Lebkuchenliebe: Tag 4

Deal

Tom

Freitag, 4. Dezember

Ich bin am Arsch. Diesmal wirklich. Denn dass ich jetzt bittend und bettelnd ausgerechnet auf dem Weg zu Ella bin, zu Ella Stark, die mein direktes Konkurrenzgeschäft in diesem beschissenen Kaff betreibt, zeigt, wie wenig Stolz ich noch besitze. Oder Rückgrat.
Ich sollte hinschmeißen. Den kaputten Ofen als Zeichen sehen und schleunigst wieder aus Fichtenstein verschwinden. Zumindest war Jan dieser Meinung. Und damit hat er vermutlich auch recht.
Nur, dass ich niemand bin, der so schnell aufgibt. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich es durch. Mal abgesehen davon, dass ich gar keine andere Wahl habe. Meine finanzielle Lage ist gelinde gesagt bescheiden und ich tue besser daran, die nächsten Monate unter dem Radar zu bleiben. Nicht, dass sie mich doch noch finden und Geld von mir fordern, das ihnen nicht gehört. Oder Schlimmeres. Ich hätte mich niemals auf dieses Geschäft einlassen dürfen, aber wie heißt es so schön: Hinterher ist man immer schlauer. Von daher ist Fichtenstein aktuell die beste Lösung. Auch wenn ich jetzt vor Ella zu Kreuze kriechen muss.
Entschlossen trete ich durch die gläserne Ladentür in die Traditionsbäckerei Stark. Allein der Name entlockt mir ein Augenrollen. Dasselbe Logo wie vor zehn Jahren klebt an der großen Glasfront, dieselbe Holzbank mit den bunten Kissen steht innen direkt davor. Die neuste Ausgabe des »Wochenboten« liegt darauf, daneben ein Schirmständer und ein kleiner Tisch mit einem Strauß Tannenzweigen. Es riecht süßlich, ein vertrauter und gleichzeitig fremder Duft, weil es in meinem Café anders riecht. Ein Regal mit Nudeln, Mehl und Süßigkeiten hängt an der Wand gegenüber dem Eingang, während sich die große Verkaufstheke über die gesamte rechte Seite erstreckt. Es hat sich kaum etwas verändert, die Bäckerei sieht aus wie früher. Selbst die Weihnachtsdekoration, die penetrant und vollkommen übertrieben im gesamten Raum verteilt ist, kommt ein wenig antiquiert daher.
Erinnerungen stürmen auf mich ein, als ich an die Theke trete. Ich habe das Gefühl, in der Zeit zurückzuspringen. Ich bin wieder zwölf und kaufe wie jeden Morgen mein Käsebrötchen. Und wie jeden Morgen steckt mir Ingrid Stark noch ein Päckchen Gummibärchen in die Tüte. Meine Eltern waren noch nicht getrennt, meine Welt heil und beschaulich. Doch ein Augenblinzeln später bricht sie auseinander, zersplittert, ohne dass ich etwas daran ändern kann.
Am liebsten würde ich direkt wieder gehen.
»Tom?«
Atme, lächle, lass dir nichts anmerken.
»Hallo Frau Stark.«
Genau wie ihre Bäckerei hat sich auch Ingrid Stark kaum verändert. Sie ist älter geworden, klar, aber die kurzen dunkelbraunen Haare umrahmen wie festgeklebt ihr Gesicht. Nicht eine Strähne liegt an der falschen Stelle.
»Wie kann ich dir helfen?« Ihrer angespannten Stimme entnehme ich, dass sie mir nicht wirklich helfen will. Stattdessen würde sie mich am liebsten direkt aus ihrer Bäckerei schmeißen, denn Abneigung blitzt unverhohlen in ihren wasserblauen Augen auf. Mmh. Ellas sind grün. Von ihrer Mutter hat sie die offenbar nicht.
»Ich möchte zu Ella«, erwidere ich und schenke ihr ein charmantes Lächeln. Offene Abneigung verunsichert mich schon lange nicht mehr. Damit habe ich genug Erfahrung in den letzten Jahren gesammelt.
»Sie ist nicht hier.« Frau Stark verschränkt die Arme vor der Brust. Hinter mir ertönt die Türglocke, ein weiterer Kunde betritt die Bäckerei.
Ich hebe skeptisch eine Augenbraue. »Sie hat mir vor zehn Minuten geschrieben, dass ich zu ihr kommen soll. Sie wäre in der Backstube.«
Eine Sekunde vergeht. Noch eine. Dann dreht sich Ellas Mutter mit zusammengepressten Lippen und einem Ausdruck im Gesicht zur Tür in ihrem Rücken, bei dem ich an Ellas Stelle sofort wegrennen würde. »Ella! Da ist jemand für dich!«
Oh ja, sie hasst mich!
»Schick ihn rein!«, kommt es gedämpft. Aber ohne Zögern.
Ich kann mir mein siegessicheres Grinsen nicht verkneifen, als ich um die Theke herum an einer bebenden Frau Stark vorbei in Richtung Backstube schlendere. Unweigerlich frage ich mich, ob Ellas Mutter weiß, dass ihre Tochter und ich mal was miteinander hatten? Ihrem abschätzigen Blick nach zu urteilen, würde ich mal auf ja tippen. Mein Grinsen wird überheblich, gehässig, arrogant. Oh ja, Ingrid, ich, die Nullnummer, die dir nun das Leben schwer macht, hat es mit deiner kleinen Tochter getrieben. So richtig!
»Hey, Tom, ich bin hier drüben«, ertönt Ellas Stimme aus dem hinteren Bereich der Backstube. Schnell wische ich mir das übertriebene Grinsen wieder aus dem Gesicht. Es galt nur ihrer Mutter, nicht Ella.
Die Backstube ist deutlich kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe. Links neben der Tür entdecke ich den Backofen mit einer großen Arbeitsfläche davor, in der Mitte des Raumes stehen mehrere Metalltische. An den Wänden befinden sich verschiedene Rühr- und Knetmaschinen, Regale, Edelstahlwägen mit Backblechen und Tabletts. Es ist picksauber, dennoch hängt auch hier ein wenig Nostalgie im Raum.
Mit wenigen Schritten bin ich bei Ella, die gerade Hagelzucker auf große runde Plätzchen streut. Sie trägt eine weiße Schürze über ihrer Kleidung und hat ihre braunen Haare unter einer Haube versteckt. Neben ihr liegen weitere Bleche mit Plätzchen, einige davon sind bereits fertig gebacken. Ohne weiter darüber nachzudenken greife ich mir eins und stecke es in den Mund.
»Hi, Ella! Ich bin hier wegen des …« Der Rest meines Satzes geht in einem Hustenanfall unter, weil sich ein Krümel des Kekses in meinen Hals verirrt hat. Oh Gott, ist das Zeug trocken!
Ella schaut mich nur abwartend an. »Ja?«
»Hast du was zu trinken?«, röchle ich hilflos.
»Nein.«
Ein erneutes Husten, dann würge ich den Rest des furztrockenen Gebäcks herunter. »Was zur Hölle tut ihr da rein?«
Ihre Lippen werden schmal. Okay, ganz falsche Taktik. Immerhin will ich den verdammten Ofen von ihr. »Ich bin hier wegen des Ofens«, fange ich noch einmal an und hebe beschwichtigend die Hände. Meine Stimme kratzt noch ein wenig. »Meiner ist kaputt und ich würde auf dein Angebot zurückkommen und mir euren alten Ofen … borgen.« Dank des fehlenden Kredits kann ich mir keinen neuen leisten. Und so ein Ding ist schweineteuer, sodass »Borgen« ein recht dehnbarer Begriff ist.
»Backst du eigentlich irgendetwas aus deinem Angebot selbst?« Obwohl mir Ella mit dem Ofen den Arsch rettet, spüre ich ihre Ablehnung überdeutlich. Sie mag mich nicht, sie will mich nicht hier haben. Aber warum hilft sie mir dann?
»Traust du mir das nicht zu?« Unbeeindruckt von ihrer offenen Provokation trete ich einen Schritt näher an sie heran.
»Nein.« Sie wischt sich die Hände an der Schürze ab und verschränkt sie anschließend vor der Brust. Es ist gruselig, wie ähnlich sie ihrer Mutter jetzt sieht. »Woher kannst du backen?«
»Ich bin viel herumgekommen.« Was wird das, ein Verhör?
»Ich wundere mich nur über deine Auswahl. Sie ist … ungewöhnlich.«
Meine Mundwinkel zucken. Sie findet sie scheiße. Ella kann sich überhaupt nicht verstellen. Auf ihrem Gesicht spiegeln sich ihre Gefühle wie Wolken im Wasser. »Mein Café hat ein anderes Konzept als eure Bäckerei.«
»Ich glaube kaum, dass das in Fichtenstein funktioniert«, stellt sie so abgeklärt fest, als wäre es undenkbar, dass in diesem Kaff tatsächlich einmal etwas Neues Anklang findet. Wenn sie sich da mal nicht irrt.
»Die letzten Tage liefen nicht schlecht.« Sogar überraschend gut, um genau zu sein.
Sie brummt unbestimmt. Ich kann nicht sagen, ob frustriert oder zustimmend. Vermutlich beides.
»Also, der Ofen?«, erinnere ich sie an mein eigentliches Anliegen. Wobei mir immer schleierhafter wird, warum sie ihn mir gibt. Wenn sie so wenig von mir und meinem Café hält, bräuchte sie sich nur zurückzulehnen und abzuwarten, bis ich wieder verschwunden bin. Stattdessen hilft sie mir aus der Klemme.
»Der ist unten im Keller. Wenn du mir hilfst, ihn in unseren Sprinter zu laden, kann ich ihn dir nachher vorbeifahren.«
Ich zucke mit den Schultern. »Klar! Was willst du für den Ofen haben?«
Sie sieht mich überrascht an. Dann schüttelt sie den Kopf. »Nichts. Das habe ich dir doch schon gesagt. Wir benutzen ihn nicht mehr, er steht sowieso nur herum. Du bekommst ihn umsonst.«
Unweigerlich halte ich inne. Skepsis macht sich in mir breit und die ganze Sache kommt mir nicht mehr ganz so geheuer vor, wie noch vor wenigen Augenblicken.
»Nichts im Leben ist umsonst, Ella.« Meine Stimme klingt bitterer, als sie sollte, doch all die Erfahrungen der letzten Jahre schwingen darin mit. Denn ich habe auf die harte Tour lernen müssen, dass einem im Leben nichts geschenkt wird. Wenn es anders wäre, hätte ich nicht in dieses Kaff fliehen müssen.
Ellas Augenbrauen wandern in die Höhe und ich kann die Fragenzeichen hinter ihrer Stirn aufploppen sehen. »Ich will wirklich nichts für den Ofen«, wiederholt sie ihre Worte. Wenn auch nicht mehr ganz so entschlossen.
»Bist du sicher?«
Und dann passiert plötzlich etwas mit Ella. Ihr Blick wird glasig, ihr Körper richtet sich unmerklich auf und ihre Lippen verziehen sich zu einem diabolischen Schmunzeln. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht erinnert mich an ein Kind, das gerade eine Idee für einen grandiosen Streich hat. »Hast du morgen Abend schon was vor?«
Ich hätte den verfickten Ofen einfach nehmen und verschwinden sollen. Denn was immer es ist, dass sich gerade in Ellas Kopf festgesetzt und ihr dieses fiese Grinsen ins Gesicht gezaubert hat, es wird mir ganz und gar nicht gefallen. »Nein.«
»Im Bürgerhaus findet ein Ehemaligentreffen unserer Schule statt«, beginnt sie und mir schwant Übles. Warum zur Hölle habe ich nicht einfach gelogen?
»Ja, und?« Männer sind schwer von Begriff. Denken Frauen zumindest. Natürlich weiß ich, worauf sie hinaus will, aber so leicht muss ich es ihr ja nicht machen.
»Du begleitest mich dorthin. Als Gegenleistung für den Ofen.«
Nein. Ganz sicher nicht. Nicht einmal für diesen beschissenen Ofen. »Wenn du Sex mit mir willst, können wir das auch einfacher haben. Ohne dieses ganze überflüssige Gedöns davor. Du musst nur fragen.« Ich meine das nicht ernst, zumindest nicht ganz.
Ella legt den Kopf schief. »Tom, wir hatten schon Sex. Und wenn ich ehrlich sein soll, war es maximal mittelmäßig. Also danke nein, ich verzichte. Ich will lediglich, dass du mich morgen Abend begleitest.«
Ich glaube ihr kein Wort. »Ganz sicher?« Langsam greife ich nach meinem Pullover und ziehe ihn nach oben. Dunkles Verlangen blitzt in ihren Augen auf. Einen Augenblick wirkt Ella wie erstarrt, dann kommt sie um den Tisch herumgelaufen und greift nach meinen Händen.
»Ich bin ganz sicher! Zwischen uns wird nichts laufen. Nie wieder.« Ihre Finger streifen meinen nackten Bauch. Nur einen kurzen Augenblick, doch der langt, um einen Stromschlag durch meinen Körper zu jagen. Erschrocken halte ich inne, irritiert von dem heißen Kribbeln, das über meine Haut rennt. Was zur Hölle?
Mit einem Ruck ziehe ich meinen Pullover wieder nach unten, befreie mich aus Ellas Griff. »Warum soll ich dich dann begleiten?«
Ella holt Luft, ihr Gesicht verfinstert sich. Schmerz huscht darüber, Enttäuschung. Sie überlegt, was sie mir sagen soll. Dabei kann ich es mir fast schon denken.
»Es gibt einen Ex-Freund, oder?« Ein Schuss ins Blaue, aber die einzig logische Erklärung, warum sie ausgerechnet mich um ein Date bittet.
Sie presst die Lippen zusammen. »Ja. Und ich weiß echt nicht, wer von euch beiden das größere Arschloch ist. Du oder Frederik.«
Entschuldigend hebe ich die Hände. »Hey, ich habe dir nie etwas versprochen.«
Ich sehe ihr an, wie sehr sie mich in diesem Moment hasst. Und auch sich selbst, weil sie mich um diesen Gefallen gebeten hat.
»Arschloch hin oder her, ich bin offenbar deine einzige Option für morgen Abend. Und da ich den Ofen dringend brauche, werde ich dich begleiten.«
Ella starrt mich an. Alte Wut spiegelt sich in ihren meergrünen Augen, Enttäuschung, Schmerz. Aber da ist noch etwas anderes, etwas, das mir den Boden unter den Füßen wegzieht, weil ich es so gut kenne. Verzweiflung, Leere. Einsamkeit. Ich muss sie vor zehn Jahren sehr viel mehr verletzt haben, als mir klar war. Wir waren jung, wild und ungestüm. Es gab nur diese eine Nacht zwischen uns. Wir hatten davor nichts miteinander und kurz danach bin ich weggezogen. Aber in diesem Moment wird mir bewusst, dass es für Ella sehr viel mehr gewesen sein muss. Dass sie sich aus unerfindlichen Gründen mehr erhofft hatte. Dass sie mehr für mich empfunden hat. Dass sie verliebt in mich war.
Bevor ich etwas sagen kann, geht ein Ruck durch ihren Körper und sie nickt.
»In Ordnung, Tom. Wir haben einen Deal.«

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