Mistelzweigmagie: Tag 10

Torschusspanik

Leonie

Montag, 10. Dezember

»Du hast was getan?« Die schrille Stimme von Nora überschlägt sich fast, so aufgebracht ist sie. »Sag mir bitte, dass du mich verarschst!«
»Nora!« Ich werfe ihr einen wütenden Blick zu und nicke mit dem Kopf in Richtung der vierundzwanzig Kinder, die nur wenige Meter vor uns stehen und unserer Unterhaltung mittlerweile neugierig lauschen.
»Entschuldige, aber ein anderer Ausdruck fällt mir dafür nicht ein.« Sie schaut mich fassungslos an. Und irgendwie kann ich ihr ihre Reaktion nicht verdenken. Ich halte mich ja selbst nicht mehr für zurechnungsfähig.
»Noch einmal die erste Strophe!«, sage ich lauter in Richtung meiner Klasse und drücke erneut »Start« auf dem CD-Player. Die ersten Töne von »Stille Nacht« erklingen, untermalt von den quiekenden Stimmen meiner Drittklässler. Dass die Kinder kaum einen Ton treffen, ist dabei vollkommen irrelevant. Die Eltern werden den Auftritt am Weihnachtsmarkt so oder so lieben.
»Okay, dann nochmal ganz langsam für mich. Ich schnall’s nämlich einfach nicht, warum du es ausgerechnet mit Florian noch einmal versuchen willst«, zischt Nora mir zu, während sie mit ihrem Fotoapparat ein paar Schnappschüsse von den Kindern macht. Sie arbeitet für das lokale Schmierblatt hier im Ort und schreibt einen Artikel, wie die Vorbereitungen für den Adventsmarkt laufen. Und da meine Klasse am Samstagnachmittag eine kleines Konzert geben wird, schaut sie heute bei einer Probe vorbei.
»Ich will es nicht noch einmal mit ihm versuchen«, will ich das Thema abwiegeln, aber bei Noras angeborener Sensationsgeilheit habe ich da kaum eine Chance. »Wir gehen lediglich ins Kino.«
Sie sieht mich an, als hätte ich endgültig den Verstand verloren. Was ich vermutlich auch habe. Doch nach dem Wochenende habe ich entschieden, dass es so nicht weitergehen kann. Ich habe in den letzten Jahren keine vernünftige Beziehung zu Stande gebracht, was hauptsächlich daran lag, dass ich von Jonah einfach nicht loskomme. Damit ist jetzt Schluss. Endgültig. Ich werde doch keine alte Jungfer, nur weil das Arschloch nicht weiß, was er wirklich will.
»Ich weiß, was du hier tust«, sagt Nora schließlich. »Florian Schröder hat den Sexappeal eines Hausschweins. Aber warum auch immer passt er in deine verquere Vorstellung von einem geeigneten Partner. Deshalb gehst du mit ihm aus. Du hast Torschusspanik.« Sie hat keine Ahnung, wie nahe sie der Wahrheit damit kommt.

***

Während Freddy Mercury seine berühmteste Ballade schmettert, drücke ich mich tiefer in meinen Kinosessel. Nora hatte Recht. Es war eine vollkommen bescheuerte Idee. Ich will nichts von Florian, außer, dass er möglichst schnell aus meiner Nähe verschwindet, und – verdammt – seine Wurstfinger von meiner Hand nimmt.
»Wollen wir danach noch etwas trinken gehen?«, raunt Florian mir zu und lehnt sich etwas näher an mich heran. Automatisch weiche ich noch ein paar Zentimeter zurück, während ich ruckartig meine Hand unter seinen Fingern hervorziehe.
»Lieber nicht. Ich muss morgen früh raus, das wird mir sonst zu spät.« Himmel, ich sollte ihm einfach sagen, dass das mit uns nichts wird. Wenn er auch nur ein bisschen empathisch wäre und meine Körpersprache lesen könnte, wüsste er das auch. Aber Florian hat das Einfühlungsvermögen eines Miststreuers.
»Schade! Dann morgen Abend?« Er verzieht seine Lippen zu einem Lächeln, auf das andere Frauen vielleicht abfahren. Ich nicht. Bei mir erwacht nicht ein einziges Hormon aus seinem Winterschlaf.
Ein wütendes Zischen von hinten erspart mir die Antwort. Aber ich sollte das hier beenden. Schleunigst! Alles andere wäre unfair, sogar bei Florian.
Kaum ist der Film zu Ende, stehe ich auf und ziehe zügig meine Jacke an. Ungeduldig warte ich, bis Mister »Ich-habe-alle-Zeit-der Welt« seinen Mantel übergeworfen hat und mir aus dem Kinosaal folgt. Im großen Foyer, in dem sich schon wieder unzählige Kinobesucher drängeln, die auf die nächste Vorstellung warten, bleibe ich stehen. Es riecht nach verbranntem Popcorn und Nachos und der Teppich unter meinen Füßen klebt von verlaufenen Softgetränken. Normalerweise mag ich diesen alten Charme, den das kleine Kino versprüht. Heute will ich möglichst schnell hier aus.
»Soll ich dich noch nach Hause bringen?« Florians Affengrinsen verursacht mir mittlerweile Übelkeit. Daher gebe ich mir einen Ruck.
»Nein, danke. Ich wollte aber nochmal kurz mit dir sprechen.«
»Ja?« Erwartungsvoll schaut er mich aus seinen wasserblauen Augen an. Wie konnte ich diesen Kerl jemand attraktiv finden? Weil er schlicht da war, beantworte ich mir meine stumme Frage selbst. Weil er zugehört hat und dir eine gewisse Sicherheit vermittelt hat. In dieser Hinsicht hat Nora absolut recht, – Florian passt wie die Faust aufs Auge in mein Beuteschema. Nur das ich mich damit selbst belüge.
»Es war ein netter Abend«, beginne ich und könnte mich gleichzeitig ohrfeigen. »Aber ich will nicht, dass du das falsch verstehst. Es war nur ein netter Abend, nicht mehr.«
Eine steile Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen. »Willst du mich verarschen?«
Uff, so eine Wortwahl hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Gerader Rücken, Brust raus. Du bist ihm nichts schuldig, Len. »Nein. Es tut mir leid«, schiebe ich dann doch noch hinterher, weil ich so ganz tough dann nun doch nicht bin.
Er stiert mich noch einen Moment an, dann macht er auf dem Absatz kehrt und lässt mich einfach stehen. Mitten im Getümmel, wo mich nach nur einem Wimpernschlag die Masse verschluckt. Es war ein Fehler mit ihm hierher zu kommen. Es war ein Fehler, ihn überhaupt zu fragen. Und daran ist ganz alleine Jonah Schuld. Und meine Unfähigkeit, meine Gefühle einfach abzuschalten.
Frustriert und wütend auf mich selbst verlasse ich das Kino. Es ist kalt draußen, daher schlinge ich die Arme um meinen Oberkörper und lege einen Gang zu. Bis nach Hause brauche ich zu Fuß mindestens fünfzehn Minuten, bis dahin bin ich ein Eisklotz.
Ich komme genau drei Schritte weit, als mich eine bekannte Stimme abrupt stehen bleiben lässt.
»Kannst du mir mal verraten, was dich geritten hat, es noch einmal mit Florian Schröder zu versuchen«?
Überrascht drehe ich mich herum. Jannik steht eingepackt in eine dicke Winterjacke unter einem Laternenpfahl direkt vor dem Kino. Ganz offensichtlich hat er auf mich gewartet.
»Was tust du hier?«, frage ich überrascht. Weißer Rauch bildet sich beim Sprechen vor meinem Mund.
»Nora hat mich angerufen«, meint er mit einem gewissen Unterton in der Stimme. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, er ist sauer.
»Habt ihr keine anderen Themen, als mein Liebesleben?« Wut kommt in mir auf. Es geht die beiden nichts an, mit wem ich ausgehe. Und es ist meine Entscheidung, mit wem ich meinen Abend verbringe – auch wenn es Florian »Breitmaulfrosch« Schröder ist.
»Doch, durchaus.« Jannik kommt ein paar Schritte auf mich zu und baut sich demonstrativ vor mir auf. Er ist tatsächlich wütend. Und er ist mir viel näher, als er mir normalerweise kommt. »Aber kannst du mir mal verraten, warum du mit diesem Arsch ausgehst und nicht mit mir?«
Verdutzt schaue ich ihn an. »Du hast mich noch nie gefragt!« Kaum haben die Worte meinen Mund verlassen, erkenne ich meinen Fehler. Und würde sie am liebsten zurücknehmen, aber dafür ist es jetzt zu spät.
In Janniks himmelblauen Augen schleicht sich ein erwartungsvolles Glitzern. »Okay, dann frage ich dich jetzt. Ganz offiziell, damit du es auch wirklich raffst: Willst du mit mir Essen gehen, Leonie?«

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