Mistelzweigmagie: Tag 22

All I Want for Christmas

Leonie

Samstag, 22. Dezember

Ich starre ihn an.
Wie er singt, wie er spielt, wie er auf der Bühne steht und alles gibt. Und mit jeder einzelnen Note zerbricht mein Herz. Tränen laufen mir über die Wangen, brennen sich in meine Haut und hinterlassen traurige Spuren.
Ich liebe ihn.
Ohne Wenn und Aber.
Und ich will ihn nicht gehen lassen.
»Das ist sowas von geil!« Nora brüllt mir ins Ohr, um die tobenden Menschen um uns herum zu übertönen.
Schnell wische ich mir meine Tränen weg, zwinge mich zu einem Lächeln. »Ja, das ist es!«
Das ist es wirklich. Denn Jonah mit seinen Kumpels auf der Bühne zu sehen, ist schon ein echtes Erlebnis. Vor allem, da er im Rahmen des Benefiz-Konzerts nicht seine üblichen Hits spielt, sondern Weihnachtslieder singt.
»… He’s driving home, driving home.« Jonah singt die letzte Zeile von »Driving Home for Christmas« und um uns herum bricht die Hölle los. Tausende Fans schreien sich die Seele aus dem Leib, applaudieren und wollen mehr. Aber Jonah auf der Bühne ist die Ruhe selbst. Er grinst breit, als hätte er wirklich Spaß an der Sache, und lässt seinen Blick dann über die vordersten Reihen der Zuschauer wandern. Dank Nora und ihrem Killerinstinkt stehen wir mitten drin.
Jonahs Augen finden mich, Erkennen huscht über sein Gesicht, dann zwinkert er mir zu. Und trifft direkt in mein Herz. Panik wallt erneut durch mich hindurch, Angst und Sehnsucht gleichermaßen und lassen mich in einem völligen Chaos zurück. Ich habe ihn seit unserem Besuch bei Nowak nicht mehr gesehen, habe noch nicht einmal mit ihm gesprochen. Aber ich wüsste auch ganz ehrlich nicht, was ich ihm sagen sollte. Noch zwei Tage, dann ist er wieder weg. Unterwegs mit seiner Band in die USA. Ich werde ihn so schnell nicht wieder sehen. Da kann er dich anzwinkern, so viel er will, dass mit euch beiden wird nichts, sage ich mir erneut und rufe meine schon wieder überkochenden Emotionen zurück.
Jonah wendet sich von seinen Fans ab, geht zu Mick, der mit seiner Gitarre neben ihm steht, und spricht kurz mit ihm. Mick verzieht sein Gesicht, nickt dann aber und grinst plötzlich über beide Ohren. Auch sein Blick wandert durchs Publikum, bis er ganz offensichtlich die Person gefunden hat, die er sucht, und sein Grinsen noch breiter wird.
Nora neben mir seufzt verzückt auf. »Ach, ich stehe einfach auf Rockstars!« Ähm ja. Kein Kommentar dazu.
Auf der Bühne geht Jonah wieder nach vorne, greift in seine Gitarre und beginnt zu spielen. Seine dunkle Stimme geht mir durch und durch und als Nora einen Arm um mich legt und mitzusingen beginnt, stimme ich mit ein.
»I don’t want a lot for Christmas …«
Was würde ich mir zu Weihnachten wünschen? Wirklich wünschen?
»… I just want you for my own, more than you could ever know …«
Wieder sucht Jonah nach mir, schaut mich an, sieht tief in mein Innerstes. Aber ich kann das nicht, ich kann das mit ihm einfach nicht. Was, wenn er wieder mein Herz bricht? Wenn er mich alleine lässt und für immer verschwindet?
»Make my wish come true oh, all I want for Christmas is you!«
Ich muss hart schlucken. Und erneut sammeln sich die Tränen in meinen Augen. Auch wenn Jonah es zu tausenden Fans um uns herum singt, sieht er immer noch mich an. Nur mich.
Als das Lied endet, bin auch ich am Ende. Es war keine gute Idee, herzukommen, es hat mir noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, warum das mit Jonah und mir nie etwas wird. Das Konzert von »D.U.N.K.E.L.« ist fertig und ich will einfach nur noch nach Hause.
Ich wende mich zu Nora, die immer noch begeistert ihre Hände zur Bühne reckt und wie alle anderen Fans eine Zugabe fordert und mich gelinde ignoriert.
»Nora!«, brülle ich, aber sie hört mir nicht zu.
»Nora, ich will …« Ich breche ab, weil mich Jonahs laute Stimme plötzlich unterbricht. Er hat sich ein Mikro geschnappt und steht ruhig auf der Bühne. Seine Hand liegt auf der Gitarre, seine Haltung ist entspannt, aber im Gesicht hat er einen entschlossenen Ausdruck.
»Ich habe euch heute etwas mitzuteilen«, wiederholt er seine Worte und langsam wird es still um uns herum. Auch Nora lässt die Hände sinken, schaut erst ihn, dann mich fragend an. Aber woher soll ich bitte wissen, was Jonah vor hat?
»‚D.U.N.K.E.L.‘ gibt es jetzt seit fünf Jahren«, fährt er fort und ein mulmiges Gefühl breitet sich in mir aus. »Wir hatten eine fantastische Zeit miteinander, aber ich habe entschieden, dass es langt. Für mich ist Schluss mit der Band. Ich möchte mich daher von euch verabschieden …«
Es ist mucksmäuschenstill in der Festhalle. Tausende Augen starren Jonah an. Keiner sagt etwas. Doch Jonah lächelt entschlossen und führt seine Erklärungen weiter aus, auch als Mick neben ihm hektisch mit dem Kopf schüttelt.
»Er tut das für dich, Len«, flüstert Nora an meinem Ohr und durchbricht meine Starre. Langsam wende ich ihr den Kopf zu, verstehe immer noch nicht ganz, was hier passiert.
»Jonah verkündet gerade seinen Abschied, verdammt Scheiße!« Noras Stimme überschlägt sich. »Er hört auf mit der Musik, er wird hierbleiben! Geht das in Kopf rein?«
Nein. Denn ich begreife es immer noch nicht. »Jonah hört auf? Warum?«
Meine Freundin schüttelt mich an den Schultern. »Deinetwegen! Wenn du also verdammt nochmal nicht endlich zu ihm gehst, werde ich dich die nächsten Monate ignorieren! Keine Eiscreme-Abende, keine Café Latte, wenn du mal wieder reden willst, nichts! Los, Len, geh endlich!«
Sie schüttelt mich noch einmal, als würde das irgendetwas ändern, dass ich wie erstarrt inmitten der Menge stehe. Mein Herz wummert in meiner Brust, meine Gefühle fahren Achterbahn. Doch plötzlich, als Jonahs Stimme das Einzige ist, das noch zu mir durchdringt, begreife ich endlich, was los ist. Und beginne zu rennen.
Hektisch schiebe ich mich zwischen den Zuschauern hindurch, ernte Flüche und strafende Blicke und einige Ellenbogen. Aber das ist mir egal. Ich muss nach vorne, ich muss zu ihm. Endlich.
Die Barriere vor der Bühne, hinter der jede Menge Security-Personal steht, bremst mich. Wild rudere ich mit den Armen, versuche, Jonahs Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber Jonah ist damit beschäftigt, mit einem sehr aufgebrachten Mick zu diskutieren, der ihn so laut anbrüllt, dass ich es bis zu mir höre.
Ich schreie lauter, rede auf die Security-Beamten ein, aber ohne Erfolg. Ich werde nicht durchgelassen, ganz im Gegenteil. Plötzlich stehen zwei Typen in schwarzen Jacken neben mir, packen meine Arme und schleifen mich zu Seite. Wieder brennen die Tränen in meinen Augen, diesmal aus Verzweiflung.
Ich muss zu ihm. Jetzt. Sonst werde ich ihn für immer verlieren.
»Halt!« Eine fremde Stimme bringt die Männer dazu, stehen zu bleiben. Überrascht drehen wir uns herum, hin zu Bühne, auf der jetzt der blonde Bandkollege von Jonah steht und uns zu sich winkt.
»Du bist Jonahs Mädchen, oder?«, fragt er mich lächelnd. Ich mag ihn auf Anhieb, auch wenn ich ihn bis eben noch nie persönlich gesehen haben.
»Ja, das bin ich.« Auch wenn ich mir da alles andere als sicher bin.
»Ist schon in Ordnung, lasst sie durch«, erklärt der Musiker den Sicherheitsleuten und hält mir dann auffordernd eine Hand hin, um mir auf die Bühne zu helfen.
Als ich sie ergreife, überkommt mich plötzlich wieder die Unsicherheit. Ich hätte später mit Jonah sprechen können, nicht unbedingt vor tausenden Menschen. Was, wenn er gar nicht wegen mir aufhört?
»Spring, Len!«, höre ich Noras Worte in meinem Kopf. »Lass dich einfach darauf ein.« Auf die Unsicherheit, auf die Liebe. Die unkontrollierbar ist, die Chaos bedeutet und Schmerz. Die aber auch so viel wertvoller und kostbarer ist als alles andere.
Entschlossen klettere ich auf die Bühne, mache drei Schritte in Jonahs Richtung, der immer noch mit Mick diskutiert. Bis er mich sieht und plötzlich ganz still ist. Überraschung spiegelt sich auf seinem Gesicht, Hoffnung blitzt in seinen Augen.
Schnell renne ich zu ihm, bevor sich mein Verstand wieder einschaltet und mir endlich sagt, dass es vollkommen bescheuert ist, was ich hier tue. Jonah fängt mich auf, als ich mich in seine Arme werfe. Ich höre Micks Protest, die Zuschauer, die jetzt anfangen zu johlen, aber das ist alles egal. Jetzt zählen nur noch Jonah und ich.
»Was machst du hier?«, fragt er leise.
»Ich liebe dich!« Die Worte brechen atemlos aus mir heraus.
Überrascht hebt er die Augenbrauen, doch seine Mundwinkel zucken verdächtig. »Ich weiß.« Kurz schaut er zu all den Menschen um uns herum, bevor er sich wieder zu mir beugt. Sein warmer Atem trifft meine Lippen, als er mir so nahe kommt, dass uns fast nichts mehr trennt. »Küss mich, Len!«
Und dann, vor all den Zuschauern, den Fernsehkameras, vor Nora und auch Jannik, der irgendwo im Publikum stehen muss, springe ich endlich über meinen Schatten und küsse ich ihn.

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