verbleibende Geld wird an die Start-ups zurückgehen, viel ist vermutlich sowieso nicht mehr da. Ich will nicht, dass du die Agentur schließt. Nicht wegen dir, sondern wegen all der Menschen, die für uns arbeiten. Ich aber werde gehen und endlich das machen, was ich seit Jahren tun sollte.«
Nämlich auf eigenen Beinen stehen. Endlich meinen eigenen Weg gehen und nicht mehr versuchen, es meinem Vater recht zu machen. So wie es Zoe mehr als einmal von mir verlangt hat.
Zoe.
Der Gedanke an sie tut weh, bringt das Brenner in meiner Brust zum Bersten.
Die Tür hinter mir schlägt zu, als ich das Büro verlasse. Endgültig.

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