Mistelzweigmagie: Tag 18

Ohne Wenn und Aber

Leonie

Dienstag, 18. Dezember

»Piotr Nowak wohnt in Gravenbach, wenn das Internet recht hat«, erklärt mir Nora über die Freisprechanlage meines kleinen Corsas. Ich bin nach einem äußerst anstrengenden Schultag auf dem Weg nach Haus, sie sitzt noch in der Redaktion.
»Mh, das ist nur fünfzehn Kilometer entfernt, da sollten wir auf alle Fälle mal hinfahren«, gebe ich zurück, während ich durch die Hauptstraße von Fichtenstein fahre. Mit meinen Gedanken natürlich voll auf den Straßenverkehr konzentriert und nicht auf das Gespräch mit Nora, die mithilfe von Funkes Unterlagen herausgefunden hat, wer den LKW beim Unfall mit Jonahs Vater gefahren ist.
»Ja, das solltet ihr! Und gebt mir Bescheid, was er gesagt hat. Ich habe das Exklusivrecht auf diese Story.«
Automatisch rolle ich mit den Augen. Als ob ich das nicht wüsste. »Du sag mal, der Typ, mit dem du auf dem Adventsmarkt warst, also Jonahs Bandkollege …«, setze ich an, breche jedoch abrupt ab und trete auf die Bremse. »Scheiße, was ist das denn?«
Meine Reifen quietschen, mein Oberkörper wird auf das Lenkrad gepresst, weil ich so hart auf die Bremse gestiegen bin. Aber vor meinem Haus, etwa zweihundert Meter entfernt, hat sich eine Menschentraube versammelt.
»Len, was ist los?« Noras klingt erschrocken.
Meine Gedanken rattern. Es sind bestimmt fünfzehn Personen, die sich vor dem Haus, in dem ich wohne, die Füße platt treten, und wenn mich mein Instinkt nicht trügt, sind das alles Journalisten. »Egal, was du tust, komme nicht nach Hause!«
»Was soll das, Len? Wovon zur Hölle sprichst du?«
Meine Finger krallen sich um das Lenkrad und kalter Schweiß bricht mir aus. »Google mal nach Jonah Storm.«
Genau eine Sekunde ist es still. Dann quietscht Noras Stimme durch das Auto. »Oh mein Gott, Len! Jonah hat dich geküsst! Warum weiß ich davon nichts? Len, ich bin deine beste Freundin!«
Sie stellt noch mehr Fragen, aber in diesem Augenblick habe ich dafür keinen Nerv. Ich verabschiede mich schnell und vertröste Nora auf später. Jetzt gerade habe ich andere Sorgen.
Der Kuss. Dieser verdammte Kuss und dann die Reporter, die nichts besseres zu tun hatten, als uns zu fotografieren. Und Jonah mit Fragen zu bombardieren, weil sie wissen wollten, ob ich seine Freundin sei. Panik wallt durch mich hindurch, als ich mich an gestern erinnere, Panik und Angst. Jonah hat sich vor mich geschoben, wütend die Journalisten angeschrien, die nur noch mehr Fotos gemacht haben. Ich habe den Moment genutzt und bin geflohen. Die Straße hinunter, weg von der Meute, ihrer Aufmerksamkeit, ihren Fragen, weg von Jonah und dem, was auch immer gerade zwischen uns passiert ist. Und seit diesem Moment kratzt die Angst an meinen Nerven.
Ich hasse, es im Mittelpunkt zu stehen, hasse es schon, wenn nur im Ort über mich getratscht wird. Was, wenn das jetzt die ganze Welt tut? Was, wenn Reporter jetzt mir Fragen stellen, über mich, über Jonah, über Jannik oder meine Familie? Was, wenn wütende Fans auftauchen, weil ihr Idol eine andere Frau küsst? Erneut kribbelt die Panik in meinem Bauch und am liebsten würde ich mich im Fußraum meines kleinen Autos verstecken. Aber dann reiße ich mich zusammen – hallo, ich bin 26 und keine fünf mehr – lege den Rückwärtsgang ein und rase die Straße zurück, bevor mich irgendeiner der Journalisten sieht.
Über die Freisprechanlage wähle ich Jonahs Nummer.
»Len?« Er klingt weder überrascht noch erfreut. Eher beschäftigt.
»Was machen die verdammten Journalisten vor meinem Haus?« Meine Stimme überschlägt sich. So viel zu »ich reiße mich zusammen«.
»Fuck!« Er flucht ausgelassen und ich höre förmlich durchs Telefon, wie er sich durch die Haare fährt und verspannt. »Es tut mir leid, Len. Ich kläre das, okay? Sprich nicht mit ihnen. Sag einfach gar nichts und ignorier sie am besten.«
Der ist lustig. »Die belagern mein Haus, Jonah! Ich kann nicht nach Hause.«
»Mist! Zu uns kannst du auch nicht. Jannik hat mich vor fünf Minuten angerufen, bei uns sieht es ähnlich aus. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht …« Er bricht ab. Und in mir bricht neben der Panik noch ein ganz anderes Gefühl auf. Dass es so schnell geht … nach unserem Kuss, meint er.
Es war unglaublich, von ihm geküsst zu werden. Nach so vielen Jahren seine Lippen endlich wieder auf meinen zu spüren. Und gleichzeitig könnte ich ihn dafür umbringen. Jonah hat mich über den Abgrund gestürzt und ich fliege immer noch im freien Fall auf meinen Untergang zu. Denn nie wieder wird mich ein Mann so küssen, wie er es getan hat. Mit so viel Verzweiflung, so viel Verlangen, so viel Liebe. Und nie wieder werde ich dasselbe bei einem anderen Kuss fühlen.
»Ich fahre zu meinen Eltern«, sage ich matt, nachdem er geschwiegen hat. Plötzlich fühle ich mich unglaublich müde und will mich einfach nur mit einer Tasse Tee verkriechen.
»Okay.« Er räuspert sich kurz, dann spricht er weiter. »Ich komme gegen Abend vorbei, wenn das für dich in Ordnung ist.«
Es wäre kindisch das abzulehnen. Auch wenn ich mir meiner Gefühle ihm gegenüber bei weitem noch nicht im Klaren bin. Aber wir müssen miteinander reden, über den Kuss, die Journalisten und vor allem über Piotr Nowak.
»In Ordnung«, sage ich daher, »bis später dann.«

***

Als es dunkel wird, sitze ich immer noch im Kinderzimmer bei meinen Eltern. Ich traue mich nicht nach Hause, Nora hat mir eine Nachricht geschrieben, dass unser Haus nach wie vor belagert wird. Ich kann nur hoffen, dass die Journalisten morgen weg sind, sonst bekomme ich ernsthafte Schwierigkeiten. Irgendwie muss ich ja meinen Job machen, außerdem brauche ich frische Klamotten.
Es klopft leise und sofort zucke ich angespannt zusammen. Aber es ist nur meine Mutter, die fragt, ob alles in Ordnung ist. Auch sie weiß von dem Kuss, wie vermutlich jeder in ganz Fichtenstein. Herrgott, die ganze Welt tut ja fast, als wäre der Kuss ein Staatsakt gewesen.
Als sie weg ist, lasse ich mich zurück in die Kissen fallen. So eine verfluchte Scheiße, die Jonah mir da angetan hat! Und jetzt taucht er nicht einmal auf, vermutlich ist er schon über alle Berge. Er rennt weg, tut, was er am besten kann. Genau wie vor fünf Jahren.
»Störe ich?«
Erschrocken fahre ich wieder hoch und schaue direkt in Jonahs amüsiertes Gesicht, wie er mich von der Tür aus beobachtet. Seine Augen blitzen, sein Grinsen ist echt und – verdammt, er sieht so attraktiv aus, wie er da steht und mich weiter anschaut, dass mir augenblicklich heiß wird. Meine ganzen guten Vorsätze, dass ich mit ihm reden will, dass wir über die Situation mit den Journalisten sprechen müssen, dass er ein fucking Rockstar ist, den die ganze Welt kennt, sind vergessen. Ich starre ihn wie paralysiert an und fühle, wie sich mein gesamtes Inneres zusammenzieht. Vor Verlangen, vor Liebe und vor Schmerz. Ich liebe ihn, ohne Wenn und Aber, und kann ihn dennoch nicht haben. Denn auch das habe ich gestern sofort verstanden, als der erste Fotoblitz neben uns los zuckte.
Immer noch grinsend kommt Jonah in mein altes Kinderzimmer und schließt die Tür hinter sich. Sein Blick verändert sich, wird eindringlich, dunkel, als er jetzt vor mich tritt, und ohne zu fragen auf das Bett klettert. Er setzt sich vor mich, meine Beine zwischen seinen Knien.
»Hallo, Len.«
Ich starre ihn immer noch an. Unfähig mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Das ist genau das, was ich immer wollte. Jonah und ich. Ich und Jonah. Nur dass es sich jetzt so verdammt richtig und gleichzeitig so verdammt falsch anfühlt.
Als ich nicht antworte, hebt Jonah seine Hand und fährt mir federleicht über die Wange. Seine Berührung hinterlässt eine brennende Spur, dringt tief in mich ein und am liebsten würde ich mich in seine Hand schmiegen. Aber ich sitze da wie festgefroren. Und bin vollkommen überfordert.
Jonah beugt sich zu mir, legt seine Lippen auf meine Stirn und gibt mir einen Kuss. Seine rechte Hand findet meine, die sich immer noch erschrocken in die Bettdecke krallt, und hält sie fest.
»Len.« Warme Finger fahren unter mein Kinn, heben es an, bis ich in Jonahs Augen schaue. Schokoladenbraun mit goldenen Sprenkeln. Und einem Versprechen, das mich umhaut.
»Ich weiß, dass du Angst hast«, fährt Jonah fort und sein warmer Atem trifft auf meine erhitzte Haut. »Aus ganz vielen verschiedenen Gründen. Und ich weiß auch, dass die Situation gerade alles andere als einfach ist. Die Journalisten, die Band und unsere Tour durch die USA … Daher werde ich dich jetzt noch einmal küssen, Len, und dann lasse ich dich in Ruhe. Bis du dich dazu entschiedest, dass du mich wirklich willst. Mit allem Für und Wider, mit meinem ganzen verkorksten Leben.« Er kommt mir näher, bis seine Lippen meine berühren. »Denn ich liebe dich, Len, und ich will dich mehr als alles andere auf der Welt.«
Und dann küsst er mich. So sanft, so zärtlich, so liebevoll, dass mir die Tränen kommen. Denn Jonah kennt mich. Vermutlich besser als jeder andere, daher weiß er genau, wie es in mir aussieht. Natürlich habe ich Angst, so verdammt große, dass es mir die Kehle zuschnürt. Ich habe Angst, mich in ihm zu verlieren, wie es mir vor sechs Jahren passiert ist. Ich habe Angst, dass mir die Kontrolle über mein Leben entgleitet, wenn ich mich auf ihn einlasse. Ich habe Angst davor, was es heißt, eine Beziehung mit Jonah Strom zu führen. Und ich habe Angst, dass er mir wieder das Herz bricht.
Und deshalb weiß ich auch, dass ich ihm nicht geben kann, worum er mich bittet. Ich liebe ihn, tue ich wirklich, aber meine Angst, mich jetzt auf ihn einzulassen, ihm alles zu geben, was ich bin, ist einfach zu groß. Dafür stehen zu viele Dinge zwischen uns, die Tatsache, dass er bald wieder weg ist, ist nur eine davon.
Als er sich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder von mir löst, schreit mein Herz. Tränen laufen mir über die Wangen und alles in mir drängt mich, mich an ihn zu klammern und ihn nie wieder gehen zu lassen. Doch mein Mund bleibt geschlossen und kein einziges Wort kommt über meine Lippen.

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