Mistelzweigmagie: Tag 24

Mistelzweigmagie

Leonie

Montag, 24. Dezember

»Len, du bist echt der Kracher! In meinem ganzen Leben hätte ich dir so einen Auftritt nicht zugetraut.«
Augenblicklich stiehlt sich ein Grinsen in mein Gesicht. Ja, wenn ich so darüber nachdenke – nüchtern und zwei Tage später – kann ich auch nicht glauben, dass ich zu Jonah auf die Bühne geklettert bin. Und ihn vor aller Welt geküsst habe.
»Hast du schon die Bilder im Netz gesehen? Ihr habt ja einen regelrechten Shitstorm ausgelöst!«, fährt Jannik fort und plappert fröhlich weiter. Immer noch grinsend klemme ich den Telefonhörer zwischen meiner Schulter und meinem Kopf ein und zupfe an einem eingepackten Päckchen vor mir auf dem Schreibtisch. Es ist der 24. Dezember, Heilig Abend, und ich bin dabei, die letzten Weihnachtsvorbereitungen abzuschließen. Alle Pakete sind eingepackt, alle Plätzchen gebacken und in einer halben Stunde fahre ich zu meinen Eltern, um mit ihnen zu feiern. Nicht allerdings, ohne vorher noch mit meinem besten Freund zu telefonieren.
»So, ich muss Schluss machen«, beendet Jannik seine Ausführungen. »Meine Mutter hat die Plätzchen schon bereitgestellt und wir starten gleich unseren Weihnachts-Fernseh-Marathon.«
Natürlich habe ich Jannik verziehen! Nachdem ich mehrere Tage geschmollt und ihn mit Ignoranz gestraft habe, konnte ich ihm einfach nicht länger böse sein. Dafür habe ich meinen besten Freund zu sehr vermisst, und so ganz abgesehen davon, war er der Grund, dass Jonah und ich endlich zusammengefunden haben. Sofort erwachen die Schmetterlinge in meinem Bauch und starten einen wilden Tanz einmal quer durch meinen Körper. Ich vermisse ihn jetzt schon! Wie soll ich da ohne ihn klarkommen, wenn er wieder auf Tour ist?
»Schaut ihr wieder ‚Vom Winde verweht‘?«, frage ich, um mich von dem aufgeregten Kribbeln in meinem Bauch abzulenken.
»Klar!« Jannik lacht herzlich, weil er weiß, dass ich den Film ganz furchtbar finde. Aber seiner Mutter zu Liebe tut er sich das jede Weihnachten wieder an. »Euch einen schönen Abend! Grüß mir deine Familie!«
»Euch ebenfalls! Und beste Grüße an deine Mutter!«
»Und Len«, schiebt Jannik schnell nach, bevor ich auflege. »Fröhliche Weihnachten!«
Als er aufgelegt hat, lege ich das Telefon auf meine Schreibtisch und greife zu dem Päckchen. Es ist ein Bilderrahmen mit einem Foto von Jonah, Jannik und mir. Es war eine spontane Eingebung, eine Idee, mit der ich Jonah überraschen will.
Ich habe ihn seit gestern Morgen nicht gesehen, bevor er nach Frankfurt gefahren ist, um mit seinem Manager zu sprechen. Er will aufhören, das hat er mir auch unter vier Augen noch einmal versichert. Er will nach Hause kommen, er will in Fichtenstein bleiben. Allerdings ist sein Management davon alles andere als begeistert. Ich kann nur hoffen, dass sie ihm keinen Strich durch die Rechnung machen.
Als es hinter mir gegen die Fensterscheibe klopft, fahre ich erschrocken zusammen. Einmal lang, zweimal kurz, wieder lang. Langsam wende ich mich um, lege den Kopf schief und schaue hinaus in die einsetzende Dämmerung. Mein Hals wird eng und Tränen steigen mir in die Augen. Jonah steht vor meiner Terrassentür, die Hand flach auf das Glas gelegt. Genau wie vor zwei Wochen und genau wie damals bricht in mir das Gefühlschaos aus. Sehnsucht erfüllt mich, Liebe, Schmerz. Nur diesmal ist es um ein Vielfaches schlimmer, weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, mit Jonah zusammen zu sein. Wie er sich anfühlt, sein Körper unter meinen Händen.
Hitze steigt in mir auf, als ich schnell die wenigen Schritte bis zu meiner Terrassentür gehe. Jonah grinst mir entgegen, ein verschmitztes Funkeln in den Augen. Augenblicklich werden meine Knie weich und der Gedanke, dass ich in einer halben Stunde bei meinen Eltern sein sollte, löst sich in Luft auf.
Mit wildem Herzklopfen öffne ich die Tür, will ihm etwas Freches entgegenwerfen, irgendetwas Keckes, was nicht darauf schließen lässt, dass mein Kopf vor lauter Verlangen völlig leergefegt ist, aber Jonah lässt mich erst gar nicht zu Wort kommen. Kaum ist die Tür einen Spalt breit offen, schiebt er sich in mein Zimmer, umfasst mit beiden Händen mein Gesicht und küsst mich. Küsst mich, als wären meine Lippen das Einzige, das ihn davon abhalten könnte, zu ertrinken. Etwas überrascht greife ich mit meinen Händen nach seiner Jacke, kralle mich daran fest, um zu verhindern, dass ich den Halt verliere. Seine Zunge findet ihren Weg in meinen Mund und bereitwillig öffne ich mich ihm. Verliere endgültig den Boden unter meinen Füßen, den letzten Gedanken, der mich im Hier und Jetzt hält. Als ich ihn kurz von mir schiebe, um seine Jacke auszuziehen, und meine Hände unter seinen Pullover schiebe, entfährt ihm ein leises Lachen.
»Bist du sicher, dass du nicht weg musst?« Seine Lippen kitzeln mein Ohr, brennen eine heiße Spur meinen Hals hinunter bis zu der Kuhle über meinem Schlüsselbein. Ohne, dass ich es verhindern kann, entweicht mir ein verzückter Seufzer. Oh man, der Kerl weiß verdammt gut, was er da tut!
»Meine Eltern können warten!«, bringe ich irgendwie heraus.
Jonah lehnt sich ein Stück zurück, sieht mich aus dunklen Augen an, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. »Mir war ja klar, dass ich einen guten Einfluss auf dich habe. Aber dass es so schnell geht, dass du deine Pläne über den Haufen wirfst, hätte ich nicht gedacht.«
Ich schnaube empört, obwohl er natürlich recht hat. Wir stehen immer noch eng um umschlungen voreinander, meine Hände an seinem nackten Bauch. Und am liebsten würde ich genau da weitermachen, wo wir aufgehört haben, aber Jonah löst seine Arme und schafft etwas Abstand zwischen uns. »Ich wollte mir dir reden, Len. Über unsere Tour.«
Schlagartig ist meine gute Stimmung verflogen, das Verlangen und die Hitze verpufft. Seine Tour. Das heißt, er muss wieder gehen, er wird nicht bei mir bleiben.
»Was ist mit der Tour?« Übelkeit breitet sich in mir aus, Angst. Fahrig gehe ich zu meinem Bett, lasse mich darauf nieder. Es war eine Illusion zu glauben, dass er bei mir bleibt. Eine Illusion, dass sein Management ihn einfach gehen lässt.
Aber Jonah wirkt nicht zerknirscht, er sieht noch nicht einmal betrübt aus. Ganz im Gegenteil. In seinen Augen blitzt etwas auf, dass mich hart schlucken lässt. »James hat mir einen Aufhebungsvertrag geschickt, wir werden die Band auflösen«, beginnt er und lässt sich neben mir nieder. Meine Finger verhaken sich und nervös schiebe ich die Hände zwischen meine Beine.
»Aber wir werden die Tour durch die USA noch spielen. Morgen geht es los.«
Ich kann ihn nicht ansehen. Er soll die Tränen nicht sehen, die plötzlich in meinen Augen brennen, soll nicht sehen, dass er mich mit jedem Wort weiter zerstört.
»Len, sieh mich an!«
»Nein«, flüstere ich und schniefe leise. »Es ist alles okay, ich wusste ja, dass du wieder gehst.«
»Leonie Sandmann, würdest du mich bitte ansehen?« Seine Hände greifen nach meinen Schultern und er dreht mich zu sich herum. Langsam hebe ich den Kopf, bemühe mich um ein tapferes Lächeln, das gnadenlos misslingt. Aber ich will nicht unsere letzten Stunden damit verbringen, ihm die Ohren voll zu heulen.
»Ich habe hier etwas für dich!« Er zieht etwas hinter seinem Rücken hervor und hält mir ein weißes Papier unter die Nase.
Verwundert blinzle ich. Verstehe zunächst nicht, was das ist. Dann reiße ich erschrocken die Augen auf. »Was soll ich mit einem Flugticket nach New York?«
Jonah lacht amüsiert. Und der dunkle Laut rollt wie eine warme Welle über mich hinweg. »Meinst du wirklich, ich lasse dich jetzt wieder gehen? Du hast die nächsten drei Wochen Ferien, du wirst mich zumindest in dieser Zeit begleiten!«
Ich starre ihn an, als hätte er mir gerade erklärt, dass er den Himalaya besteigen will. »Was? Nein!« Die altbekannte Angst und Panik flackert in mir auf. »Ich kann dich doch nicht begleiten, das geht nicht. Wie stellst du dir das vor? Ich kann doch hier nicht plötzlich weg!«
»Ach, und warum nicht?« Das Ticket verschwindet vor meiner Nase, stattdessen ist da Jonahs Gesicht. Und seine Lippen federleicht auf meinem Mund. »Ich liebe dich, Len«, wispert er, während er mir einen Kuss auf den Mundwinkel haucht. »Ich will dich bei mir haben. Und du willst das genauso sehr wie ich!«
Seine Finger krabbeln über meinen Bauch, fahren langsam unter meinen Pullover, über meine erhitzte nackte Haut. Er beugt sich näher zu mir, küsst mich leidenschaftlicher, bis ich nicht mehr weiß, was ich sagen wollte. Wie von selbst krallen sich meine Hände in seinen Pullover, zerren an ihm, bis er sich über mich beugt und mich alles um mich herum vergessen lässt.
Als ich später neben ihm im Bett liege, mein Kopf auf seiner Brust und ich seinem gleichmäßigen Herzschlag lausche, erinnere ich mich wieder an die Tickets. Und seine Bitte, dass ich ihn begleite.
Die Vorstellung, jetzt meine Sachen zu packen und spontan in die USA zu verschwinden macht mir Angst. Ich bin nicht spontan. Ich hasse Überraschungen. Aber noch viel mehr Angst macht es mir, ihn gehen zu lassen. Daher springe ich ein letztes Mal über meinen Schatten, springe und lerne vielleicht endlich zu fliegen.
»Wir sollten packen, wenn wir morgen rechtzeitig im Flieger sitzen wollen«, sage ich und fahre spielerisch mit meinen Fingern über seine Brust. Seine freie Hand findet meine, hält sie fest.
»Bist du dir sicher?« Braune Augen sehen mich fragend an. Schokoladenbraun mit goldenen Sprenkeln.
»Ja, Jonah, das bin ich! Endlich!«

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