Mistelzweigmagie: Tag 2

Glitzersterne

Leonie

Sonntag, 2. Dezember

»Wie viele von diesen Sternen müssen wir eigentlich noch basteln?« Nora sieht mich, versteckt hinter einem Berg glitzernder Styroporsterne, zweifelnd an. Ihre kinnlangen blonden Haare sind völlig zerzaust vom vielen Haareraufen, an ihren Händen, auf ihrem blauen Pullover und selbst auf ihrem Gesicht kleben Spuren von Glitzer. Schmunzelnd beiße ich mir auf die Unterlippe, um nicht loszulachen.
»Ich weiß, du hasst basteln. Umso dankbarer bin ich dir, dass du mir hilfst!« Ich schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln. Es ist fünf Uhr Sonntagnachmittag, der erste Advent. Noch drei Wochen bis Weihnachten und nur noch zwei bis zum alljährlich stattfindenden Weihnachtsmarkt. Meine Stresshormone laufen noch auf Normalmodus, allerdings nur, wenn wir bis heute Abend fünfhundert Glitzersterne zur Dekoration der Verkaufsbuden auf dem Markt fertig gebastelt haben. Daher sitzen Nora und ich seit heute Mittag mit fünfzehn anderen Helfern im großen Besprechungsraum unseres Gemeindezentrums und basteln glitzernde Styroporsterne.
»Du weißt, dass ich dir nur helfe, weil du mir anschließend einen Caramel Macchiato mit extra Shot versprochen hast und nicht, weil ich freiwillig dem Orga-Team für den Adventsmarkt beigetreten bin. Nach dem Konzert gestern Abend hätte ich deutlich mehr Schlaf vertragen können.« Nora streckt mir die Zunge heraus, kann sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
Das Konzert. Wieder durchfährt mich ein nervöses Kribbeln, wenn ich daran denke. Es war aufregend, laut, mitreißend. Und Jonah Storm hat die Show seines Lebens abgezogen. Er ist gut auf der Bühne und ohne jeden Zweifel hat er den Erfolg verdient. Für mich jedoch war es ein Schock ihn zu sehen. Jonah Storm, Jonah, der Jungen, mit dem ich groß geworden bin, bis er vor fünf Jahren entschieden hat Rockstar zu werden und unserem Ort den Rücken kehrte. Er war gestern so ganz anders als der Junge, den ich kannte, und doch war er ohne Zweifel derselbe. Das zumindest sagt mir mein Herz, das gestern Abend mit jedem Ton, jeder Note weiter zerbrochen ist.
»… aber abgesehen davon, hatte ich gerade nichts anderes zu tun. In diesem Kaff hier ist einfach nichts los.« Nora schnaubt demonstrativ.
Ich blinzle irritiert. Ich habe ihn nicht zugehört, so ein Mist!
»Außer der Weihnachtsmarkt in zwei Wochen«, stellt Nora weiterhin fest und rümpft die Nase. Ich kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Der Weihnachtsmarkt ist neben Fastnacht und Kerb eins der drei großen Jahreshighlights in Fichtenstein. Wirklich viel Aufregendes passiert in unserem sechstausend Seelen-Ort nicht – für Nora ein Drama, für mich jedoch der Hauptgrund hierzubleiben. Ich mag das Leben in Städten nicht, die Unpersönlichkeit und die Hektik. In unserem Ort kennt jeder jeden, das Leben folgt einer angenehmen Eintönigkeit und Ruhe, ohne große Überraschungen. Meine Eltern wohnen in Fichtenstein, fast alle meine Freunde sind hier geblieben. Ich wollte nie von hier fort, daher war es ein echter Glücksfall, dass ich an der örtlichen Grundschule eine Stelle als Lehrerin bekommen habe. Und mich – wie in den letzten Jahren auch – wieder um die Organisation des Weihnachtsmarktes, der immer am Wochenende des 3. Advents stattfindet, kümmern kann.
»Meinst du, die Feuerwehr macht wieder ihre Feuerzangenbowle?«, fährt Nora fort und ignoriert mein eintöniges Schweigen. Stattdessen blitzt Vorfreude in ihren Augen auf.
»Sicher. Und Dennis wird dich nur zu gerne wieder dazu einladen. Mit allen Konsequenzen«, gebe ich trocken zurück. Es ist kein Geheimnis, dass meine Freundin vor zwei Jahren mit unserem Stadtbrandinspektor aufs Übelste abgestürzt ist, und sie gemeinsam den Weg nach Hause gefunden haben. Der Rest ist Geschichte.
Nora grinst über beide Ohren. »Dass will ich doch sehr hoffen.«
»Nora«, beginne ich und greife mir ein neues Stück Styropor, um ein Stern auszuschneiden. »Du weißt, dass Dennis in dich verknallt ist. Vermutlich seit du in der sechsten Klasse mit ihm den Vortrag über das Paarungsverhalten der Wellensittiche gehalten hast.«
»Ja und? Kein Grund nicht regelmäßig mit ihm zu spielen.«
Ich werfe meiner besten Freundin einen strafenden Blick zu. Sie weiß genau, was ich ihr damit sagen will.
»Ach, hab dich nicht so. Ich sage nur, du und Jannik.«
Mein strafender Blick wird giftig. »Das ist etwas ganz anderes. Du weißt, dass da nichts läuft.«
»Aber du kannst nicht leugnen, dass er in dich verliebt ist. Vermutlich auch schon seit der sechsten Klasse.«
»Das ist völliger Blödsinn.« Ist es nicht und das weiß ich. Aber ich will so nicht über Jannik sprechen, will noch nicht einmal auf diese Art über ihn nachdenken. Denn Jannik ist mein bester Freund. Schon immer gewesen. Er ist für mich da, hört mir zu, muntert mich auf. Er ist unbeschwert, spontan und muss nicht andauernd über alles nachdenken, bevor er es tut. Er ist mein Gegenstück, meine positivere, fröhlichere Hälfte. Und ja, natürlich weiß ich, dass er in mich verliebt ist. Vermutlich wirklich schon seit der Schulzeit. Aber ich habe es nie erwidert. Auch wenn er bis heute darauf wartet.
»Wir werden sehen. Weihnachten hat ja seine ganz eigene Magie.« Meine Freundin zwinkert mir zu, bevor sie jemanden hinter mir fokussiert und sich ihr Mund zu einem spitzbübischen Grinsen verzieht. »Und scheinbar kann Jannik auch heute nicht ohne dich.«
Ein warnender Blick in Richtung Nora, dann drehe ich mich herum und suche nach einem blonden Lockenkopf im Gewusel der anderen Helfer. Blitzende blaue Augen finden meine und augenblicklich zupft die Fröhlichkeit an meinen Mundwinkeln.
»Na, Ladys, seid ihr schön fleißig?« Jannik kommt zu uns an den Tisch, greift sich einen Glitzerstern und dreht ihn in den Händen. »Wie viele müsst ihr davon machen?«
Jannik gehört zu den begehrtesten Männern bei uns im Ort – was an sich kein Kunststück ist, die Auswahl ist überschaubar. Dennoch … er ist groß, sportlich, hat blonde Locken und blaue Augen. Dazu hat er ein fein geschnittenes Gesicht und immer ein Lächeln auf den Lippen. Es gibt so gut wie niemanden, der ihn nicht mag. Und ich muss zugeben, dass er gerade heute mit seiner grauen Jeans, den Boots und dem engen schwarzen Pullover unverschämt gut aussieht.
»Fünfhundert«, stöhnt Nora theatralisch und deutet auf den Berg zwischen uns.
»Soll ich euch helfen? Und gleichzeitig mit dem neuesten Tratsch von der Fußballweihnachtsfeier unterhalten?« Jannik grinst verschwörerisch.
»Mein Platz gehört dir«, bietet meine Freundin großzügig an, doch Jannik geht um mich herum und setzt sich an den Tisch neben mich.
»Alles ok bei dir? Läuft die Orga?«, fragt er mich und kurz huscht Sorge über sein Gesicht.
»Klar! Du kennst mich, ich hab’s im Griff«, antworte ich und spüre Janniks Hand, die plötzlich auf meinem Arm liegt, überdeutlich. Die Wärme, die davon ausgeht, brennt sich durch meinen dünnen Pullover, bis sie meine Haut kitzelt. Ein Kribbeln breitet sich auf meinem Arm aus, Unruhe nimmt von mir Besitz. Aber es ist nicht richtig, es wäre einfach nicht echt.
Ja, Jannik ist in mich verliebt. Ich erkenne die Sehnsucht in seinen Augen. Es ist dieselbe, die ich in ganz seltenen Momenten in meinen eigenen finde. Wenn ich meinen Gedanken freien Lauf lasse und an diesen einen Abend vor sechs Jahren denke. Als ich schwach war und nicht nachgedacht habe. Dann kommt die Sehnsucht nach Liebe in mir hoch, die weder Florian, Patrick noch irgendeinem anderen Kerl in den letzte Jahren stillen konnten. Denn sie gilt keinem von meinen Ex-Freunden und auch nicht Jannik. Sie gilt einem ganz anderem.
Doch dann kommt die Erinnerung an den Schmerz, der daraus folgte. Und die Sehnsucht ist dahin.

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