Mistelzweigmagie: Tag 3

Jonah Storm

Jonah

Montag, 3. Dezember

Der Fehler von Samstagabend entpuppte sich als äußerst ideenreiche und willige Unterhaltung, die mich das halbe Wochenende beschäftigte. Nur die Kombination mit weiteren Flaschen Whisky, Champagner und was die Minibar noch so hergegeben hat, hätte ich lieber gelassen.
»Geht es dir gut?«
Blöde Frage, natürlich nicht! Erneut hebt sich mein Magen und der letzte Rest Alkohol findet seinen Weg in die Kloschüssel vor mir. Meine Finger krallen sich um das weiße Porzellan und ein Zittern fährt durch meinen Körper. Scheiße, so fertig war ich das letzte Mal auf der Halloweenparty der Freiwilligen Feuerwehr. Und das ist zehn Jahre her. Fuck!
»Verschwinde!«, würge ich heraus und hoffe, dass die braunhaarige Tussi mich einfach alleine lässt. Was sie natürlich nicht tut. Immer diese Frauen mit ihrem Helfersyndrom.
»Soll ich dir eine Flasche Wasser bringen? Oder Kaffee? Oder einen deiner Kollegen anrufen?« Braungebrannte nackte Beine erscheinen in meinem Blickfeld neben der Toilette, während ich mich ein letztes Mal geräuschvoll erbreche.
»Hau einfach ab, okay?« Was genau versteht die Tussi an den Worten nicht?
Sie schweigt einen Moment, zögert. »Ich lege dir meine Nummer auf den Tisch. Kannst dich ja mal wieder melden, wenn du in der Nähe bist.«
Oh man! Und da sagt man, Männer seien schwer von Begriff. Ich stehe umständlich auf, ignoriere den Schwindel und das Dröhnen in meinem Schädel und drücke demonstrativ die Spülung. Das helle Badezimmerlicht über uns sticht in meinen gereizten Augen, doch ich zwinge mich nicht zu blinzeln, und beuge mich langsam zu der Tussi herunter. Sie hat strahlend blaue Augen und auf ihrer Nasenspitze entdecke ich einzelne kleine Sommersprossen. Sie war gut letzte Nacht. Und eigentlich ist sie auch ganz niedlich. Nur habe ich heute Morgen einfach kein Bock auf dieses mutterhafte Gesülze.
»Süße, ich bin Jonah Storm. Leadsänger einer der aktuell erfolgreichsten Bands der Welt. Was glaubst du, wie viele Weiber ich in den letzten Jahren gefickt habe? Und wie viele davon habe ich anschließend noch einmal angerufen?«
Sie presst ihre Lippen zusammen, dennoch kann sie ein Zittern nicht ganz unterdrücken. Was bin ich doch für ein Arschloch geworden! Ich warte ihre Antwort nicht ab, sondern gehe, nackt wie ich bin, an ihr vorbei in die Dusche. Erst als das Wasser auf mich herab prasselt, höre ich die Tür. Sie ist verschwunden. Endlich.
Ich drehe den Hahn auf kalt, warte, bis ich eine Gänsehaut bekomme und mein Körper unwillkürlich erschaudert, bevor ich das Wasser wieder auf angenehme Temperaturen regle. Emotionen rauschen durch mich hindurch. Der Samstagabend, die Euphorie und der Hype, wenn einem die Fans zujubeln, Len, die Sehnsucht und das Wissen, dass ich sie nicht haben kann. Die Leere danach, die Befriedigung der letzten Nächte, die Verantwortung und die Schuld, der ich so verzweifelt entfliehen will. Zurück bleibt Ekel. Vor allem vor mir selbst.
Warmes Wasser rinnt an meinem Körper hinab, spült alle Gefühle fort, bis die wohlbekannte Leere zurückbleibt. Ich habe all das hier nie gewollt. Wollte nie berühmt werden, wollte eigentlich nie erfolgreich sein. Es war Zufall, dass die Jungs und ich vor fünf Jahren bei einem Talentwettbewerb »entdeckt« wurden, Zufall, dass uns das Management und James innerhalb kürzester Zeit so erfolgreich aufbauen konnten. Was ich zu Beginn unserer Karriere als willkommene Ablenkung gesehen habe, ist immer mehr zu meinem persönlichen Horror geworden. Denn das hier ist nicht mein Traum. Es war der meines Vaters. Nur ihm zu liebe mache ich Musik, nur wegen ihm bin ich Jonah Storm. Und nicht länger Jonah Sander, der in einem kleinen Ort keine zwanzig Kilometer von hier wohnt, der seine Familie vor fünf Jahren verlassen hat, weil er die Verantwortung, die ihm viel zu früh aufgelegt wurde, nicht mehr ertragen hat. Nur ihm zuliebe. Nicht für mich.
Ich drehe das Wasser ab und verlasse die Dusche. Mein Kopf ist klar, mir geht es deutlich besser. Dennoch schrecke ich zusammen, als ich mir aus dem Spiegel über dem Waschbecken entgegenstarre. Meine Haut wirkt fahl, tiefe Schatten liegen unter meinen Augen. Meine dunkelblonden Haare sind zu lang und eine Rasur würde mir auch mal wieder gut tun. Ich habe mich verändert, ohne Frage.
Vielleicht liegt es an Tims nervtötender Fragerei vorgestern Abend, vielleicht an der überbemutternden Tussi heute Morgen. Aber zum ersten Mal seit Langem lasse ich den ehrlichen Gedanken zu, ob ich das hier alles wirklich noch will? Es ist ein abgewracktes Arschloch, das mir da entgegen schaut. Und schon lange nicht mehr ich selbst.
Alles andere als überzeugt stoße ich mich vom Waschbeckenrand ab und gehe zurück ins angrenzende Hotelzimmer. Das Bett ist verwühlt, meine Klamotten liegen im ganzen Zimmer herum. Zwei leere Champagnerflaschen stehen auf dem Nachtisch, daneben Zigarettenstummel und aufgerissene Kondompackungen. Mir wird erneut schlecht, als ich das Szenario betrachte, daher schnappe ich mir mein Handy und drehe dem Ganzen den Rücken zu.
Ich denke nicht nach, als ich eine Nummer wähle, erst als ich ihre Stimme höre, zucke ich zusammen.
»Hallo? Hallo, ist da jemand?«, fragt Len mit ihrer freundlichen, leicht dunklen Stimme.
Fuck! Was habe ich getan? Ich mache den Mund auf, will etwas sagen, irgendwas, aber ich bringe keinen Ton heraus. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, doch mein Herz stolpert in meiner Brust und will mich daran erinnern, dass es immer noch schlägt. Sei nicht so ein Weichei, Jonah!
»Hi Len!«
Ein Tuten antwortet mir. Sie hat aufgelegt.
Es tutet ein weiteres Mal. Dann noch einmal. Dann muss ich lachen. Oh Mann, fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen, nicht ein Wort mit ihr gesprochen und dann so ein peinlicher Auftritt. Ich denke an die Sehnsucht, als ich nach dem Konzert ihr Gesicht gesehen habe und dieses Mal kann ich sie nicht ignorieren. Len hält mich lebendig, hat sie schon immer. Der Wunsch, bei ihr zu sein, wird übermächtig. Ich will sie sehen, wenigstens das, zu mehr muss es ja nicht kommen.
Ein breites Grinsen schleicht sich in mein Gesicht und plötzlich fühle ich mich so aufgekratzt, wie schon lange nicht mehr. Nervosität packt mich und mit einem Mal weiß ich, was ich zu tun habe.
Erneut wähle ich eine Nummer und nach dem zweiten Klingeln nimmt Tim ab. Im Hintergrund höre ich Kindergeschrei und eine Frau beruhigend singen. Schlagartig sackt mein Magen eine Etage tiefer und mir wird abermals bewusst, was ich alles nicht habe.
Ich tue das Richtige.
»Tim? Ich fahre nach Hause.«

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