Mistelzweigmagie: Tag 17

Irrungen und Wirrungen

Jonah

Montag, 17. Dezember

Ich bringe ihn um. Langsam und qualvoll, bis er sich wünscht, Len nie unter diesem verfluchten Mistelzweig geküsst zu haben.
Natürlich bringe ich ihn nicht um.
Verdammt, er ist mein Bruder! Mein kleiner Bruder, den ich über alles liebe und für den ich alles tun und aufgeben würde. Aufgegeben habe, wie ich gestern mit eigenen Augen sehen musste. Fuck, was für ein beschissener Morgen!
Fluchend drehe ich mich zur Seite, werfe die Bettdecke von meinem Körper und ramme meine Faust in das Kopfkissen. Aber die Bilder in meinem Kopf bleiben bestehen, werden klarer je länger ich sie zu verdrängen versuche. Jannik, wie er seine Hände auf Lens Wangen legt, ihr überraschter Blick und dann der Kuss. Verdammt! Ich wollte, dass die beiden ihr Glück finden, habe es mir für Jannik so sehr gewünscht. Und kaum findet er es, bricht mein Ego, das ich so viele Jahre vergessen hatte, wieder durch, und ich könnte meinen Bruder auf der Stelle in den Boden rammen, weil er die Finger von meinem Mädchen lassen soll.
Schnaubend verlasse ich das Bett in meinem alten Kinderzimmer und gehe zielstrebig in Richtung Bad. Mein Schädel dröhnt und auf meiner Zunge liegt ein pelziger Geschmack. Ich mache meinem Rockstar-Image heute Morgen alle Ehre, aber selbst Schuld, wenn ich mich nach dem verdammten Kuss gestern Abend volllaufen lassen musste. Das Letzte, woran ich mich erinnere, sind Frank und ich auf der kleinen Bühne im »Krug« wie wir gemeinsam »Morgen kommt der Weihnachtsmann« trällern. Scheiße!
Als ich zehn Minuten später unsere Küche betrete, sehe ich zumindest nicht mehr ganz so abgeschlagen aus. Fühlen tue ich mich immer noch, als hätte mich ein Bulldozer überrollt. Und das Gefühl verschlechtert sich rapide, als ich Janniks munteres Gesicht am Frühstückstisch entdecke, eine Tasse Kaffee in der einen Hand, das Handy in der anderen.
»Guten Morgen!« Jannik grinst mich so breit an, dass es verboten werden sollte. Seine übertriebene Fröhlichkeit kann er sich heute Morgen sonst wohin schmieren. Ich brumme irgendetwas Unverständliches und steuere die Kaffeemaschine an. Von unserer Mutter ist nichts zu sehen, vermutlich ist sie längst in der kleinen Bäckerei, in der sie ab und zu aushilft.
»Ihr habt es ja gut krachen lassen, gestern Abend!«
Hinter mir ertönt unverkennbar meine eigene verzerrte Stimme, die ein Weihnachtslied singt, untermalt von johlendem Beifall. Verdammt, hat unseren Auftritt gestern jemand gefilmt?
»Gib das her!« Mit einem Satz bin ich bei meinem Bruder und schaue ungläubig auf das Video, das Frank und mich zeigt. So ein Mist! James wird mich umbringen. »Wo hast du das her?« Wütend feuere ich das Handy zurück auf den Tisch.
Jannik zuckt immer noch grinsend die Schultern. »Facebook? Unsere Fichtenstein-Gruppe?«
Kurz schließe ich die Augen, um mich zu sammeln. Es ist falsch, meine Wut an Jannik auszulassen. Er hat nichts Unrechtes getan, nichts, weswegen ich so durch die Decke gehen sollte. Er hat lediglich Len geküsst, was ihm mehr als nur zusteht. Dass ich danach so abkacke und jetzt mit meinem peinlichen Auftritt auch noch auf Facebook lande, ist nicht seine Schuld. Ich sollte mich für ihn freuen, für ihn und Len. Das wäre richtig. Aber so sehr ich es auch versuche, ich kann es einfach nicht.
»Ihr solltet Frank in eure Band aufnehmen. Er hat eine gute Stimme, finde ich«, fährt mein Bruder fort und mustert mich amüsiert. »Zumindest geht es ihm heute Morgen mit Sicherheit genauso beschissen wie dir.«
Ich werfe ihm einen bösen Blick zu und trinke einen großen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Das erspart ihm zumindest eine entsprechende Antwort.
»Darf ich fragen, was dich gestern geritten hat, dich so abzuschießen?«
Kann er nicht einfach den Mund halten und mich in Ruhe lassen? »Mir war danach.«
Jannik legt seinen Kopf schief. Dann steht er auf, steckt sein Handy in die Hosentasche und geht zur Küchentür. »Ich weiß, dass du uns gesehen hast. Len und mich. Und ich weiß auch, dass du dich deshalb so volllaufen lassen hast.«
Mein Gesicht ist eine Maske, aber jedes einzelne Wort tut mir weh. Weil er so verdammt recht hat. »Ich freue mich für dich und Len. Du wolltest sie doch immer.«
Janniks Augenbrauen schnellen nach oben und er sieht mich an, als ob ich sie nicht mehr alle hätte. »Du lügst noch schlechter als Mum! Und selbst wenn ich mir bis jetzt nicht sicher gewesen wäre, ob du in Len verliebt bist, hast du es mir eben gerade verraten.«
Irritiert stelle ich die Kaffeetasse auf dem Tisch ab und fahre mir übers Gesicht. Immer noch pocht der Schmerz hinter meiner Stirn, daher bin ich mir nicht sicher, Jannik eben richtig verstanden zu haben. »Was willst du mir damit sagen, Mann?«
Jannik macht wieder einen Schritt in die Küche hinein, direkt auf mich zu. Und in diesem Moment fühle ich mich zum ersten Mal nicht wie der große Bruder, der auf ihn aufpassen muss. Fast ist es, als haben wir die Rollen getauscht. »Len und du, ihr eiert seit so vielen Jahren um einander herum, ohne, dass ihr euch jemals wirklich nahekommt. Dabei verstehe ich bis heute nicht wieso. Ihr seid in einander verliebt, das erkennt jeder, der euch einmal zusammen erlebt hat.«
Fuck, was? »Aber du liebst Len«, bringe ich mühsam heraus. Davon zumindest bin ich immer ausgegangen.
Mein kleiner Bruder verzieht seinen Mund zu einem feinen Lächeln. Meine Welt bekommt Risse. Seinetwegen habe ich sie von mir gestoßen, seinetwegen habe ich nie etwas mit Len angefangen. Ich wollte ihm nicht wehtun, habe ihn immer nur beschützen wollen.
»Natürlich liebe ich Len«, erklärt Jannik, als wäre es die normalste Sache der Welt. »Sie ist meine beste Freundin! Aber wenn ich wirklich etwas anderes von ihr gewollt hätte als Freundschaft, glaubst du, ich hätte fünf Jahre damit gewartet, und genau dann angefangen um sie zu werben, wenn du wieder auftauchst?«
»Aber dein Date mit Len, der Kuss …?«
»Das war ein Arschtritt, großer Bruder. Anders hättet ihr beiden nie verstanden, was ihr wirklich wollt.«

***

Ich habe den Arschritt meines Bruders immer noch nicht ganz verstanden, geschweige denn verdaut, als ich am Nachmittag desselben Tages vor dem hellgrauen Haus stehe, in dessen Räumlichkeiten sich auch die Redaktion des »Wochenboten« befindet. Gemeinsam mit Len, da wir gleich mit Nora ins Archiv gehen wollen, um in Funkes Unterlage zu wühlen.
Ich werfe ihr einen kurzen Seitenblick zu. Sie trägt eine hellbraune Mütze mit Bommel auf dem Kopf und hat die Arme um ihren Oberkörper geschlungen. Mit der Spitze eines ihrer schwarzen Stiefel schabt sie ungeduldig über die Pflastersteine des Bürgersteiges. Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln. Len hasst Unpünktlichkeit. Und Nora lässt uns schon über zehn Minuten warten.
»Also wenn sie nicht gleich kommt, gehe ich alleine rein. So schwierig kann das Archiv ja nicht zu finden sein«, schnaubt sie gereizt. Sie wirkt angespannt, nervös, was ihre ganze verspannte Haltung noch unterstreicht.
Ob Len weiß, dass Jannik nicht in sie verliebt ist? Ob ihr bewusst ist, dass er sie nur geküsst hat, um mich eifersüchtig zu machen? Was überaus gut funktioniert hat, wie ich zu meinem Leidwesen zugeben muss.
»Ruf sie doch noch einmal an«, schlage ich vor, obwohl ich mit meinen Gedanken wo ganz anders bin. Nämlich bei Len. Und Jannik. Und mir.
»Was denkst du, was ich bereits getan habe, bevor wir losgefahren sind?« Wut blitzt in ihren brauen Augen, aber da ist noch etwas anderes. Überrascht lege ich den Kopf schief und mustere sie eindringlich.
»Hattet ihr Zoff, Jannik und du? Oder warum bist du so gereizt?« Okay, das ist gemein. Aber Lens gehetzter Blick bestätigt mir, dass ich recht habe. Sie weiß von Janniks Spielen. Sie weiß es ganz genau. Und deshalb ist sie so nervös und angespannt und auch eine Spur unsicher, weil sie gerade die Kontrolle über die ganze Situation zwischen uns verliert.
»Nein. Und ich. Bin. Nicht. Gereizt!« Sie presst die Lippen zusammen und sieht mich an. Ernst, kalt, verzweifelt.
Die letzte Sicherung in meinem Kopf, die mich immer zurückgehalten hat, den letzten Schritt zu tun, fliegt raus. Sehnsucht explodiert in meinem Körper und mit einem Schritt bin ich bei ihr. Viel näher als ich ihr sein sollte, viel näher, als ich es mir jemals erlaubt habe. Lens Verzweiflung treibt mich an, lässt mich endgültig mein Hirn abschalten. Meine Hände finden ganz von alleine ihre Arme, ziehen sie an mich und halten sie fest. Ich ignoriere ihr erschrockenes Aufkeuchen, ihren leisen Protest sich aus meinen Armen zu winden.
»Ich habe heute Morgen mit Jannik gesprochen«, sage ich langsam, so dass sie auch jedes Wort versteht. Meine Stimme zittert leicht, weil ihr Nähe mich wahnsinnig macht und mein ganzer Körper vor Aufregung und Verlangen in Flammen steht. »Er hat mir die Wahrheit gesagt.« Ich neige vorsichtig den Kopf, vergrabe meine Nase in ihren Haaren. Ihr Duft berauscht mich, lässt mich nicht mehr klar denken. Mit meinem Mund fahre ich ihre Wangenknochen entlang, während ich spüre, wie sich Len in meinen Armen verkrampft.
»Und was ist die Wahrheit, Jonah? Dass Jannik gar nicht in mich verliebt ist? Dass dein Grund, warum du mich die ganze Zeit von dir gestoßen hast, geplatzt ist? Dass du endlich zugeben musst, dass du einfach nur eine scheiß Angst vor einer Beziehung mit mir gehabt hast? Angst, Gefühle zuzulassen und endlich wieder jemandem zu vertrauen? Jemanden wirklich zu lieben?«
Oh wow! Ich hatte mit vielem gerechnet, damit ehrlich gesagt nicht. Grimmig schaue ich Len an, meine Arme immer noch um ihre Taille geschlungen, ihr Körper immer noch an meinen gepresst. Ihre Wangen sind gerötet, ihr Mund leicht geöffnet. Und dennoch steht die unverhohlene Wut auf mich in ihren Augen.
Sie hat recht, mit jedem einzelnen Wort. Aber mit einer Sache liegt sie falsch.
»Ich bin nicht der Einzige, der Angst hat, Len.«
Ihre braunen Augen weiten sich überrascht und ihr Mund öffnet sich, um zu protestieren. Aber ich bin schneller. Ich beuge mich zu ihr herunter, ignoriere zornigen ihre Worte, die sie gegen meine Lippen spricht, und tue endlich das, was ich schon seit verdammten sechs Jahren tun will.
Ich presse meine Lippen auf ihre und küsse sie.
Augenblicklich versteift sich Len, erst als ich sanft mit meiner Zunge über ihre Lippen fahre und um Einlass bitte, kommt sie mir entgegen.
Bis neben uns ein Blitzlichtgewitter losbricht und die lauten Fragen der Reporter uns unterbrechen.

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