Mistelzweigmagie: Tag 20

Unter Kontrolle

Leonie

Donnerstag, 20. Dezember

»Was habt ihr bei Nowak herausgefunden?« Nora sieht mich über den Rand ihres halbvollen Bierglases an. Es ist Donnerstagabend und es war dringend Zeit, dass ich meine Freundin ins Bild setze. Der klügere Ort, so ein Gespräch zu führen, wäre ein Kaffee gewesen, Nora hingegen war für den »Krug«. Und so trinke ich bereits abends um sechs Uhr mein zweites Weizen. Verdammt, ich habe eindeutig größere Probleme als die ganze Situation mit Jonah!
Im Hintergrund dudelt »Last Christmas« und selbst im »Krug«, der letzten Bastion gegen den überall vorherrschenden Weihnachtskitsch, ist der Weihnachtszauber eingezogen. An den Lampen über den Stehtischen baumeln Zuckerstangen, wo man hinsieht, hängen rote und goldene Kugeln und Frank hinter der Bar trägt eine rote Nikolausmütze.
Schnell bringe ich Nora auf den neusten Stand. Allerdings verschweige ich ihr, dass Nowak bereits mit Jonahs Mutter über den Unfall gesprochen hat. Mein Gefühl sagt mir, dass da etwas dahintersteckt, dass nur die Familie etwas angeht. Und auf gar keinen Fall morgen in der Zeitung stehen sollte.
»Es war also tatsächlich ein Unfall«, fasse ich abschließend zusammen. »Nowak war überzeugend und ehrlich. Er hat gestern nicht gelogen, in dieser Nacht ist nichts anderes geschehen, als im Polizeibericht steht.«
»Mmh.« Nora fährt sich nachdenklich mit der Hand übers Kinn. »Warum sind dann immer wieder dieser Gerüchte aufgekommen? Und warum hat Florian dann Jonah so einen Mist erzählt?«
»Keine Ahnung.« Meine Gedanken wandern zurück zu gestern Nachmittag und erneut durchfährt mich ein kalter Schauer. Es war ungeheuerlich, was Nowak uns erzählt hat. Und für Jonah muss es die Hölle sein, dass seine Mutter all die Jahre mehr wusste als er. Als ich mich nach Nowaks Besuch bei ihm verabschiedet habe, war er so wortkarg und verschlossen, dass es mir Angst gemacht hat. Aber ich kann ihm damit nicht weiter helfen, er muss alleine mit seiner Mutter sprechen.
»Die einzige Erklärung, die ich mir vorstellen könnte, wäre, dass jeder hier im Ort Jonahs Vater einen Selbstmord zugetraut hätte«, greife ich das Gespräch wieder auf. »Jens Sander war anders. Er wollte genau wie Jonah immer raus aus diesem Ort, ist nie wirklich mit den Leuten hier klargekommen.«
»Vermutlich«, stimmt Nora mir zu. »Ich kann nur hoffen, dass die ganze Recherche Jonah die Chance gibt, endlich mit dem Thema abzuschließen.« Sie greift nach ihrem Glas und leert es in einem Zug.
»Ja, das hoffe ich auch.« Und augenblicklich denke ich schon wieder an ihn. An seine Nähe, seine Berührung, seine Lippen auf meinen. Ein warmes Kribbeln überkommt mich und die angeschwipsten Schmetterlinge in meinem Bauch tanzen Samba. Verdammt!
»Hast du am Samstag schon etwas vor?«, fragt Nora und lenkt mich von meinen chaotischen Gefühlen ab. Es war richtig, ihn vorgestern abzuweisen. Das sagt mir zumindest mein Verstand. Nur mein Herz sieht das vollkommen anders.
»Bisher nicht.«
»D.U.N.K.E.L spielt kurzfristig auf einem Benefiz-Konzert in Frankfurt. Und rate, wer zwei Karten ergattert hat.« Nora grinst breit.
Automatisch fahren meine Augenbrauen zusammen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass mehr dahinter steckt, als nur das Konzert. Aber meine Freundin grinst weiterhin verschmitzt und zwinkert mit zu. »Woher weißt du das?«, frage ich und kann mir die Antwort fast schon denken.
»Von Mick. Von ihm habe ich auch die Karten.« Aha. Nora steht anscheinend aktuell ebenfalls auf Rockstars. »Lass uns hingehen!«, bettelt meine Freundin.
»Ich überlege es mir.« Meine Motivation hält jedoch sich in Grenzen. Ich habe es die letzten Tage kaum geschafft, den Journalisten davonzulaufen, auf einem Benefiz-Konzert wird es ungleich schwieriger werden.
Nora schweigt, aber das verräterische Funkeln in ihren Augen bestätigt mir, dass sie mich genau da hat, wo sie mich haben will. Ich bin am Haken. »Habt ihr nochmal gesprochen, Jonah und du? Nach dem Kuss meine ich?«
Gesprochen? Das auch. »Ja.« Ich weiche ihrem stechenden Blick aus.
»Und?«
»Ich kann das nicht, Nora«, bricht es aus mir heraus und es fehlt nicht viel und ich könnte schon wieder losheulen. Wie ich es die ganze letzte Nacht getan habe, weil mein Herz brennt wie Feuer, wenn ich nur an ihn denke. Schnell nehme ich einen Schluck, um die aufkommenden Tränen zu stoppen.
»Liebst du ihn?«
»Was?« Noras Frage trifft mich unvorbereitet und erschrocken verschlucke ich mich an meinem Weizen.
»Liebst du ihn?«, wiederholt meine Freundin ihre Frage. Die ich sehr wohl verstanden hatte.
»Ja.« Schlicht. Einfach. Wahr.
»Und wo liegt dann das Problem, Len?« Meine Freundin schüttelt ihren Kopf vor lauter Unverständnis. Aber Nora ist auch anders als ich. Laut, impulsiv, spontan. Sie hat keine Probleme, sich auf einen Mann einzulassen, ganz egal, ob Gefühle im Spiel sind oder nicht.
»Jonah ist bald wieder weg, wie du sehr wohl weißt. Was würde das jetzt bringen?« Okay, die Frage klingt selbst in meinen Ohren dämlich. Und Nora schaut mich jetzt auch genau so an.
»Sex? Spaß? Glück, verdammte Scheiße? Du bist ja noch verklemmter als meine Oma und die ist weit über achtzig!«
Unsicher beiße ich mir auf die Unterlippe. Bei Nora klingt das so einfach, aber für mich ist es das nicht. Ganz und gar nicht. »Ich weiß«, gebe ich zu, nachdem ich noch einen Schluck genommen habe. »Aber ich kann das einfach nicht. Ich habe Angst, wegen der Journalisten und weil ihn die ganze Welt kennt. Außerdem habe ich Angst, dass er mir wieder das Herz bricht, wenn ich mich jetzt auf ihn einlasse.«
Wir drehen uns im Kreis. Das erkennt auch Nora. Aber es ist nun mal Fakt, dass Jonah bald in die USA verschwindet und danach was weiß ich wohin. Daran kann auch meine übereifrige Freundin nichts ändern.
»Manchmal muss man einfach springen, Len«, sagt Nora und ist plötzlich so ernst, wie ich sie selten erlebt habe. »Sonst macht man nie den nächsten Schritt.«

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