Lebkuchenliebe: Tag 6

Tote Krähen lügen nicht

Tom

Sonntag, 6. Dezember

»Tom?«
Irgendjemand hämmert gegen meine Tür. Fuck! Können die nicht leiser sein? Fluchend drehe ich mich auf den Rücken und ziehe mir die Decke über den Kopf. Keine gute Position! Beißende Übelkeit schwappt über mich hinweg, sofort hebt sich mein angesoffener Magen und drängt mit aller Macht die Reste des gestrigen Saufgelages nach oben.
»Tom!«
Ich schlucke hart und trocken. Atmen. Langsam, sonst kommt das Zeug doch noch aus mir heraus.
»Tom!«
»Was?«, brülle ich Jan an, der mir grob die Decke vom Körper zerrt. Schwerfällig setze ich mich auf. Scheiße, das war gestern eindeutig zuviel. Um mich herum dreht sich alles. Ich brauche dringend einen Kaffee.
»Es ist halb acht, dein Café macht in einer halben Stunde auf und bis dahin solltest du halbwegs präsentabel sein. Außerdem gibt es da etwas, dass du dir anschauen solltest.«
Verwirrt drehe ich meinen Kopf in Jans Richtung. Das waren zu viele Informationen auf einmal, so schnell arbeitet mein Verstand um diese Uhrzeit nicht. Als ich mich immer noch nicht bewege, flucht Jan ausgiebig, wendet sich ab und verschwindet.
Ruhe. Endlich.
Nur einen Augenblick später trifft mich mit voller Wucht ein Schwall kaltes Wasser. Erschrocken springe ich auf. »Sag mal, spinnst du, Mann?«
Entgeistert sehe ich an meinen klatschnassen Klamotten hinab. Okay, genau genommen trage ich nur eine Boxershorts. Wo ist der Rest hingekommen?
»Du hättest sowieso duschen müssen.« Jan zuckt mit den Schultern und grinst mich zufrieden an. Er sieht unverschämt ausgeschlafen aus für einen Sonntagmorgen. »Immerhin bist du jetzt wach.«
»Scheiße, Jan, das war echt nicht nötig.« Grummelnd trockne ich mich mit einem schmutzigen T-Shirt ab und stelle dabei fest, dass nicht nur ich, sondern auch mein Bett durchnässt sind. Vielen Dank auch! An einem der Spülbecken, in denen wir normalerweise die schmutzigen Backformen, Tabletts und Geräte waschen, putze ich mir die Zähne.
»Ich soll dir übrigens das hier geben.«
»Was ischt das?«, nuschele ich undeutlich und schaue perplex auf den gefalteten Zettel in Jans Hand. Nachdem ich ausgespuckt habe, werfe ich die Zahnbürste auf mein Bett und ziehe mir etwas über, das keinen zu verdreckten Eindruck macht.
Jans missbilligender Blick trifft mich. »Das ist die Telefonnummer der Kleinen, die dich gestern Abend heimgebracht hat.«
Scheiße, was? Ich durchforste mein vernebeltes Hirn nach Erinnerungen und langsam lichtet sich das zähe Chaos, das Gin & Jacky hinterlassen haben. Der Spieltisch, Leons Pokerrunde, fünfzig Euro, die ich im Laufe des Abends vervierfachen konnte. Und irgendeine Tussi, die sich immer aufdringlicher an mich geschmissen hat, die mir sogar bis in das Café hinterhergedackelt ist, bis ich sie buchstäblich rausgeworfen habe.
»Also wenn du sie nicht willst, ich rufe sie gerne an. Die war echt heiß!«
Spätestens jetzt weiß ich, dass er nicht von Ella spricht. Jan würde Ella nie als »heiß« bezeichnen. Nicht wegen ihres Aussehens, sondern weil sie einfach nicht sein Typ ist. Ella besitzt zuviel Selbstbewusstsein. Und starke Frauen sind so gar nicht Jans Ding.
»Behalte ihn! Die Kuh war echt anstrengend«, knurre ich meinen Kumpel an und gehe an ihm vorbei ins Café.
Jan hat unsere Auslage bereits bestückt, neue Wraps und Sandwiches liegen neben aufgebackenen Croissants und Bagels. Es duftet angenehm nach frischer Backware und augenblicklich meldet sich mein Magen. Schnell schnappe ich mir einen Bagel. »Was wolltest du mir zeigen?«, frage ich Jan kauend, der neben mir hinter die Verkaufstheke tritt. Der Bagel ist verdammt gut, das Rezept dafür habe ich aus New York. Nur die Soße bekommen wir einfach nicht so gut hin, vielleicht weniger Mayonnaise.
»Schau mal nach draußen!« Er deutet mit der Hand zu der großen Glasfront.
Fuck, was ist das denn? Draußen ist es noch dunkel, dennoch erkenne ich geschätzte zehn Personen, die sich dicht gedrängt vor unserem Schaufenster tummeln. Um diese unmenschliche Uhrzeit an einem Sonntagmorgen.
Es blitzt plötzlich, als würde jemand ein Foto machen.
»Was machen die da?« Mit dem halben Bagel in der Hand gehe ich ans Fenster. In dem Café ist die Beleuchtung bereits an, sodass mich die Menschen draußen gut erkennen können. Sofort ernte ich finstere Blicke, abfälliges Kopfschütteln, Finger die auf mich deuten. Okay, ich habe mich gestern bestimmt nicht von meiner besten Seite gezeigt, aber so schlimm war der Abend nun auch wieder nicht. Ich war betrunken, wie vermutlich neunzig Prozent aller Gäste. So what?
»Irgendetwas hast du gestern angestellt«, bemerkt Jan überflüssigerweise und stellt sich neben mich. Die Arme vor der Brust verschränkt.
»Mmh. Ich werde sie fragen.« Ohne weiter zu Zögern gehe ich zur Eingangstür, schließe sie auf und trete nach draußen. Kalter Wind schlägt mir entgegen, der mich augenblicklich frösteln lässt. Doch wenn schon alle über mich reden, will ich wenigstens wissen, ob sich der Tratsch auch lohnt. »Kann ich euch irgendwie helfen?« Ein charmantes Lächeln auf den Lippen schlender ich entspannt auf die Meute zu. Mit den Händen reibe ich mir über die Arme, es ist wirklich arschkalt um diese Uhrzeit. Immerhin vertreibt die frische Luft auch den letzten Rest Nebel aus meinem Hirn.
Ein Raunen geht durch die Menge, wieder blitzt es hell. Dann tritt eine blonde junge Frau auf mich zu. Kurz überlege ich, ob sie diejenige ist, die mich gestern so angegraben hat und die ich schließlich abblitzen ließ. Die Größe zumindest würde passen.
»Hi, ich bin Nora. Ich schreibe für den ›Wochenboten‹. Willst du dich zu der Krähe vor deinem Café äußern?«
Offensichtlich war sie es nicht.
»Welcher Krähe?«, frage ich überrascht und folge mit den Augen ihrem ausgestreckten Arm. Und da entdecke ich direkt über der Eingangstür einen toten Vogel. Er hängt an einem Seil, das an unserem Türschild über dem Eingang befestigt ist. Die Krähe sieht grauenvoll aus, zerrupftes Gefieder, leere Augen. Sie ist mit Sicherheit schon mehrere Tage tot. Die Krönung ist jedoch die kleine rote Nikolausmütze, die jemand auf ihrem kleinen Kopf befestigt hat.
Mein Magen hebt sich, ich würge verzweifelt. Der Bagel, der eben noch der Himmel auf Erden war, brennt sich jetzt durch meine Speiseröhre nach oben. Mir wird noch kälter und nur unter Aufbietung aller Kräfte, kotze ich Nora nicht direkt vor die Füße. Wobei, vielleicht hätte ich das einfach tun sollen – ändern würde es sowieso nichts mehr.
»Du musst es gestern ganz schön verkackt haben, Tom«, stellt Nora amüsiert fest. Langsam drehe ich ihr meinen Kopf zu. Belustigung blitzt in ihren blauen Augen auf. Ich kenne Nora nicht, doch ich weiß auf der Stelle, dass ich sie nicht mag. Kann sie um diese Uhrzeit nicht jemand anderen nerven?
»Du hast keine Ahnung, was diese Krähe bedeutet, oder?«
Nein, verdammt! Da hat jemand einen toten Vogel vor mein Café gehängt. Genau genommen erhängt. Das ist widerlich, abergläubisch, obsolet und sowas von abgedreht, dass ich am liebsten sofort aus diesem Kaff verschwinden würde.
»Mit einer toten Krähe vertreibt man andere Krähen. Und diese hier wurde sogar aufgehängt. Da will dich jemand loswerden«, klärt Nora mich besserwisserisch auf. »Und nachdem du gestern Abend mit Ella aufgetaucht bist und dann ausgerechnet mit Denise rumgemacht hast, kann ich mir schon denken, von wem sie kommt.«
Was? Ella hat mir das Vieh vor die Tür gehängt? Sonst geht es ihr aber noch gut! »Das ist doch völliger Bullshit!«
»Vielleicht.« Nora packt ein Kaugummi aus und schiebt es sich in den Mund. Mit ihrer selbstgefälligen Art geht sie mir jede Minute mehr auf die Nerven. »Aber jeder hier in diesem Ort glaubt daran. Krähen will hier niemand.«
Ich atme tief durch, versuche, mich zu beruhigen. Es ist ein beschissener Vogel, der vor meiner Tür hängt. Mehr nicht.
»Wer ist Denise?« Ich habe verstanden, dass Ella ganz offensichtlich sauer auf mich ist. Warum allerdings kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe wie vereinbart mit ihr getanzt, anschließend wäre mir ihr Ex-Freund fast an die Gurgel gegangen. Leon konnte gerade noch verhindern, dass die Situation eskaliert. Ich habe meinen Teil des Deals erfüllt. Warum also hängt Ella mir eine Krähe an die Tür?
»Mmh, Denise hat Ella ihren Freund ausgespannt.«
Oh, fuck! Denise war das heute Nacht also. Jetzt ist mir auch klar, warum Ella so wütend auf mich ist. Trotzdem ist das kein Grund, dass sie so durchdreht. Eine tote Krähe – man, das ist echt krank! Dennoch zupft da leise etwas an meinem Gewissen, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, ausgerechnet mit der Frau rumzumachen, die ihr den Freund ausgespannt hat. Aber ich wusste nicht, wer sie ist. Wer also will mir da etwas vorwerfen?
»Die Krähe ändert gar nichts«, brumme ich missmutig, gehe zur Tür und knote sie mit spitzen Fingern ab. Der Vogel ist eine klare Kampfansage, Ella will mich loswerden.
»Wenn du dich da mal nicht irrst, Tom.«
Ich schenke ihr noch einen vernichtenden Blick, dann verschwinde ich wieder in mein Café. Das scheiß Federvieh immer noch in der Hand.
»Soll ich fragen?« Jans ungläubig, amüsierter Gesichtsausdruck lässt meine Wut nur noch weiter in die Höhe schneller.
»Nein«, fahre ich ihn an, obwohl er wirklich nichts für meine schlechte Laune kann.
Kurz spiele ich mit dem Gedanken, eine Quiche aus dem Vogel zu machen und Ella vor die Tür zu stellen, aber dann werfe ich ihn doch in den Bio-Müll. Eine andere, deutlich bessere Idee hat sich in meinem Kopf geschlichen. Wenn du Krieg willst, Cinderella, kannst du ihn haben!
Mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen zücke ich mein Handy und tippe ein paar Nachrichten. Es wäre doch gelacht, wenn ich mit einer Traditionsbäckerei nicht fertig werden würde.
Ich will mein Handy gerade wegstecken, als eine neue WhatsApp auf dem Display erscheint. Sie ist von Leon. Mein Grinsen vertieft sich und ein altbekanntes Kribbeln durchfährt meinen Körper. Leon fragt, ob die Pokerrunde heute Abend in meinem Café noch steht. Oh ja, unbedingt! Aufregung breitet sich langsam in mir aus, Vorfreude und dieses dumpfe Sehnen, das ich nur verspüre, wenn ich spiele. Wenn alles andere aus meinem Kopf verschwinden und nur noch die Karten wichtig sind. Und der Gewinn.
Mit einem Mal erscheint mir Fichtenstein doch nicht mehr so antiquiert wie vor noch wenigen Augenblicken. Nein, ganz im Gegenteil, könnte sich dieses Kaff am Ende der Welt doch noch als ganz interessant herausstellen. Oder zumindest gewinnbringend.

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