Lebkuchenliebe: Tag 2

Verspielt

Tom

Mittwoch, 2. Dezember

Das Leben ist ein Spiel. Oder zumindest mache ich es daraus. Denn jede Entscheidung, die man trifft, ist nichts anderes als ein Abwägen unterschiedlicher Spielzüge und Konsequenzen, die daraus entstehen. Und wenn man den falschen Schritt wählt, ja, dann kann man es auch schonmal so richtig verkacken. Spielt man allerdings gut, so wie ich, dann steht einem die Welt offen.
Nur dass es diesmal leider nur die örtliche Filiale der Volksbank in Fichtenstein ist. Ein entwaffnendes Lächeln im Gesicht, den Rücken gerade, die Hände locker auf den Knien, lausche ich den Worten der Bankangestellten mir gegenüber und nicke an den richtigen Stellen. Dabei höre ich ihr nicht wirklich zu, ich warte eher darauf, dass sie endlich aufhört zu reden und mir sagt, dass mein Kredit genehmigt wird.
»… und deshalb, Herr Westen, so leid es mir tut, können wir Ihrem Kreditantrag leider nicht zustimmen.«
Ich nicke wieder brav, dann stockt meine Bewegung. Bitte was?
»Warum nicht?« Ein leises, kaltes Kitzeln breitet sich in meinem Nacken aus, das erste Anzeichen von Nervosität. Aber es braucht schon etwas mehr als eine erste Absage, um mich aus der Bahn zu werfen.
»Wie ich Ihnen eben erläutert habe, haben Sie keinerlei Sicherheiten. Unter diesen Umständen können wir Ihnen das Geld nicht geben. Es tut mir leid«, schiebt sie hinterher und ich glaube ihr sogar, dass sie mich ehrlich bedauert. Obwohl ich schon über eine Stunde vor der Frau sitze, nehme ich sie jetzt zum ersten Mal wirklich wahr. Blonde wilde Locken, die in einem missglücktem Versuch sie zu bändigen zu einem hohen Knoten zusammengefasst sind, eine hellblaue zugeknöpfte Bluse, ein grauer Bleistiftrock und ein schmaler Goldring am linken Ringfinger. Mmh. Ich schätze sie auf Mitte Vierzig und dem grimmigen Zug um ihren Mund nach zu urteilen, ist sie nicht zufrieden mit ihrem Leben.
»Was ist mit der Bäckerei meines Vaters? Die gehört mir.« Lässig lehne ich mich ein Stück weiter vor, stütze meine Ellenbogen auf meinen Knien ab, sodass uns nur noch ein knapper halber Meter trennt. Aus dieser Entfernung kann ich ihr süßes Parfüm riechen. Fuck, ich hoffe, ich stinke anschließend nicht zu sehr danach!
»Mit Verlaub, Herr Westen, Sie wissen selbst, dass die Bäckerei renovierungsbedürftig ist. Das langt einfach nicht.«
Ich öffne den Mund und senke meine Augenlider. »Und wenn ich Ihnen andere Sicherheiten biete?« Meine Stimme klingt dunkel, rau, verspricht Geheimnisse und Abgründe, die in diesem Raum bleiben werden.
Ihre Augen weiten sich überrascht. Sie versteht mein Angebot. Ihr Blick zuckt zur Tür hinter mir, die ich natürlich geschlossen habe, nachdem sie mich hereingebeten hat. Ein klassischer Anfängerfehler Türen offenstehen zu lassen. Man sollte immer auf alles gefasst sein.
Da sie nicht antwortet, erhebe ich mich gemächlich und komme um den Tisch herum auf sie zu. Sie sieht erschrocken zu mir hoch, ihre Unterlippe zittert. Mein Mund verzieht sich zu einem dreckigen Grinsen. Jackpot! Langsam gehe ich vor ihr auf die Knie und drehe ihren Schreibtischstuhl zu mir herum. Sie stößt ein leises Keuchen aus, als meine Hände ihre Knie auseinanderdrücken und den verdammt hässlichen Rock nach oben schieben. Wie zum Protest greift sie mit ihren Händen nach meinem Kopf, krallt sich in meinen Haaren fest, als wenn sie sich selbst davon überzeugen wollte, dass das hier nicht richtig ist. Aber anstatt mich von sich zu schieben, rutscht sie in ihrem Stuhl nach vorne und öffnet sich mir so bereitwillig, dass ich kurz überlege, abzubrechen. Jedes Spiel verliert seinen Reiz, wenn es zu einfach ist.
Zwanzig Minuten später verlasse ich wutschnaubend die Filiale. Den ekelhaften Geruch nach dem süßen Parfüm immer noch in der Nase. Diese verdammte Kuh hat sich von mir lecken lassen, bis ihre Beine gezittert haben, und sie gejault hat wie eine Straßentöle, nur um meinen Kreditantrag anschließend doch abzulehnen. Ich hätte sie ficken sollen, hart und unnachgiebig, dann hätte sie vielleicht eher verstanden, was sie verpasst. Fuck!
Fluchend trete ich mit dem Fuß gegen eine leere Zigarettenpackung. Eine Kippe täte mir jetzt echt gut, aber selbst dafür fehlt mir das Geld. Verflucht, nochmal! Es war eine verdammte Scheißidee herzukommen. Mein Hirn muss die letzten Wochen in Urlaub gewesen sein, sonst hätte ich niemals den Weg nach Fichtenstein gefunden. Und das letzte Geld, das ich noch besitze, in diese Bruchbude investiert, um ausgerechnet hier, in dem wirklich letzten Kaff auf diesem Planeten, eine Bäckerei zu eröffnen. Fichtenstein. Allein bei dem Namen läuft es mir kalt den Rücken herunter. Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Wütend und frustriert gehe ich die Straße entlang. Den Kopf tief in den Kragen meiner Jacke vergraben, den Blick starr nach vorne. Genau genommen weiß ich sehr gut, warum ich hier bin. Mein Vater hat mir nach seinem Tod die Bäckerei hinterlassen, was mich die letzten Jahre allerdings nicht sonderlich interessiert hat. Nach der Scheidung meiner Eltern vor zehn Jahren habe ich Fichtenstein den Rücken gekehrt und wäre im Traum nicht darauf gekommen, ausgerechnet hierher zurückzukehren. Doch die Dinge laufen leider nicht immer, wie man will. Ich habe mich verzockt, habe fast mein gesamtes Geld in Las Vegas verspielt, und brauchte ich einen neuen Plan.
Und einen Ort, wo mich nach Möglichkeit niemand findet.
Als ich die drei Stufen zu meinem Café hochsteige und die Tür zu dem gut gefüllten Gästebereich öffne, habe ich mich soweit wieder im Griff. Zufrieden gleitet mein Blick über die voll besetzten Tische und Stühle. Der Laden brummt. Es wäre doch gelacht, wenn ich mich nicht auch aus diesem Schlamassel herausmanövrieren könnte.
»Alles klar soweit?«
Jan, der gerade am Kaffeeautomaten steht und zwei Espresso zubereitet, wirkt leicht gestresst. Ich habe ihn vor drei Jahren in Hamburg kennengelernt und seitdem halten wir locker Kontakt. Er hat mir die letzten Tage geholfen, das Café zu renovieren, und wird noch bis zum Wochenende bleiben. Danach muss ich mich alleine durchkämpfen.
»Ja, Mann. Du bist spät dran. Hier steppt der Bär!«
»Wie ich sehe, hast du es im Griff!« Ich schenke ihm ein breites Grinsen, das er mit einer hochgezogenen Augenbraue beantwortet. »Ich bin gleich bei dir«, entschuldige ich mich und verschwinde durch die Seitentür in die Backstube. Zielstrebig gehe ich an den Metalltischen, Rührmaschinen und dem Ofen vorbei, bis zur hintersten Ecke, wo eine Matratze auf dem Boden liegt. Daneben meine Reisetasche, Bücher, Schmierzettel und ein paar Fotos. Mein Vater hat mir bedauerlicherweise nur die Bäckerei vermacht, seine Wohnung hatte er kurz vor seinem Tod verkauft. Und da das mit dem Kredit heute nicht geklappt hat, werde ich wohl noch eine Weile hier schlafen müssen.
Achtlos werfe ich meine Jacke auf den Kleiderhaufen neben der Matratze, mein Hemd folgt. Nur im T-Shirt gehe ich zurück in den Verkaufsraum.
»Wie lief es?« Jan schaut mich fragend an. Seine langen schwarzen Haare hat er zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden, in seinen Ohrläppchen stecken silberne Ringe und auf der getönten Haut seiner nackten Unterarme zeichnen sich mehrere dunkle Tattoos ab. Ich nehme mir noch einen Moment, bevor ich ihm antworte. Jan passt ebenso wenig hier her wie ich. In ein Kaff, das so voll von Traditionen und Vorurteilen ist, das jeder normal denkende Mensch sofort das Weite suchen würde. Doch obwohl wir auffallen müssen wie Flamingos im Vogelgehege, ist das Café auch heute wieder brechend voll. Die Leute sind neugierig. Und nehmen uns und meine Ideen überraschenderweise ohne Probleme an. Trotz der Vorurteile, trotz der Tradition, mit der wir ganz bewusst brechen. Vielleicht ist dieses Kaff doch nicht so schlimm, wie ich bisher dachte.
»Beschissen. Erzähle ich dir später.« Ich winke ab, da ich jetzt absolut keinen Bock habe, auch nur eine Sekunde länger an das Desaster in der Bank zu denken. Stattdessen gehe ich an die Verkaufstheke, wo bereits der nächste Kunde wartet.
»Was kann ich dir bringen?«, frage ich, ein einstudiertes Lächeln auf den Lippen, während ich gleichzeitig unsere Auslage checke. Es fehlen Bagels und die Macarons müssen nachgelegt werden.
»Einen Jack Daniels mit Cola und Eis«, kommt es wie aus der Pistole geschossen.
Überrascht hebe ich den Kopf. »Leon?« Ungläubig schaue ich mein Gegenüber an. Dunkelblonde Locken, meergrüne Augen, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht. Mein bester Kumpel von früher hat sich kaum verändert.
»Ja, Mann!« Er hält mir kameradschaftlich die Hand hin, die ich sofort einschlage. »Ich muss gestehen, ich konnte es nicht glauben, dass wirklich du das neue Café eröffnet hast. Meine Schwester ist völlig am Ausrasten.«
Etwas zupft an meinen Mundwinkeln, Wärme durchflutet mich. »Ja, ich bin wieder da.« Und dann kann ich nicht anders als breit zu grinsen. Leon und ich waren wie ein Kopf und ein Arsch. Es gab kaum einen Tag, an dem wir nicht irgendeinen Unfug angestellt haben, angefangen im Kindergarten bis zum letzten Tag, als ich mit meiner Mutter weggezogen bin. So viel Zeit, so viele Jahre, so viele Erinnerungen. Und doch fühlt es sich in diesem Moment so an, als wäre ich nie weg gewesen.
»Es tut gut dich zu sehen! Hast du heute Abend Zeit? Ein Bier im ›Krug‹?«
»Klar! Spielt ihr immer noch Poker?«
Ein wissender Funken blitzt in Leons grünen Augen auf, die mich für eine Sekunde an jemand anderen erinnern. An einen anderen Ort, eine andere Nacht, als ich mich in den gleichen grünen Augen verloren habe. Ein Blinzeln, dann ist die Erinnerung verschwunden. Was bleibt, ist das Gefühl, gerade einen neuen Plan gefasst zu haben.
»Oh ja!« Leon schmunzelt verschwörerisch. »Und du bist jederzeit herzlich willkommen.«

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