Mistelzweigmagie: Tag 11

Ein Schlag in den Magen

Jonah

Dienstag, 11. Dezember

Arnold Sandmann ist ein genauso großer Sturkopf wie seine Tochter. Wenn nicht sogar noch größer. Über den Rand seiner Hornbrille schaut er mich ausdruckslos an. Seine akkurat geschnittenen kurzen schwarzen Haare haben an den Schläfen bereits graue Strähnen, aber sonst zeigen sich in seinem fast faltenlosen Gesicht kaum Anzeichen, dass er die sechzig überschritten hat.
Ich mag Lens Vater. Und bisher hatte ich auch immer den Eindruck, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Allerdings war das, bevor ich diesem Kaff den Rücken kehrte und berühmt wurde.
»Du bist also wieder da.« Arnolds Stimme klingt ruhig. Es ist weder ein Vorwurf noch eine Frage. Lediglich eine Feststellung.
»Ja. Seit etwa einer Woche.« Er muss es von Len wissen. Oder von dem Tratsch, der ganz sicher durch den Ort geht.
»Mich wundert, dass du jetzt erst bei mir auftauchst.«
Zwei Dinge werden mir schlagartig klar. Auch er macht mir zum Vorwurf, dass ich abgehauen bin. Noch etwas, das er mit seiner Tochter gemeinsam hat. Und außerdem er weiß ganz genau, warum ich vor ihm sitze.
»Florian Sander behauptet, der Tod meines Vaters war kein Unfall.« Ich war noch nie ein Typ, der lange um den heißen Brei geredet hat. Arnold ebenso wenig, daher komme ich direkt zum Grund meines Besuchs.
Zum ersten Mal, seit ich das Haus der Sandmanns betreten habe, lässt der ehemalige Polizeihauptmann eine Gefühlsregung zu. Ein bedauernder Seufzer entfährt ihm und ein Ausdruck legt sich auf sein Gesicht, der die tiefe Trauer der letzten zwölf Jahre widerspiegelt. Ich habe in der Nacht vom 16. November 2006 meinen Vater verloren. Er seinen besten Freund.
»Es war ein Unfall, daran gibt es keinen Zweifel. Ich habe den Fall untersucht.« Er beugt sich nach vorne, stützt sich mit seinen Armen auf den Knien ab. Wir sitzen im Wohnzimmer seines Hauses, auf dem Tisch neben uns stehen zwei dampfende Tassen Tee und Gebäck. Beides habe ich bisher nicht angerührt.
»Wie kommt er dann dazu, so etwas zu behaupten?« Florians Behauptung hat mich umgehauen. Denn sie stellt beinahe mein ganzes Leben in Frage. Ich habe meinem Vater die Schuld an unserem Familiendrama gegeben, weil es so am einfachsten für mich war, mit meiner Wut und meinem Zorn klarzukommen. Aber wenn sein Tod kein Unfall war, wenn tatsächlich jemand die Schuld an seinem Tod trägt, habe ich ihm die letzten zwölf Jahre Unrecht getan.
»Er ist ein Schwätzer!« Arnold nimmt seine Brille an und fährt sich mit der anderen Hand über das Gesicht. Plötzlich wirkt er müde. »Allerdings ist das Gerücht in den letzten Jahren immer mal wieder hochgekommen. Ich habe den Fall untersucht, glaub mir. Jedes noch so kleine Detail. Und als Florian plötzlich behauptete, dass es kein Unfall war, habe in den ganzen Fall wieder aufgerollt. Jedoch, ohne zu einem anderen Ergebnis zu kommen.«
Ich glaube ihm. Arnold ist niemand, dessen Aussage man in Zweifel ziehen würde. Dafür strahlt er zu viel Respekt und Autorität aus. Außerdem hat er ein persönliches Interesse an dem Fall.
»Aber es muss einen Grund geben, warum er das plötzlich behauptet.« So leicht gebe ich nicht auf. Auch wenn Arnold recht hat.
»Lass es auf sich beruhen, Junge.« Er setzt sich seine Brille wieder auf und greift nach einer Tasse Tee. Dann schweift sein Blick in die Ferne, als würde er sich an etwas erinnern. »Wir alle haben weiß Gott genug durchgemacht in den letzten Jahren.«
Ich starre ihn irritiert an. Arnold würde niemals lügen. Er würde niemals etwas tun, dass anderen schadet. Und er würde mich nie unabsichtlich als »Jungen« bezeichnen. So viel Gefühl passt nicht zu ihm. Seine Aufforderung eben war nicht dazu gedacht, dass ich tatsächlich locker lasse. Dass ich tatsächlich einfach wieder verschwinde und nicht nachforsche. Er hat mich gerade, wenn auch verdeckt, darum gebeten, dem Fall nachzugehen. Weil er es ganz offensichtlich nicht kann.

***

Nachdem ich mich auch von Lens Mutter verabschiedet und für den Tee bedankt habe, schnappe ich mir meine Jacke und verlasse das Haus. Es kann einfach nicht wahr sein. Zwölf Jahre ist mein Vater nun tot, zwölf Jahre, in denen in dieser Nacht Ende November nichts anderes als ein Unfall passiert ist. Und das soll nun tatsächlich nicht stimmen?
Wut explodiert in mir, lodernder Zorn auf alles und jeden. Vor allem auf diejenigen, die geschwiegen haben.
Die Haustür fällt hinter mir ins Schloss, als ich mein Handy zücke und Tims Nummer wähle. Er ist der Einzige aus der Band und meinem Management, mit dem ich in den letzten Tagen Kontakt hatte. Nachdem ich zwanzig Sekunden gewartet habe, ohne das er dran geht, lege ich wieder auf und schreibe ihm stattdessen eine Nachricht. Ich werde noch länger in Fichtenstein bleiben, wie lange weiß ich nicht. Am Samstag spielen wir das nächste Konzert, bis dahin muss ich zurück sein.
Wumms!
Mein Handy fliegt mir aus der Hand, kurz strauchle ich, bevor sich meine Hände im Reflex um die Person vor mir schließen und sich festhalten. Verdutzt sehe ich auf – direkt in haselnussbraune Augen, die mich ebenso erschrocken wie überrascht anschauen. Bis dunkler Zorn in ihnen aufblitzt und ich unsanft gegen die Brust gestoßen werde.
»Sag mal, verfolgst du mich?« Len ist nicht einfach nur wütend. Sie ist stinksauer.
Wäre die Situation eine andere, wäre ich nicht so angespannt und durcheinander, würde ich natürlich wissen, dass Len am Allerwenigsten dafür kann, wie es mir gerade geht. Und dass sie mich so anfährt, weil sie immer noch sauer auf mich ist und verletzt. Nur spukt das Gespräch mit ihrem Vater noch in meinem Kopf herum und die nagende Frage, ob ich die letzten Jahre verarscht worden bin. Daher sage ich das erst Beste, was mir in den Sinn kommt. »So nötig habe ich es nicht, Süße.«
Sie sieht mich völlig entgeistert an. Dann gibt sie mir eine schallende Ohrfeige. »Was bist du doch für ein Arschloch, Jonah Storm!«
Meine Wange brennt wie Feuer. Und meine ganze Wut und Irritation kanalisiert sich allein auf die Frau vor mir. »Sag mal, sonst geht’s dir aber noch gut, oder?«
Wir stehen nur knapp einen Meter auseinander. Ihre Augen sprühen Funken und unverhohlene Wut quillt ihr aus jeder Pore. Ihr Mund öffnet sich langsam, ihre Zunge fährt über ihre Lippe und ganz sicher will sie mir gleich eine weitere Ansage machen. Aber ich höre ihr nicht mehr zu. Stattdessen starre ich sie einfach nur an, unfähig plötzlich an etwas anderes zu denken, als daran, wie weich ihre Lippen sind. Wie es wäre, meinen Mund auf ihre zu pressen, meine Zunge in ihren Mund zu schieben und sie zu küssen, als wäre dieser Moment der letzte auf Erden.
»Len …« Meine Stimme ist rau, dunkel. Ich will diese Frau. Wollte nie eine andere. Und nur, um meinen Bruder zu schützen, habe ich es mir verboten, ihr nahe zu sein.
Len blinzelt. Ihr Blick rutscht von meinen Augen weiter nach unten zu meinem Mund. Niemand würde uns sehen. Niemand würde es je erfahren. Niemand …
»Was wollest du bei meinen Eltern?«
Ein Schlag in den Magen könnte nicht wirkungsvoller sein. Und bringt mich mit Wucht in die Realität zurück. Len legt den Kopf schief und wartet auf eine Antwort. Sie ist immer noch wütend, ihre Frage klingt daher äußerst angespannt.
»Ich habe deinen Vater besucht.«
Ungläubig schaut sie an mir vorbei zu ihrem Elternhaus. »Was wolltest du bei ihm?«
Ich verschließe mein Gesicht und zucke belanglos mit den Schultern. Len hat mir eben eine gescheuert, sie hat sehr deutlich gemacht, was sie von mir hält. Daher verspüre ich wenig Lust, sie in mein Gefühlschaos einzuweihen. »Nichts Wichtiges.«
Einmal mehr erinnert sie mich jetzt an ihren Vater. Auch er hat die Gabe jemanden anzusehen und wirklich hinzusehen. »Wenn du meinst.« Sie glaubt mir kein Wort. Aber sie hat offensichtlich ebenfalls keine Lust, weiter mit mir zu diskutieren. Allerdings verrät mir das neugierige Glitzern, das kurz in ihren Augen aufblitzt, dass sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen wird. Und wenn Len sich in den letzten Jahren nicht all zu sehr verändert hat – und davon konnte ich mich in der vergangenen Woche überzeugen –, wird sie spätestens übermorgen bei mir auftauchen und über den Tod meines Vaters sprechen wollen.

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