Mistelzweigmagie: Tag 4

Nächtliche Besucher

Leonie

Dienstag, 4. Dezember

23:54 Uhr.
Genervt starre ich die leuchtend roten Ziffern meines Weckers an und würde das verfluchte Ding am liebsten in die nächste Ecke feuern. Noch knapp sechs Stunden, bis ich mein kuscheliges Bett wieder verlassen muss, um vierundzwanzig »höchst motivierten« Drittklässlern den ganzen Vormittag lang Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Mmpf! Das schreit nach einem weiteren Tag mit ordentlich Kaffeedurchsatz.
Die rote Ziffer meines Weckers springt auf 23:55 Uhr um. So wird das nichts. Seufzend taste ich im halbdunkeln nach dem Schalter meiner Nachttischlampe, greife gleichzeitig nach dem Buch, das im Bett neben mir liegt, als plötzlich etwas gegen meinen Rollladen schlägt. Augenblicklich erstarre ich in der Bewegung. Was war das?
Die Wohnung, die ich mir mit Nora teile, liegt im Erdgeschoss und mein Schlafzimmer hat den Luxus einer kleinen Terrasse, die hinaus in den großen Garten führt. Angestrengt lausche ich in die Dunkelheit der Dezembernacht. Es klopft erneut gegen meinen Rollladen, diesmal etwas leiser und vorsichtiger. Langsam setze ich mich in meinem Bett auf. Mein Herz springt fast aus meiner Brust und kalte Angst kribbelt in meinem Nacken. Auf meiner Terrasse ist eindeutig jemand.
Wieder ein Klopfen, diesmal am Fenster neben der Tür. Meine Hände beginnen zu zittern. Ich schlucke hart, dann schiebe ich langsam ein Bein aus dem Bett. So leise wie möglich, was völlig irrsinnig ist, da mich die Person auf meinem Balkon sowieso nicht hört, tapse ich in Richtung Zimmertür. Direkt daneben auf meinem Schreibtisch liegt mein Handy. Mit fahrigen Händen greife ich danach, presse meinen Daumen auf die automatische Entsperrung. Nichts passiert. Gefühlte Jahre später, in denen ich tausend Tode gestorben bin, akzeptiert das Smartphone endlich meinen Code und öffnet das Menü. Schnell tippe ich die erste Nummer.
1.
Wieder ein Klopfen.
1.
Erneut klopft es. Diesmal zweimal schnell hintereinander.
0.
Und noch einmal. Nur ein einziger Schlag.
Nein.
Mit einem lauten Knall landet mein Handy auf den Dielen.
Nein. Das kann einfach nicht wahr sein.
Dennoch drehe ich mich ruckartig herum, als es erneut klopft. Einmal lang, zweimal kurz, wieder lang.
Meine Kehle wird eng, Gänsehaut überzieht meinen Körper. Fünf Jahre habe ich dieses Klopfen nicht mehr gehört. Fünf verdammte Jahre lang und dann ausgerechnet heute Nacht?
Mit drei Schritten bin ich an der Terrassentür und ziehe nervös den Rollladen nach oben. Es kann einfach nicht sein, ganz sicher ist es Jannik oder irgendwer anders, der sich einen Scherz erlaubt. Er kann es nicht sein, das ist unmöglich.
Im Schein meiner Nachttischlampe erkenne ich zunächst zwei lange Beine in einer dunklen Jeans, dann eine schwarze Lederjacke und dann … lasse ich den Rollladen wieder los.
Ich muss ihn nicht weiter hochziehen, ich weiß, wer da vor meiner Tür steht. Freude und Schmerz schießen gleichermaßen durch mich hindurch, ich will ihn nicht sehen und gleichzeitig habe ich die letzten Jahre auf genau diesen Moment gewartet.
Als nichts weiter passiert, drückt der Mann vor der Tür seine Hand gegen das Glas. Eine stumme Bitte.
Ich schließe die Augen, atme einmal tief durch und sortiere meine Gefühle. Ich habe ihn unglaublich vermisst. Seine Ratschläge, seine ruhige Art, die seltenen Momente, in denen er gelacht hat. Seine Nähe an dem einen Abend vor sechs Jahren. Was ich allerdings nicht vermisst habe und was gerade jetzt in diesem Moment, da er vor meiner Terrassentür aufgetaucht ist, mit geballter Wucht zurückkommt, ist der Schmerz und die Wut darüber, wie er mich anschließend behandelt hat. Der Kuss war ein Fehler. Ich war ein Fehler. Das hat er mir mehr als einmal gesagt.
Mit einem Ruck ziehe ich den Rollladen endgültig nach oben, öffne ohne zu zögern die Tür und schaute auffordernd in Jonahs Gesicht. »Was willst du hier?« Keine Schwäche, noch nicht einmal ein freudiges Lächeln erlaube ich mir. Dafür hat er mich zu sehr verletzt.
»Hallo Len.«
Die kalte Nachtluft beißt in meine nackten Beine und ich kralle die Fußzehen zusammen. Jonah blinzelt, öffnet den Mund und schließt ihn wortlos wieder. Mein Gott, hat der eine Fahne! Er riecht, als hätte er einen ganzen Kasten Bier alleine geleert.
»Darf ich … reinkommen?«
Ich könnte ihn einfach stehen lassen. Die Tür wieder schließen und ihn aus meinem Leben ausschließen, so wie er es mit uns allen gemacht hat. Aber bevor ich reagieren kann, hat Jonah seinen Fuß durch die Terrassentür geschoben und ist so dicht vor mich getreten, dass sich seine Lederjacke in mein Nachthemd drückt. Alkoholdunst hüllt mich ein und automatisch mache ich ein paar Schritte zurück, bis ich mit den Waden gegen mein Bett stoße und unsanft auf meinem Hintern lande. Immerhin in weichen Decken und nicht auf dem Fußboden.
»Was willst du hier?«, wiederhole ich meine Frage und mustere ihn im Schein der Nachttischlampe genauer.
Jonah schließt die Terrassentür hinter sich und zieht sich mit einer fahrigen Bewegung eine Mütze vom Kopf. Seine dunkelblonden Haare trägt er an den Seiten kurz rasiert, auf seinem Gesicht liegt ein Bartschatten und obwohl seine Jacke kaum etwas von seiner Statur preisgibt, könnte ich schwören, dass er immer noch so verteufelt gut gebaut ist, wie früher. Ok, genau genommen weiß ich es, denn in ganz schwachen Momenten habe ich nach ihm gegoogelt. Und mir Fotos von Jonah Storm, dem Leadsänger von »D.U.N.K.E.L.« angesehen.
»Ich wollte dich sehen. Kann ich mich zu dir setzen?« Er deutet auf das Bett und bevor ich reagieren kann, lässt er sich neben mich plumpsen.
»Nein!« Erschrocken rücke ich ein wenig von ihm ab, aber Jonah grinst nur schief und lässt sich auf den Rücken fallen. Erst jetzt wird mir bewusst, das ich nur im Nachthemd vor ihm sitze. Im roten Weihnachtsnachthemd mit kleinen Schneeflocken drauf, passend zur Jahreszeit. Und passend zur Elchbettwäsche unter mir. Oh, verdammt, ich bin 26 Jahre alt und keine sechs mehr. Aber den Eindruck könnte man durchaus heute Nacht von mir gewinnen.
»Du warst auf meinem Konzert.« Er lallt ein wenig und mittlerweile bin ich mir sicher, dass er sternhagelvoll ist. Das kann einfach nicht sein Ernst sein.
»Ja, wie tausend andere Menschen auch. Jonah, es ist zwölf Uhr nachts! Ich muss morgen wieder früh raus. Du kannst nicht einfach nach fünf Jahren hier auftauchen, – betrunken –, und dich in mein Bett legen.«
»Jetzt hab dich nicht so. Früher hättest du auch nichts dagegen gehabt.« Er hat die Augen geschlossen, aber sein Grinsen ist so breit, dass seine weißen Zähne aufblitzen.
»Du bist ein echtes Arschloch!« Erneut wallt Wut über mich hinweg und ich kralle meine Hände in die Bettwäsche.
»Ich weiß, Len. Das brauchst du mir nicht auch noch zu sagen.« Seine Lieder flattern. Dann gähnt er und fährt sich mit den Händen über das Gesicht. »Ich wusste nicht, wo ich sonst hin soll.«
»Nach Hause?«, kommt es prompt aus mir heraus. Ich greife nach seinem Arm und zerre an seiner Jacke. Ein Fehler, denn sofort schließt sich Jonahs Hand um mein Handgelenk und er zieht mich zu sich herunter.
»Da … ich konnte da nicht hin«, nuschelt er undeutlich, aber ich verstehe ihn trotzdem. »Nicht so.« Er muss nicht erklären, was er mit »so« mein – ich rieche es deutlich.
Ich liege neben ihm – in meinem Bett – und spüre die Kälte, die er abstrahlt, deutlich auf meiner Haut. Wieder kriecht eine Gänsehaut über meinen Körper, aber diesmal bin ich nicht sicher, ob es wirklich von der Kälte kommt. »Du kannst hier aber auch nicht bleiben.«
Jonah hat dunkelbraune Augen. Schokoladenbraun, mit einzelnen karamellfarbigen Sprenkeln darin. Und als er jetzt die Lider öffnet und mich ansieht, und sich das warme Licht der Nachttischlampe in den Tiefen seiner Augen verliert, weiß ich, dass ich verloren bin. Fünf Jahre habe ich ihn gehasst. Und nach nur fünf Minuten liege ich schon wieder in seinen Armen und schmachte ihn an. Was bin ich doch erbärmlich!
Er hebt seinen Arm und streicht mir mit den Fingern federleicht über die Wange. »Ich habe dich vermisst, Len.«
Ein warmes Kribbeln fährt durch mich hindurch, findet mein Herz und bringt es zum Explodieren. Nein. Nein. Nein. Vor lauter Wut und Verzweiflung, weil seine Worte ein Gefühlschaos in mir hervorrufen, schießen mir Tränen in die Augen. Nein! Er kann nicht einfach nach fünf Jahren hier auftauchen und alles durcheinander bringen.
»Weiß deine Mutter, dass du hier bist? Weiß es dein Bruder?«, lasse ich nicht locker und rücke entschlossen ein wenig von ihm ab. So leicht gibt sich meine Wut auf ihn nicht geschlagen.
Jonah reagiert nicht. Erst als ich ihn in die Seite boxe, brummt er kurz. Dann dreht er sich herum, streift seine Schuhe ab und kriecht auf die linke Bettseite. »Nein. Und wir werden ihm auch nicht sagen, dass ich heute Nacht hier war. Ich will ihm nicht wehtun.«
Und da haben wir ihn. Den Grund, warum das zwischen uns nie funktionieren würde, warum es einfach nicht sein darf. Weil er seinen Bruder liebt und ihm nicht wehtun will. Denn sein Bruder ist in mich verliebt.
Ergeben betrachte ich den mittlerweile weltberühmten Rockstar, der neben mir im Bett liegt. Ein leises Schnarchen dringt zu mir hoch und macht mir deutlich bewusst, dass ich Jonah vor morgen früh nicht mehr aus meinem Zimmer bekomme. Vorsichtig hebe ich die Hand und streiche ihm eine Strähne aus der Stirn. Warum ist er hier? Warum nach all den Jahren ausgerechnet jetzt? Er hat sich nicht einmal bei mir gemeldet, hat uns nie zwischenzeitlich besucht. Und doch liegt er jetzt unbestreitbar neben mir.
»Was willst du hier, Jonah?«, flüstere ich leise und erwarte keine Antwort. »Was willst du wirklich?«

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