Lebkuchenliebe: Tag 5

Skandalträchtig

Ella

Samstag, 5. Dezember

Was zur Hölle zieht man an, wenn man auf seinen Ex-Freund trifft? Etwas, in dem man sich wohlfühlt, um ihm gegebenenfalls die Meinung zu sagen? Etwas Aufreizendes, um ihm zu zeigen, was er verpasst? Etwas Gewöhnliches, damit er versteht, dass man sehr gut ohne ihn klar kommt? Oder einfach Jeans und T-Shirt, um deutlich zu machen, dass man sich um ihn überhaupt keine Gedanken gemacht hat? Ach verdammt, ich bin überfordert!
»Wie ich sehe, gehst du heute Abend auch zum Ehemaligentreffen.« Leon steht lässig an den Türrahmen gelehnt in meiner Zimmertür und schaufelt in einem Affentempo Müsli in sich hinein. Ich kenne niemanden, der so viel frisst wie mein Zwillingsbruder und dabei immer noch so unverschämt gut aussieht.
»Ja«, knurre ich frustriert und ein wenig panisch, während ich den Inhalt meines Kleiderschrankes überblicke, der sich in einem chaotischen Haufen auf meinem Bett verteilt.
»Und gehe ich recht in der Annahme, dass du dieses Klamottenchaos nur veranstaltest, weil Frederik auch kommt?«
»Ja!« Verdammt, so komme ich nicht weiter. Und eigentlich sollte es mir egal sein, was mein Ex-Freund von mir denkt – ist es aber leider nicht. Frederik und ich waren zwei Jahre zusammen. Bis diese »Bitch« Denise Betenkamp ihm vor einem Jahr den Kopf verdrehen musste. Ich will ihm zeigen, dass es mir gut geht. Dass ich sehr gut ohne ihn zurechtkomme. Und dass ich offen für jemand Neuen bin. Also doch besser Jeans und eine Bluse?
»Nimm das schwarze Kleid dahinten!«, meint mein Bruder lapidar und deutet mit seinem Löffel auf ein schwarzes Etuikleid, das über dem Kopfkissen liegt. »Darin siehst du scharf aus.«
Ich rolle mit den Augen. Mein Verständnis von »scharf« deckt sich nicht unbedingt mit dem meines Bruders.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«, will ich wissen, eine Spur genervt. Leon und ich wohnen gemeinsam in der alten Wohnung meines Großvaters. Was erstaunlich gut funktioniert, da wir uns die meiste Zeit nicht sehen. Leon schläft, wenn ich morgens das Haus verlasse, und ist noch unterwegs, wenn ich wiederkomme. Als selbstständiger Grafikdesigner kann er sich seine Arbeitszeit selbst einteilen. Das Einzige, was mir immer wieder aufstößt, sind seine regelmäßigen Pokerrunden, die er ausgerechnet in unserer Küche ausrichten muss.
»Ich war vor ein paar Tagen mit Tom Westen im Krug. Er betreibt das neue Café in Fichtenstein.«
Ich zucke unbeteiligt die Schultern. Auch wenn ich mir sicher bin, dass mein Bruder meine lockere Fassade sofort durchschaut. »Weiß ich. Und?«
»Du magst allen anderen etwas vormachen können, Schwesterherz, aber ich weiß, was da zwischen Tom und dir gelaufen ist.«
Verdammt! Warum kennt er mich auch so gut? »Ach ja? Und wenn schon, Tom ist mir völlig egal. Das Café wird sich nicht lange halten.« Unerschrocken drehe ich mich endgültig zu ihm herum, die Hände eingestützt, das Kinn gereckt. Der selbstsichere Auftritt wird allerdings dadurch ruiniert, dass ich nur in Unterwäsche vor meinem Bruder stehe. Und meine Hände zittern, da ich alles andere als ruhig bin. Ich bin aufgewühlt und nervös, weil ich gleich nicht nur Frederik treffe, sondern auch Tom. Und ich mich immer noch nicht entschieden habe, ob ich ihm eine zweite Chance gebe oder ihn doch lieber ungespitzt in den Boden ramme. Wobei Letzteres die vielversprechendere Option wäre.
Mein Bruder mustert mich. Die leere Müslischale immer noch in der Hand. »Tom war mein bester Freund, Ella. Aber ich fand es nicht gut, was er mit dir abgezogen hat. Sollte er das wieder versuchen, werde ich ihn an den Eiern packen und höchst persönlich aus Fichtenstein werfen.«
Mir entgleiten meine Gesichtszüge. Bitte was? War eine Extraportion Testosteron im Müsli oder woher kommt sein plötzlicher Beschützerinstinkt? Der harmonische Dreiklang unserer Haustürklingel erspart mir die Antwort. Erschrocken schaue ich an mir herunter. Natürlich bin ich immer noch nackt, mein Kleiderschrank liegt unangetastet auf meinem Bett.
Leon sieht zur Wohnungstür, dann zurück zu mir. Dabei grinst er breit. »Ich bin dann mal weg!« Er stößt sich von der Tür ab und verschwindet im Flur. Wenig später öffnet sich die Haustür.
Gestresst gehe ich zum Bett und wühle gehetzt durch meine Klamotten. Bitte lass es nicht Tom sein! Doch bevor ich endgültig in Panik verfalle, erklingt die Stimme meiner Mutter aus unserem Wohnungsflur. Oh nein, vielleicht wäre Tom doch die bessere Alternative gewesen!
»Hi Schatz. Ich wollte kurz mit dir sprechen.« Meine Mutter sieht wie immer aus wie aus dem Ei gepellt. Sie trägt einen dunkelblauen Overall mit einem breiten cognacfarbenen Gürtel, ist dezent geschminkt, ihre Frisur sitzt. Manchmal frage ich mich, wie sie das macht. Ich sehe nach einem langen Tag in der Bäckerei aus wie gerupftes Huhn.
»Du hättest auch anrufen können«, begrüße ich sie ruppig und wende mich wieder dem Klamottendesaster zu.
»Wir wohnen im selben Haus. Da kann man auch kurz vorbeikommen.«
Ich unterdrücke ein Augenrollen, doch meine Mutter beachtet mich nicht weiter. Stattdessen wühlte sie unaufgefordert in dem Kleidungsberg, bis sie schließlich ein knielanges blaues Kleid herauszieht. Es ist schmal geschnitten und hat über dem Dekolletee einen schrägen, leicht transparenten Spitzeneinsatz. »Das ist hübsch, das solltest du anziehen.«
Automatisch fahren meine Augenbrauen zusammen. »Nein. Ich dachte eher an eine Jeans mit Bluse.«
Sie fährt mit der Hand über einen Pullover, schiebt ihn beiseite und tut, als würde sie weitersuchen. Aber ich kenne meine Mutter, das blaue Kleid ist längst gesetzt. »Wird Frederik auch kommen?« Sie fragt völlig beiläufig, als würde es sie nicht wirklich interessieren.
»Ich denke schon.«
»Dann solltest du auf alle Fälle das blaue anziehen. Darin siehst du schlanker aus.« Sie nickt, um ihren Worten mehr Ausdruck zu verleihen, und hält mir das Kleid hin.
»Ich mag es aber nicht.«
»Ach was Schatz! Das Arschloch soll sehen, wie toll du aussiehst!« Unschlüssig sehe ich zwischen meiner Mutter und dem Kleid hin und her. Sie meint es gut, will nur das Beste für mich. Und ich bin mir sicher, dass mir das blaue Kleid wirklich steht. In solchen Dingen hat sie meistens recht. Dennoch … Ich zögere einen Augenblick, schaue noch einmal zu meiner Lieblingsjeans, dann greife ich nach dem schwarzen Etuikleid auf dem Kopfkissen. Jenem Kleid, in dem ich laut Leon »scharf« aussehe. Denn meine Mutter hat recht, ich will Frederik heute Abend umhauen.
»Was wollte Tom gestern von dir?« Meine Mutter greift nach einer grünen längeren Strickjacke und legt sie beiseite. Ohne einen Kommentar nehme ich sie an mich und ziehe sie an.
»Ich habe mein Portmonee bei ihm im Café vergessen. Das hat er mir vorbeigebracht.« Mein Blick klebt am Spiegel, während ich mir die Haare seitlich hochstecke. Nie im Leben werde ich meinen Eltern beichten, dass ich Tom unseren alten Ofen vermacht habe. Meine Mutter würde mich auf der Stelle enterben.
»Du warst bei ihm im Café?« Sie schiebt die Klamotten ein Stück zur Seite und lässt sich auf meinem Bett nieder.
»Ja, ich war mit Jenna da. Ich wollte sehen, wie sein Café aussieht und ob wir uns ernsthaft Sorgen machen müssen.« Meine Haare sind fertig, das Ergebnis ist grauenvoll. Schnell zupfe ich die Klammern wieder heraus, fahre mit den Fingern grob durch meine Locken und verwuschle sie, bis sie mir in leichten Wellen um den Kopf fallen. Besser. »Müssen wir nicht«, schiebe ich hinterher, bevor meine Mutter fragen kann. »Sein Konzept ist ein vollkommen anderes. Neumodische Ferz, wenn du mich fragst. Das wird sich nicht lange hier halten.«
Ihr Blick im Spiegel trifft meinen. »Und Tom? Wie findest du ihn?«
In diesem Moment wird mir klar, warum sie eigentlich hier ist. Es geht nicht um das Café oder Frederik. Es geht einzig und alleine um den bedauerlicherweise verflucht heißen Kerl, der mich heute Abend begleiten wird.
»Er ist ein Arschloch. Wie alle Männer«, antworte ich genau das, was sie hören will.

***

Eine halbe Stunde später marschiere ich aus unserem Haus und ziehe schwungvoll die Haustür hinter mir zu. Mit einem lauten Krachen fällt sie ins Schloss. Ups! Ich bin wütend und aufgebracht. Nervös und ein bisschen überfordert. Es war eine ganz beschissene Idee, Tom um ein Date zu bitten. Am meisten aber ärgert es mich, dass sich mein Bruder und meine Mutter schon wieder in mein Leben einmischen, obwohl noch überhaupt nichts passiert ist. Tom und ich. Als ob das eine reelle Option wäre. Nie im Leben werde ich mich noch einmal auf ihn einlassen. Das halbe Jahr, dass ich nach seinem Wegzug geheult habe, hat mir wirklich gelangt. Außerdem macht Tom nicht den Eindruck, dass er als ernsthafter Freund taugt. Dafür wirkt er zu rastlos, zu getrieben. Zu verboten. Zu sexy. Ach verdammt!
Ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich Tom gegenübertreten soll, als sich eine dunkle Gestalt aus den Schatten des Nachbarhauses schält. »Du bist spät«, stellt Tom fest und tritt ins Licht der Straßenlaterne. Er trägt eine Winterjacke und eine Jeans, in der Hand hält er eine Zigarette, die er jetzt zu Boden wirft und austritt.
Überrascht bleibe ich stehen. »Frauen kommen nie zu spät, sondern immer genau richtig. Außerdem wollten wir uns am Bürgerhaus treffen.«
Tom tritt dichter an mich heran, sodass ich das schiefe Grinsen in seinem Gesicht erkennen kann. Augenblicklich sackt mein Magen eine Etage tiefer. Seine dunklen Haare hängen ihm wirr ins Gesicht und in seinen nachtblauen Augen blitzt ein dunkles Funkeln. Verflucht, warum muss dieser Kerl auch so verboten attraktiv sein?
»Das hier ist ein Date, Cinderella. Und zu einem echten Date holt der Prinz die Prinzessin zuhause ab.«
Ein missbilligendes Schnauben verlässt meinen Mund. »Dir geht es nur um den Ofen«, erinnere ich ihn. »Ansonsten wärest du überhaupt nicht hier.«
Sein Grinsen verzieht sich keinen Millimeter. »Und dir um deinen Ex-Freund. Ansonsten wärst du überhaupt nicht hier.«
Kurz bin ich versucht, ihm eine patzige Antwort zu geben, aber das würde nirgendwohin führen. Ich habe ihn gebeten, mich zu begleiten. Und er ist hier. Wenn wir es wenigstens zwei Stunden miteinander aushalten wollen, sollte ich aufhören, mich wie eine biedere Zicke zu benehmen. »Können wir also?«, frage ich betont ruhig und mache mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Straße. Ohne auf seine Antwort zu warten, gehe ich voran. In mir tobt ein Sturm aus Emotionen und bereits jetzt dämmert es mir, dass dieser Abend ganz und gar nicht so laufen wird, wie ich es mir vorgestellt habe. Frederik mit Tom eifersüchtig zu machen, war eine Schnapsidee. Jeder Blinde sieht, dass wir zwei nicht miteinander können.
Nach zwei Schritten hat Tom mich eingeholt. Es ist nicht weit bis zum Bürgerhaus, maximal zehn Minuten. Wir gehen schweigend die dunkle Straße entlang, vorbei am Kirchplatz, wo in einer Woche der alljährliche Weihnachtsmarkt stattfindet.
»Was willst du mit der Kamera?«, fragt Tom, als wir in die kleine Gasse hinter der Kirche eintreten. Hier gibt es keine Straßenlaternen, doch ich bin hier schon so oft entlang gelaufen, dass ich jeden Meter kenne.
Unwillkürlich greife ich nach der Fototasche, die um meine Schulter hängt. »Nora hat mich gebeten, ein paar Fotos für den ›Wochenboten‹ von heute Abend zu schießen. Ich helfe ihr ab und zu.«
»Du interessierst dich für Fotografie?« Er klingt ehrlich überrascht.
»Ein wenig. Es ist ein Hobby, mehr nicht.« Auch wenn mein Bruder da anderer Meinung ist. Leon denkt, ich hätte ein gutes Auge für den richtigen Moment. Er findet meine Bilder großartig und drängt mich immer wieder, mehr aus meinem Hobby zu machen. Aber so einfach ist das leider nicht. Irgendjemand muss unseren Eltern in der Bäckerei helfen. Und da sich mein Zwillingsbruder lieber in irgendwelchen Webgrafiken verliert, ist der Job an mir hängengeblieben.
»Das ist schade«, antwortet Tom. Er zögert, bleibt still, so lange, dass ich schon nicht mehr mit einer weiteren Erklärung rechne. »Meine Mum ist Fotografin«, sagt er schließlich.
Zwei Dinge lerne ich in diesem Moment über ihn. Erstens, dass er nicht gerne über Privates spricht. Warum er sich ausgerechnet mir gegenüber öffnet, ist mir schleierhaft. Und zweitens scheint er ebenso wie ich entschieden zu haben, dass wir vorübergehend das Kriegsbeil begraben.
»Die Fotos in deinem Café, sind die von ihr?«, will ich wissen, während wir in den Südring einbiegen. Das Bürgerhaus ist bereits in Sicht. Durch den offenen Eingang strahlt Licht hell in die Nacht, eine Traube von Menschen hat sich davor versammelt.
»Ja. Ich fotografiere auch ab und zu, aber die Bilder meiner Mutter sind sehr viel besser. Sie hat ein unglaubliches Talent. Das hat sie mir leider nicht vererbt.« Er zuckt mit den Schultern. Noch etwas lerne ich heute Abend. Nämlich, dass er seine Mutter liebt. Wäre es anders, hätte er sich nicht ihre Bilder in sein neues Café gehängt.
»Was hast du dann in den letzten zehn Jahren gemacht? Außer mittelmäßig zu fotografieren?«
Tom lacht auf. Es fühlt sich merkwürdig an, sich ganz normal mit ihm zu unterhalten. Ohne Sticheleien, ohne, dass ich direkt wieder aus der Haut fahren könnte. Es ist ungewohnt, aber irgendwie auch gut. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll.
»Meine Mum hat viel gearbeitet, überall auf der Welt, und ich habe sie begleitet. Eine Zeit lang habe ich in Hamburg gelebt, bis es mir dort zu langweilig wurde. Die letzten Jahre bin ich wieder viel gereist.« Es klingt nur nach der halben Wahrheit, doch alleine diese Worte erschüttern mich. Denn Toms Stimme klingt nüchtern, abgeklärt, beinahe kalt. Wie als würde er das Leben einer anderen Person beschreiben. Sonderlich glücklich scheint er nicht zu sein.
»Warum bist du wieder in Fichtenstein, Tom?«
Wir sind stehengeblieben. Der Lärm der feiernden Mitschüler dringt bis zu uns.
Tom fährt sich mit der Hand über die Stirn. So offen und direkt er eben war, so viel Probleme hat er nun zu antworten. »Ich war viel unterwegs. Jeden Monat eine andere Stadt, ein anderes Land. Selbst Hamburg war nicht wirklich mein Ding«, sagt er schließlich und sieht mich dabei direkt an. Sein eindringlicher, offener Blick zieht mir den Boden unter den Füßen weg. »Fichtenstein ist das einzige Zuhause, das ich kenne. Vielleicht kann es das wieder werden.« Er presst die Lippen zusammen und lächelt schwach. Ehrlich.
Dennoch werde ich das untrügliche Gefühl nicht los, dass er lügt. Dass das nicht der eigentliche Grund ist, warum er plötzlich, nach so vielen Jahren wieder in diesem Ort aufgetaucht ist. Doch ich entscheide mich, nicht weiter nachzubohren. Tatsächlich geht es mich nichts an.
»Dann wollen wir doch einmal sehen, ob du Fichtenstein nach heute Abend wirklich noch willst«, entgegne ich daher grinsend und greife nach seiner Hand. Ziehe ihn mit mir, hinein in den Trubel, zu den bunten Lichtern und der Musik. Hinein in eine Halle voller Mitschüler, denen ich es heute Abend zeigen werde.
Rücken gerade, Brust raus, Krönchen richten. Atemraubende Begleitung anlächeln. Check!

***

Eine Welle stickiger Luft schwappt über uns hinweg, als wir den großen Saal unseres Bürgerhauses betreten. An der Decke und den Seiten flimmern bunte Lichter, die den ansonsten dunklen Saal in eine gemütliche Atmosphäre tauchen. Überall hängen Glitzersterne und große knallbunte Kugeln, sodass es wie eine Mischung aus Weihnachten und 70ziger Jahre Disco wirkt. Im vorderen Bereich sind Stehtische aufgebaut, während auf der Bühne eine Band gerade »Iggy Pop« von »The Passenger« spielt.
Mein Lächeln wirkt festgetackert, ich bemühe mich, gelassen und cool auszusehen. Doch meine Fassade bekommt Risse, als ich Denise und ihre Freundinnen an einem Stehtisch entdecke. Meinen Ex-Freund und seine Kumpels nur wenige Meter entfernt. Frederik sieht aus wie immer. Die schwarzen kurzen Haare gestylt, eine schmale Brille auf der Nase und ein blaues Hemd mit feinen weißen Streifen. Gott, was habe ich diese Hemden verabscheut! Er sieht darin aus wie ein Bänker, dabei arbeitet er bei Klingelmann auf dem Bau. Alte Gefühle schwemmen in mir hoch, die Liebe, die ich einst für ihn verspürte, die Enttäuschung nach der Trennung. Aber auch der Frust während unserer endlosen Streitereien, sein Unverständnis, dass ich nicht mit ihm nach Frankfurt ziehen wollte, weil es da mehr Arbeit gibt. Er hat nie verstanden, was mich in Fichtenstein hält. Auch deshalb war unsere Trennung nur eine Frage der Zeit. »Bitch« Denise Betenkamp hat das Ganze dann allerdings etwas beschleunigt. Ich atme noch einmal tief durch und recke mein Kinn. Du schaffst das, Ella! Gerade will ich einen Schritt nach vorne machen, als mich ein Händedruck zurückhält.
»Auf einer Skala von eins bis zehn, wie schlimm war die Trennung?«, fragt Tom, der meinem Blick gefolgt ist. Natürlich weiß er, wer Frederik ist. Immerhin saßen sie bis zum sechszehnten Lebensjahr in einer Klasse.
»Zwölf«, würge ich hervor. »Er hat im Hausflur mit mir Schluss gemacht, während meine Eltern am Tisch im Nebenraum saßen und alles mitangehört haben. An Weihnachten.« Dass ich selbst darüber nachgedacht hatte, mich von ihm zu trennen, verschweige ich in diesem Moment. Denn die Trennung war entwürdigend und beschämend. Nicht unbedingt Frederiks Worte, sondern die Tatsache, dass er bereits am nächsten Morgen mit Denise durch Fichtenstein spaziert ist. Und ich ein halbes Jahr lang die mitleidigen Blicke der ganzen Ortschaft ertragen musste.
Tom kommentiert meine Antwort nicht. Stattdessen dreht er mich zu sich, seine Hand immer noch in meiner. »Dir ist bewusst, dass wir heute Abend einen Skandal auslösen. Wir sind Konkurrenten, die werden sich alle den Mund über uns zerreißen.«
Er steht direkt vor mir. Viel zu nah. Meine Brust und mein Bauch berühren seinen Oberkörper, ich kann seinen ruhigen Atem spüren. Ein Schauer jagt durch mich hindurch, bringt mich zum Schwitzen. »Das ist es mir wert!« Ich hebe den Kopf und sehe ihn entschlossen an. Ja verdammt, sollen sie doch reden! Heute Abend ist mir das egal.
Seine Lippen teilen sich zu einem spitzbübischen Grinsen. »Alles klar! Dann komm!«
Ohne auf meine Reaktion zu warten zieht er mich mit sich. Einmal quer durch den Saal, zwischen den Stehtischen hindurch, vorbei an Denise und Frederik, denen beiden fast die Augen aus dem Kopf fallen, als sie uns sehen. Und meinem Bruder, dessen Blick hingegen eher missbilligend als ungläubig wirkt. Fast, als hätte er geahnt, dass ich mit Tom heute Abend auftauche.
Mitten auf der Tanzfläche, die um diese Uhrzeit nur mäßig gefüllt ist, bleibt Tom stehen und legt mir seine freie Hand auf den Rücken. Er zieht mich an sich und bevor ich realisiere, was gerade geschieht, beginnen wir zu tanzen.
Und Tom kann tanzen! Er wirbelt mich herum, zieht mich eng an sich heran, führt mich sicher über die Tanzfläche und verhindert jeden falschen Schritt meinerseits. Ich komme mir vor wie im falschen Film. Ja, ich habe schon getanzt, vor allem an den verschiedenen Festchen, die regelmäßig in Fichtenstein oder den umliegenden Ortschaften stattfinden. Aber diese Art zu tanzen unterscheidet sich doch deutlich von dem, was Tom gerade mit mir anstellt.
»Wo hat du so zu tanzen gelernt?«, keuche ich ein wenig atemlos, als die Band die ersten Takte von Whitney Houstons »I wanna dance with somebody« anschlägt. Dumpf erinnere ich mich, dass ich mehr Sport machen wollte. Okay, dringend sollte!
In Toms Augen blitzt es spöttisch. »Wir haben ein halbes Jahr auf Kuba gelebt. Und das Mädchen, mit dem ich ausgegangen bin, war Tänzerin in einem der Clubs.«
Ich nicke nur. Für mehr fehlt mir die Luft.
»Soll ich langsamer machen?« Er lacht leise und dieser Laut brennt sich geradewegs durch meine Gehörgänge bis in mein Herz. Oh verdammt. Gar nicht gut! Tom ist lediglich ein Mittel zum Zweck, mehr nicht. Doch ich kann mich nicht dagegen wehren, dass plötzlich Erinnerungen an meinem Herzen ziehen und eine Sehnsucht, ein Verlangen wachrufen, das früher einst Tom galt. Bevor er sich in ein Arschloch verwandelt hat und mich einfach vergaß.
Ohne auf meine Antwort zu warten, wiegt uns Tom langsam hin und her, lässt meine Hand los und legt stattdessen beide Arme um meine Taille. Dem Himmel sei dank, dass ich Shapeweare unter dem schwarzen Kleid trage! Im ersten Moment weiß ich nicht wohin mit meinen Händen, dann tue ich es ihm gleich.
»Warst du schon jemals weg aus Fichtenstein? Ich meine nicht in Urlaub, sondern zum Studieren oder Arbeiten«, fragt er und sieht mich dabei aufmerksam an. Die bunten Lichter spiegeln sich in seinen Augen und ich werde das verdammte Gefühl nicht los, dass ich diesen Tanz dringend beenden sollte.
»Nein. Die Bäckerei ist mein Leben. Es stand schon immer fest, dass ich meine Eltern unterstütze und ich will das auch.« Mir ist klar, dass er sich das nicht vorstellen kann. Für jemanden, der so nicht aufgewachsen ist, muss das unvorstellbar klingen.
»Aber bist du nicht neugierig auf die Welt da draußen?«
Leon würde ihm jetzt applaudieren. Die beiden sind sich echt ähnlich, auch deshalb haben sie sich immer gut verstanden. Nur ich bin anders. War es schon immer. »Vielleicht ein bisschen. Aber ich bin zufrieden mit meinem Leben hier. Ich mag Fichtenstein, meine Familie und Freunde wohnen hier.«
Darüber muss er scheinbar nachdenken, denn Tom antwortet nicht.
»Wie ist es für dich wieder hier zu sein? Fichtenstein muss dir unglaublich klein vorkommen«, frage ich, nachdem Tom immer noch schweigt.
Das Grinsen ist aus seinem Gesicht verschwunden. »Es ist merkwürdig«, gibt er zu. »Ich besitze das einzige Café im Ort, zum Einkaufen geht man zu Fuß, es gibt keine Straßenbahn und kaum Taxen. Und die Leute kennen sich. Nicht nur flüchtig, sondern so richtig. Daran muss ich mich erst gewöhnen, glaube ich.«
Mir erscheint es unmöglich, irgendwo zu wohnen, wo man sich nicht kennt. »Ja, es kann anstrengend sein, wenn jeder alles von einem weiß. Aber dafür sind auch alle für einen da, wenn es mal nicht so rund läuft.«
Er nickt langsam. »Es gab da diesen kleinen Ort an der Ostküste Australiens. Nur ein paar Häuser, fast noch weniger als hier. Meine Mum und ich waren zwei Monate dort, weil sie irgendwelche Tiere fotografiert hat. Das war vermutlich das einzige Mal, wo ich mich fast wie zuhause gefühlt habe.« Tom ist stehengeblieben und sieht auf mich herab. In seinem Blick liegt eine unbekannte Wärme, die mich schwer schlucken lässt. Ein kleiner Ort an der Ostküste Australiens. Für mich klingt das unendlich weit weg, viel zu weit, als dass ich es mir vorstellen könnte.
Plötzlich räuspert sich Tom, ein Grinsen spielt in seinen Mundwinkeln. Wir stehen immer noch mitten auf der Tanzfläche. Doch erst als sich seine Augen von mir abwenden, stelle ich fest, dass die Musik geendet hat.
»Cinderella, sie starren uns alle an. Ich denke, unser Date läuft zu deiner Zufriedenheit.«
Bäm! Da ist die Ohrfeige, die mich zurück auf den Boden der Tatsachen holt. Unser Date. Mehr ist das hier nicht, nur ein Date, ein Deal, den es ohne seinen kaputten Ofen überhaupt nicht gäbe.
Unauffällig schaue ich mich um und spüre augenblicklich die Hitze, die über mein Gesicht flackert. Tatsächlich treffen mich mindestens fünfzig Augenpaare, die alle live mitverfolgt haben, wie ich Tom ungeniert angeschmachtet habe. Scheiße! Das war dann wohl etwas Zuviel des Guten.
Schnell löse ich seine Arme von mir und mache einen unbeholfenen Schritt zurück. »Ich sollte mich dann mal um die Fotos kümmern.« Die Worte kommen fahrig, zu schnell.
»Okay, ich hole uns etwas zu trinken.« Tom deutet in Richtung Cocktailbar.
Ich sage irgendetwas zustimmendes und rausche von der Tanzfläche. Unterschiedliche Gefühle wirbeln durch mich hindurch, ich bekomme sie nicht mehr sortiert, geschweige denn eingefangen. Ich bin aufgewühlt, euphorisch und wütend über mich selbst, weil ich Tom so nahe an mich herangelassen habe. Doch gleichzeitig ist da eine merkwürdige Sehnsucht, die mich zurück zu ihm zieht. Und die viel drängender ist, als gut für mich wäre.
Ohne genau zu wissen, wohin ich soll, schiebe ich mich durch meine ehemaligen Klassenkameraden, erwidere hier und da einen Gruß, verschenke ein freundliches Lächeln und weiche den fragenden Blicken aus. Oh Gott, was habe ich mir nur gedacht, ausgerechnet Tom um ein Date heute Abend zu bitten? Mit einem Mal ist mir das Ausmaß des ganzen Desasters bewusst. Nicht nur, dass ich plötzlich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, nein, morgen weiß es der ganze Ort. Auch wenn die Idee ihren Zweck mehr als erfüllt hat, wie mir der empörte Gesichtsausdruck von Frederik verrät, der gerade mit entschlossenen Schritten auf mich zugeeilt kommt. Ja, du Arschloch! Sieht dir an, was du verpasst!
»Ella«, zischt es von rechts und noch nie war ich so dankbar, Jennas Stimme zu hören. »Ich bin hier.«
Sofort bin ich bei ihr am Stehtisch, greife mir ihr halbvolles Sektglas und stürze die goldene Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Erst dann sehe ich meine beste Freundin an. »Sag mir bitte, dass er nicht herkommt!« Ich muss ihr nicht erklären, um wen es geht. Jenna versteht mich wie immer auch so.
Sie grinst spöttisch. »Nein. Er steht dort vorne und platzt fast vor Eifersucht. Nach eurer Nummer auf Tanzfläche eben wundert mich das auch nicht. Mein Gott, Ella! Ihr saht beide aus, als würdet ihr gleich übereinander herfallen.«
Ich brauche mehr Sekt! Dringend! »Ach was. Das war doch gar nichts.«
Jennas Augenbrauen wandern langsam nach oben. »Für gar nichts bist du aber ziemlich aufgekratzt.«
Ich brumme und schüttle gleich darauf den Kopf. Wo bleibt eigentlich Tom mit unseren Getränken? Suchend schaue ich mich um, bis ich ihn an einem Stehtisch entdecke, direkt neben meinem Bruder. Und wenn mich nicht alles täuscht, hält dieser mehrere Spielkarten in der Hand. Das darf doch jetzt echt nicht wahr sein!
»Du interpretierst da zuviel rein. Tom war mir einen Gefallen schuldig, deshalb hat er mich begleitet«, erwidere ich abgelenkt, während ich beobachte, wie Tom kurz mit Leon spricht, und dieser ihn anschließend mit einer offenen Geste einlädt, an der Spielrunde teilzunehmen. Ich runzle die Stirn. Hat er mich vergessen? Schatten zucken über Toms Gesicht, gemischt mit den bunten Strahlen der Lampions. Ich warte darauf, dass er seinen Kopf hebt und nach mir Ausschau hält, aber nichts geschieht. Stattdessen nimmt Tom die Karten, die Leon austeilt, in die Hand. Dabei legt sich ein Ausdruck über sein Gesicht, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen. Toms Lippen verziehen sich zu einem feinen Lächeln, seine Augen werden dunkel. Und gierig. Er wirk kalt, berechnend. Wie ein Jäger, der den ersten Schritt seines Raubzuges eingeleitet hat. Der gekommen ist, um alle zu vernichten.
Ein kalter Schauer rennt über meine Arme.
Wie konnte ich auch nur eine Sekunde annehmen, dass Tom sich tatsächlich geändert hat? Dass da etwas zwischen uns wäre, dass dieser Tanz mehr bedeutet hat, als der abgemachte Deal? Denn umso länger ich Tom beobachte, an dessen Seite plötzlich eine junge mir sehr wohl bekannte Frau auftaucht, wird mir klar, dass ich mir etwas vorgemacht habe. Nicht Jenna hat da zuviel reininterpretiert, sondern ich. Tom ist immer noch das gefühlskalte Arschloch, das er früher schon war. Er nimmt sich, was er braucht, er spielt das Spiel nach seinen Regeln. Gefühle haben da keinen Platz.

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