Mistelzweigmagie: Tag 6

Nikolauskaffee

Leonie

Donnerstag, 6. Dezember

»Und, Leon, warst du auch brav letztes Jahr?«
Leon tritt nervös von einem Fuß auf den anderen und von dem sonst so vorlauten Jungen ist nichts mehr zu sehen. »Natürlich, lieber Nikolaus!«, antwortet er tapfer.
»Na gut, Leon. Dann will ich mal sehen, ob ich in meinem Sack auch ein Geschenk für dich finde.«
Ich muss mir auf die Lippe beißen, um nicht zu laut lachen. Jannik, gekleidet in einem roten Mantel, mit roter Mütze und weißem Bart, kramt in seinem Jutesack und zieht ein kleines Geschenk heraus. Zwinkernd übergibt er es dem strahlenden Leon, der jetzt mit dem Geschenk in der Hand schnell zu seinen Klassenkameraden huscht.
»So, das war das letzte Geschenk.« Der Nikolaus wirft sich den Sack über die Schulter, während vierundzwanzig begeisterte Kinder jede seiner Bewegungen verfolgen. Von den dreißig Eltern, die neben mir in dem Klassenraum stehen und die mit zunehmender Stunde immer mehr Gefallen an dem Nikolausfest mit Plätzchen und Glühwein finden, ganz zu schweigen.
»Kommst du nächstes Jahr wieder?«, fragt die rothaarige Mia, bevor Jannik den Raum verlässt.
»Ganz bestimmt!« Jannik tätschelt ihr kurz über den Kopf und tritt dann zu mir neben die Klassenzimmertür. »Du schuldest mir einen Kaffee!«, raunt er mir leise zu, damit es die Kinder nicht hören.
»Aber nur, wenn du brav warst«, erwidere ich und schenke ihm ein dankbares Lächeln. Die Kinder lieben seinen Auftritt als Nikolaus und Jannik gibt den liebevollen Weihnachtsmann jedes Jahr mit größerem Enthusiasmus.
»Ich bin immer brav!« Durch den dichten Bart sehe ich sein Grinsen nicht, aber seine blauen Augen blitzen vergnügt.
Lachend schüttele ich den Kopf. »Sicher! Wir sehen uns später im Café, dann können wir das gerne nochmal ausdiskutieren.«
»Zu gerne. Bis später dann!« Er beugt sich vor und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Sein langer Bart kratzt auf meiner Haut und seine Lippen hinterlassen ein merkwürdiges Prickeln. Überrascht sehe ich ihm hinterher, wie er im Schulflur verschwindet. Obwohl ich sicher bin, dass Jannik mehr für mich empfindet, hat er sich nie getraut, mir näher zu kommen. Warum also jetzt?

***

Es riecht nach Kaffee und Zimt. Lautes Geschnatter erfüllt das kleine Café, während der Platz mit gegenüber immer noch leer ist. Genervt schiebe ich mir noch einen Löffel Milchschaum in den Mund. Jannik kommt zu spät. Schon zwanzig Minuten. Eigentlich sollte mich das nicht überraschen – Jannik ist von Natur aus nie pünktlich – aber heute stört es mich mehr als sonst. Vielleicht weil ich von der Nikolausfeier meiner Klasse in das Café gehetzt bin und heute Abend noch eine Mathematikarbeit korrigieren muss. Vor Weihnachten kommt aber auch immer alles auf einmal.
»Hast du’s schon gelesen, Jonah Storm ist verschwunden!«
Sein Name trifft mich wie ein Blitz und ich kann nicht verhindern, dass mein Kopf wie von selbst zum Nachbartisch ruckt.
»Wie verschwunden?« Ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen hält ihrer Freundin ein Handy unter die Nase.
»Die Meldung kam gerade auf Insta. Er sollte heute eine Pressekonferenz geben und ist nicht aufgetaucht.«
»Krass!« Die beiden stecken ihre Köpfe enger zusammen, beginnen zu tuscheln und wild auf ihren Handys herumzutippen, aber ich höre ihnen nicht länger zu.
Jonah. Seit Dienstagnacht ist keine Stunde vergangen, in der ich nicht an ihn gedacht habe. In der ich nicht aus dem Fenster gesehen habe, auf die Straße, in den nächsten Gang im Supermarkt oder in ein vorbeifahrendes Auto, und erwartet habe, ihn zu sehen. Er ist wieder hier. Zumindest war er das gestern Morgen noch, keine Ahnung, ob er nicht schon längst wieder verschwunden ist. Was mir ganz ehrlich am liebsten wäre, denn seit jenem Moment, in dem er vor mir stand, sind meine Gefühle ein einziges Chaos. Fünf Jahre ging es mir gut. Fünf Jahre konnte ich mir vormachen, dass ich über ihn hinweg bin, dass ich ihm nicht länger hinterher trauere. Der verpassten Chance, der verlorenen Liebe. Doch am Dienstag ist er wie ein Sturm durch meine Gefühle gerauscht, hat verdrängte Emotionen wieder aufgewirbelt und mich vollkommen verwirrt zurückgelassen. Bis zum nächsten Morgen, an dem ich mir geschworen habe, dass ich ihn nie wieder so nahe an mich heranlasse. Dass er es nicht wert ist, dass er immer noch dasselbe Arschloch wie vor fünf Jahren ist. Und ich ihm keine Träne mehr hinterher weinen werde. Jawohl!
»Hey Len, sorry, dass ich zu spät bin! Wartest du schon lange?« Jannik feuert seine Jacke mit Schwung auf die Bank mir gegenüber und nimmt Platz. Das Nikolauskostüm ist verschwunden, dafür sind seine blonden Locken noch zerzauster als sonst und er wirkt gehetzt.
»Ist schon in Ordnung«, wiegele ich ab, auch wenn es das ganz und gar nicht ist. Aber als er mich entschuldigend ansieht, mit seinen treuen blauen Augen und dem ihm so typischen frechen Grinsen, kann ich ihm nicht länger böse sein.
»Ich musste noch kurz zu Hause vorbei, was erledigen«, erklärt er und greift sich meinen Kaffee. Ohne zu fragen trinkt er einen Schluck und stellt ihn dann wieder vor mich. »Rate wer in der Stadt ist?«
Eine Millisekunde zuckt Unmut über mein Gesicht, aber ich habe mich sofort wieder im Griff. Und hoffe inständig, dass Jannik nichts gemerkt hat, denn ich weiß natürlich, auf wen er anspielt. Doch da ich von Jonahs nächtlichem Besuch nichts verraten will, spiele ich die Ahnungslose und zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung!«
»Mein Bruder!« Er strahlt über das ganze Gesicht. »Er stand gestern Morgen einfach so vor unserer Tür.«
Ich schaue ihn überrascht an. Frau Altenburg, meine einstige Theaterlehrerin, wäre stolz auf mich.
»Wow! Das ist … das ist echt eine Überraschung.« Katastrophe trifft es wohl eher, aber das sage ich natürlich nicht. Jannik weiß nichts von meinen Gefühlen für seinen Bruder. Er weiß nichts, von dem Kuss vor sechs Jahren, von unserem Streit und meiner Wut und Enttäuschung danach. Und von meinem Liebeskummer und meiner Verzweiflung, die mich seit gestern wieder begleiten.
»Ja, oder? Ich wusste zwar, dass er ein Konzert in Frankfurt gibt, aber dass er tatsächlich vorbeikommt, damit hatte ich nicht gerechnet.« Seine Begeisterung verflüchtigt sich und ein Schatten huscht über sein Gesicht. »Immerhin war er die letzten fünf Jahre nicht hier.«
Er beißt sich auf die Unterlippe. Wenn ich ihn nicht gut kennen würde, wäre mir seine Enttäuschung nicht aufgefallen. Aber so sehe ich ihm genau an, dass neben der Begeisterung, seinen Bruder nach so langer Zeit wiederzusehen, auch Wut und Enttäuschung in ihm sind.
»Ist das für dich okay, dass er so plötzlich aufgetaucht ist?«, frage ich daher auch ernster als er vermutlich erwartet.
Der letzte Rest Begeisterung verschwindet aus Janniks Gesicht, aber dennoch lächelt er. »Es ist merkwürdig, dass er auf einmal da ist. Ich meine, wir haben viel telefoniert und uns geschrieben, aber uns dennoch lange nicht gesehen. Es ist großartig, ihn zu sehen und direkt mit ihm zu sprechen, aber die fünf Jahre waren schon eine verdammt lange Zeit.« Es ist nur ein Bruchteil der Gefühle, die ihn bewegen. Ich weiß, dass er ihn ganz furchtbar vermisst hat. Dass er ihn gebraucht hätte, mehr als nur einmal. Aber Jonah ist geflohen, vor der Verantwortung, vor seiner Familie, vor dem Schmerz, den er mit diesem Ort verbindet. Und vielleicht auch ein Stück weit vor sich selbst.
»Hat er gesagt, was er hier will?« Ich trinke schnell einen Schluck aus meinem Kaffee, bevor Jannik mir etwas anmerkt. Denn diese Frage beschäftigt mich, seit Montagnacht und Jonah selbst hat sie mir nicht beantwortet.
»Nein.« Jannik zuckt die Schultern und kramt in seinem Rucksack, den er neben seinem Stuhl auf den Boden gestellt hatte. »Nur kurz vorbeischauen, vermute ich. Sie spielen bald schon ein Konzert in Mannheim, bis dahin habe er etwas Zeit, hat Jonah gesagt.«
Und dann ist er wieder weg. Für die nächsten fünf Jahre.
Enttäuschung zuckt durch mich hindurch, die ich wütend verdränge. Was habe ich denn erwartet? Dass Jonah hier plötzlich auftaucht, seine Karriere an den Nagel hängt und für immer bleibt? Er ist ein Rockstar, erinnere ich mich. Er ist erfolgreich, verdient einen Arsch voll Gold und ist berühmt. Warum sollte er das aufgeben? Gedankenverloren trinke ich noch einen Schluck Kaffee, während Jannik einen Notizblock auf den Tisch legt und handschriftliche Aufzeichnungen überfliegt.
»Hast du nochmal mit Wolff wegen der Verkaufsbuden für den Adventsmarkt gesprochen?«, fragt er mich und reißt damit ein vollkommen anderes Thema an. Er will nicht länger über seinen Bruder sprechen.
»Ja, habe ich. Er stellt sie uns wieder zur Verfügung und will sie donnerstags schon auf den Platz vor der Kirche stellen.« Wolff ist einer der ortsansässigen Gemüsebauern. Für den Adventsmarkt vor der Kirche dienen die Buden, in denen er im Frühjahr sein Gemüse anbietet, als Verkaufsstände für Plätzchen, Waffeln, Weihnachtsdekoration und was es sonst noch so geben wird. Weihnachtlich geschmückt und mit den Lichtern und Sternen dekoriert, ergeben sie ein äußerst gemütliches Bild.
»Super, dann können wir an dem Abend schon anfangen zu dekorieren.« Jannik macht sich eine Notiz. Er gehört ebenfalls zum Orga-Team für den Adventsmarkt, auch wenn ich glaube, dass er es hauptsächlich mir zu Liebe macht. Zwar mag er Weihnachten ebenso wie ich, aber seine Motivation im Vorfeld wochenlang mit allen Vereinen zu diskutieren, interne Streitigkeiten über die Absatzmenge an Glühwein, Feuerzangenbowle, Kinderpunsch und Lebkuchenschnaps auszuhandeln, genug Helfer zu finden und sich letztendlich ein ganzes Wochenende mit jeder Menge kleinerer Katastrophen, gestressten Verkäufern und Unmengen Besuchern herumzuschlagen, hält sich in Grenzen. Ich jedoch liebe es. Alles daran. Deshalb steckt auch mein ganzes Herzblut in diesem Projekt und ich opfere meine gesamte Freizeit in der Adventszeit für diesen Weihnachtsmarkt.
Auf einmal ertönt »Jingle Bells« lautstark aus meiner Tasche und ich greife nach meinem Handy. Es ist Christian Jäger, unser Feuerwehrhauptmann, der mit mir kommendes Wochenende die mobile Eislaufbahn für den Weihnachtsmarkt abholen will. Eine ungute Vorahnung überkommt mich jedoch, als ich abnehme und nur ein lautstarkes Husten höre.
»Es tut mir so leid, Leonie!«, keucht mir Christian zwischen zwei Hustern ins Ohr. »Aber ich muss dir für kommendes Wochenende leider absagen. Mich hat‘s total zerlegt.«
Mir entgleiten alle Gesichtszüge. Die mobile Eislaufbahn soll das Highlight des diesjährigen Adventmarktes werden. Wir haben sie vor über einem Jahr bereits reserviert, extra einen LKW mit entsprechendem Anhänger organisiert, um das ganze Equipment in Recklinghausen abzuholen, und jetzt ist mein Fahrer krank? Kalte Panik ergreift mich.
»Was ist los?« Jannik schaut mich ernst an. Er muss mir ansehen, das etwas nicht stimmt.
»Verdammt, so ein Mist!«, entfährt es mir, bevor ich mich besinne.
»Es tut mir leid«, röchelt Christian erneut. »Ich habe Carsten schon gefragt, ob er einspringen kann, aber er hat dieses Wochenende Dienst.«
»Ist schon okay«, wiegele ich ab, auch wenn es das ganz und gar nicht ist. »Wir finden schon jemanden, der einen LKW-Führerschein hat und mit mir fahren kann. So schwierig kann das ja nicht sein.« Ich verabschiede mich von Christian, nachdem ich ihm gute Besserung gewünscht habe und er noch einmal beteuert hat, wie leid es ihm tut.
»Was machen wir jetzt?« Hilflos schaue ich Jannik an, nachdem ich ihn ins Bild gesetzt habe. »Wir können die Eislaufbahn ja nicht herzaubern.«
Jannik presst die Lippen zusammen. »Das ist echt Mist!«
»Kennst du jemanden, der einen LKW fahren kann und spontan Zeit hat?« Immerhin geht es um DEN Weihnachtsmarkt. Da wird sich doch wohl jemand Zeit nehmen können.
»Du weißt, dass ich dir sofort helfen würde, aber ich muss am Wochenende arbeiten«, erklärt Jannik und ehrliches Bedauern schwingt in seiner Stimme mit. »Allerdings«, er stoppt und überlegt kurz. »Es gäbe da jemand, der mir spontan einfällt und der zumindest einen LKW-Führerschein hat.«
»Ja?« Hoffnung keimt in mir auf.
»Mein Bruder.«

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