Mistelzweigmagie: Tag 12

Chancen

Leonie

Mittwoch, 12. Dezember

Jannik lächelt mich freudestrahlend an. Ich erwidere das Lächeln, doch alles, was durch meine Gedanken wummert, sind die Worte meines Vaters. Der Tod von Jonahs und Janniks Vater war kein Unfall. Davon zumindest geht Jonah aus und will dem jetzt auf den Grund gehen. Ob Jannik davon weiß?
Charmant hält mir dieser in diesem Augenblick die Tür zu einem kleinen italienischen Restaurant auf und raunt mir im Vorbeigehen noch einmal zu, wie sehr er sich freut, mich heute Abend ausführen zu dürfen.
Natürlich hat Jannik keine Ahnung, beantworte ich mir meine Frage selbst, während er mir aus meinem Mantel hilft und diesen in die Garderobe hängt. Er trägt ein blaues Sakko über seinem hellblauen Pullover und eine Jeans und sieht einmal mehr aus, wie ein Model aus einem Modekatalog. Oder wie die freundlichere, liebevollere – unschuldigere – Version seines Bruders. Jonah hat Jannik schon immer beschützt. Er hat ihn immer von allen Gefahren ferngehalten und hat sich um ihn gekümmert. Nur seinetwegen hat er mich von sich gestoßen. Er würde den Teufel tun, seinem Bruder von seinem Verdacht zu erzählen.
Ein Kellner kommt auf uns zu und führt uns beide zu einem kleinen Tisch am Fenster. Es ist mein Lieblingsrestaurant, in das mich Jannik heute Abend entführt. Helle Tischdecken liegen auf den runden Tischen, dezente Weihnachtsdekoration darauf. Eine bunte Lichterkette erleuchtet das Fenster und nur leises Stimmgewirr erfüllt es Raum. Die Atmosphäre ist perfekt. Die Location ist perfekt. Und auch Jannik, der sich jetzt mir gegenüber niederlässt und seine Nase in die Weinkarte steckt, ist perfekt.
Nur ich bin es nicht.
Nicht weil mein blaues Kleid einen kleinen Fleck am Saum hat oder meine Stiefel dringend mal wieder geputzt werden müssten. Oder weil meine Frisur heute nicht mehr als ein langweiliger Pferdeschwanz ist und ich auf Schminke fast komplett verzichtet habe.
Nein.
Ich bin nicht perfekt, weil ich diesen wundervollen Mann vor mir eigentlich gar nicht will. Und mit jeder Sekunde, die vergeht, fühle ich mich schlechter. Jannik gibt sich so viel Mühe, er strahlt so viel Freude und auch Zuneigung aus, dass ich ihm wenigstens eine Chance geben sollte. Wenigstens eine ehrlich gemeinte Chance, das hat er sich verdient. Daher gebe ich mir einen gedanklichen Arschtritt und schiebe vehement alle anderen Gedanken an ungeklärte Unfälle oder nervenaufreibende Rockstars beiseite und konzentriere mich – endlich – auf heute Abend. Und auf mein allererstes echtes Date mit Jannik.
»Was möchtest du trinken?« Jannik schaut mich über den Rand der Weinkarte erwartungsvoll an.
»Einen Aperol sprizz!« Ja, es ist Mittwoch. Und ja, ich muss morgen wieder arbeiten. Aber zwei Dates in einer Woche überfordern sogar mich. Und ich habe es immerhin drei Monate mit Florian Schröder ausgehalten.
»Alles klar, dann nehme ich auch einen.« Jannik grinst verstohlen, sodass sich Grübchen in seiner Wange bilden. »Wie war dein Tag?«
»Anstrengend. Ich habe eine Deutscharbeit geschrieben und kann jetzt schon sagen, dass die Hälfte der Kinder nicht verstanden hat, was ich von ihnen wollte.«
»Mmh. Und das bei der Lehrerin.« Er zwinkert mir zu.
Ein Kellner kommt und nimmt unsere Bestellung auf. Neben dem Aperitif bestelle ich mir frische Pasta mit Trüffeln und einen kleinen Salat, Jannik nimmt ein Rinderfilet mit Gemüse.
»Findest du es nicht irgendwie merkwürdig, dass wir hier sitzen?«, platzt es aus mir heraus.
»Inwiefern?« Jannik legt seine Hand auf den Tisch. Nur wenige Zentimeter von meiner entfernt. Automatisch will ich sie wegziehen, halte ich aber dann noch davon ab. Du willst ihm eine Chance geben, erinnere ich mich.
»Naja, normalerweise würde ich jetzt bei dir auf der Couch sitzen und wir schauen zum x-ten Mal eine Wiederholung von »Big Bang Theory«. Wir waren noch nie zusammen essen, glaube ich. Zumindest nicht so.« Ich stammle. Und ich klinge fast so hysterisch wie meine Tante Magda, wenn sie über ihre Pudelzucht spricht. Vielleicht macht dieser Abend ja doch etwas mit mir, das mich noch überrascht.
Jannik lacht hell auf. Es klingt so ehrlich, so warm, dass ich mich entspannt zurücklehne und meinen Mund zu einem breiten Lächeln verziehe.
»Vermutlich. Aber es wurde Zeit, meinst du nicht?« Obwohl immer noch die Freude in seinen Augen funkelt, meint er seine Frage ernst. Es geht hier um mehr als nur ein Abendessen. Es geht um unsere Freundschaft und was daraus werden könnte.
»Ja«, antworte ich ehrlich. Jannik hat diese Chance verdient. Er ist großartig und ich wäre dumm und närrisch, wenn ich es nicht wenigstens versuchen würde.
Erleichterung zuckt über seine Züge, die aber sofort durch ein erneutes Grinsen abgelöst wird. »So, und jetzt sprechen wir darüber, wie wir Nora davon abhalten, am Wochenende mit Daniel im Bett zu landen.«
Fast pruste ich ihm meinen Schluck Aperol sprizz entgegen, den ich gerade getrunken habe, doch Janniks feixendes Grinsen verrät ihn. Es war ein Scherz.
Es ist leicht einen Abend mit Jannik zu verbringen. Er ist lustig, charmant, wirft immer wieder neue Themen auf und so vergehen die zwei Stunden bis wir uns verabschieden wie im Fluge. Ich entspanne mich in seiner Gegenwart und mehr als einmal erwische ich mich dabei, wie ich mir vorstelle, dass es immer so sein könnte. Unbeschwert, leicht. Er macht es mir, sehr einfach ihn zu lieben. Und das tue ich, als Freund. Aber würde es für eine echte, romantische Liebe langen?
Als er sich erneut mit einem Küsschen auf die Wange verabschiedet, fährt ein warmes Kribbeln durch meinen Körper hindurch. Ich beiße mir auf die Unterlippe, während er wieder in sein Auto steigt und davon fährt und kann nicht verhindern, dass sich meine Mundwinkel heben. Ich fühle mich gut, glücklich. Es war ein wirklich schöner Abend.
Und doch will mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Was ist, wenn der Tod von Jonah Vater tatsächlich kein Unfall war? Hätte das etwas geändert? Wäre er dann nicht geflohen, hätte sich in Schuld und Verantwortung vergraben und allem den Rücken gekehrt? Hätte ich dann heute Abend mit dem anderen Bruder beim Italiener gesessen? Und Jannik nie eine Chance gegeben?

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