Mistelzweigmagie: Tag 1

Der Fehler

Jonah

Samstag, 1. Dezember 2018

Der Bass vibriert laut durch meinen Körper. Meine Fingerspitzen kribbeln, meine Nackenhaare stellen sich auf. Nervosität packt mich.
Gleich.
Die erste Note, der erste Takt. Ich blinzle. Erkenne einzelne, gerötete Gesichter, verschwitzte Hände, die sich zur Bühne recken, darauf gierend mir nahe zu sein. Ich hole tief Luft.
Gleich.
Ich weiß, was ich tue, weiß, was von mir erwartet wird. Ich muss liefern, singen, spielen, die Massen begeistern. Und das kann ich verdammt gut!
Leise singe ich den ersten Ton, ein Flüstern, eine Liebkosung, und ein Kreischkonzert schlägt mir entgegen. Die Konzerthalle ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Hunderte, tausende hysterischer Fans, die von überall angereist sind, um uns zu sehen. Um mich singen zu hören. Kurz springt die Hysterie auf mich über, Freude und Begeisterung rauschen durch meinen Körper, aber schon nach dem letzten Takt des erstens Songs sind sie verschwunden und machen einer dumpfen Abgebrühtheit platz. Ich weiß, was ich tue, weiß, was sie alle von mir sehen wollen. Ihnen ist egal, ob ich hier stehe oder irgendein anderer. Hauptsache ich liefere eine atemraubende Show. Denn die Fans wollen mehr. Immer mehr. Und ich gebe ihnen alles.
Zwei Stunden später ist das Konzert zu Ende und bin ich völlig K.O.. Aber das Adrenalin rauscht immer noch durch meinen Körper, meine Ohren dröhnen und mein Puls durchschlägt jede Messlatte. Ich drücke meine Gitarre irgendeinem Bühnenarbeiter in die Hand, greife mir das Handtuch, das er mich hinhält, und wische mir den Schweiß aus dem Gesicht.
Ich bin schon fast von der Bühne, als mich ein letzter Blick auf das hysterische Publikum zurückhält. Und ich erschrocken zusammenzucke. Meine Finger verkrampfen und ein glühender Schmerz schießt durch mich hindurch. In der Menge geht sie fast unter, aber Lens Gesicht würde ich unter Tausenden wiedererkennen. Sie sieht mich nicht an, sondern diskutiert mit einer Frau neben ihr. Ihre langen dunkelbraunen Haare kleben ihr feucht auf der Stirn und die Begeisterung über meinen Auftritt steht ihn noch deutlich ins Gesicht geschrieben. Mein Atem geht stockend und plötzlich ist mir eiskalt. Fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen und die Gefühle, die Sehnsucht, die jetzt über mir zusammenbricht, macht mich kaputt.
Ich will zu ihr, will mit ihr reden.
Aber ich kann nicht, alles daran wäre falsch.
Daher zwinge ich mich, meinen Blick von ihr zu reißen und weiterzugehen. Weg von der Bühne, weg von ihr.
»Was ein geiler Gig, Mann. Das war echt der Hammer!« Mick schlägt mir auf die Schulter, als ich im Backstage-Bereich ankomme. Hier ist es ruhiger, dunkler, weit weg von den hysterischen Massen vor der Bühne und den stechenden Scheinwerfern.
Meine Gefühle sind immer noch in Aufruhr, aber ich gebe mich ruhig. Schiebe meine Emotionen beiseite, wie ich es die letzten fünf Jahre getan habe. Gleichgültig zucke ich mit den Schultern und lasse das Handtuch, das ich immer noch in der Hand halte, achtlos fallen. »Ja, es war gut.« Okay, es war verdammt geil! Aber nach so vielen Jahren auf Tour hat mich der Abend nicht mehr wirklich umgehauen.
»Es war die Festhalle, Mann! Frankfurt! Endlich daheim.« Micks Wangen sind gerötet, Schweiß glänzt auf seiner Stirn und seine schwarzen Haare kleben ihm feucht am Kopf. Er sieht echt scheiße aus, aber die Euphorie glitzert in seinen Augen. Mick liebt dieses Leben, jede einzelne beschissene Sekunde davon.
Frankfurt. Daheim. Erneut sticht ein brennender Schmerz durch mich hindurch, erinnert mich daran, wo wir sind und was es mir bedeutet. Heimat, Erinnerungen, meine Familie. Verantwortung, die ich nicht mehr tragen wollte. Schuld und der verdammte Versuch, alles richtig zu machen. Ich will nicht weiter darüber nachdenken, über diesen Mist, den ich lange hinter mir gelassen habe, daher greife ich zur Flasche Jack Daniels, die mir Tim, mein anderer Bandkollege fragend hinhält, und nehme einen tiefen Schluck. Alkohol ist keine Lösung. Aber heute ist sie meine.
»Wow, Jonah, lass mir was übrig!« Feixend nimmt mir Tim die Flasche wieder aus der Hand. Wir sind in unserer Garderobe angekommen, die erstaunlicherweise noch vollkommen leer ist. Erschöpft lasse ich mich auf die schwarze Ledercouch fallen, während Tim und Mick sich auf zwei Stühle fläzen.
»Fährst du morgen nach Hause?«, fragt Mick seinen Kumpel. Er streckt seine langen Beine aus und fährt sich mit der Hand durch die klatschnassen Haare. Mick meint, er wäre der wiedergeborene Mick Jagger. Deshalb müssen wir ihn Mick nennen, statt Michael, und er trägt dieselbe Frisur wie sein großes Vorbild.
»Jep! Bis zum nächsten Konzert sind es ja noch zwei Wochen. Ich will meine Kleine mal wieder sehen.« Tims Tochter ist fünf. Und er hat sie in den letzten drei Jahren, in denen wir auf Tour waren, kaum zu Gesicht bekommen.
Das Adrenalin in meinem Körper flaut langsam ab und der Alkohol tut sein übriges, dass ich müde werde. Wie von alleine schließen sich meine Augen. Vielleicht sollte ich einfach ins Hotel fahren, so lange es noch geht. Wenn James mit den Weibern auftaucht, ist es vorbei.
»Und du, Jonah? Dein Bruder würde sich bestimmt freuen, da er ja leider nicht zum Konzert heute kommen konnte. Und ist da nicht dieses Mädchen …?«
Ich reiße die Augen wieder auf. Dunkle Haare, braune, warme Augen. Len. Nein, kein Mädchen. Zumindest nicht meins.
»Nein, ich bleibe hier im Hotel«, antworte ich verzögert und greife erneut nach der Whiskyflasche, die Tim auf den Tisch zwischen uns gestellt hat. Der Schock darüber, Len heute Abend gesehen zu haben, ist immer noch nicht ganz verschwunden. Fünf Jahre und plötzlich ist da ihr Gesicht. Und die verdammte Sehnsucht nach ihr ist kaum noch in den Griff zu bekommen. Fuck, verdammt!
»Willst du nicht wenigstens kurz vorbeischauen? Immerhin ist bald Weihnachten und direkt danach fliegen wir in die USA.« Tim sieht mich nachdenklich an. Ich weiß, was ihn umtreibt. Er macht sich Sorgen um mich. Unser Schlagzeuger ist um einiges empathischer als Mick und ich habe schon länger den Verdacht, dass er genau weiß, wie es in mir aussieht. Er hat hinter die Fassade geschaut und die verdammte Leere in mir gesehen, die jeden Tag wächst, mich jeden Abend mit jedem Konzert immer mehr auffrisst. Bis nichts mehr von mir übrig ist.
»Nein«, entgegne ich wortkarg, leere demonstrativ die Flasche und stelle sie zurück auf den Tisch. Jacky, mein Freund, du stellst wenigstens keine nervenden Fragen!
»Jonah, die letzten Monate haben uns allen zugesetzt. Gerade deshalb …«, setzt Tim an, aber ich würge ihn mit einer wütenden Handbewegung ab.
»Nein, Tim. Therapier Mick, aber lass mich in Ruhe.« Meine Zunge ist schwer vom Alkohol und zufrieden stelle ich fest, dass sich eine wohlige Wärme in meinem Körper ausbreitet. Es geht doch nichts über einen ordentlichen Vollsuff, um seine Probleme zu verdrängen.
Tim stützt sich mit den Ellenbogen auf den Knien ab und beugt sich zu mir. »Ich weiß, dass du das hier eigentlich gar nicht mehr willst. Vermutlich wolltest du es noch nie«, sagt er betont ernst und leise. »Und ich sehe mir nicht länger an, wie du dich mit dieser scheiß Band kaputt machst. Nur weil James immer mehr Konzerte spielen will, immer mehr Termine ausmacht und uns die Pressefuzzis auf den Hals hetzt. Vielleicht sollten wir es alle einfach gut sein lassen.«
»Red‘ keinen Quatsch, Mann«, unterbricht ihn Mick, bevor ich etwas erwidern kann. »Hysterische Frauen, die flachgelegt werden wollen, Geld ohne Ende und jeder Depp kennt deinen Namen. Was kann es Geileres geben?«
Familie, denke ich, Liebe. Aber ich spreche es nicht aus, denn zum einen sind das Dinge, die in meinem Leben keinen Platz mehr haben und zum anderen kommt in diesem Moment James mit zwei Tussis im Schlepptau in die Garderobe geplatzt. Die eine hat kurze blonde Haare, trägt einen Minirock und ist heute Abend ganz sicher leicht zu haben, die andere hat ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und beäugt uns ehrlich interessiert. Ich mustere sie kurz und entscheide mich spontan für die braunhaarige Tussi. Sie erinnerte mich irgendwie an Len und ich weiß jetzt schon, dass es ein verdammter Fehler ist, sie heute Nacht zu vögeln. Aber ich kann einfach nicht anders.

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