Zimtsternzauber: Tag 23

Quit playing Games With My Heart

Zoe

Ich habe noch nie einen Liebesbrief bekommen. Und jetzt liegt einer vor mir. Auf dem karierten Papier eines Collegeblockes, mit blauem Kugelschreiber geschrieben, springen mir die Worte regelrecht entgegen.
Willst du mit mir gehen?
Ja. Nein. Vielleicht.
Das kann nicht sein Ernst sein!
»Du kommst heute Abend auf alle Fälle mit!« Tinas Drohung fegt durch den Telefonhörer und übertönt die Backstreet Boys, die im Hintergrund aus meiner alten Musikanlage dudeln. »Und könntest du endlich diesen Mist abstellen? Wir sind doch keine fünfzehn mehr.«
Doch. Sind wird. Zumindest fühle ich mich genau so.
»Ich habe keine Lust. Wirklich. Ich muss noch Geschenke einpacken, meine Mum will zusammen mit mir den Braten vorbereiten und …«
»Du verarschst mich, oder?«
Ich hoffe, dass sie nicht mit mir spricht. Denn es ist mir bitterernst mit meiner Entscheidung, heute Abend zu Hause zu bleiben. Und nicht, ich betone NICHT, mit Tina auf eine Hüttenzauber Party zu gehen.
»Nein.«
»Ich bin in einer halben Stunde bei dir! Und zieh‘ irgendwas weihnachtliches an.«
Mir klappt der Mund auf, um lautstark zu protestieren, aber Tina hat bereits aufgelegt. Das merkwürdige Gefühl beschleicht mich, dass im Moment alle außer Kontrolle sind. Tina mit ihrer fixen Idee, mich auf diese Party zu schleppen, und Cedrik, dessen Brief immer noch auf meinem Schreibtisch liegt. Was hat er sich nur dabei gedacht? Na gut, er hat zugegebener Maßen wortreich geschrieben, was er von mir will. Nämlich mit mir reden, eine Chance, sich zu erklären. Und er hat ernsthaft erwähnt, dass er auf meine Haare steht und ich tolle grüne Augen habe. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen, der Brief sei von einem Teenager. Was vermutlich pure Absicht war, deshalb auch die bescheuerte Frage am Ende. Und deshalb auch die Backstreet Boys, die mich meine ganze Jugend und Cedrik-Anschmacht-Zeit begleitet haben.
Seufzend falte ich das Blatt Papier zusammen und schiebe es unter einen Stapel Rechnung. So muss ich es zumindest nicht länger anschauen und mich damit auseinandersetzen, ob ich nicht vielleicht doch mit ihm reden sollte. Stattdessen wende ich mich meinem Kleiderschrank zu und greife nach kurzer Überlegung zu einer schwarzen Jeans und einem roten Pullover. Tina wird nicht aufgeben und in spätestens dreißig Minuten hier sein. Besser ich bin vorbereitet.

***

»Das ist doch echt cool hier, oder?«
Durch den Lärm der umstehenden Gäste, die alle rote Nikolausmützen auf ihrem Kopf tragen, verstehe ich meine Freundin kaum.
»Ja, es ist ok«, brülle ich zurück und quetsche mich zwischen zwei Kerlen hindurch, Tina hinterher.
Wer kommt auf die bescheuerte Idee, mitten in der City eine Skihütte aufzustellen? Jemand mit einem genialen Gespür für Parties beantworte ich mir meine Frage selbst, denn die Hütte platzt aus allen Nähten. Kein Zentimeter ist mehr Platz zwischen all den feiernden Menschen, von der langen Schlange vor der Hütte einmal ganz abgesehen. Weihnachtslieder dröhnen aus den Boxen in der Ecke, in der Luft liegt der unverkennbare Geruch nach Bier, Glühwein und Schweiß. Die Menschen um uns herum feiern jedoch so ausgelassen, als gäbe es kein Morgen mehr.
»Hier, nimm!« Tina hält mir ein Schnapsglas entgegen und ohne zu fragen, was darin ist, trinke ich es aus. Anders überlebe ich diesen Abend nicht.
»Gute Einstellung!« Meine Freundin zwinkert mir zu und reicht mir direkt das nächste Glas. Diesmal nippe ich jedoch nur am Feigenschnaps, da ich den morgigen Heiligen Abend doch noch erleben möchte.
Plötzlich reißt Tina ihre Hände hoch und winkt hektisch. Sie trägt ein weißes Oberteil mit Glitzersternen darauf und um ihre Hand klingeln unzählige silberne Reifen. Zusammen mit der roten Mütze hat sie tatsächlich etwas von einem Weihnachtswichtel. Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Es war eine gute Idee, hierher zu kommen. Andernfalls hätte ich mich nur in meinem Zimmer verkrochen oder am Ende doch noch mit meinen Eltern die Extended-Version der Dornenvögel gesehen. Allein die Vorstellung beschert mir eine Gänsehaut und ich kippe den zweiten Schnaps hinunter. Heilig Abend ist ja noch eine Weile hin.
»Hi, schön, dass du da bist.« Tina schiebt sich an mir vorbei. Ich drehe mich mit ihrer Bewegung um, um zu sehen, wen sie da eben begrüßt hat und kann mich in letzter Sekunde bremsen, den Schnaps nicht vor lauter Überraschung wieder auszuspucken. Max‘ Zunge steckt bereits im Hals meiner Freundin und ich glotze die beiden an, wie ein Unfall, bei dem man einfach nicht mehr wegsehen kann. Was bitte habe ich da denn verpasst?
»Hey!« Max winkt mit seiner freien Hand, die nicht am Hinterteil meiner Freundin klebt, und schaut ein wenig ertappt.
Ich hebe nur fragend die Augenbrauen. Eine Erklärung werde ich wohl so schnell nicht bekommen.
»Hi, Zoe.«
Die Stimme hinter mir lässt mich herumfahren. Und Tina und Max auf der Stelle vergessen. Mit einmal mal ist mir warm und kalt gleichzeitig und alles, was durch meine Gedanken dröhnt, ist diese eine dämliche Frage: Willst du mit mir gehen? Eine Antwort darauf habe ich immer noch nicht.
Aber Cedrik sieht auch nicht aus, als erwarte er jetzt eine. Stattdessen lächelt er mich fast unsicher an und dieses Lächeln löst so viel mehr in mir aus, als es jedes geschriebene Wort seines Briefes.
»Was machst du hier?« Es ist sicher nicht die erste Frage, die mir einfällt, aber die einzige, die ich zu stellen bereit bin.
»Max meinte, dass ihr beide hier seid.« Er zuckt mit den Schultern und die Unsicherheit verschwindet aus seinem Gesicht. Stattdessen verzieht er seinen Mund zu dem arroganten Grinsen, dass ich seit fünfzehn Jahren an ihm kenne. Und immer noch erfolglos zu hassen versuche. »Außerdem wollte ich dich sehen.«
»Ah.« Äußerst eloquent, Zoe!
Zwei Frauen schieben sich an uns vorbei, drängen uns an den Rand der Hütte. Hier ist es kaum ruhiger und mehr Platz hat man auch nicht. Ganz im Gegenteil. Cedrik steht so dich vor mir, dass ich meinen Kopf heben muss, um ihn anzusehen.
Meine Hände stoßen gegen seinen Bauch, als ihn jemand anrempelt und obwohl mehrere Stoffschichten dazwischen liegen, schickt die Berührung Stromstöße durch meinen Körper. Oh verdammt!
»Wie geht es Oliver?« Cedrik hat sich zu mir gebeugt, damit ich ihn besser verstehe. Sein Atem streift meine Wange, lässt meine Haut brennen und mit einem Mal ist mir unsäglich heiß.
»Keine Ahnung. Ich habe ihn seit Donnerstagnacht nicht mehr gesprochen.« Warum zur Hölle lüge ich ihn nicht einfach an? Aber als ich den Blick hebe und erneut in Cedriks sturmverhangene Augen sehe, trifft mich die Wahrheit mit aller Wucht. Weil ich ihn will. Weil ich ihn schon immer wollte und immer noch verzweifelt darauf hoffe, dass er mich auch will. Und dieser verdammte Brief hat mich hoffen lassen. Genauso wie die Tatsache, dass er jetzt vor mir steht, sich immer noch an mich drückt, obwohl er es nicht länger müsste.
»Hast du meinen Brief bekommen?«
Ich schlucke hart. Mein Hals ist wie ausgedörrt. Meint er das tatsächlich ernst mit mir? Sind wir doch ein Schneesturm im Sommer?
»Ja.«
In seinen Augen blitzt etwas auf. Am Rande bekomme ich mit, wie Tina und Max an uns vorbei in Richtung Bar gehen und meine Freundin Max‘ Hand zielsicher hinter sich her zieht. Irgendwie überrascht mich das nicht. Die beiden passen zusammen. Tun Cedrik und ich das auch? Meine Gefühle schlagen Purzelbäume und ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich bin wütend auf ihn, er hat mir wehgetan. Zumindest war das der Stand am Donnerstag. Was also hat sich seitdem verändert?
»Zoe?«
Verwirrt schaue ich wieder zu ihm hoch. Hat er irgendetwas gesagt?
»Denk‘ nicht so viel!«
Und dann küsst er mich.
Cedrik bittet mich nicht, er fragt auch nicht um Erlaubnis. Das hat er noch nie. Er küsst mich einfach. Und dieses Mal haut es mich um. Endgültig und unwiderruflich gehe ich in diesem Moment an ihn verloren.
Denn ich kann fühlen, dass es ihm genauso geht. Dieser Kuss ist anders, als unser erster Kuss während der Weihnachtsparade in Newfane. Er ist auch anders, als die Zärtlichkeiten, die wir in der Nacht oder am Morgen danach ausgetauscht haben. Dieser Kuss ist echt, ungeschminkt, die einfache Wahrheit, dass mehr zwischen uns ist, als ein lapidares Geplänkel. Wie ein Schneesturm fegen meiner Gefühle und Empfindungen durch mich hindurch, ich lasse mich fallen und höre endgültig auf zu denken. Meine Hände suchen nach Halt, krallen sich in Cedriks Pullover fest, weil meine Knie wegzubrechen drohen. Ich bekomme keine Luft mehr, doch ich brauche nicht länger zu atmen, weil alles was zählt, Cedriks Lippen auf meinen sind. Ein Keuchen schlägt mir heiß entgegen, schickt ein verlangendes Ziehen durch meinen Körper bis zu dem empfindsamen Punkt zwischen meinen Beinen. Oh zur Hölle, ich will diesen Kerl! Und jeder Millimeter zwischen uns, ist einer zu viel!
Meine Hände fahren wie von selbst unter seine Pullover, finden seine warme Haut, während Cedrik mit seinen Lippen eine brennende Spur meinen Hals hinab zieht.
»Wir sollten von hier verschwinden«, raunt er dunkel an meinem Ohr. Er löst sich von mir und ich schnappe verzweifelt nach Luft. Meine Lungen ziehen sich schmerzhaft zusammen, weil ich dringend Sauerstoff brauche.
Cedrik grinst verschmitzt, aber seine dunklen Augen funkeln mich an. Und ich erkenne eine Zuneigung und Wärme in ihnen, die mich erneut trocken schlucken lässt. Er meint es ernst. Verdammt ernst. Im Hintergrund trällert Andreas Gabalier gerade ein Weihnachtslied, aber die Musik erreich mich nicht mehr. Ich sehe nur Cedrik. Seine blaugrauen Augen und das Versprechen darin. Das Versprechen, dass er sich so viel mehr wünscht, als nur einen netten Abend. Dass er mir so viel mehr wünscht.
»Komm!«
Ich greife nach seiner Hand und ziehe ihn hinter mir her. Durch all die feiernden Menschen, vorbei an der Warteschlange vor der Skihütte, durch die Straßen, bis zum Haus meiner Eltern. Davor bleibe ich stehen, drehe mich unsicher zu ihm um.
»Fragst du mich jetzt ernsthaft, ob ich noch mit rauf kommen will?«, lacht er und wirkt mit einem Mal wieder wie der Junge vom Schulhof. Befreit, jung, als hätte er eine schwere Last von seinen Schultern gestreift.
»Wir sollten reden.«
Schneeflocken fallen vom Himmel und die ganze Szene wirkt im Licht der Straßenlaternen nahezu unwirklich.
»Das sollten wir«, stimmt mir Cedrik zu und kurz huscht ein Schatten über sein Gesicht. »Aber es ist gleich Mitternacht und jetzt werden wir ganz sicher nicht mehr … reden.«
Ich beiße auf meine Lippe und schlucke meine Antwort herunter. Zu viele Dinge zwischen uns sind immer noch ungeklärt. Die Nero Investment Group, seine Kündigung, sein Vater. Wir. Aber weil Cedrik mir schon wieder näher kommt und nun mit der Hand mein Kinn anhebt und einen federleichten Kuss auf meine Lippen haucht, trete ich meinem mahnenden erwachsenen Ich in den Hintern, und beschließe, heute Nacht das fünfzehnjährige Mädchen zu sein, das Cedriks Zuneigung so unendlich verdient hat.

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