Mistelzweigmagie: Tag 5

Zuhause

Jonah

Mittwoch, 5. Dezember

»Oh wow, Len! Liegt da Jonah Storm in deinem Bett? Der heißeste Rockstar seit Kurt Cobain?«
»Wehe du sagst es irgendwem!«
»Ähm … aber warum ist er in deinem Bett? Und verdammt, warum nicht in meinem?«
Unwillkürlich muss ich grinsen. Auch wenn die Situation alles andere als amüsant ist. Langsam hebe ich einen Arm und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Fuck, wie viel habe ich gestern eigentlich getrunken? Eindeutig zu viel, wenn es mich anschließend ausgerechnet zu Len getrieben hat. Der Frau, der ich eigentlich dringend aus dem Weg gehen sollte.
Mit einem Ruck setze ich mich auf und schaue zu Tür. Len steht im Türrahmen, die Arme verschränkt, ihre Augenbrauen zornig zusammengezogen. Und dennoch … sie ist sogar noch hübscher als vor fünf Jahren. Ihre dunkelbraunen Haare hat sie zu einem Knoten gedreht, um ihren Hals liegt ein dicker roter Schal und sie trägt ein schwarzes Stickkleid. Mein Blick bleibt an ihrem Gesicht Hängen, an ihren braunen Augen, den vollen Lippen und den roten Flecken auf ihren Wangen, die immer größer werden, je länger ich sie anstarre.
»Guten Morgen!« Ihre Stimme klingt ernst, kalt, ganz so, als versuche sie, möglichst tough zu wirken. Ich muss ein Schmunzeln unterdrücken. Ich kenne dich viel zu gut, Len, als dass ich dich nicht durchschauen würde. Vermutlich kocht es in ihr gerade vor Wut und sie würde mich am liebsten hochkant aus ihrem Zimmer werfen. Aber nur, weil sie in mich verliebt ist. Auch wenn sie das nie zugeben würde.
»Guten Morgen die Damen!« Ich stehe auf, gehe um das Bett herum und greife nach meinen Schuhen. Zeit einen Abflug zu machen. »Und danke für die Nacht, Len!«
Die roten Flecken nehmen die Ausmaße eines mittelgroßen Flächenbrandes an, aber ich konnte mir den Kommentar einfach nicht verkneifen. Ebenso wenig wie das breite Grinsen, das sich jetzt ein meinen Mundwinkeln zupft.
»Wie die Nacht? Len?!«
»Was willst du hier, Jonah?«, wiederholt Len die Frage, mit der sie mich schon gestern Nacht genervt hat und ignoriert Noras verzücktes Aufkeuchen. Nora. Lens beste Freundin, zumindest war das vor fünf Jahren so. Und anscheinend hat sich daran nichts geändert.
»Im Moment hätte ich gerne einen Kaffee«, antworte ich postwendend, auch wenn ich genau weiß, dass sie das nicht meint. »Und falls du mit ‚hier‘ nicht dein Bett meinst, sondern Fichtenstein, ich habe etwas Zeit vorm nächsten Gig. Und da dachte ich, ich schaue mal vorbei.«
Lens Augenbrauen wandern nach oben. Sie durchschaut mich sofort, ebenso, wie ich sie jederzeit durchschaue. Sie weiß, dass mehr dahinter steckt, als nur ein kurzer Familienbesuch. Ich mache ein paar Schritte auf sie zu, bleibe jedoch stehen, als sie keine Anstalten macht, die Tür freizugeben.
»Lässt du mich durch?« Ich trete noch ein wenig näher an sie heran, zu nahe, bis uns nur noch ein paar Zentimeter trennen. Len sieht von unten zu mir hoch und kurz zucken meine Hände, um sie zu berühren. Aber das ist aus so vielen Gründen falsch, dass ich in der Bewegung innehalte und meine Hände stattdessen in die Hosentaschen stecke.
»Ist der Rest der Band auch hier?«, ertönt es von links neben mir.
Ich werfe Nora einen kurzen Blick zu. »Nein!«, antworte ich knapp.
Sie legt ihren Kopf schief und mustert mich. Und ihr gefällt anscheinend nicht, was sie sieht. »Du hast dich kein bisschen geändert, Jonah Sander! Daran kann auch dein Rockstar Image nichts ändern.« Sie ist eindeutig gekränkt. Vermutlich, weil ich mich schon wieder Len zuwende und sie einfach ignoriere. Aber ich konnte Nora noch nie leiden, obwohl sie mehrfach versucht hat, bei mir zu landen. Sie war mir schon immer zu laut, zu impulsiv und irgendwie einfach zu anstrengend.
»Danke!«, sage ich leise zu Len. »Dafür, dass du mich letzte Nacht nicht rausgeworfen hast.« Ich lächle sie an, diesmal ehrlich, ohne ein verschmitztes Grinsen, und kurz blitzt etwas in ihren Augen auf. Sie liebt mich. Und sie hasst mich gleichermaßen. Ich habe ihr wehgetan, das weiß ich nur zu gut. Aber es ging nicht anders.
»Ich will dich hier nie wieder sehen!«, entgegnet sie ebenso leise und ich höre die Lüge in jedem einzelnen Wort.

***

Feiner Nieselregen fällt vom Himmel, als ich die letzte Biegung in unsere Straße nehme. Erinnerungen stürzen auf mich ein, Freude, Vertrauen, Schmerz und Schuld. Fünf Jahre war ich nicht mehr hier, habe weder meine Mutter noch meinen Bruder gesehen, nur ab und zu mal angerufen. Ich habe ihre Nähe nicht mehr ertragen. Die Erinnerungen daran, wie es früher einmal war, was für eine glückliche Familie wir waren, bevor mein Vater vor zwölf Jahren gestorben ist. Bevor ich viel zu früh seinen Platz einnehmen musste, bevor meine Mutter zusammenbrach und ihre Trauer mit Tabletten und Psychopharmaka betäubte. Bevor alles den Bach runterging und ich die Verantwortung, für sie und meinen jüngeren Bruder zu sorgen, einfach nicht mehr ausgehalten habe.
Was willst du hier?, hat Len gefragt.
Mit meiner Vergangenheit abschließen, um mein Leben wieder in den Griff zu bekommen, ist die Antwort.
Doch als ich den kleinen schwarzen Klingelknopf drücken will, verlässt mich der Mut. Fünf Jahre habe ich sie nicht gesehen. Wie werden sie reagieren, wenn ich einfach vor ihrer Tür stehe?
Es klingelt leise über mir und überrascht hebe ich den Kopf. Ein Mistelzweig baumelt unter dem überdachten Hauseingang. Kleine Glöckchen sind daran befestigt, die erneut sanft klingeln, als die Tür geöffnet wird und mich ein Schwall warmer Luft einhüllt. Es riecht nach Schokolade und Lebkuchen, nach Kaminfeuer und Wärme. Ich muss hart schlucken und zwinge mich zu lächeln, obwohl ich viel lieber die Flucht ergriffen hätte.
»Jonah?« Meine Mutter starrt mich ungläubig an. Sie hat eine Schürze umgebunden, Mehl klebt an ihren Fingern.
»Hallo Mama.« Ich bleibe unschlüssig stehen, unsicher, wie ich reagieren soll. Als ich gegangen bin, stand sie völlig neben sich. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, abgemagert, verhärmt. Heute sieht sie deutlich besser aus, gesund, lebendig. Ihre blonden Haare trägt sie kurz geschnitten, sie hat eine normale Figur und um ihre Augen liegen unzählige Lachfalten. Sie sieht beinahe wieder so aus, wie ich sie aus meiner Kindheit in Erinnerung habe – bevor unser Leben zum Chaos wurde.
Meine Mutter schlägt sich die Hand vor den Mund, dann ist sie bei mir und drückt mich an sich. Eine Sekunde stehe ich wie erstarrt, dann erwidere ich ihre Umarmung. »Es tut mir so leid. Ich hätte mich melden sollen, dass ich vorbeikomme.«
Sie rückt von mir ab, fährt mir mit ihren mehlbestäubten Fingern über die Wange. »Hättest du! Und du hättest in den letzten Jahren auch ruhig mal vorbeikommen können! Aber was auch immer dich bewogen hat, es jetzt zu tun – ich bin unendlich dankbar, dass du hier bist.« Sie lächelt mich an und ich erkenne an ihrem liebevollen Blick, dass sie mir verzeiht. Sie hat mich dazu gedrängt, mit der Band erfolgreich zu werden. Sie hat meine Musik immer unterstützt und ich weiß, dass sie unglaublich stolz auf mich ist. Daher versteht sie auch – besser als ich selbst – dass ich nie hier war.
»Komm rein, ich bin gerade am Backen.« Sie verschwindet im dunklen Flur und ich folge langsam. Es hat sich kaum etwas verändert. An der Garderobe hängen ein paar neue Jacken, doch selbst die Weihnachtsdekoration, die überall im Haus verteilt ist, ist dieselbe wie früher. In der kleinen Küche zieht meine Mutter ein Backblech aus dem Ofen, legt es auf die Arbeitsfläche und schiebt ein neues hinein. Weckmänner. Ihre Spezialität.
»Ich muss noch die Weckmänner fertig backen. Ich will sie in zwei Wochen auf dem Adventsmarkt verkaufen, daher teste ich gerade ein neues Rezept. Möchtest du einen?«
»Gerne!« Wie auf Kommando knurrt mein Magen. Ich habe seit meinem kleinen Alkoholexzess gestern Abend nichts mehr in den Bauch bekommen.
»Wie lange wirst du bleiben?« Sie stellt die Frage scheinbar belanglos, während sie die Weckmänner in einen Pappkarton packt. Aber das ist sie ganz und gar nicht.
Ich ziehe meine Jacke aus, hänge sie über einen Stuhl und nehme Platz. »Ich weiß es noch nicht. Vielleicht ein paar Tage.« Kurz halte ich inne und überlege. »Kann ich in meinem alten Zimmer schlafen?« 28 Jahre und ich wohne wieder bei meiner Mutter. Umpf. So viel zum Thema Rockstar.
Sie wirft mir einen Blick zu. Unverhohlene Freude steht darin, aber ich merke ihr dennoch an, dass sie sich zurückhält. Sie will nicht klammern, auch wenn sie Angst hat, mich wieder gehen zu lassen. »Natürlich.«
Die Haustür wird geöffnet und Schritte ertönen im Flur. Ich schaffe es gerade noch, mich herumzudrehen und aufzustehen, als mein Bruder in der Küche erscheint.
»Mmh, hier riecht es aber gut! Was …« Er bricht ab, als er mich sieht. Seine Augen werden groß, mit einem Schritt ist er bei mir und wirft mich mit seiner Umarmung fast um. »Mann, was machst du hier? Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, wäre ich früher von der Arbeit nach Hause gekommen. Wie lange bleibst du? Hast du Len schon gesehen? Ist der Rest der Jungs auch hier?«
Ich muss lachen angesichts seiner ganzen Fragen und gleichzeitig schnürt es mir die Kehle zu. Ich habe ihn so sehr vermisst.
Mein Bruder haut mir freundschaftlich auf die Schulter und drückt mich noch einmal an sich. Seine blonden Locken liegen platt am Kopf und seine blauen Augen funkeln vor Freude.
»Lass ihn doch erst einmal ankommen, Jannik!«, lacht meine Mutter und schüttelt den Kopf.
»Wirst du bleiben?«, will mein Bruder wissen, während er sich ebenfalls einen frischgebackenen Weckmann schnappt.
Ich sehe meinen Bruder an. Sehe in seine Augen, die meinen so ähnlich sind, erkenne denselben Verlust, denselben Schmerz in ihnen, der mich bis heute umtreibt. Aber ich sehe auch die Leichtigkeit, die er schon immer hatte, und zu der ich nie fähig war. Es war richtig, herzukommen. Das sagt mir das warme Gefühl, dass sich jetzt in meinem Körper ausbreitet, sehr deutlich.
»Ja, das werde ich. Zumindest eine Weile.«

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