Zimtsternzauber: Tag 22

Erkenntnisse

Cedrik

Ich bin in Zoe verliebt.
Die Erkenntnis sollte mir Angst machen, aber überraschenderweise tut sie es nicht. Stattdessen fühlt es sich vertraut an, wenn ich an Zoe denke. Warm, geborgen. Als müsste ich mich bei ihr nicht darum bemühen, der zu sein, der ich sein will, sondern einfach der sein, der ich bin. Wenn ich jedoch an gestern Abend denke, muss ich zugeben, dass es genau dieser jemand mal wieder richtig verbockt hat. Fuck!
Eine kleine Schneeflocke trifft meine Nase, kitzelt auf meiner Haut, bevor ich sie mit der Hand abstreife. Es ist ein trüber Morgen, kein Sonnenstrahl am Himmel, nur ein gleichbleibendes tristes Grau. Und es ist arschkalt.
Was also tue ich hier?
Die Türen zu der kleinen Kapelle vor mir öffnen sich und ein Schwall Personen ergießt sich auf den Vorplatz. Sie sind alle eingemummelt in dicke Mäntel, Schals und Mützen, dennoch kommt ihr freudiges Strahlen im Gesicht sicher nicht von der Entzückung über das beschissene Wetter. Sondern von einem Pärchen, das in diesem Moment Hand in Hand über die Pforte der Kapelle schreitet und lächelnd die ersten Glückwünsche entgegennimmt.
Vanessa sieht atemberaubend aus! Sie trägt einen weißen offenen Mantel, der den Blick auf ein mit Spitze besetztes Brautkleid freigibt. Auf einen Schleier hat sie verzichtet, stattdessen hat sie ihre blonden Haare locker hochgesteckt. Und neben ihr, in Dunkelblau, steht der Lackaffe, mit dem sie mich betrogen hat. Na bravo!
Obwohl es viel zu kalt ist, bleibt die Gesellschaft vor der Kirche stehen. Irgendwer drückt mir ein Sektglas in die Hand und ich frage mich erneut, was ich eigentlich hier tue. Es war eine bescheuerte Idee, herzukommen.
»Cedrik!« Fuck!
»Beate.« Ich gebe mir einen Ruck. Ziehe meine Hand aus meiner Manteltasche und halte sie meiner Ex-Schwiegermutter entgegen.
Statt meine Hand zu nehmen, drückt sie mich an sich. Eingehüllt in ein viel zu süßes Frauenparfüm habe ich das Gefühl zu ersticken. Nicht nur wegen des penetranten Duftes, auch weil mir ihre Nähe unangenehm ist.
»Ach, ist es nicht schön? Endlich heiratet meine Kleine!«
»Ähm … ja.« Ob ihr klar ist, dass ich ihre Kleine auch heiraten wollte?
»Bist du schon verheiratet? Wie geht es dir?« Will mich die Alte verarschen?
Beate bleibt mein zynischer Kommentar erspart, da Vanessa in diesem Moment neben sie tritt. Sie schaut mich überrascht an, dann breitet sich ein unsicheres Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Was machst du hier, Cedrik?«
Gute Frage! Genau genommen bin ich einer Eingebung gefolgt, die mich heute Morgen aus dem Schlaf gerissen hat. Und den Worten des verfickten Radiomoderators, der mich heute mit »Noch zwei Tage bis Weihnachten« geweckt hat.
»Ich wollte dir alles Gute wünschen.« Jetzt, wie ich so vor ihr stehe, klingt das mehr als unglaubwürdig. Ich sollte verschwinden.
»Mutti, ich glaube Tante Gabi weiß nicht genau, wo wir feiern. Erklärst du es ihr bitte noch einmal?« Vanessa schiebt ihre Mutter förmlich in Richtung ihrer Tante, bevor sie sich wieder mir zuwendet.
»Meinst du das ernst?« Sie lächelt nicht mehr, dennoch sieht man ihr deutlich an, wie glücklich sie ist. Eifersucht zuckt durch mich hindurch, weil ich ihr dieses Glück nie geben konnte. Der Lackaffe offensichtlich schon.
»Sonst wäre ich kaum hier.«
Sie schweigt einen Moment. Schneeflocken wirbeln um uns herum, lassen sie fast märchenhaft wirken in ihrem weißen Mantel und dem Brautkleid.
»Ich habe über unser Gespräch nachgedacht«, sage ich schließlich, weil das der eigentliche Grund ist, der mich heute Morgen aus dem Bett getrieben hat. »Es war scheiße, was du vor vier Jahren abgezogen hast, Vanessa, und erwarte von mir nicht, dass ich dir das verzeihe. Aber ich verstehe es jetzt.«
»Das habe ich nicht«, gibt sie zu und greift sich, ohne zu fragen, mein Sektglas, das ich immer noch in der Hand halte. »Aber es freut mich, dass du es verstehst.«
Ich presse meine Lippen zusammen und wieder überkommt mich das Gefühl, wegrennen zu wollen. Aber Vanessa kennt mich. Vielleicht besser als ich mich selbst.
»Ich habe gekündigt«, fahre ich fort. »Ich arbeite nicht mehr für meinen Vater. Ich werde mir etwas eigenes suchen.«
Sie nimmt einen Schluck, wirft suchend einen Blick über ihre Schulter. Ihr jetziger Gatte hat uns genau im Blick. Es passt ihm offensichtlich nicht, dass ich hier bin. Wenigstens ein kleiner Erfolg heute Morgen.
»Mach das. Es wird dir helfen zu erkennen, was du eigentlich vom Leben willst! Du entschuldigst mich?«
Sie lächelt mich an. Diesmal aufrichtig und offen. Ich erwidere es, doch kurz bevor sie sich abwendet, beuge ich mich zu ihr hinunter und gebe ich einen Kuss auf die Wange. Erinnerungen durchfahren mich, alte Gefühle, aber diesmal lösen sie nichts mehr in mir aus.
»Danke!«, flüstere ich dicht an ihrem Ohr. »Und herzlichen Glückwunsch!«
Ich zwinkere ihr zu, als sie sich schließlich umdreht, und plötzlich fühle ich mich seltsam leicht. Bis ich daran denke, was der nächste Schritt ist.
Ich lasse die Kirche und die Hochzeitsgesellschaft hinter mir, ziehe meinen Mantel enger um mich und greife nach meinem Handy. Ich habe es gestern Abend so richtig verbockt. Aber ich habe mir ehrlich gesagt, keine großen Gedanken gemacht, was mich erwartet, als ich auf die Weihnachtsfeier gegangen bin. Ich wollte Max sehen, meinen Mitarbeitern auf Wiedersehen sagen, mit Zoe sprechen. Was mich überrascht hat, war ihre all umfassende Wut. Und ihr Ex-Freund.
Vanessas Worte kommen mir wieder in den Sinn. Es wird Zeit, dass ich erkenne, was ich im Leben will. Und eines will ich sicher: Zoe!
Ich wähle ihre Nummer, lausche dem monotonen Tuten des Freizeichens. Sie nimmt nicht ab. Fuck, ich habe ihr anscheinend doch schlimmer zugesetzt, als ich dachte. Dann also die harten Geschütze.

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