Mistelzweigmagie: Tag 16

Küsse unterm Mistelzweig

Leonie

Sonntag, 16. Dezember

Es ist kalt. Der Himmel ist wolkenfrei, sodass die Sterne hell auf uns herunter scheinen. Es ist brechend voll auf dem Adventsmarkt, der einer der bestbesuchtesten der letzten Jahre ist. Ein voller Erfolg, nicht zuletzt dank der Eislaufbahn, auf der ich seit wenigen Minuten ein paar entspannte Runden drehe.
Ich habe es geschafft! Alles ist top organisiert, es gibt genug zu essen und zu trinken und bisher keine Stromausfälle oder andere mittelschwere Katastrophen. Sogar unser Bürgermeister hat in seiner kleinen Eröffnungsansprache gestern Nachmittag von der Magie und dem Zauber der Weihnacht gesprochen, den man auf unserem Markt buchstäblich fühlen könne. Ein Mann, der normalerweise nicht einmal in die Kirche geht, spricht plötzlich von Magie. Ich sollte zufrieden sein. Sehr zufrieden! Aber was bin ich?
Wütend über mich selbst stapfe ich mit dem Fuß auf, rutsche prompt aus, da ich Schlittschuhe trage, und lande auf meinem Hintern. Verfluchter Mist! Und das alles nur, weil ich an nichts anderes denken kann, als dass Jonah bald wieder weg ist. Wer weiß, für wie lange. Am Freitagabend, als wir uns gegenüberstanden, hat er mir erneut das Herz zerrissen. Obwohl er es in diesem Moment vermutlich noch nicht einmal wusste.
»Kann ich dir helfen?« Überrascht sehe ich auf, da ich immer noch auf der eiskalten Bahn sitzen, direkt in Janniks freundliche blaue Augen. Augenblicklich überkommt mich das schlechte Gewissen. So viel zum Thema fair und ich gebe ihm eine ehrliche Chance. Mmpf!
»Gern!« Ich strecke ihm meine Hand entgegen und lasse mir umständlich von ihm auf die Füße helfen. »Fährst du eine Runde mit mir?«
»Deshalb bin ich hier.« Er zwinkert mir zu und greift ohne zu zögern erneut nach meiner Hand. Bevor ich es mir anders überlegen kann, ist er losgefahren und zieht mich hinter sich her. Mit wenigen Schritten habe ich meinen Takt wiedergefunden und gemeinsam drehen wir eine Runde.
Die Lampions über dem Rand der Eisbahn werfen warme Schatten auf die glitzernde Fläche, es riecht nach Glühwein und Gebäck und etwas entfernt gibt der örtliche Musikverein ein Sammelsurium an Weihnachtsliedern zum Besten. Die Situation ist so verdammt romantisch, dass es mir fast unangenehm ist. Ich meine, ich steh auf Kitsch! Gerade an Weihnachten. Wie anders sollte man die 24-teilige Rentierkollektion verstehen, die Zuhause mein Schlafzimmer ziert? Aber das hier ist selbst mir zu viel.
Vorsichtig, damit er mich nicht falsch versteht, will ich meine Hand aus Janniks ziehen. Ich mag ihn. Wirklich. Aber ich mache mir etwas vor, wenn ich denke, dass das hier zwischen uns etwas anderes als Freundschaft werden könnte. Doch Jannik packt meine Hand entschlossen fester und lässt mich nicht los.
»Du siehst nicht besonders glücklich aus, dafür, dass der Adventsmarkt so gut läuft.« Er trifft den Nagel wie immer direkt auf den Kopf.
»Ach, es ist nur der Stress,« wiegele ich ab und schäme mich abgrundtief für meine Lüge. Ich habe Jannik noch nie belogen. Aber in diesem Punkt kann ich ihm nicht die Wahrheit sagen.
»Vielleicht solltest du noch einen Glühwein trinken.« Vage deutet er in die Richtung des Feuerwehrstandes. »Oder eine Feuerzangenbowle. Nora hatte, als ich sie eben verlassen habe, bereits ihre dritte.«
»Nora ist hier?« Ich habe meine Freundin seit gestern Morgen nicht mehr gesehen, seit sie mit Jonah zusammen auf das Konzert verschwunden hat.
»Jep!« Jannik grinst plötzlich breit und wird langsamer. »Zusammen mit Mick, einem Bandkollegen von Jonah. Du hättest Dennis‘ Gesicht sehen sollen, als die beiden – gemeinsam – aufgetaucht sind. Sie hat den armen Kerl nicht einmal mehr gegrüßt.«
Meine Augenbrauen schnellen nach oben, da mir sonnenklar ist, was er mit gemeinsam meint. »Nora hat was mit einem Typ aus Jonahs Band? Und das erfahre ich von dir?« Pff, so viel zum Thema beste Freundin!
Jannik lacht ausgelassen, als er mein verkniffenes Gesicht sieht. Dabei geht es mir in diesem Moment gar nicht um Nora. Meine Freundin kann verführen, wen immer sie will, – das will ich gar nicht so genau wissen. Aber Noras Geschichte bietet mir genau die Ablenkung, die ich brauche. Denn eine andere, sehr viel drängendere Frage, liegt mir auf der Zunge.
»Ist dein Bruder auch wieder hier?« Ich frage beiläufig, als wäre es mir egal. Dabei pocht mein Herz so heftig, dass ich es bis in die Fingerspitzen spüren kann.
»Ja, ist er.« Wir haben den Eingang der Eislaufbahn erreicht. Das Lachen verschwindet aus Janniks Gesicht und er sieht auf unsere immer noch verschränkten Hände. Eine Sekunde huscht Bedauern über sein Gesicht, dann hebt er den Blick und ich könnte schwören, dass er gerade eine Entscheidung gefällt hat. Entschlossenheit steht in seinen Augen, seine Lippen sind zu einem feinen Lächeln verzogen. »Komm, lass uns zu ihnen gehen.«
Da ich keinen besseren Vorschlag habe, stimme ich ihm zu. Wir tauschen die Schlittschuhe gegen unsere Stiefel und gehen gemeinsam über den Adventsmarkt in Richtung der Feuerwehrbude. Mitten im Hauptdurchgang bleibt Jannik plötzlich stehen. Er kneift die Augen zusammen, als hätte er jemanden entdeckt, dann sieht er nach oben.
»Schau mal, wir stehen unter dem Mistelzweig.«
»Tatsächlich.« Nora, ich bringe dich um, für diese Idee!
Sein Blick wandert wieder nach unten, bleibt an mir hängen. Seine Mundwinkel zucken verdächtig, als er mir auf einmal näher kommt und seine Hände sanft an meine Wangen legt. »Es gibt Weihnachtstraditionen, Len, denen sollte man folgen. Sonst verärgern wir noch die Weihnachtsgeister.«
Irritiert schaue ich ihn an. Die Wärme seiner Hände kribbelt auf meinen kalten Wangen, dennoch versteife ich mich und fühle mich völlig überfordert. Nein, Jannik! Bitte nicht. Aber das Blau seiner Augen blitzt mich fröhlich und entschlossen an, meine Hände greifen wie von alleine nach seinen Armen und dann liegen seine Lippen auf meinen. Jannik küsst mich sanft und liebevoll, wie ein Flügelschlag, fast wie Magie. Und ich stehe da, mit diesem wundervollen Mann, den jede andere Frau in Fichtenstein liebt und gerne zum Freund hätte, nur ich nicht.
Automatisch kralle ich mich an ihm fest, will ihn nicht von mir stoßen, weil er doch mein bester Freund ist, und fühle gleichzeitig, wie falsch es ist, was wir hier tun.
Ein letztes Mal streichen Janniks Lippen behutsam über meine, dann weicht er ein paar Zentimeter zurück. »Ich liebe dich, Len. Du weißt vermutlich gar nicht, wie sehr. Und das hier, ist deine aller letzte Chance, bevor er verschwindet. Also vergeig es nicht! Weitere fünf Jahre schaue ich mir das nicht an.«
Was?
Meine Scham und meine Verzweiflung über den Kuss, der leider so wundervoll und doch so völlig falsch war, lösen sich in Nichts auf. Stattdessen starre ich Jannik an, als hätte er sich gerade in den Weihnachtsmann verwandelt. »Meine letzte Chance wofür? Jannik, wovon zur Hölle sprichst du?«
Er grinst mich so breit an, als hätte er gerade den Hauptgewinn der Tombola gewonnen, dann legt er den Arm um mich, und schiebt mich weiter durch die Menge. Einzelne Blicke folgen uns, ich höre Getuschel und ein entzücktes Kichern.
»Oh man, ich glaube, wir sollten es nicht übertreiben. Sonst kassiere ich heute noch eine.« Er hebt den Arm von meiner Schulter und deutet nach vorne. Mein Blick folgt ihm, da ich immer noch nicht verstehe, wovon er eigentlich spricht. Und dort, keine zehn Meter von uns entfernt im Schatten einer beleuchteten Bude und mit einem Gesichtsausdruck, als wolle er gleich jemanden umbringen, steht Jonah.

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