Mistelzweigmagie: Tag 13

Hoffnungsschimmer

Jonah

Donnerstag, 13. Dezember

Weißer Rauch vernebelt die Luft, gedämpfte Musik erklingt aus einer alten Jukebox, während funseliges Licht die düstere Atomsphäre abrundet. Hohe Stehtische stehen in dem kleinen Raum verteilt, dessen Großteil eine Bar aus dunklem Holz auf der linken Seite einnimmt. Die Alkoholauswahl ist riesig, wobei so gut wie jeder, der die einzige Kneipe im Ort besucht, ausschließlich Bier trinkt.
Jeder Ortsfremde würde nach nur einer Minute die runtergekommene Kneipe wieder verlassen, dessen ganze Atmosphäre etwas von einer siffigen Absteige hat. Von den sanitären Anlagen ganz zu schweigen. Für uns jedoch ist der »Krug« Kult. Hier haben wir unseren ersten Vollsuff erlebt, hier haben wir das erste Mal gepokert. Und hier werden wir, wenn die Zeit gekommen ist, unseren letzten Atemzug nehmen. Ein echter Fichtensteiner weiß, was er am »Krug« hat. Und deshalb ist die Kneipe selbst an einem Donnerstagabend brechend voll.
Ich hänge meine Lederjacke an die Garderobe, bevor ich in den Dunst aus Bier, Schweiß und Zigarettenrauch eintauche. Es ist fast wie nach Hause kommen. Und zum ersten Mal seit ich in Fichtenstein zurück bin, muss ich ehrlich lächeln. Was haben wir hier nicht alles erlebt! Tim hat eine Flasche Jacky auf Ex getrunken und anschließend die ganze Nacht gekotzt, Nora hat einen unvergesslichen Table Dance auf einem der Stehtische hingelegt, hier haben wir unser erstes Konzert gegeben. Mein Blick fällt unweigerlich auf die kleine Bühne auf der rechten Seite, auf der sich jetzt Kartons und leere Bierkästen stapeln. Aber ich bin nicht hier um in Erinnerungen zu schwelgen. Ich bin hier, um mehr über meinen Vater zu erfahren.
Neugierige Blicke folgen mir, als ich mich durch die Gäste bis zur Bar durchquetsche. Immer wieder höre ich meinen Namen, mal interessiert, mal abfällig. Jeder hier weiß, wer ich bin. Der einzige Sohn aus diesem Kaff, der berühmt geworden ist. Der weltbekannte Rockstar, der sich dazu bequemt, plötzlich nach Hause zu komme. Meine Abscheu vor den Leuten um mich herum könnte kaum größer sein. Nachdem, was ich von Lens Vater erfahren habe, haben einige von ihnen geschwiegen. Und womöglich sogar gelogen.
»Hey Mann, schön dich mal wieder hier zu sehen!« Frank, die Maschine, wie wir ihn früher immer genannt haben, hat sich kaum verändert. Immer noch derselbe abgewrackte Look wie vor fünf Jahren. Vielleicht ein oder zwei Tattoos auf seinen Armen mehr, aber ansonsten sieht der Besitzer des »Krug« aus wie immer.
Ich schenke ihm ein angestrengtes Grinsen, bevor ich mich am Tresen niederlasse. Zwei Sekunden später steht ein Bier vor meiner Nase.
»Wie geht’s dir? Besonders gut siehst du nicht aus.« Frank ist ehrlich wie immer.
Mein Grinsen wird zu einem Zähnefletschen, aber ich nehme es ihm nicht übel. Dafür haben wir zusammen zu viel erlebt. Nicht nur in dieser Bar. »Du auch nicht«, gebe ich zurück. »Sind die neu?« Fragend nicke ich auf zwei tätowierten Namen auf Franks rechtem Unterarm.
»Jep. Hab zwei Kinder bekommen.« Unvorstellbar, dass es tatsächlich nur zwei sind bei seiner Schlagzahl.
»Meinen Glückwunsch!« Ich nehme einen großen Zug aus dem Glas vor mir und wische mir anschließend über den Mund. »Kann ich dich etwas fragen?«
»Klar!« Frank geht zum Zapfhahn und beginnt, ein neues Bier zu zapfen. Ich lege meine Hände um mein kaltes Glas. Wenn mir einer helfen kann dann er.
Aber bevor ich dazu komme, Frank eine Frage über meinen Vater zu stellen, schiebt sich jemand auf den Stuhl neben mich. Viel zu nahe, als dass Frank und ich weiter ungestört reden könnten. Verdammt, schonmal was von Mindestabstand gehört? Verärgert sehe ich zu der Frau, die jetzt ihre Tasche an den Barhocker hängt und anschließend ebenfalls ein Bier bestellt. Dann dreht sie sich zu mir und schaut mich aus haselnussbraunen Augen herausfordernd an. Innerlich stöhne ich auf. Ich habe ihr zwei Tage gegeben, bis sie zu mir kommt. Len hat genau einen gebraucht.
»Was willst du hier?«, zische ich ihr zu, obwohl es eigentlich nur einen Grund geben kann, dass sie nach unserem Streit vor dem Haus ihrer Eltern, wieder meine Nähe sucht.
»Ich habe Jannik gefragt, wo du bist. Obwohl ich es eigentlich auch so wusste.« Sie nimmt Frank dankend ihr Bier ab und nimmt einen Schluck. Weißer Schaum bleibt auf ihrer Oberlippe zurück, den sie sich in einer schnellen Bewegung ableckt. »Ich werde dir helfen.«
»Du wirst jetzt deinen hübschen Hintern von diesem Hocken heben und direkt wieder nach Hause spazieren!«, fahre ich sie an. Ich will nicht, dass sich Len in meine Angelegenheiten einmischt. Schon gar nicht, wenn sie meinen Vater betreffen.
»Nein.« Sie funkelt mich entschlossen an. So langsam wird mir klar, warum ihre Schüler Respekt vor ihr haben.
»Es ist meine Sache, Len. Dabei kannst du mir nicht helfen.«
»Das kann ich sehr wohl. Zum einen, weil ich die letzten Jahre hier war und zum anderen, weil mir die Leute vertrauen. Mit mir werden sie reden, wenn wir etwas herausfinden müssen. Nicht wahr, Frank?« Sie zwinkert dem Barkeeper, der sich in diesem Augenblick wieder vor uns aufgebaut hat, aufreizend zu.
»Für dich doch immer, Len!« Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, Frank flirtet.
»Musst du nicht irgendetwas für diesen bescheuerten Weihnachtsmarkt erledigen?« Das darf doch nicht wahr sein. Ich will nicht, dass sie sich mit meinem Vater befasst. Ich will sie noch nicht einmal sehen.
»Alles schon fertig für heute. So schnell wirst du mich nicht los, Jonah.« Ihre eben noch herausfordernde Miene wird ernst, entschlossen. »Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Ich weiß, warum du hier bist. Und ich werde dir helfen, weil ich auch wissen will, was vor zwölf Jahren geschehen ist.«
Ich habe keine Chance. Sie wird sich keinen Zentimeter rühren.
»Ich kenne dich Jonah«, fährt sie fort und in ihren Augen spiegelt sich Bedauern. »Ich weiß, dass du mit Jannik nicht über deinen Vater gesprochen hast. Du willst das alleine herausfinden. Du willst das alleine lösen und alleine mit dir ausmachen. So wie du alles in deinem Leben alleine machst. Aber das lasse ich diesmal nicht zu.«
Ich presse die Lippen zusammen. Natürlich hat sie recht, dafür kennt mich Len einfach zu gut. Aber dennoch bleibt eine nagende Frage. »Warum?«
Sie sieht mich an. Offen und ehrlich. Und weil ich sie ebenso gut kenne, sehe ich die Antwort in ihrem Augen.
Weil sie mich liebt.
Weil sie mich will.
Und weil sie hofft, dass sie mich durch die Bewältigung meiner Vergangenheit bekommt.
Und dieses Mal wird sie nicht locker lassen. Dieses Mal wird sie nicht verschwinden, egal, was ich ihr an den Kopf werfe. Weil sie dieses Mal eine Chance sieht. Verdammt!
Fluchend wende ich mich ab, fahre mir aufgebracht durch die Haare. »Na dann los, hilf mir!« Ich versuche gar nicht erst, meine Wut zu unterdrücken. Lens Verhalten regt mich auf. Nicht nur, weil sie sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen. Sondern weil sie mir einmal mehr bewusst macht, warum auch ich sie liebe.
Einen Augenblick hält Len meinem wütenden Blick stand, dann greift sie in ihre Tasche und zieht ein zusammengefaltetes Papier heraus. »Voilà!«
»Was ist das?« Skeptisch mustere ich den dünnen zusammengefalteten Zettel in ihrer Hand. Ich erkenne dicht gesetzte Schriftzeichen und ein Foto auf der Rückseite. Es muss ein Zeitungsartikel sein.
»Das ist der Artikel über den Unfall deines Vaters.« Bestätigt Len meine Vermutung, macht jedoch immer noch keine Anstalten, mit den Bericht auszuhändigen. Instinktiv greife ich danach, aber sie zieht ihre Hand sofort zurück. »Der Artikel ist zwölf Jahre alt. Ich habe ihn in den Unterlagen meines Vaters gefunden und mich überrascht ehrlich gesagt, dass er den Hinweis übersehen hat.«
»Was für einen Hinweis?« Meine Wut ist verflogen. Stattdessen wird die Skepsis größer und tief in mir drinnen brandet Neugier auf. Gibt es tatsächlich einen Anhaltspunkt, dem wir folgen können? Ist es wirklich so einfach?
»Ich will etwas dafür!« Der Zeitungsartikel verschwindet in ihrer Tasche und sie verschränkt die Arme vor der Brust.
Verblüfft schaue ich zuerst zu ihrer Tasche, dann zu ihr. »Ich dachte, du wolltest mir helfen?« Versteh einer die Frauen.
»Will ich auch. Aber das heißt nicht, dass nicht etwas für mich dabei drin ist.« Ihr Blick bekommt etwas Verschlagenes. Und eine böse Vorahnung überrollt mich.
»Was willst du?« Meine Frage ist ein einziges Knurren.
»Die Eislaufbahn. Ich kann die unmöglich alleine aufbauen. Außerdem habe ich die Erklärung nicht ganz verstanden«, gibt sie kleinlaut zu.
Erst starre ich sie an, dann bricht ein lautes Fluchen aus mir heraus. Sie lässt mir keine Wahl und das weiß das kleine Biest ganz genau. »Gib mir den Artikel Len, bevor ich dir hier vor allen Leuten den Hintern versohle!«
Kurz blitzt etwas in ihrer Augen auf, das ich nicht deuten kann, dann greift sie in ihre Tasche. »Morgen um fünf!«
Mir entfährt ein wütendes Schnauben. Als ich mich vorbeuge, um ihr endlich den Bericht aus der Hand zu reißen, berühren sich unsere Finger. Wie ein Blitz zuckt die Berührung durch mich hindurch, friert meine Bewegung ein und lässt meine Hand auf ihrer liegen. Meine Augen suchen ihre und eine Sekunde sieht sie mich erschrocken an. Dann zieht sie entschlossen ihre Hand weg und überlässt mir den Zettel.
Schnell überfliege ich die Zeilen. Es tut weh, erneut alle Details über den Unfall meines Vaters in einem so nüchternen Bericht zu lesen. Denn es war viel mehr als einfach nur ein Unfall. Es war unser Leben, was am 16. November 2006 auf der Landstraße zwischen Fichtenstein und Nordstadt gestorben ist.
»Alles, was da steht, wissen wir.« Kopfschüttelnd sehe ich zu Len.
»Lies genauer, Jonah. Der LKW-Fahrer hat Fahrerflucht begangen, sie haben ihn nie gefasst«, erklärt mir Len und klingt in diesem Moment wieder wie eine Lehrerin. »Aber woher weiß dann Funke, der den Bericht geschrieben hat, dass er Pole war?«

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