Mistelzweigmagie: Tag 19

Schuld

Jonah

Mittwoch, 19. Dezember

Die Musik durchdringt mich. Jeder Ton, jede Note. Mit geschlossenen Augen sitze ich am Klavier in unserem Wohnzimmer und spiele. Lasse die Melodie aus mir herausfließen, finde treffsicher jede einzelne Taste, ohne dass ich sie sehe.
Len hat Recht. Ich liebe es, Musik zu machen. Meine Musik, die meines Vaters. Schon immer hat sie mich beruhigt, hat mich runtergeholt, wenn mir mein Leben wieder zu entgleiten drohte.
Schmunzelnd öffne ich die Augen, spiele eine schnellere Melodie und summe leise dazu mit. Lens Lippen auf meinen haben sich so wunderbar angefühlt. So vertraut, so … daheim. Das Verlangen, sie immer weiter zu küssen und noch ganz andere Dinge mit ihr anzustellen, hat mich beinahe meinen Vorsatz, ihr Zeit zu geben, vergessen lassen. Denn ich kenne Len. Und mir war klar, dass sie, nachdem die Journalisten aufgetaucht sind und unser Foto seinen Weg in die Klatschpresse gefunden hat, Panik bekommt. Hinzu kommt die Angst, die Len ganz sicher vor ihren eigenen Gefühlen hat. Len hasst alles, was sie nicht organisieren und bestimmen kann. Und Liebe lässt sich nun mal nicht kontrollieren. Daher muss ich sie jetzt gehen lassen und auf sie warten. Bis sie irgendwann erkennt, dass sie mich ebenso will, wie ich sie. Hoffentlich.
»Du hast schon lange nicht mehr gespielt.« Immer noch lächelnd wende ich mich um. Jannik steht im Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Dennoch wirkt er entspannt.
»Ich war lange nicht mehr hier.« Ich drehe mich endgültig vom Klavier weg zu ihm.
Jannik nickt bedächtig. »Das ist richtig. Und dafür, dass du ursprünglich nur ein paar Tage bleiben wolltest, bist du schon verdammt lange hier. Man könnte fast den Eindruck bekommen, du fühlst dich wohl. Zuhause.«
Das Lächeln verschwindet aus meinem Gesicht. Ich will ihm widersprechen, ihm sagen, dass ich sowieso bald wieder weg bin, aber erstaunlicherweise kann ich das nicht. Denn das flaue Gefühl, dass sich plötzlich in mir ausbreitet, wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit der Band bald in die USA muss, sagt mir etwas vollkommen anderes. Ich will hier nicht weg. Ich fühle mich wohl bei meiner Familie und in Fichtenstein. Und das liegt nicht alleine daran, dass ich mir, aufgrund von Janniks Geständnis, eine Zukunft mit Len mittlerweile erlaube.
»Vielleicht.« Dennoch bin ich weit davon entfernt, dieses Gefühl wirklich zu greifen und auszusprechen. Dafür fällt mir in dem Moment etwas anderes ein. »Hör mal, wir spielen am Samstag kurzfristig auf einem Benefiz-Konzert in der Festhalle. Willst du mitkommen? Ich … ich würde mich freuen!«
»Klar, warum nicht?« Mein Bruder strahlt mich offen an. »Vielleicht kann Mum auch mit, ich glaube, sie war noch nie auf einem deiner Konzerte.«
Mach‘ keinen Rückzieher, Jonah, sage ich mir selbst. Nur weil dir dieses plötzliche »Familien-Ding« schon wieder zu viel wird. »Klar.«
»Und was ist mit Len?« Jannik legt den Kopf schief und grinst verschmitzt. Ich weiß genau, was er eigentlich wissen will. »Euer Foto war ja ziemlich heiß.«
Mit entfährt ein missbilligendes Schnauben. »Du kennst Len.« Mehr brauche ich nicht sagen. Mein Bruder versteht mich auch so.
»Klär das, Jonah! Eine zweite Chance bekommst du nicht«, wiederholt Jannik die Worte, die er mir gestern schon gesagt hat. »Und mit mir spricht sie aktuell nicht, seit ich ihr gesagt habe, dass ich nicht in sie verliebt bin.«
Dafür erntet er ein breites Grinsen meinerseits. »Sie ist doch nicht etwa sauer auf dich?«
Jannik rollt demonstrativ mit den Augen. »Sie fühlt sich von mir verarscht. Und irgendwie hat sie ja auch recht.« Dem kann ich nur zustimmen. Für den Kuss unter diesem verkackten Mistelzweig würde ich ihm am liebsten heute noch eine reinhauen.

***

Die Plätzchen schmecken scheußlich. Viel zu süß und trocken. Aber ich will nicht unhöflich sein, daher unterbinde ich den sich anbahnenden Hustenanfall schnell mit einem Schluck Kaffee. Schwarz. Und so hart aufgebrüht, dass mir das Koffein direkt in die Adern schießt.
»Wer sagten Sie, sind Sie?« Piotr Nowak runzelt die Stirn und sieht unsicher zu seiner Frau, die im Sessel neben ihm sitzt. Es ist Nachmittag und wir sind nach Lens Unterricht nach Gravenbach gefahren. Len hat mir gestern alles Einzelheiten von Noras Untersuchungen geschildert und hat anschließend darauf bestanden mitzukommen. Auch wenn sie mir gegenüber sehr zurückhaltend war nach dem Kuss in ihrem Zimmer. Keine Nähe, noch nicht einmal eine Berührung. Aber ich bin froh, sie dabeizuhaben. Wer weiß, wie die Situation heute sonst ausgehen würde.
Die Adresse, die Nora uns herausgesucht hatte, stimmt, daher sitzen wir jetzt bei Nowak und seiner Frau im Wohnzimmer.
»Wir sind Reporter für den ‚Wochenboten‘. Die lokale Wochenzeitung aus Fichtenstein. Die kennen sie doch bestimmt«, erklärt Len. Es war ihre Idee, sich als Journalisten auszugeben. Wenn ich Nowak gesagt hätte, wer ich wirklich bin, hätte er uns sicher nie ins Haus gelassen. Und da Nowak und seine Frau beide weit über siebzig sind und anscheinend kein Fan aktueller Rockmusik, haben sie mich auch nicht erkannt.
»Wir schreiben eine Reportage über Verkehrsunfälle hier in der Umgebung. Wie viele in den letzten zwanzig Jahren passiert sind, wie sich die Statistik entwickelt hat, ob es mehr Autos oder Motorräder waren …« Len führt die Idee noch weiter aus. Ich hingegen starre Nowak an. Diesen freundlich aussehenden Mann, der mit seinem weißen Vollbart, der runden Brille und dem lichten schneeweißen Haar das Paradebeispiel eines gemütlichen Großvaters abgibt. Familienfotos von seinen Kindern und Enkelkindern hängen im ganzen Haus verteilt, seine Frau, die etwas eingeschüchtert wirkt, seit wir bei ihnen im Wohnzimmer sitzen, hält seine Hand.
Das Bild lässt mich hart schlucken. Nowak hat eine glückliche Familie, eine Frau, die zu ihm hält. Alles, was ich nicht hatte. Doch kann dieser nette alte Herr tatsächlich Schuld am Tod meines Vaters sein?
»Wir haben in einem Bericht vor zwölf Jahren ihren Namen in Verbindung mit einem Verkehrsunfall gefunden«, fährt Len fort und mir stellen sich mir die Nackenhaare auf. Wir sind der Wahrheit so nahe.
Nowak wird blass und wirkt auf einmal nervös. Reue überzieht sein Gesicht, Scham und unverkennbarer Schmerz. Der Griff um die Hand seine Frau wird fester und auch diese hat plötzlich Probleme, ihre freundlichen Gesichtszüge zu halten.
»Es ist so lange her …«, murmelt Nowak in seinen Bart. Undeutlich, doch verstehe ich ihn sehr gut.
Seine Frau sagt etwas auf Polnisch, das ich nicht verstehe. Daraufhin schüttelt er den Kopf und erwidert leise etwas. Fragend sehe ich zu Len, aber sie zuckt nur die Schultern. Wir werden nicht gehen, bevor wir nicht mehr erfahren haben.
»Was wollen Sie von mir?«, fragt uns Nowak. Er hat sich gefasst, sieht jetzt entschlossen aus.
Len zögert, schaut zu mir, und endlich gebe ich mir einen Ruck. Das hier ist meine Geschichte, meine Verantwortung, nicht ihre.
»Wir haben mit den Polizisten gesprochen, die den Unfall untersucht haben. Doch sie wussten nicht, wer den LKW damals gefahren ist. Im Polizeibericht taucht ebenfalls kein Name auf, sondern es ist nur die Rede von Fahrerflucht. Der Reporter allerdings, der direkt nach dem Unfall an der Unfallstelle aufgetaucht ist, hat uns ihren Namen genannt. Wir wollen von ihnen wissen, was in dieser Nacht wirklich passiert ist. Ob es tatsächlich ein Unfall war?«
Nowak hätte jedes Recht uns aus seinem Haus zu werfen. Und ich rechne auch eigentlich damit, dass er es gleich tut. Wir bezichtigen ihn der Fahrerflucht, wenn nicht sogar eines Verbrechens. Ganz gleich, was er nun erklären wird, schuldig ist er in jedem Fall.
Er lenkt seinen Blick von Len zu mir und seine grauen Augen bohren sich in meine. Der Takt des Sekundenzeigers der Wanduhr, die neben der Couch steht, dröhnt durch das Zimmer, so leise ist es. Sekunden vergehen, Minuten, ohne dass jemand etwas sagt. Ich halte Nowaks Blick. Ich will die Wahrheit wissen, jetzt! Ich will wissen, ob der Tod meines Vaters tatsächlich kein Unfall war, ob ich ihm jahrelang zu unrecht die Schuld an meinem verkorksten Leben gegeben habe.
Unvermittelt blinzelt Nowak und ein Gefühl zuckt durch sein Gesicht, aber es ist zu vage, zu undeutlich, als dass ich es wirklich greifen könnte. »Es war ein Unfall«, sagt er nach einer gefühlten Ewigkeit. Ich zittere, so angespannt bin ich. »Es war kalt an diesem Tag und ich war schon viel zu lange unterwegs. Ich wollte nur noch zurück in die Zentrale und dann nach Hause.« Seine Stimme ist ruhig und leise. Und fast hat man den Eindruck, als wäre er erleichtert, endlich über diese Nacht reden zu können.
»Das Motorrad kam aus dem Nichts. Der Fahrer war viel zu schnell, ich konnte nicht mehr ausweichen. Wir beide hatten keine Chance, nur das mein LKW so viel größer war als sein Motorrad. Ich habe sofort angehalten, bin aus der Fahrerkabine gesprungen und zu ihm gerannt. Ich habe ihn angeschrien, habe an seiner Schulter gerüttelt, aber er hat sich nicht mehr bewegt. Da habe ich die Panik bekommen. Ich habe keine Ahnung, was dann passiert ist, aber plötzlich war da dieser Reporter. Während er den Notruf gerufen hat, bin ich gerannt. Ich bin davongelaufen, weil ich Angst hatte. Und der Notruf war ja unterwegs, mehr konnte ich nicht tun. Ich habe erst aus der Zeitung erfahren, dass der Mann am Unfallort noch verstorben ist.«
Mir ist kalt. Eiskalt. Und ich fühle nichts als Leere. Len neben mir greift nach meiner Hand und drückt sie sanft. Aber sie dringt nicht zu mir durch, niemand tut das in diesem Moment.
»Er war ihr Vater, oder?« In Nowaks Gesicht steht so viel Trauer und Mitleid, dass ich kotzen könnte.
»Woher wissen Sie das?« Len stellt die Frage, die ich einfach nicht über die Lippen bringe. Dafür bin ich viel zu weit weg. Nämlich auf der Straße bei meinem Vater, der in meinen Gedanken immer wieder stirbt.
»Kurz nach dem Unfall war eine Frau bei mir, seine Frau. Wir haben uns lange unterhalten, ich habe ihr alles erzählt. Auch dass ich zu viel Angst hatte, zur Polizei zu gehen. Und sie hat es verstanden, hat nie verlangt, dass ich es tue.«
Mein Kopf ruckt nach oben. Auch das letzte Quäntchen Wärme in meinem Körper erfriert, da ist nichts mehr, als vernichtende Leere. »Meine Mutter war bei Ihnen?«
»Ja. Mit ihr sollten Sie sprechen.«

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