Mistelzweigmagie: Tag 7

Alte Wunden

Jonah

Freitag, 7. Dezember

Mein Vater starb, als ich gerade sechzehn Jahre alt war. Es war ein kalter Tag im November, die Sonne hatte sich seit Wochen nicht gezeigt, nur an diesem einen Donnerstag war sie hinter den grauen Wolken hervorgekommen. Es war bitterkalt, glitzernder Frost bedeckte die Straße, doch das alleine war für meinen Vater kein Grund, nicht auf sein Motorrad zu steigen und eine Spritztour zu unternehmen. Als die Polizei gemeinsam mit einem Seelsorger Stunden später an unserer Haustür klingelte, war er schon nicht mehr am Leben. Er war einem LKW ausgewichen, von der Straße abgekommen und schließlich im Graben gelandet. Sein Motorrad mehrere Meter von ihm entfernt.
An die Tage danach erinnere ich mich kaum noch. Ich weiß nur, dass meine Mutter nicht mehr gesprochen hat, dass sie blass war und so tat, als ginge das Leben einfach weiter. Geweint hat sie nicht. Es war meine Aufgabe, meinem zwölfjährigen Bruder zu erklären, dass unser Vater tot war. Dass er nie wieder kommen würde. Dass wir jetzt alleine waren, nur noch wir drei, und dass wir es jetzt so schaffen mussten.
Mein Abi im kommenden Jahr schaffte ich mit Hängen und Würgen, weil ich mehr Zeit hinter dem Tresen unserer örtlichen Stammkneipe verbrachte, als am Schreibtisch. Für einen Studienplatz bewarb ich mich erst gar nicht, stattdessen hatte ich zwei Aushilfsjobs, um so viel Geld wie möglich zusammenzubekommen. Den Rest meiner Zeit kümmerte ich mich um meinen Bruder, lernte mit ihm für die Schule, brachte ihn nachmittags zu seinen Freunden und ging mit ihm am Wochenende zum Fußball. Mein Bruder war mein Leben und innerhalb weniger Monate übernahm ich die Position, die mein Vater bisher in unserer Familie innehatte. Bis ich irgendwann einfach nicht mehr konnte.
»Ich wusste, dass ich dich hier finde.« Die leisen Worte meiner Mutter lassen mich aufschauen. Meine Hand liegt auf dem kalten Metall der Harley Davidson und eine Gänsehaut rennt von dort aus meinen Arm hinauf. Es ist die Maschine meines Vaters, die ihn das Leben kostete. Ich konnte sie nach seinem Tod nicht verkaufen, stattdessen habe ich sie repariert und wieder hergerichtet. Vermutlich, weil ich ihn einfach nicht loslassen konnte.
»Ist Jannik schon mal auf ihr gefahren?«, frage ich, während meine Finger fast zärtlich über das schwarze Leder des Sitzes gleiten. Ich liebe diese Maschine. Und ich liebe es, auf ihr zu fahren, auch wenn es meiner Mutter jedes Mal das Herz bricht.
»Nein.« Sie presst ihre schmalen Lippen zusammen. Meine Mutter bleibt in der Tür zur Garage stehen, geht keinen Schritt weiter hinein. Das ist sie noch nie.
Tonlos seufze ich. Gewisse Dinge ändern sich nicht, nicht einmal in fünf Jahren. »Was gibt es?«
»Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ich gleich ins Gemeindehaus gehe. Wir treffen uns zur Vorbereitung für den Adventsmarkt. Jannik ist auch dabei, nur dass du dich nicht wunderst, dass niemand mehr da ist.«
»Gibt es den Adventsmarkt immer noch?« Ich kann mir ein abwertendes Schnauben nicht verkneifen, doch dann fällt mir ein, dass ich sie bei meiner Ankunft vor ein paar Tagen Weckmänner für den Markt habe backen sehen. In diesem Kaff ändert sich tatsächlich überhaupt nichts.
»Natürlich! Leonie hält uns alle ganz schön auf Trapp, dass der Adventsmarkt dieses Jahr unvergesslich wird. Du kennst sie ja, da ist alles top organisiert bis zum letzten Glitzerstern.« Ein ehrliches Lächeln erscheint auf dem Gesicht meiner Mutter, das sogar ihre Augen erreicht. Leonie ist Janniks beste Freundin und natürlich mag meine Mutter sie.
»Was hat Leonie damit zu tun?«
»Sie ist die Vorsitzende des Organisations-Teams«, erklärt meine Mutter, als wäre das vollkommen klar. Aber ich war fünf Jahre weg, woher soll ich das wissen?
Meine Mutter zögert kurz, dann fährt sie sich nervös durch die kurzen blonden Haare. »Komm doch mit, wenn du Lust hast. Es wäre vielleicht ganz nett, ein paar alte Bekannte wiederzusehen.«
Mein Mund schließt sich wie von selbst, um den giftigen Spruch, der mir auf den Lippen liegt, herunterzuschlucken. Das letzte, was ich heute Abend tun will, ist »Bekannte« zu treffen, die mich entweder mit Fragen über mich und meine Band nerven oder – und das wäre noch schlimmer – in alten Erinnerungen schwelgen.
»Ach, lass mal. Ich bin hier beschäftigt.« Zur Unterstreichung meiner Worte lege ich die Hand auf die Harley.
Ihr Blick bleibt an der Maschine hängen. »Bitte, Jonah, tu das nicht«, sagt sie und alter Schmerz schwingt in ihrer Stimme mit. »Du weißt, dass ich Angst habe, wenn du darauf fährst.«
Ich erspare ihr eine Antwort und wende mich ab. Ich bin nicht mein Vater, das hat sie bis heute nicht begriffen. Und nur weil ich nicht auf das Motorrad steige, kommt er nicht wieder.
Sie ist schon fast aus der Tür raus, als mich ihre Worte erreichen. »Es tut mir leid, Jonah!«
Ruckartig drehe ich mich herum, aber meine Mutter ist schon weg. Was tut ihr leid? Dass unser Vater tot ist? Dass sie uns alleine gelassen hat, mich und meinen kleinen Bruder? Dass wir schauen mussten, wie wir unser Leben in den Griff bekommen? Oder dass sie mir eine unbeschwerte Jugend schuldet. Egal für was ihre Entschuldigung gedacht war, sie berührt mich nicht. Denn egal für was, sie langt nicht aus.

***

Mit einem Ruck drehe ich den Schlüssel im Zündschloss herum und steige von der Maschine. Es war vermutlich nicht die beste Idee bei diesen Temperaturen eine Runde mit dem Motorrad zu drehen. Und es ist ganz sicher eine beschissene Idee, gleich durch die Türen des Gemeindehauses zu gehen. Denn obwohl ich vor einer halben Stunde noch vehement abgelehnt habe, bei dem Treffen des Adventmarkt-Teams vorbeizuschauen, stehe ich nun doch vor den hell erleuchteten Türen des Treffpunktes. Und das ist ganz alleine Lens Schuld. Denn die Aussicht sie wiederzusehen hat durchaus ihren Reiz.
Auch wenn ich weiß, dass ich ihr lieber aus dem Weg gehen sollte und das diese ganze Aktion ein riesen Fehler ist, öffne ich drei Minuten später mit einem feinen Lächeln im Gesicht die Türen zum großen Besprechungszimmer. Zwei Sekunden später hätte ich mir am liebsten selbst eine Ohrfeige gegeben – für den größten Vollidioten, den dieses Kaff je gesehen hat. Denn als ich in den hell erleuchteten Raum trete und die Tür hinter mir mit einem leisen Klacken zurück ins Schloss fällt, schauen mich vierzehn Augenpaare überrascht an. Von verblüfft überrascht, bis freudig überrascht, bis hin zu »ich könnte gleich kotzen« überrascht ist alles dabei. Wobei der letzte Blick von Len stammt und mit jeder Sekunde mehr zu einem »Scher-dich zum Teufel du Arschloch«-Anfunkeln wird.
»Der verlorene Sohn ist also tatsächlich nach Hause gekehrt!« Die aalglatte Stimme von Florian Schröder lässt mich zusammenzucken. Augenblicklich reiße ich meinen Blick von Len los. Florian grinst mich überheblich an. Er hat sich kaum verändert, die Haare in der perfekten Föhnwelle, ein ordentliches kariertes Hemd und die Ausstrahlung einer Wildsau kurz vor der Balzzeit. Und trotzdem ist er einer von Lens Ex-Freunden, wie ich von Jannik erfahren habe. Allein deshalb hasse ich den Typen abgrundtief.
Ich blecke die Zähne und schenke ihm mein antrainiertes 1000-Watt-Grinsen. Das Arschloch kann mich mal! »Hi«, sage ich übertrieben gelassen in die Runde. »Ich dachte, ich nutze die Gelegenheit, um euch allen mal Hallo zu sagen.« Himmel, ich klinge wie der größte Schleimer auf der ganzen Welt.
Neben Len, Florian, meiner Mutter und Jannik sind noch zehn weitere Personen da, verteilt um einen großen Tisch in der Mitte des Sitzungsraumes. Die anderen nicken mir freundlich zu, einige mit unverhohlener Neugier.
»Schön, dass du da bist!« Meine Mutter ignoriert Florian und meinen Hahnenkampf galant und zieht den Stuhl am Tisch neben sich zurück. »Setz dich doch neben mich. Wir haben gerade die Aufstellung der Verkaufsbuden diskutiert. Vielleicht hast du ja auch noch eine Idee, wie wir sie am besten anordnen.«
»Wir waren damit fertig!«, unterbricht Len meine Mutter und zieht den großen Plan, der in der Mitte des Tisches liegt zu sich. Ihr steht deutlich ins Gesicht geschrieben, dass ihr mein Auftauchen so gar nicht passt.
»Ach, ich werfe gerne noch einmal einen Blick darauf.« Meine Hand schnellt vor und ich erwische die letzte Ecke des Papiers.
Len zischt leise durch ihre zusammengebissenen Zähne, was mich dazu verleitet, ihr ein zuckersüßes Lächeln zu schenken. Ich sollte damit aufhören, dringend! Ich habe ihr wehgetan, habe sie von mir gestoßen. Ich habe absolut kein Recht, sie so zu behandeln. Aber es macht einfach unglaublichen Spaß, sie zu reizen, dass ich es einfach nicht lassen kann. Und es lenkt mich von dem Gespräch mit meiner Mutter in der Garage ab, das immer noch durch meine Gedanken spukt und einen fahlen Geschmack hinterlassen hat.
»Wow, der Markt wird ja dieses Jahr richtig groß!«, stelle ich fest, während ich den Plan überfliege. »23 Buden sind eine Menge! Das sieht ja schon richtig gut aus!«
»Wir haben es ja auch im Griff! Ganz ohne dich!«, kommt es von gegenüber, was mich erneut grinsen lässt. Oh ja, sie hasst mich. Und sie hasst, dass ich hier bin und mich in ihre Projekte einmische.
»Ich hätte nichts anderes erwartet.« Scheinbar entspannt lehne ich mich in meinem Stuhl zurück. Jannik, der neben Len sitzt, runzelt die Stirn und sieht überrascht von ihr zu mir. Er weiß nicht, was zwischen uns vorgeht. Alles, was er sieht, ist unser offensichtlicher Schlagabtausch.
»Was soll das da ganz links sein?«, frage ich und deute auf eine große Fläche, die neben den Buden vor der Kirche eingezeichnet ist. Eigentlich ist da der Kirchgarten, aber in dem Plan erstreckt sich dort eine mindestens sechzig Quadratmeter große Fläche.
»Eine Eislaufbahn«, erklärt mir Jannik. »Das war Leonies Idee. Das wird der Hammer!« Er sieht zu Len, die augenblicklich rote Flecken auf den Wangen bekommt. Mit Komplimenten konnte sie noch nie gut umgehen. Mein Bruder strahlt sie jedoch an, als wäre sie die umwerfendste Frau der Welt und es fehlt nicht viel und er fängt an zu sabbern. Oh man, er ist immer noch in sie verschossen. Vermutlich schlimmer denn je.
»Für was zur Hölle braucht unser Adventsmarkt eine Eislaufbahn?« Sorry, aber wir reden hier von Fichtenstein. Einem Kaff mit knapp 6000 Einwohnern.
»War ja klar, dass du das nicht verstehst. Aber uns bedeutet dieser Weihnachtsmarkt etwas. Deshalb wollen wir dieses Jahr auch etwas ganz Besonderes auf die Beine stellen.« Lens rote Flecken nehmen zu, diesmal allerdings weil sie vor Zorn gleich platzt.
»Du meinst also, er bedeutet mir nichts?«
»Nein.« Womit sie recht hat.
»Haben wir eigentlich das Problem mit dem Abholen geklärt?«, mischt sich meine Mutter ein, bevor Len und ich uns endgültig lächerlich machen.
Len reißt ihren wütenden Blick von mir los und Bedauern überzieht ihre Miene. »Nein, leider noch nicht.«
»Aber …«, setz Jannik an, der jedoch rüde von Len unterbrochen wird.
»Nein, das ist keine Option.«
Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass genau diese Option interessant sein könnte. »Um was geht es genau?«
Wieder erscheint das Stirnrunzeln auf Janniks Stirn, so als wüsste er, dass in diesem Raum etwas vor sich geht, was er nicht genau greifen kann. »Wir müssen die mobile Eislaufbahn im Ruhrpott abholen. Und unser LKW-Fahrer ist krank geworden, sodass wir kurzfristig einen Ersatz suchen.«
Ah! Klingt nach einem lebensverändernden Problem. »Warum fährst du nicht?«, frage ich das naheliegendste. Immerhin scheint mein Bruder für den Adventsmarkt – und für Len – alles zu tun.
»Ich habe Dienst«, erklärt dieser zerknirscht. »Allerdings«, fährt er fort, während Len neben ihm hektisch mit dem Kopf zu schütteln beginnt, »könntest du nicht fahren? Natürlich nur, wenn du Zeit hast. Du meintest ja, das nächste Konzert ist erst nächste Woche und du bliebest noch übers Wochenende.«
In den Ruhrpott, um irgendeine bescheuerte mobile Eisbahn zu holen? Ganz sicher nicht. »Nein, sorry. Aber das passt mir nicht.«
»War ja klar, dass der ehrenwerte Herr Rockstar sich zu fein für unser Projekt ist«, ertönt Florians höhnische Stimme. Am liebsten hätte ich ihm direkt eine reingehauen für diesen blöden Spruch. Was für eine Schnapsidee, hier aufzutauchen! Ich sollte schleunigst verschwinden.
»Du würdest uns echt helfen«, versucht es mein Bruder erneut und sein Blick bekommt etwas flehendes. »Len kann nicht ganz alleine …«
»Du fährst mit?« Ich lasse ihn nicht ausreden, sondern sehe zu der Frau neben ihm, die jetzt aussieht, als überlege sie sich gerade eine möglichst blutrünstige Strategie mich umzubringen. Einen kurzen Augenblick später hat sie sich gefangen, presst die Lippen zusammen und schaut mich herausfordernd an.
»Ja! Immerhin organisiere ich das alles hier.«
Ich sollte es ablehnen. Ich sollte einfach aufstehen und gehen und das alles hinter mir lassen. Auf gar keinen Fall sollte ich alleine mit Len in einem LKW in den Ruhrpott fahren. Wo zur Hölle ist meine vernünftige Seite, wenn ich sie dringend brauche?
Meine Mundwinkel zucken amüsiert und ich beuge mich leicht nach vorne in Lens Richtung. »Hast du am Wochenende schon was vor, Babe?«

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