Mistelzweigmagie: Tag 15

Die eine verdammte Frage

Jonah

Samstag, 15. Dezember

Ich singe. Ich spiele. Ich schreie und verliere mich in der Musik. Noch nie habe ich mich bei einem Konzert so gehen lassen, denn noch nie haben mich meine Gefühle so zerrissen. Da ist keine Leere mehr in mir wie noch vor zwei Wochen. Da sind Wut, Verzweiflung, Trauer, Bedauern und vor allem ein Sehnen, das mir bisher vollkommen fremd war. Fast könnte es Heimweh sein.
Die Musik trägt mich und als ich die letzten Akkorde auf der Gitarre spiele und tosender Applaus über uns zusammenbricht, schreie ich meine ganzen Emotionen aus mir heraus.
Ich bin Jonah Sander.
Ich bin Jonah Storm.
Und die Welt liebt mich dafür.
Der Lärm dröhnt immer noch in meinen Ohren, als wir die Bühne nach mehreren Zugaben endlich verlassen und in unsere Kabine verschwinden. Anders als in Frankfurt ist James bereits da, mit ihm verschiedene Groupies und Presseleute. Tim hält mir wie üblich eine Flasche Jack Daniels hin, die ich auch diesmal dankbar greife.
»Geiles Konzert, Jungs!« James blasse Haut zieren rote Flecken. Seine schwarzen Haare sind stramm zurückgekämmt und er trägt einen maßgeschneiderten dunklen Anzug. Der Typ ist so glatt wie sein Outfit.
»Wir haben’s halt drauf!« Mick grinst über beide Ohren, während er die blonde junge Frau direkt neben unserem Manager neugierig mustert. »Wen hast du uns da mitgebracht?«
Ich trinke demonstrativ noch einen Schluck und unterlasse es, Mick zu warnen. Soll er sich doch an Nora die Finger verbrennen.
»Ich bin Nora, ich schreibe für eine lokale Zeitung.« Schmierblatt trifft es eher, aber ich korrigiere sie nicht.
Nora hält ihm die Hand hin, die Mick ergreift und eifrig schüttelt. Seine Augen bekommen einen gierigen Glanz und auf einmal sieht er aus wie ein Raubtier, das Beute wittert. Weibliche Beute, um genau zu sein. »Du schreibst über uns?«
Ich wende mich an und lasse mich stattdessen neben Tim auf eine Couch weiter hinten im Raum sinken. Neben ihm sitzt ein braunhaariges Mädchen, mit dem er sich angeregt unterhält. Bei Tim bleibt es allerdings bei der Unterhaltung, er liebt seine Frau zu Hause über alles.
»Du warst gut heute!« Tim unterbricht sein Gespräch und rammt mir kumpelhaft den Ellenbogen in die Seite. »So gut wie schon lange nicht mehr.«
»Danke!« Ich sollte mehr trinken. Oder gleich ins Hotel verschwinden. Oder zurück nach Fichtenstein fahren, zu Jannik. Und zu Len. »Die Pause hat mir gut getan.«
Tim kneift ein Auge zusammen und mustert mich eingehend. Dann lacht er offen und grinst über beide Ohren. »Zumindest siehst du nicht mehr ganz so abgewrackt aus wie noch vor zwei Wochen. Gibt es dafür einen Grund?«
»Ich war beim Frisör!« Blöde Frage, blöde Antwort.
»Das auch. Aber vielleicht liegt es auch an der blonden Schönheit, die du uns heute Abend mitgebracht hast und die drauf und dran ist, in Micks Verzeichnis zu landen.«
Mein Kopf ruckt nach oben. Nora und Mick unterhalten sich immer noch angeregt, während sie sich aufreizend die Haare hinter die Ohren schiebt. Ich gebe ihm noch eine Stunde, dann hat er sie so weit. »Nein, das ist nur Nora.«
Ich habe keine Lust mehr zu reden und schließe die Augen. Blende alles um mich herum aus, außer der Whiskyflasche in meiner Hand, aus der ich jetzt noch einen Schluck nehme. Tim wendet sich offensichtlich wieder dem Mädchen zu, zumindest lässt er mich in Ruhe.
Haben mich die letzten beiden Wochen wirklich so sehr verändert? Meine Mutter, Jannik – es hat unheimlich gut getan, sie wiederzusehen. Und ich merke, wie es mich beruhigt, zu wissen, dass es ihnen gut geht. Ich fühle mich ein Stück weit sicherer, geerdet und nicht mehr ganz so verloren. Allerdings lässt mir die Geschichte mit meinem Vater keine Ruhe, und der Zweifel, dass es doch kein Unfall war, zerreißt mich förmlich.
»Hättest du fünf Minuten für mich?«
Nora. Wie immer so willkommen wie eine Magen-Darm-Grippe. Mühsam öffne ich die Augen, die vom Alkohol und der Anstrengung des Konzerts schwer geworden sind.
»Jetzt?«
»Du hast mir ein Interview versprochen, schon vergessen?«
Grollend lehne ich mich nach vorne, stütze die Ellenbogen auf meine Knie und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Tim neben mir ist verschwunden, daher nimmt Nora ungefragt auf der Couch platz.
»Drei Fragen.«
Nora schiebt ihre Unterlippe vor, aber sie widerspricht nicht. Sie tippe auf ihrem Handy herum und hält es mir schließlich unter die Nase. Es ist mir ein Rätsel, wie sie unsere Stimme in all dem Lärm später verstehen will, aber mir soll‘s egal sein.
»Was fühlst du, wenn du auf der Bühne stehst?« Noras erste Frage.
»Ich fühle mich großartig. Ich liebe die Musik und es ist das Größte für mich, auf der Bühne zu stehen und mit den Fans gemeinsam unsere Lieder zu spielen.« Was für ein Bullshit. Noras gehobene Augenbrauen unterstreichen, dass sie das ähnlich sieht.
»Du warst die letzten fünf Jahre unterwegs. Hattest du nie Heimweh?«
Ich bringe sie um. Irgendwann, wenn sie alleine unterwegs ist und uns niemand sieht, werde ich ihr eins überziehen und sie einfach liegenlassen. »Doch natürlich habe ich hin und wieder an zu Hause gedacht«, antworte ich schließlich widerwillig, nachdem ich sie mit einem wütenden Blick bedacht habe. Erneut greife ich nach der Flasche und nehme einen Schluck. Noras Augen folgen meiner Bewegung, sie sagt aber nichts. Stattdessen legt sie ihren Kopf schief und mustert mich. Ihre letzte Frage. Danach kann sie sich zum Teufel scheren.
»Gibt es eine Frau in deinem Leben?«
»Nein.«
»Auch nicht Len?«
Ich antworte ihr nicht. Schaue sie nur an und versuche alle Emotionen, die in diesem Moment durch meinen Körper peitschen, zu verstecken. Aber so ruhig ich mich gebe, so kalt und abgebrüht ich erscheinen mag, ich kann nicht verhindern, dass sich meine Finger krampfhaft um die Whiskyflasche legen.
Nora nickt langsam. Sie hat es gesehen. »Ich mag dich nicht Jonah. Und mir wäre die Alternative deutlich lieber, glaube mir. Aber ich liebe Len wie eine Schwester und will, dass sie glücklich ist.« Sie sieht mich eindringlich an. »Jannik ist ein feiner Kerl und wäre das Beste, was Len passieren könnte. Aber wir beide wissen, dass sie ihn eigentlich gar nicht will. Deinetwegen.«

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