Mistelzweigmagie: Tag 23

Abschluss

Jonah

Sonntag, 23. Dezember

»Sag mal, hast du den Arsch offen?« James ist außer sich. Seine sonst so glatt gegelten schwarzen Haare stehen ihm in alle Richtungen ab, und seine Nasenflügel blähen sich, so wütend ist er. »Hast du eine Vorstellung davon, was es kostet, eine Tour abzusagen? Auch noch durch die USA? Du hast einen Vertrag unterschrieben, Jonah! Du kannst nicht einfach aussteigen.«
»War‘s das?« Gelangweilt lehne ich mich in meinem Sessel zurück und zeige mich gänzlich unbeeindruckt. Was James nur noch mehr erregt.
»Du kannst dir dein selbstgerechtes Gehabe sonst wohin schieben, Jonah! Ohne mich wärst du nichts! Niemand! Ohne mich würdest du immer noch in diesem Kaff sitzen und Autos reparieren.«
Vermutlich. Aber die letzte Nacht, die erste gemeinsame Nacht mit Len, war so überwältigend, so befreiend, so … verdammt geil, dass James Zorn einfach an mir anprallt. »Meine Entscheidung steht fest. Ich bin raus.«
»Das kannst du nicht tun.« James mir gegenüber erhebt sich und stützt sich mit den Händen auf seinem Schreibtisch ab. »Wir haben einen Vertrag! Ich werde dich verklagen, ich mache dich fertig!«
Ich kneife die Augen zusammen, mustere meinen Manager eindringlich. James meint es ernst. Verdammt ernst. Mit »D.U.N.K.E.L.« verdient er einen Arsch voll Geld, wir sind sein bestes Pferd im Stall. Das wird er mir nicht einfach so durchgehen lassen. Seufzend beuge ich mich nach vorne. »Was willst du?«
Wenn es nur um mich ginge, würde ich jetzt einfach aufstehen und gehen. Aber es geht nicht länger nur um mich. Ich habe die letzten fünf Jahre nicht unwesentlich wenig verdient, Geld, das meine Mutter und auch ich jetzt gut gebrauchen können. Denn was genau ich mit meinem Leben anstelle, wenn ich wieder zu Hause bin, weiß ich noch nicht. Doch meiner Mutter auf der Tasche zu liegen, ist keine Option.
»Du spielst die Tour durch die USA.« James ist unerbittlich. »Als Abschiedstournee. Damit verkaufen wir auch noch die letzte Karte.«
Begeistert bin ich nicht, auf der anderen Seite schaffe ich die drei Monate auch noch. Ich habe fünf Jahre hinter mich gebracht, dagegen ist James Vorschlag ein Witz. »In Ordnung«, stimme ich zu. »Aber ich will das schriftlich.«
James sieht aus, als wollte er mich am liebsten in Stücke reißen. »Meinetwegen.« Er atmet tief ein, setzt sich wieder zurück in seinen Stuhl. Dann greift nach einer Flasche Bourbon hinter ihm auf dem Regal und gießt uns zwei Gläser ein. Eins davon stellt er vor mich. »Warum, Jonah? Warum gerade jetzt? Ist es wegen des Mädchens, das du gestern geküsst hast?«
Oh ja, Lens Spektakulärer Auftritt. Ich muss gestehen, ich habe ihr viel zugetraut, das ganz sicher nicht. Ich wollte, dass sie über ihren Schatten springt, dass sie endlich einmal die Kontrolle verliert. Aber dass sie das gleich in diesem Ausmaß tut, hat sogar mich überrascht. Wobei ich mich nicht beschweren will, weder über den Kuss noch alles, was daraufhin folgte.
»Es liegt auch an Len, aber nicht nur. Es ist vielmehr so, dass ich etwas anderes machen will. Zur Ruhe kommen. Ich fühle mich ausgebrannt, leer. Und es wird Zeit, wieder nach Hause zu gehen.« Ich müsste nicht so ehrlich sein. Und sobald die Worte meinen Mund verlassen, bereue ich sie auch schon. James ist vieles, einfühlsam aber ganz sicher nicht.
Dennoch überrascht mich mein Manager, als er jetzt die Augen zusammenkneift und mich eindringlich mustert. Kurz zuckt Verständnis über sein Gesicht, er weiß sehr genau, wovon ich spreche. »Zur Ruhe kommen kannst du, wenn du Achtzig bist, Jonah!«
Zugeben würde er es hingegen nie.
Mit einem feinen Lächeln auf den Lippen erhebe ich mich. »Du kannst mich mal, James. Schick den Aufhebungsvertrag meinem Anwalt, wir sehen uns im Flieger!«
Ich lasse mein Glas unangetastet auf dem Tisch stehen und wende mich ab. Verlasse das Büro, lasse meinen Manager und mein ganzes altes Leben für diesen Moment hinter mir. Und es fühlt sich so verdammt gut an.

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