Lebkuchenliebe: Prolog

Eine Nacht im Regen

Ella

Zehn Jahre zuvor

Die grüne Glasflasche dreht sich so schnell, dass meine Augen der Bewegung nicht folgen können. Sie wird langsamer und bleibt schließlich liegen. Der Flaschenhals zeigt direkt auf mich. Scheiße!
»Wahrheit oder Pflicht?«, fragt Jannik mit einem breiten Grinsen, das seine weißen Zähne blitzen lässt.
Mein Magen sackt eine Etage tiefer. Wahrheit oder Pflicht. Wahrheit oder Pflicht. Meine Gedanken kreiseln, meine Hände werden feucht. Alle Augen liegen auf mir, Hitze steigt mir ins Gesicht. »Wahrheit«, quetsche ich heraus und beiße mir gleich darauf auf die Unterlippe. Bitte, lass sie nichts peinliches fragen.
»Mmh.« Jannik legt den Kopf schief und überlegt. Sein Blick wandert von mir zu den anderen Jugendlichen, die im Kreis um die Flasche herumsitzen. Mein Bruder neben mir räuspert sich, ein gezielter Faustschlag in die Seite hält ihn jedoch davon ab, den Mund aufzumachen.
»Frag sie, ob sie schon einmal nackt durch den Oberrodsee geschwommen ist«, plärrt Fabian dazwischen. Oh man, ich konnte dieses Arschloch noch nie leiden!
»Nein, das ist langweilig.« Das feixende Grinsen, zu dem sich Janniks Lippen jetzt verziehen, macht mir Angst. »Bist du noch Jungfrau, Ella?«
Einen Herzschlag lang starre ich ihn an. Dann greife ich nach einem Schnapsglas voll mit Tequila, das auf einem Tablett am Rand steht, und stürze das beißende Gesöff ab. Dass ich mit fünfzehn noch keinen Schnaps trinken sollte, steht nicht zur Diskussion. Ebenso wenig, dass keine Antwort in diesem Fall auch eine ist.
Fabian johlt und Jannik klatscht in die Hände. Wie konnte ich mich nur auf dieses Spiel einlassen?
Der Tequila brennt sich durch meine Kehle und ich muss ein Husten unterdrücken. Ich mag Schnaps noch nicht einmal sonderlich, aber auf diese Frage werde ich nicht antworten. Zumindest werde ich nicht aussprechen, dass ich noch Jungfrau bin. Jannik gegenüber ist mir das egal, ebenso meinem Bruder. Aber nicht dem Jungen, der links neben ihm sitzt und schon die ganze Zeit gedankenverloren auf die Flasche in der Mitte unseres Kreises stiert. Er hat nicht einmal hochgesehen, als Jannik seine Frage gestellt hat, erst als darauf keine Antwort kam, hat er kurz die Stirn gerunzelt.
»Du bist dran«, erinnert mich mein Zwillingsbruder und reibt sich die Hände. Richtig, da war noch was.
Ich greife nach der Flasche und gebe ihr einen Schubs. Sie rutscht einen halben Meter nach rechts, während sie sich dreht. Hoppla, das war wohl ein wenig zuviel des Guten. Aber dass ich nach acht Tequila überhaupt noch gerade sitze, ist ein Wunder. Jannik muss den Schnaps verdünnt haben, anders kann ich mir das nicht erklären.
Die Flasche dreht sich schnell, wie ein gleißender grüner Wirbel, wird langsamer und bleibt liegen. Gott sei dank diesmal nicht bei mir! Dennoch muss ich nervös schlucken und ein Horde Schmetterlinge rauscht durch mich hindurch.
»Tom«, sage ich und hoffe, dass man meiner Stimme die Aufregung nicht anhört. Denn die Flasche deutet auf den Jungen neben meinem Bruder. DEN Jungen. »Wahrheit oder Pflicht?«
Und dann sieht er auf. Mir direkt in die Augen.
Blau, denke ich. Sie sind blau. Nachtblau. Kein Funke glänzt darin, keine Freude oder Belustigung. Alles was ich darin finde, sind Ausdruckslosigkeit, Gleichgültigkeit und Leere. Tom sieht mich an und sieht doch durch mich hindurch.
»Pflicht«, antwortet er auf meine Frage und seine dunkle Stimme schickt eine Gänsehaut über meine Arme.
Meine Gedanken lösen sich aus der Schockstarre, beginnen zu rasen, durcheinanderzuwirbeln. Komm her, will ich sagen, ich will dir helfen. Ich will, dass du wieder lachen kannst, dass diese dunkle Aura, die dich seit dem Tod deines Bruders umging, verschwindet. Mein Herz krampft zusammen und ich muss mich zwingen, meine Gedanken für mich zu behalten.
»Er soll die Flasche Tequila leeren!«, kräht Fabian.
»Damit er mir anschließend ins Wohnzimmer kotzt? Nein, danke!«, wiegelt Jannik den Vorschlag sofort ab.
»Ein Kuss. Er soll jemanden küssen!« Mein Bruder sieht mich nicht an, aber ich könnte schwören, dass er dabei einen glasklaren Hintergedanken hat. Ich bringe ihn um!
»Dich vielleicht?«, schlage ich vor und schiebe meine Brille zurecht.
Leon dreht sich zu mir, ein fettes Grinsen im Gesicht. »Warum nicht?«
Ich rollte mit den Augen. »Also gut, ein Kuss!«
Die flatternden Schmetterlinge werden zu einer Horde galoppierender Wildpferde, als Tom einmal tief Luft holt. Und dann zu meiner Freundin Jenna sieht, die mir gegenüber sitzt. Er steht auf und zuckt die gleichgültig die Schultern, als wäre es keine große Sache. »Meinetwegen.«
Jennas Augen werden tellerrund, hektisch wandert ihr Blick von Tom zu mir. Sie fährt sich nervös durch die langen rotblonden Haare und schüttelt unmerklich den Kopf. Ihre stumme Ablehnung steht mitten im Raum. Ebenso wie ihre Entschuldigung, da sie weiß, was ich für Tom empfinde.
Ich presse meine Lippen zusammen. Eifersucht brennt sich durch mich hindurch, Ärger über meinen Bruder, der Schuld an dieser Situation ist. Jenna will nichts von Tom. Dieser Kuss bedeutet gar nichts. Es ist nur ein Spiel, rede ich mir ein, laut und deutlich, was allerdings den Dunst des Alkohols in meinem Kopf nicht mehr wirklich durchdringt. Dafür ist die stechende Eifersucht viel zu dominant.
Plötzlich verändert sich Jennas Gesichtsausdruck. Sie wirkt verblüfft, erleichtert, ja, beinahe erfreut. Meine Augenbrauen fahren zusammen. Wo zur Hölle ist Tom, warum ist er nicht bei ihr?
Hinter mir räuspert sich jemand. Erschrocken zucke ich zusammen, Leon kichert zufrieden.
Oh Gott, Tom steht hinter mir.
Hinter. Mir.
Er will mich küssen.
Mich.
Langsam drehe ich mich herum. Tom hockt vor mir und sieht mich mit diesem schiefen Lächeln im Gesicht an. Mein Herz bleibt stehen, nur um dann doppelt so schnell weiterzuschlagen.
»Ist es in Ordnung für dich?«, fragt er leise.
Ich kann ihn nur ansehen. Mit riesengroßen Bambiaugen.
»Ich nehme das mal als Ja.« Er lacht unsicher, dann beugt er sich vor und legt seine Lippen vorsichtig auf meine.
Ich bin erstarrt. Kann mich nicht bewegen. Mein Denken setzt aus. Die verdammten acht Tequila rauschen durch mich hindurch und mit einem Schlag wird mir bewusst, dass ich sehr wohl betrunken bin. Verdammt! Ist heute eigentlich Samstag? Und sehen mir gerade vier Personen dabei zu, wie ich Tom küsse? Ich will das, unbedingt, aber doch nicht so.
Toms warme Lippen lösen langsam sich von mir, ich reiße die Augen wieder auf. Mein Atem geht hektisch, viel zu schnell. Das war’s schon?
Sein Gesicht ist nur Millimeter von meinem entfernt, ich schmecke seinen Atem in meinem Mund. Eine Frage steht in seinen Augen, Unsicherheit spiegelt sich darin, aber auch Überraschung. Und ein dunkles Funkeln, das ich so lange vermisst habe. Der Kuss ist beendet, die Pflicht ist erfüllt. Aber Tom bewegt sich nicht.
Ich denke nicht darüber nach, was ich als nächstes tue. Ich blende Janniks Kommentar aus, Fabians Lachen, lehne mich blitzschnell nach vorne und presse meinen Mund mit so viel Enthusiasmus auf Toms, dass er fast das Gleichgewicht verliert. Seine Arme schnellen nach vorne, greifen nach meinen Schultern und halten sich fest.
Ich küsse ihn. Mit allem, was ich habe. Und er erwidert meinen Kuss. Vorsichtiger, bedächtiger als ich, wie als würde er sich zurückhalten. Aber das will ich nicht. Ich will diesen Kuss mit Tom. Ich will ihn. Schon seit beschissenen zwei Jahren, seit ich das Referat über Photosynthese mit ihm halten musste, und er mir den Arsch gerettet hat. Ich stupse mit der Zunge gegen seine Lippen, aber er lässt seinen Mund verschlossen. Stattdessen spüre ich, wie er grinst.
»Komm!«, raunt er und greift nach meiner Hand.
Fabian johlt begeistert, mein Bruder stößt einen Pfiff aus, als ich aufstehe und mit Tom aus dem Wohnzimmer stolpere. Durch die Terrassentür hinaus in den dunklen Garten. Es ist Spätsommer und immer noch warm draußen trotz der späten Uhrzeit. Aber dafür habe ich jetzt keinen Sinn. Tom zieht mich mit sich, hinter das Gartenhäuschen und presst mich dort mit seinem Körper gegen die Rückwand. Doch er küsst mich nicht, stattdessen senkt er den Kopf und lehnt seine Stirn gegen meine.
»Du weißt, dass ich wegziehe, oder?«, fragt er und seine verfluchte Einsamkeit trieft aus jeder einzelnen Silbe. Seine Eltern haben sich vor kurzem scheiden lassen, er wird mit seiner Mutter den Ort verlassen.
»Ja.« Meine Stirn reibt an seiner, als ich nicke.
»Bist du sicher, dass du mich willst?« Er sieht mir tief in die Augen. Er lässt mir die Wahl.
Mir wird schlagartig heiß. Es geht hier nicht um einen einfachen Kuss, es geht hier auch nicht um ein bisschen Rumknutschen oder Fummeln. Es geht ums Ganze, Tom will mit mir schlafen. Zum allerersten Mal. Zumindest für mich.
Mein Herzschlag donnert in meiner Brust, meine Haut kribbelt. Trotzdem nicke ich erneut. »Ja!«, sage ich entschlossen. Ja, ich will das. Ich bin mir sicher. Und das wäre ich auch ohne die Unmengen Alkohol im Blut.
»Du bist verrückt, Cinderella!«, lacht er an meinen Lippen, doch bevor ich widersprechen kann, küsst er mich. Seine Zunge stößt in meinen Mund, trifft auf meine und ich vergesse, was ich sagen wollte. Tom nimmt mich mit sich, führt mich, leitet mich. Er zeigt mir, was ich tun muss, ohne dass ich mir blöd vorkomme. Und als er über mir liegt, unter mir nichts als trockenes Gras und über uns ein dunkelblauer Sternenhimmel, verliere ich mich in ihm. Tränen schießen mir in die Augen, rollen über meine Wangen, während unser Keuchen die Nacht durchdringt. Bis plötzlich die Sprinkleranlage angeht und ein kalter Regen auf uns herabfällt und wir fluchend und lachend aus dem Garten flüchten.
Drei Tage später ist er weg. Ohne noch ein einziges Mal mit mir gesprochen zu haben.
Drei Wochen später hoffe ich immer noch auf eine Nachricht.
Drei Monate später nicht mehr.
Drei Jahre später ist mein Herz geheilt, verziehen habe ich ihm nicht.

Published by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.