Mistelzweigmagie: Tag 21

Vergebung

Jonah

Freitag, 21. Dezember

Als ich vor fünf Jahren aus Fichtenstein verschwunden bin, war meine Mutter ein Wrack. Sie nahm Tabletten, um ihre Depressionen in den Griff zu bekommen, bestand nur noch aus Haut und Knochen, und weder Jannik noch ich haben einen Zugang zu ihr gefunden.
Heute sieht sie fantastisch aus. Und kaum noch etwas an ihr erinnert an die dunklen Jahre, die hinter uns liegen.
»Worum geht es, Jonah? Warum wolltest du mich sprechen?« Sie lächelt mich freundlich und aufrecht an, während sie ihre mehligen Hände an der dunklen Hose abwischt. Weiße Spuren bleiben zurück, Spuren, die mich an meine Kindheit erinnern. Meine Mutter hat schon immer gerne gebacken, vor allem für uns.
»Ich habe mit Piotr Nowak gesprochen«, sage ich leise und sehe dann dabei zu, wie ihre Fröhlichkeit Stück für Stück zusammenbricht. Ihre Hand fährt aus, stützt sich auf den Küchentisch, doch meine Mutter gerät trotzdem leicht ins Wanken. Ihre Unterlippe beginnt zu zittern und ein glasiger Ausdruck tritt in ihre Augen.
»Was willst du wissen.« Ihre Stimme ist nur ein Hauch und plötzlich wirkt sie wieder so schwach wie vor fünf Jahren.
Entschlossen lehne ich mich auf meinem Stuhl zurück und verschränke die Arme vor der Brust. Die Kälte in mir ist zurück. Leere und Verzweiflung. Und die nagende Frage, warum meine Mutter geschwiegen hat. »Was ist damals wirklich geschehen? In der Nacht, in der mein Vater starb?«
Nervös fährt sie sich übers Gesicht. Dann schiebt sie einen Stuhl am Tisch zurück und nimmt mir gegenüber Platz. Die Hände verschränkt auf der Tischplatte. »Dein Vater hatte einen Unfall«, sagt sie schließlich mit brüchiger Stimme.
»Das weiß ich. Weiter!«
Sie seufzt, sieht mich aus traurigen Augen an und plötzlich krampft sich mein Herz zusammen. So viele Jahre und erst jetzt spricht sie mit mir.
»Ich weiß, dass du deinem Vater immer die Schuld an seinem Tod gegeben hast«, fährt sie fort.
»Nicht nur an seinem Tod«, unterbreche ich sie hart und ignoriere das schmerzhafte Brennen, das sich langsam in meinem Körper ausbreitet. »Ich gebe ihm die Schuld an unserem ganzen verfickten Leben, was daraus folgte! Deine Depressionen, Janniks Trauer und meine Jugend, die mir in dieser Nacht genommen wurde.«
Tränen sammeln sich in den Augen meiner Mutter, rollen ihr über die Wange, bis sie sie mit einer schnellen Bewegung wegwischt. »Es war ein Unfall, Jonah! Aber wenn du jemandem die Schuld daran geben willst, dann mir.«
Verblüfft sehe ich sie an, unfähig etwas zu erwidern.
»Du warst krank an diesem Tag, wie du dich vielleicht erinnerst. Du hattest dir eine Grippe eingefangen und dein Fieber ist immer weiter gestiegen. Ich habe Angst um dich bekommen und deinen Vater gebeten, zum Notdienst zu fahren. Deshalb war er unterwegs, weil ich ihn gebeten hatte, Medikamente für dich zu holen.«
Ich starre sie an. Starre sie einfach an und verstehe nicht, was sie sagt.
»Ich habe dir das nie erzählt, weil ich mir selbst solche Vorwürfe gemacht habe. Ich bin direkt nach dem Tod deines Vaters zusammengebrochen, ich weiß, dass ich für euch hätte da sein müssen. Es tut mir leid, Jonah. Es tut mir so leid.«
Mein Herz schlägt. Langsam, aber es schlägt. Und erst nach und nach sickern die Worte meiner Mutter durch meinen Verstand, brechen mein Leben, meine Erinnerungen auf und finden ihren Weg zur Wahrheit.
Mein Vater war für mich unterwegs.
Für mich. Nicht, weil er egoistisch war und nur an sich dachte, und bei diesem scheiß Wetter eine Spritztour unternehmen wollte.
Aber weder ich noch meine Mutter sind Schuld an seinem Tod.
Niemand ist es.
Der Stuhl poltert laut, als er auf den Boden aufschlägt. Mit einem Schritt bin ich bei meiner Mutter, ziehe sie in meine Arme und drücke sie an mich.
»Es tut mir leid«, bringe ich mühsam heraus, weil meine Kehle wie zugeschnürt ist. »Es tut mir leid.«

***

Vergebung erfordert Stärke. Mut. Und Aufrichtigkeit. Aber wenn man es schafft, zu vergeben, kann sie einen befreien.
Als ich kurze Zeit später durch Fichtenstein laufe, eingehüllt in eine dicke Jacke, Mütze und Schal, damit mich die verdammten Journalisten nicht erkennen, die hier immer noch herumlungern, fühle ich mich seltsam ruhig. All die Jahre habe ich meinen Vater für seinen eigenen Tod verantwortlich gemacht. Ich habe ihm die Schuld an unserem verkorksten Leben gegeben, an all dem, was ich nach seinem Tod aufgeben musste. Diese Gefühle sind nicht verschwunden, so schnell kann die vermutlich niemand abstellen. Aber da ist plötzlich noch etwas anderes.
Ich habe meinen Vater geliebt. Er war anders als viele andere hier im Ort, aber gerade deshalb war er für Jannik und mich so besonders. Wir haben zusammen eine Zeitmaschine gebastelt, haben es mitten im Sommer in der Wohnung schneien lassen und haben nur aus einer Laune heraus im Supermarkt ein spontanes Konzert gegeben. Einfach nur, weil wir es wollten. All diese kleinen Dinge fallen mir wieder ein, als ich die Tür zum Friedhof öffne und zielstrebig auf das Grab meines Vaters zu steuere. Denn neben der Schuld fühle ich auf einmal etwas anderes: liebe.
Meinen Blick immer noch auf die Marmorplatte gerichtet, fische ich in der Jackentasche nach meinem Handy. Ein Gedanke hat sich in meinem Kopf manifestiert, eine Entscheidung, die längst überfällig war. Es wird Zeit, endlich an mich zu denken. An das, was ich wirklich will.
Tim nimmt nach dem zweiten Klingeln ab. Er ist nicht überrascht, mich zu hören, klingt fast, als hätte er mit meinem Anruf gerechnet. Und mit der Entscheidung, die ich ihm entschlossen mitteile.

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