Mistelzweigmagie: Tag 9

Grabesstimmung

Jonah

Sonntag, 9. Dezember

Am nächsten Morgen ist Len äußerst distanziert. Die Rückfahrt verläuft weitestgehend schweigend, wobei ich mich auch ehrlich nicht bemühe, ein Gespräch in Gang zu bringen. Der Reiz, sie zu ärgern und zur Weißglut zu treiben, ist verfolgen. Len hat mir gestern einen Spiegel vorgehalten und ja, verdammt, natürlich hat sie recht. Ich sollte keine Spiele mit ihr spielen, wenn ich nicht ernsthaft Absichten habe. Und die habe ich nicht, aus den verschiedenen bekannten Gründen.
»Soll ich dich zu Hause absetzen?« Len wirft mir einen fragenden Blick zu, während wir auf der Hauptstraße durch Fichtenstein fahren. Wir haben die mobile Eislaufbahn in einem Schuppen in der Nähe der Kirche mit der Unterstützung einiger Helfer ausgeladen und den LKW zum Vermietservice zurückgebracht. Da Len mich gestern Morgen mit dem Auto zu Hause abgeholt hat, muss sie mich jetzt wohl oder übel auch wieder mit zurücknehmen. Auch wenn sie mich ganz offensichtlich möglichst schnell wieder loswerden will.
»Ja, bitte.« Wo sollte ich denn auch sonst hin?
Sie biegt in die Straße ein, in der meiner Mutter wohnt, parkt ihren Wagen und steigt zu meiner Überraschung direkt aus. Verwundert öffne ich ebenfalls die Tür, als Len bereits klingelt.
»Du willst zu Jannik«, schlussfolgere ich das einzig Logische, da ich mir kaum vorstellen kann, dass sie noch länger in meiner Nähe sein will.
Jetzt erst dreht sie sich zu mir um. »Ja.« Sie schafft es nicht, mir in die Augen zu sehen. Stattdessen wendet sie sich schnell wieder zur Tür und ich höre förmlich, wie sehr sie darum bettelt, dass Jannik ihr zügig öffnet. Aber leider tut er ihr den Gefallen nicht. Und da ich keinen Schlüssel mitgenommen habe, warten wir jetzt gemeinsam.
Irgendwann gibt sich Len einen Ruck. »Danke, dass du mitgekommen bist!«
Oh ha, es geschehen noch Zeichen und Wunder! »Kein Ding.«
Sie zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne und kaut nachdenklich darauf herum. Dann endlich hebt sie ihren Kopf und sieht mir direkt in die Augen. »Wie lange wirst du noch bleiben?«
Dunkelbraune, warme Augen. Einen kurzen Moment versinke ich darin, versinke in der Sehnsucht, die plötzlich in meinem Körper aufflammt. Einen Wimpernschlag später ist der Moment vorbei und ich zwinge diese verdammten Gefühle zurück in den hintersten Winkel meiner Seele, wo sie mir nicht mehr gefährlich werden können. »Vielleicht noch zwei, drei Tage. Mal sehen.«
Len nickt nachdenklich. »Vermutlich sehen wir uns also nicht mehr.«
Was? Ich mache bereits den Mund auf, um zu widersprechen, als sie abwehrend den Kopf schüttelt. »Es wäre besser, Jonah.«
Mein Mund klappt wieder zu, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Worte tun weh, viel mehr, als sie vermutlich weiß. Denn ich will sie sehen. Jeden Tag, jede Stunde, ja verdammt, sogar jede Minute, wenn es irgendwie geht. Und die Vorstellung, dass es jetzt gleich vorbei ist und Len wieder aus meinem Leben verschwindet, ist unerträglich. Du wolltest das so, erinnere ich mich. Du stößt sie von dir, wieder und wieder, weil es richtig ist, ermahne ich mich vehement. Dennoch kann ich nicht verhindern, dass sich meine Hände zu Fäusten ballen und Wut in mir brennt. Wut über die ganze Situation, über Len, die es bis heute ganz offensichtlich nicht geschafft hat, eine glückliche Beziehung zu finden, über mich, weil ich meine Gefühle für sie nicht unter Kontrolle bekomme und irgendwie auch auf meinen Bruder, weil er sie immer noch liebt und es nicht schafft, von ihr loszukommen. Und ich ihm nicht weh tun will.
In diesem Augenblick, als sie mich immer noch ansieht und ich vor Wut und Verzweiflung am liebsten laut schreien würde, fälle ich eine Entscheidung. Ich werde sie gehen lassen. Ich muss sie gehen lassen. Sonst wird niemand von uns glücklich.
Die Tür neben uns öffnet sich und reißt uns aus unserer Starre.
»Oh … ihr seht irgendwie aus, als störe ich euch gerade bei etwas.« Der amüsante Unterton in der Stimme meines Bruders trügt. Ich höre ihm deutlich an, dass er misstrauisch ist. Dass er fühlt, dass etwas zwischen uns vor sich geht.
»Quatsch, Mann! Len hat sich nur gerade dafür bedankt, dass ich mitgekommen bin!« Das Grinsen in meinem Gesicht tut weh, so falsch ist es. Und Jannik nimmt es mir auch nicht ab, das erkenne ich an dem skeptischen Funkeln in den Augen.
»Kann ich reinkommen?«, fragt Len dazwischen und erlöst mich vom Zentrum seiner Aufmerksamkeit.
»Natürlich. Schön dich zu sehen!« Jannik macht einen Schritt zurück und gibt die Tür frei. Bevor Len auch nur einen Schritt machen kann, bin ich an den beiden vorbei in den Flur geflohen. Weg von der Lüge, weg von der Wahrheit, die wir alle drei schon viel zu lange ignorieren.
»Ist alles ok zwischen euch?«, höre ich meinen Bruder hinter mir fragen.
Ein Augenblick vergeht, bevor Len antwortet. »Ja, klar. Du kennst ihn ja, immer noch dasselbe Arschloch wie vor fünf Jahren.«

***

Trostlos. Dieses Wort beschreibt das Grab meines Vaters am besten. Ein kleiner verwelkter Blumenstrauß steht mitten auf der grauen Marmorplatte, auf der Regentropfen nass glänzen. Seufzend fahre ich mir durch die vom Regen feuchten Haare. Vierzehn Jahre ist er nun schon tot und ich bin heute das zweite Mal an seinem Grab. Das letzte Mal war an seiner Beerdigung. Aber ich habe es einfach nicht geschafft. Ich wollte die Stelle nicht sehen, an der er jetzt für immer liegt, wollte nicht sehen, wo der glückliche Teil meines Lebens begraben liegt. Und wenn ich ehrlich bin, wollte ich ihn nicht sehen.
Mein Vater und sein verdammter Drang nach Freiheit haben mein Leben kaputt gemacht. Er ist in diesem Kaff noch nie wirklich klargekommen, ist nur meiner Mutter zu Liebe hiergeblieben. Er wollte raus in die Welt, wollte Musik machen, wollte mit seinen fixen Ideen Großes vollbringen. Sein Traum war berühmt zu werden, am liebsten mit Dingen, die er liebte. Mein Vater war anders, passte in diesen Ort nicht richtig rein. Ebenso wenig wie ich.
Der graue Kies knirscht, als jemand neben mich tritt. Überrascht sehe ich zur Seite und kann nicht verhindern, dass ein abfälliges Knurren meinen Mund verlässt.
»Wie lange ist es jetzt her?« Florian Schröder trägt eine dunkelblaue Regenjacke und Gummistiefel. Oh ja, Len, dieser Typ ist wirklich zum Anbeißen.
»Was willst du hier?« Seine Anwesenheit nervt mich jetzt schon kolossal. Und ich habe keine Lust, mit ihm zu sprechen.
»Das ist ein öffentlicher Friedhof, Sander.« Er grinst schmierig.
Ein letzter Blick auf die graue Marmorplatte, dann drehe ich mich um und lasse das Arschloch einfach stehen. Den brauche ich mir heute echt nicht geben.
»Hast du dich mal gefragt, warum er tot ist?«
Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen. Was? Kälte kriecht meinen Rücken hinauf, flutet meinen Körper, erfriert jegliches Gefühl in mir. Ein Herzschlag. Zwei. Dann drehe ich mich wieder herum. »Es war ein Unfall.« Jedes Wort tut weh, aber ich zwinge mich es auszusprechen. Vor Florian gebe ich mir keine Blöße.
»Mmh, ja. Das zumindest steht im Polizeibericht.« Belustigung glitzert in seinen Augen. Und etwas anderes, das ich in diesem Moment nicht richtig greifen kann. Florian hat mich schon immer gehasst. Er ist ein Jahr jünger als ich, aber wir waren zusammen in der Schule. Und seit der ersten Klasse, als ich Marie Langendorff den ersten Kuss abgeluchst habe und nicht er, war ich Zielscheibe seiner Lästereien. Nur dass ich nie darauf eingegangen bin. Mir war es schlicht egal, was er macht.
»Und so war es auch. Daran gab es nie Zweifel.« Mein Vater und sein Motorrad sind schuld, dass mein Leben den Bach runterging. Alles sonst wäre eine Lüge. Meine Hände ballen sich zu Fäusten und heißer Zorn verdrängt die Kälte in meinem Körper. Immer noch fällt Regen vom Himmel, aber die Nässe ist mir egal. Ebenso wie alles andere in diesem Moment. Nur noch Florian und seine grinsende Fresse zählen, in die ich gleich meine Faust krachen lasse. Einfach nur, weil er es verdient hat.
»Den Fahrer des LKW hat man nie gefunden, habe ich recht?«
Meine Hände öffnen sich wieder. Meine Anspannung lässt nach, gleichzeitig kriecht das Grauen meine Kehle hoch. Denn es stimmt, was Florian sagt. Der LKW-Fahrer, dem mein Vater nachts ausgewichen ist, hat Fahrerflucht begangen. Man hat den Unfall nur anhand von Reifenspuren rekonstruieren können.
»Und du weißt, wer es ist?« Herausfordernd sehe ich auf ihn herab und bin in diesem Moment einmal mehr froh, größer zu sein als er.
»Nein. Aber ich weiß, dass damals etwas vertuscht wurde. Ich habe meinen Vater reden hören, gemeinsam mit Arnold Sandmann, dem Polizisten, der den Unfall untersucht hat.«
Seine Worte lassen mich hart schlucken. Arnold Sandmann. Der beste Kumpel meines Vaters – und Leonies Vater. Scheiße!
»Warum sagst du mir das ausgerechnet jetzt? Der Unfall ist zwölf Jahre her. Warum kommst du erst jetzt damit?« Ich glaube ihm kein Wort.
Florian kommt lässig auf mich zu geschlendert. Wasser tropft ihm aus den Haaren, läuft über seine Regenjacke und fällt auf den Boden. Der Regen hat seine Frisur völlig zerstört und lässt ihn noch dämlicher aussehen als üblich.
»Ich habe euch gesehen, Leonie und dich. Wir ihr es vor sechs Jahren an Kerb hinter der Kirche fast getrieben hättet.« Seine Stimme trieft vor Hass und Verachtung. »Und ich habe ihren Blick vorgestern gesehen, als du in die Versammlung geplatzt bist. Du bist der Grund, warum sie mit mir Schluss gemacht hat. Warum sie mich nie wirklich wollte. Und dafür mache ich dich fertig!«

Published by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.