Mistelzweigmagie: Tag 14

Von dummen Gänsen

Leonie

 

Freitag, 14. Dezember

»Du bist tatsächlich gekommen«, begrüße ich Jonah, als er um zehn nach fünf vor der Kirche auftaucht. Es ist bereits dunkel und die Lichter der Verkaufsbuden erstrahlen in hellem Glanz. Überall glitzert es um uns herum und obwohl der Weihnachtsmarkt erst morgen offiziell eröffnet wird, sind bereits heute eine Menge Leute hier. Die meisten von ihnen sind Helfer, die ihre Buden einrichten, einige aber nutzen den Abend zur inoffiziellen Glühweinprobe.
»Hattest du da Zweifel?«, brummt er missmutig und lässt seinen Blick über das Geschehen um uns herum wandern. In seinem Mundwinkel klemmt eine Zigarette, die er jetzt zu Boden schnipst und austritt.
»Lass mich kurz überlegen – ja durchaus!« Obwohl ich meine Aussage ernst meine, kann ich nicht verhindern, dass meine Mundwinkel zucken. Und auch in Jonahs Augen entdecke ich ein verräterisches Funkeln.
»Fordere mich nicht heraus, Len«, raunt er mir zu und tritt näher an mich heran, die Hände nun tief in seiner Jacke vergraben, einen dicken Schale um den Hals und eine Mütze auf dem Kopf. Er sieht ein bisschen verfroren aus, aber mein Mitleid hält sich in Grenzen. Die Eislaufbahn muss bis morgen früh stehen, da kann ich auch auf die zugegebenermaßen eisigen Temperaturen keine Rücksicht nehmen.
»Würde ich nie wagen«, gebe ich keck zurück und frage mich, was plötzlich mit mir los ist. Bis eben war ich ein einziges hochkonzentriertes Organisationskommando, ganz darauf bedacht, den Weihnachtsmarkt rechtzeitig fertig zu bringen. Doch kaum ist Jonah eine Minute auf der Bildfläche aufgetaucht, übernehmen meine verflixten Hormone. Verdammt!
Ein Kichern links hinter Jonah lenkt mich ab. Zwei Mädchen stehen keine fünf Meter von uns entfernt, ihre Handys in der Hand und machen ganz offensichtlich Fotos. Dabei tuscheln sie und kichern, was das Zeug hält. Eine von ihnen geht schließlich ein paar Schritte auf uns zu, bis sie direkt neben Jonah steht und ihn offen anhimmelt. Mich ignoriert sie konsequent.
»Jonah Storm!« Ein Hauch auf ihren Lippen. »Kriege ich … ein Autogramm?«
Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht laut zu lachen. Jonah stiert mich warnend an, bevor er sich zu dem Teenie dreht. »Wohin?« Charmant wie immer. Aber anscheinend stehen die Teenies drauf. Und du auch, du dumme Gans, schelte ich mich innerlich.
Das Mädchen kramt hektisch in ihrer Tasche und zieht schließlich ihr Portmonee heraus. Mit einem Filzstift, den sie Jonah reicht, unterschreibt er und gibt ihr beides zurück. Bevor sie davonläuft, beugt sie sich vor und gibt Jonah so schnell einen Kuss auf die Wange, dass er nicht reagieren kann.
»Wehe du sagst irgendwas«, knurrt er mir zu, als das Mädchen wieder kichernd verschwunden ist. Ein Glucksen kommt aus meinem Mund, den amüsierten Kommentar halte ich zurück.
»Wo ist denn nun die verdammte Eislaufbahn?«, fragt Jonah ungeduldig und es ist offensichtlich, dass ihm die Situation mehr als unangenehm ist. Seine Schuld. Wäre er halt mal hiergeblieben und kein verdammter Rockstar geworden.
»Komm mit«, fordere ich ihn auf und gehe vor. Vorbei an den dekorierten Buden, einmal quer über den Markt. Wir sind fast da, als Jonah kurz innehält.
»Ihr habt es echt übertrieben mit der Deko dieses Jahr«, meint er trocken. Ich folge seinem Blick und stelle fest, dass wir beide unter dem Mistelzweig stehen, den wir an einer dünnen Schnur über dem Hauptdurchgang aufgehängt haben. Augenblicklich muss ich schlucken. Es war Noras Idee, ihn aufzuhängen. Ein Kuss unter dem Mistelzweig, für verliebte Paare oder solche, die es noch werden wollen, hat mir meine Freundin erklärt. Bis eben fand ich die Idee ganz süß, jetzt wünsche Nora auf den Mars.
»Funke ist vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.« Mmpf, sehr romantisch! Aber zumindest überspielt es die peinliche Situation, während beide immer noch unter dem Mistelzweig stehen und uns ganz sicher nicht küssen werden.
»So ein Mist!«, flucht Jonah ungehalten und setzt sich wieder in Bewegung. Weg von dem Mistelzweig und dem vermeintlichen Kuss, zu dem es sowieso nie kommen wird. Nach wenigen Schritten sind wir an der Eislaufbahn, also bei den Einzelteilen, da die Bahn ja noch nicht existiert. »Und jetzt?« Er wendet sich abrupt von dem sortierten Chaos vor uns ab und beugt sich zu mir. Weißer Raum kommt aus seinem Mund, der sich prickelnd auf meiner kalten Haut niederlässt. Ich sollte einen Schritt zurückweichen, da Jonah mit Absicht den gebührenden Abstand zwischen uns überschritten hat, aber wider besseren Wissens bleibe ich stehen.
»Funke hat für den Wochenboten geschrieben. Die haben mit Sicherheit ein Archiv, das wir uns mal ansehen könnten.«
Jonah schweigt, mustert mich. Er ist mir viel zu nahe und als er jetzt ausatmet, trifft sein warmer Atem meine Lippen.
Mein Herz bleibt stehen.
Die Lichter des Adventmarktes verschwinden in der Dunkelheit, alles was ich sehe, sind Jonahs dunkelbraune Augen. Du willst Jannik eine Chance geben, ermahne ich mich selbst. Es ist unfair, was du hier tust. Das hat er nicht verdient.
»Nora«, bringe ich heraus und verfluche meine viel zu dünne Stimme. »Nora kann uns helfen. Sie arbeitet für den ‚Wochenboten‘ und kann uns ins Archiv lassen.«
»Nora?« Eine Augenbraue hebt sich und ein abfälliges Schnauben entfährt Jonah. Er mag sie nicht besonders, das ist offensichtlich.
»Ja. Sie müsste auch gleich da sein, dann können wir mit ihr sprechen.«
Wir stehen uns immer noch gegenüber, viel zu nahe, als dass es unauffällig wäre. Und einen kurzen Moment habe ich den Eindruck, dass Jonah eigentlich etwas ganz anderes will, als mit mir über Funke oder die Eislaufbahn zu sprechen. Aber dann lehnt er sich zurück und schaut wieder missmutig zu den Einzelteilen vor uns. »Dann sollten wir uns beeilen hier fertig zu werden.«

***

Ohne Jonah wäre ich verloren. Das muss ich drei Stunden später widerstrebend zugeben. Aber wer versteht denn bitte auch eine fünfunddreißig Seiten lange Aufbauanleitung? Dagegen sind die Pax Schränke von Ikea eine nette Abendunterhaltung.
Das Eis glitzert im Licht der unzähligen Lampions, die rings um die Bahn in der Dunkelheit leuchten. Es ist noch nicht ganz fest, deshalb dürfen wir die Bahn erst morgen betreten. Aber mir tut jeder Knochen im Körper weh, ich würde jetzt so elegant fahren, wie eine Ente auf Rollschuhen.
»Nie wieder!«, flucht Nora ungebremst neben mir. Sie und Jannik sind vor zwei Stunden zu uns gestoßen und haben gemeinsam mit noch weiteren Helfern die Bahn aufgebaut. Unter meiner Anleitung. Und Jonahs, der jetzt die Tür zu der Bahn hinter sich schließt. »Solltest du noch einmal eine so fixe Idee haben«, fährt meine beste Freundin fort, während sie ihre Mütze auf ihren blonden Haaren zurechtrückt und ihre dicke Winterjacke schließt, »fahre ich über die Adventszeit in Urlaub. Kuba soll ja traumhaft sein zu dieser Jahreszeit.«
»Jetzt hab dich nicht so, morgen bist du sicher die Erste auf der Eisbahn.« Jannik stößt ihr den Ellenbogen in die Seite. Nora schnaubt empört, was er mich eine lauten Lachen beantwortet.
»Wollen wir zum Abschluss noch etwas trinken gehen?«, frage ich in die Runde. Nora stimmt mir sofort begeistert zu, aber Jannik wirft einen Blick auf die Uhr.
»So leid es mir tut, meine Schicht fängt in einer halben Stunde an. Aber morgen bin ich auf alle Fälle dabei!« Bedauernd verzieht er den Mund. Ihm ist deutlich anzusehen, dass er lieber geblieben wäre. Er verabschiedet sich von Nora und seinem Bruder, der hinter den beiden steht, bevor er zu mir kommt. Wir haben uns seit Donnerstag nicht mehr gesehen und mein Verhalten ihm gegenüber war heute alles andere als locker. Stattdessen war ich merkwürdig verklemmt, ja beinahe distanziert Jannik gegenüber, was ihm sicher aufgefallen ist. Daher gebe ich mir jetzt einen Ruck und schenke Jannik einen Kuss auf die Wange, als er mir leise »Bis Morgen« zuflüstert. Einen Moment sehe ich ihm nach, wie er zwischen den Verkaufsständen verschwindet, bevor ich mich Jonah und Nora zuwende.
»Können wir dann?« Jonah lehnt lässig am Geländer der Eislaufbahn und raucht. Aber ich erkenne an seinem angespannten Kiefer, dass er alles andere als gelassen ist. Er muss Jannik und meine Verabschiedung eben verfolgt haben und augenscheinlich hat ihm nicht gefallen, was er gesehen hat.
»Du kommst mit?« Nora klingt wenig begeistert.
»Wir wollten kurz mit dir sprechen«, springe ich dazwischen, bevor sich die zwei noch in die Haare bekommen.
»Ja?« Überraschung huscht über Noras Gesicht und kurz wirft sie mir einen skeptischen Blick zu. Ein Kopfschütteln beantwortet ihre unausgesprochene Frage, die augenblicklich zu einem erleichterten Aufseufzen seitens meiner Freundin führt. Nein, ich habe nichts mit Jonah.
»Worum geht’s?« Es fehlt nicht viel und Nora würde ihr Notizbuch zücken. Neugier flackert jetzt in ihren Augen.
Mit schnellen Worten setze ich sie über Jonahs Vater, unseren Verdacht und Funke ins Bild, während Jonah nur stumm zuhört. Er überlässt mir das Reden.
»Das ist unglaublich«, stimmt uns Nora zu, als ich geendet habe. »Und ich werde euch auf alle Fälle helfen. Ihr kommt nur so ohne weiteres nicht ins Archiv, dazu haben nur Mitarbeiter Zutritt. Aber mir fällt schon etwas ein. Es wäre echt unfassbar, wenn an den Vermutungen etwas dran wäre. Allerdings«, sie macht bewusst eine Pause und sieht zum ersten Mal seit meiner Erklärung zu Jonah, »allerdings will ich etwas dafür.«
»Nein, du kannst darüber nicht schreiben«, schiebe ich dazwischen, bevor Jonah mit einem unqualifizierten Kommentar Noras Vorschlag abbügelt. »Das ist zu privat, das musst du verstehen.«
»Das tue ich auch«, wehrt meine Freundin ab. »Zumindest so lange, bis ihr tatsächlich etwas gefunden habt. Das wäre ungeheuerlich, aber in diesem Kaff überrascht mich nichts mehr.«
»Was willst du dann?« Jonahs dunkle Stimme ist ein einziger Vorwurf. Und ich kann ihn verstehen, immerhin geht es um seinen Vater.
»Deine Band gibt morgen ein Konzert in Mannheim. Ich will mit in den Backstagebereich. Und ich will ein Interview mit dir.« Noras ist abgebrühter als jeder Geschäftsmann.
»Macht in diesem verdammten Kaff eigentlich niemand etwas umsonst?« Aufgebracht zieht Jonah sich die Mütze vom Kopf und fährt sich durch die kurzen Haare.
»Das Konzert und ein Interview, bevor du mit der Band in die USA verschwindest.«
Jonah flucht ausgelassen und seine Hände verkrampfen sich. Es ist bekannt, dass er Interviews hasst und der Presse bisher so gut wie nichts über sein Privatleben verraten hat. Aus gutem Grund. »Meinetwegen.« Aber diesmal hat er keine Wahl, wenn er wirklich weiterkommen will.
Das Grinsen auf Noras Gesicht nimmt apokalyptische Dimensionen an. »Na dann bis morgen!« Sie dreht sich zu mir. »Bekommt ich jetzt endlich meinen Glühwein?«
»Mindestens einen! Holst du uns schonmal welche? Ich komme gleich«, bitte ich meine Freundin und gebe ihr damit klar zu verstehen, dass ich kurz mit Jonah alleine reden will. Noras Blick spricht Bände. Himmel, was denkt sie denn, was ich jetzt hier mit ihm veranstalte? Wilden Sex in aller Öffentlichkeit?
Kaum hat Nora uns den Rücken zugedreht, weicht die Anspannung von mir. Jonah hat die Hände in die Jackentaschen geschoben und sieht ihr grimmig hinterher. »Sorry, aber ich mag sie nicht«, fährt er aus.
»Ich weiß.« Mein Grinsen lässt sich nicht unterdrücken, bevor ich gleich wieder ernst werde. »Ihr fliegt in die USA?«
Seine Schultern sacken eine Winzigkeit nach unten und plötzlich sieht er wieder unglaublich verloren aus. »Ja, direkt nach Weihnachten.«
Der Boden unter mir tut sich auf und ich falle. Falle im freien Flug und nichts niemand hält mich auf. Mein Brustkorb krampft sich zusammen und auf einmal habe ich Probleme zu atmen. Ich wusste, dass er wieder geht, wusste, dass ich ihn wieder verlieren werde. Er hat bis heute nicht gesagt, wie lange er bleiben wird. Es war naiv zu glauben, dass es für länger ist.
Ich merke erst, dass ich auf meine Füße starre als warme Finger mein Kinn berühren und meinen Kopf nach oben zwingen. Dunkle Augen treffen auf meine und ich erkenne den gleichen Schmerz, der auch mich zerreißt.
»Wirst du wiederkommen?«, wispere ich und verfluche mich augenblicklich.
Jonah sieht mich an und schweigt. Die Wärme seiner Finger brennt sich kribbelnd in meine Haut, lässt mich wünschen, dass dieser Moment nie enden würde.
»Ich weiß es nicht.«

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