Lebkuchenliebe: Tag 3

Der Ofen ist aus

Ella

Donnerstag, 3. Dezember

»Er hat dich nicht erkannt?« Jennas Stimme quietscht ein wenig, was absolut untypisch für sie ist. Normalerweise ist sie ruhig und besonnen, darauf bedacht nicht unangenehm aufzufallen. Außer wir sind auf einem Konzert der Band »D.U.N.K.E.L.«, da verliert selbst meine beste Freundin ihre Besonnenheit.
»Nein«, knurre ich, immer noch stinkwütend und ein wenig fassungslos. Und tief in mir drinnen unglaublich verletzt, weil Tom mir vorgestern ohne mit der Wimper zu zucken ein Croissant verkauft hat und mich dann zwar freundlich, aber vollkommen unpersönlich verabschiedete.
»Das glaube ich einfach nicht. Das … er kann dich doch nicht nicht wiedererkennen!« Sie fuchtelt mit ihren Händen in der Luft herum und deutet vage in Richtung des Corpus Delicti, das keine zehn Meter von uns entfernt hinter seiner Theke steht. Und leider immer noch so unverschämt gut aussieht wie vor zehn Jahren.
»Doch.« Okay, zugegeben, ich sehe heute nicht mehr ganz so aus wie damals. Ich habe rund zehn Kilo mehr auf den Hüften, trage mittlerweile Kleidergröße 42/44, meine braunen Locken reichen mir gerade noch bis zum Kinn und meine Brille habe ich durch Kontaktlinsen ersetzt. Aber Himmel, ich bin keine fünfzehn mehr. Ich bin fünfundzwanzig und habe die letzten acht Jahre täglich in einer Bäckerei gearbeitet. Sowas hinterlässt eben Spuren. Dennoch … es tut überraschend weh, dass Tom mich nicht wiedererkennt. Dass ich für ihn offensichtlich nicht mehr war, als ein kleiner Flirt mit Bonusprogramm, den er direkt nach seinem Wegzug vergessen hat. Für mich hingegen war er mehr. Viel mehr.
»Er hat dich entjungfert! Wie kann er dich da vergessen?«
Oh. Mein. Gott!
»Jenna!«, zische ich viel zu laut und schaue mich hektisch um. Hitze kriecht in mein Gesicht, mein Herzschlag stolpert. Es ist nicht so, dass ich sonderlich prüde bin. Oder verklemmt. Und weiß Gott nicht schüchtern oder zurückhaltend. Aber diese eine Sache muss ausnahmsweise einmal nicht ganz Fichtenstein wissen, diese eine Sache gehört mir ganz allein. Na gut, vielmehr mir und Tom, denn ganz unbeteiligt war er leider nicht.
Frau Sander am Nachbartisch lächelt mich wissend an, während sie schnell einen Schluck aus einer überdimensionierten weißen Tasse trinkt. Oh man, bleibt in diesem Kaff auch wirklich gar nichts geheim?
Jenna, die meinem Blick gefolgt ist, läuft rot an. »Oh Gott, es tut mir leid, El. Das wollte ich nicht.«
»Schon okay.« Ich hebe ebenfalls meine Tasse an den Mund und trinke einen Schluck. Tasse kann man dieses Ungetüm kaum nennen, es hat keinen Henkel. Und ich muss beide Hände benutzen, um daraus zu trinken. Sowas von unpraktisch! Wobei ich zugeben muss, dass der Kaffee – eine Sondermischung aus Brasilien – zusammen mit der feinen Karamellnote wirklich umwerfend schmeckt. Wir sollten uns auch eine kleine Sirup-Auswahl in das Geschäft stellen. Nicht das Tom doch noch zur ernsthaften Konkurrenz wird.
Seit einer halben Stunde sitzen Jenna und ich in seinem Café. Da er mich vorgestern nicht erkannt hat und scheinbar immer noch keinen Dunst hat, wer da mitten in seinem Laden sitzt und ihn unverhohlen ausspioniert, habe ich den ersten Schritt meiner Vernichtungsstrategie eingeleitet: Beobachtung und Analyse. Wie sieht sein Sortiment aus, wie verkauft er es, wie läuft sein Service und, verdammt, wer aus Fichtenstein fällt uns jetzt schon in den Rücken und geht hier einkaufen? Die Ergebnisse bisher sind ernüchternd. Die Hälfte seiner Backwaren kenne ich nur aus dem Fernsehen oder von den seltenen Trips, die Jenna und ich nach Frankfurt unternehmen. Bagels, Wraps, Ciabatte, irgendwelches buntes Zeug und dann, ich musste zweimal lesen, eine Auswahl an veganen Backwaren. Vegan. Ehrlich? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das irgendwer in Fichtenstein kauft. Dem Ort, der jährlich an Kerb die Rekordzahlen im Steakverkauf knackt.
»Kann ich euch noch etwas bringen?«
Erschrocken lasse ich die Tasse auf den Tisch knallen. Der heiße Milchkaffee spritzt heraus mir direkt auf die Hose. Ein schmerzerfüllter Laut entfährt mir, dann greife ich hektisch nach der Serviette. Oder zumindest will ich das tun, allerdings gibt es in dem »Wir-verzichten-auf-allen-Schnick-Schnack«-Café keine.
»Oh, das tut mir leid. Warte, ich hole dir etwas zum Abtrocknen.«
Mit glühenden Wangen hebe ich meinen Kopf und blicke direkt in die weit aufgerissenen hellbraunen Augen von Jenna. Sie nickt unmerklich, dann kramt sie plötzlich angestrengt in ihrer Handtasche herum.
»Hier.«
Ein weißes Küchenhandtuch schiebt sich in mein Blickfeld. Einen Moment kleben meine Augen daran fest, dann wandern sie langsam nach rechts. Folgen einem sehnigen Unterarm, dessen gebräunte Haut mehrere dunkle Tattoos zieren. Ein schmaler Schriftzug fällt mir ins Auge, ein Stern mit Zahlen darunter. Ich schaue weiter nach oben und schlucke angestrengt. Tom trägt ein abgewetztes blaues T-Shirt, dessen Ränder an den Ärmeln und am Kragen bereits ausgefranst sind. Es sieht allerdings nicht gewollt aus, eher als hätte das Shirt seine besten Zeiten hinter sich. Feine Muskeln zeichnen sich darunter ab, doch ich glaube nicht, dass er trainiert. Dafür ist er zu schmal. Seine kurzen braunen Haare sind ein wüstes Chaos, er lächelt freundlich, aber da ist noch etwas anderes in seinem kantigen Gesicht. Etwas wildes, verlebtes, raues. Verlorenes. Etwas, das ihn älter macht, als er tatsächlich ist. Mein Mund wird trocken, als ich in seine fragenden Augen blicke. Ich blinzle und plötzlich verändert sich das Bild. Es ist immer noch Tom, der vor mir steht, allerdings ist er deutlich jünger, sein Blick ist verhangen, seine Hände liegen auf meiner nackten Haut und er wispert leise meinen Namen. Hitze flutet meinen Bauch, schießt in meine Mitte, als sich seine Lippen meinem Mund nähern …
Oh, man, Ella! Fokus! Eine mentale Ohrfeige später, greife ich nach dem Handtuch und schenke Tom ein aufgesetztes Lächeln. »Danke!« Er hat Jennas Kommentar nicht gehört. Ganz sicher nicht.
»Hallo Ella!«
Scheiße!
»Hey«, würge ich hervor und verfluche den Kloß in meinem Hals, der mir plötzlich das Reden schwer macht. Tom weiß genau, wer ich bin. So viel zu meiner Vernichtungsstrategie. »Nettes Café.«
Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Tom antwortet mit einem spöttischen Grinsen. Er hat meinen Kommentar verstanden. »Es ist lange her.«
Eindeutig nicht lange genug. »Was treibt dich nach Fichtenstein?«
»Du meinst außer der Bäckerei meines Vaters?« Sein Grinsen wird breiter. »Die Neugierde. Ich wollte sehen, was aus dir geworden ist.«
Meine Augenbrauen schnellen nach oben. »Du hast mich bis vor fünf Minuten überhaupt nicht erkannt. Also tue nicht so, als wärst du meinetwegen hier«, gebe ich trocken zurück.
Tom zieht eine Grimasse, doch der Schalk bleibt in seinen Mundwinkeln hängen. »Dir kann man immer noch nichts vormachen, oder? Dieselbe abgeklärte Ella wie früher. In diesem Kaff hat sich wirklich überhaupt nichts verändert.«
»Warum bist du dann nicht weggeblieben?« Anstatt mir und meiner Familie mit dem Café so ans Bein zu pissen.
Für den Bruchteil einer Sekunde verändert sich etwas in seinem Gesicht. Das Grinsen verschwindet, die Fröhlichkeit ist dahin. Stattdessen flackert Sehnsucht in seinen Augen auf, Einsamkeit. Angst. Ich blinzle irritiert. Doch so schnell die Veränderung gekommen ist, verschwindet sie auch wieder.
»Ich hab meine Gründe«, antworte er kryptisch und erntet einen missbilligenden Blick meinerseits. Schwätzer!
»Also, wollt ihr noch was?« Als Jenna und ich den Kopf schütteln, nickt er knapp und macht Anstalten zu gehen. Doch statt an mir vorbeizulaufen, hält er inne und beugt sich zu mir herunter. Schlagartig verkrampfe ich mich und meine Nackenhaare stellen sich auf. Sein warmer Atem streift meine Haut. Eine Mischung aus Kaffee und Pfefferminze dringt in meine Nase und der verfluchte Geruch nach etwas Verbotenem, den ich prompt wiedererkenne. Unmerklich beiße ich mir auf die Unterlippe und verteufel das heiße Prickeln, das plötzlich durch meinen Körper jagt. Holy Shit! Dieser Kerl sollte nicht diese Wirkung auf mich haben!
»Als ob ich die Nacht in Janniks Garten vergessen würde, Cinderella«, raunt er leise an meinem Ohr. »Du hast mir einen der besten Ficks meines Lebens geschenkt. Sowas vergisst man nicht einfach.«
Mein Kopf explodiert. Zumindest fühlt es sich so an. Hitze flimmert über meine Haut und ich muss aussehen wie ein Engländer nach einem Sonnenbad am Strand.
Cinderella.
Ich bin keine Prinzessin. Und Tom ist sicher kein Held, der mich rettet.
Mein Mund ist staubtrocken und ich schlucke angestrengt. Einmal. Und noch einmal. Ich muss hier raus. Ich halte es keine Sekunde länger mit diesem Kerl in einem Raum aus. Scham und Wut schwappen über mich hinweg, bittere Enttäuschung und brennender Schmerz, den ich die vielen Monate nach dieser einen verdammten Nacht gefühlt habe. Tom hat Fichtenstein kurz nach unserem »Zusammenstoß« verlassen, um zu seiner Mutter zu ziehen. Und obwohl wir nie zusammen waren, obwohl wir nie vereinbart hatten, in Kontakt zu bleiben, tat es doch verdammt weh, nichts von ihm zu hören. Tom hat mir nichts versprochen, es war von Anfang an klar, was das zwischen uns ist. Oder auch nicht ist. Aber der Kopf kann noch so viel verstehen, kann sich noch so viel vornehmen, kann noch so vernünftig sein, das Herz ist es nicht. Das Herz tut, was es will.
Und meins wollte Tom. So sehr, dass ich mich in dieser Nacht auf ihn eingelassen habe, auch wenn ich wusste, dass er es anschließend brechen wird.
Ohne auf Jenna zu warten springe ich auf, greife nach meiner Jacke und taumle in Richtung Ausgang. Meine Freundin ruft etwas, Stühle rutschen über den Boden, dann halte ich endlich die Eingangstür in der Hand und reiße sie erleichtert auf.
Bis zu meiner Rechten etwas explodiert und ich erschrocken herumfahre.
Ein beißender Geruch zieht in sekundenschnelle durch das gesamte Café, dunkler Rauch kommt aus der offenen Seitentür neben der Verkaufstheke. Der schwarzhaarige Mann, der Tom offenbar unterstützt, kommt aus der Backstube gestürzt. Hustend schaut er sich um, rudert wild mit den Armen, dann ruft er etwas, das allerdings im Lärm des plötzlichen Tumults untergeht. Alle Gäste sind aufgesprungen, einige, darunter auch Jenna, verlassen panisch das Café. Ich werde zur Seite gestoßen und pralle unsanft gegen die Verkaufstheke. Der Rauch beißt in meiner Nase, treibt mir die Tränen in die Augen. Warum ich nicht auch gehe, kann ich nicht sagen. Vermutlich stehe ich unter Schock. Gehetzt suchen meine Augen nach Tom. Eben war er noch hinter mir, jetzt kann ich ihn nicht entdecken. Oh Gott, nicht, dass ihm etwas passiert ist. Etwas Kaltes greift nach meinem Herzen, lässt meinen Kehle für einen kurzen Augenblick eng werden. Gerade will ich um die Theke herumgehen und nach ihm rufen, da entdecke ich ihn am offenen Fenstern auf der anderen Seite des Cafés. Neben ihm steht der Schwarzhaarige, dessen Gesicht rußverschmiert ist. Sie diskutieren, beide angespannt und wütend. Wortfetzen dringen zu mir durch, ich verstehe »Feuer«, »Sicherung«, »Ofen«. Und »Altes Schrotteil«. Vermutlich hat sein alter Backofen den Geist aufgegeben.
Ich schüttle den Kopf, mache einen zögerlichen Schritt in Richtung Ausgang. Mittlerweile ist das Café fast vollständig verlassen. Doch ich kann einfach nicht gehen. Stattdessen hängt mein Blick an Tom fest, der sich jetzt mit einer hilflosen Geste durch die Haare fährt. Er wirkt nicht länger wütend, eher resigniert, mutlos. So, als habe er in diesem Moment aufgegeben. Wenn der Ofen wirklich kaputt ist, braucht er einen neuen. Sonst kann er dicht machen. Doch so, wie Tom gerade den Kopf schüttelt und sein Blick wehmütig und traurig über die leeren Plätze schweift, scheint das ein größeres Problem zu werden.
Ein Stich fährt durch mich hindurch. Ich will nicht, dass das Café schließt. Und Tom wieder verschwindet. Nicht wieder. Einfach so.
Das werde ich nicht zulassen.
Die Heftigkeit, mit der sich diese Entscheidung in mir festigt, dreht mir den Magen um. Ich sollte nicht so fühlen, ich bedeute Tom nichts. Und er mir auch nicht. Außer, dass er mein Konkurrent ist und ich eigentlich froh darüber sein sollte, dass er schnell wieder verschwindet. Nur dass ich genau das nicht bin. Oh, verdammt! Entschlossen schiebe ich das Gefühlschaos, das mich aus dem Gleichgewicht bringen will, beiseite. Damit kann ich mich wann anders befassen.
Jetzt erst einmal muss ich helfen.
Tom.
Und auch mir.

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